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Bis zum Horizont ... und darüber hinaus (fm:Das Erste Mal, 12317 Wörter) [2/2] alle Teile anzeigen

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Veröffentlicht: Aug 21 2026 Gesehen / Gelesen: 627 / 457 [73%] Bewertung Teil: 9.00 (9 Stimmen)
Part I von AKT II: Bis zum Horizont…


Ersties, authentischer amateur Sex


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Was ist los mit mir? Was will ich überhaupt?, fragt sie sich. Es war doch nur ein Kuss. Ein wunderschöner Kuss, ja – aber im Grunde nur ein Kuss. Doch warum ist sie dann so durcheinander? Tanja steht auf, geht ins Wohnzimmer und nimmt ihr Handy. Das Gerät liegt kühl und glatt in ihrer feuchten Hand, während aus der Küche noch der bittere Kaffeeduft herüberzieht. Schnell hat sie Sabrinas Nummer gefunden und kurz darauf hört sie schon den gleichmäßigen Klingelton.

„Hallo, Mama“, begrüßt Sabrina ihre Mutter fröhlich. Doch von Tanja kommt kein Ton. „Mama? Mama, was ist los?“, fragt sie sofort beunruhigt.

„Ich weiß es nicht …“, schluchzt Tanja leise in den Hörer.

„Was weißt du nicht? Mama, was ist passiert? Hat Manuel dich bedrängt?“, fragt Sabrina sofort nach.

„Manuel hat nichts getan. Ich war es …“, beginnt Tanja und bricht den Satz dann ab.

„Was hast du, Mama? Warte, ich komme zu dir“, sagt Sabrina und fährt da ihren PC bereits herunter. Alles, was von ihrer Mutter noch kommt, ist ein leises Danke – und genau das jagt Sabrina noch mehr Angst ein.

Keine zehn Minuten später sitzt Sabrina im Wagen und ist auf dem Weg zu ihrer Mutter. Aus Sorge kommt ihr die Fahrt diesmal so viel länger vor, als sie tatsächlich ist. Das monotone Geräusch des Motors und der Reifen auf dem Asphalt und das hektische Pochen ihres Herzens scheinen miteinander um die Wette zu eifern. Endlich biegt sie in die Einfahrt ein, parkt und steigt aus. Mit schnellen Schritten eilt sie zum Haus. Gerade als sie klingeln will, öffnet ihre Mutter bereits die Tür.

Sabrina schaut ihre Mutter erschrocken an. So verheult hatte sie sie zuletzt nach dem Auszug ihres Vaters gesehen. Es bricht ihr das Herz, sie erneut so zu sehen. „Mama“, sagt sie und schließt sie rasch in die Arme. Tanja hält ihre Tochter sofort fest an sich gedrückt.

Erst nach über einer Minute löst sich Sabrina von ihrer Mutter und gemeinsam gehen sie hinein. Im Wohnzimmer setzen sie sich nebeneinander aufs Sofa. Sanft legt Sabrina ihre Hand auf die ihrer Mutter. „Gut, jetzt erzähl mal, Mama. Was ist passiert, das dich so aus der Bahn geworfen hat?“

Tanjas Hände zittern, als sie Sabrina vom gestrigen Abend und vor allem von der Nacht erzählt. Durch das Wohnzimmer fällt das gedämpfte Mittagslicht und irgendwo im Haus knackt leise das Holz, als würde selbst die Stille zuhören. Sabrina hört heraus, wie sehr ihre Mutter den Abend genossen hatte – und wie dann eine an sich harmlose, tröstende Geste plötzlich etwas auslöste, wovor Tanja sich die ganze Zeit gefürchtet hatte: körperliche Nähe zwischen ihnen. Nähe, die nun alles kompliziert macht. Sabrina unterbricht sie kein einziges Mal. Sie hört nur ruhig zu und beginnt bereits, die Situation für sich ein wenig zu ordnen.

„Gut, ihr habt euch also geküsst – ohne dass einer von euch danach mehr wollte?“, fragt Sabrina und sieht ihrer Mutter fest ins Gesicht.

„Ja, genau so war es“, antwortet Tanja und hält ihrem Blick stand.

„Das ist doch etwas Schönes, Mama. Jetzt weißt du, dass Manuel dich nicht nur nie zu etwas drängen würde. Er ist auch Mann genug, so eine Ausnahmesituation nicht auszunutzen“, sagt Sabrina ruhig.

„Manuel hat ja auch nichts falsch gemacht, mein Schatz“, erwidert Tanja und seufzt schwer.

„Mama, so wie ich es sehe, hat keiner von euch etwas falsch gemacht“, sagt Sabrina und versucht, ihre Mutter aufzubauen.

„Doch, mein Schatz. Ich habe den Fehler gemacht. Ich war in dieser Situation verwirrt und habe Manuel geküsst. Vermutlich habe ich ihm damit ganz falsche Hoffnungen gemacht“, sagt Tanja und schaut zu Boden.

„Das hast du nicht, Mama. Nicht nach dem, was du mir erzählt hast. Wenn Manuel wirklich so ein Mann ist, der eine solche Situation nicht ausnutzt, dann weiß er auch, dass du ihn nicht geküsst hast, weil du mehr von ihm wolltest. Er wird das nicht falsch verstehen.“ Sabrina drückt sanft die Hand ihrer Mutter und versucht, ihr Mut zu machen.

„Aber was, wenn doch? Sabrina, er hat sogar vor dir offen gesagt, dass er mich liebt, falls du dich erinnerst. Ich kann ihm das nicht antun“, sagt Tanja und versucht damit, ihre Tochter – vor allem aber sich selbst – davon zu überzeugen, dass es für sie und Manuel keine Chance geben kann.

„Mama, am Ende kannst und musst nur du das für dich entscheiden. Ich kann dir nur meine Meinung sagen – und die ist eindeutig: Wenn es dich zu Manuel zieht, wenn du dich in ihn verliebt hast oder verliebst, dann greif zu. Du hast dieses bisschen Glück verdient. Scheiß auf die Nachbarn.“ Obwohl Sabrina eigentlich nicht so hart klingen will, kann sie den scharfen Ton in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Und was ist mit deinem Vater? Was soll der denn von mir denken?“, hakt Tanja nach.

„Papa? Mama, der ist der Allerletzte, der da etwas sagen darf. Weißt du denn, ob er nicht längst schon wieder eine andere neben sich im Bett hat? Und selbst wenn nicht – nach dem, wie er sich dir gegenüber verhalten hat, bist du ihm überhaupt keine Rechenschaft schuldig“, sagt Sabrina und versucht, bei dem Gedanken an ihren Vater ruhig zu bleiben. Noch immer ärgert sie sich viel zu sehr über sein Verhalten.

„Das glaube ich zwar kaum …“, beginnt Tanja.

Doch Sabrina fällt ihr sofort ins Wort. „Mama, hör auf, ihn auch noch zu verteidigen oder in Schutz zu nehmen. Er hat dich verlassen – und auf eine Art, wie man es einfach nicht machen darf.“

„Ja, du hast ja recht, aber …“ Tanja zuckt mit den Schultern.

„Kein Aber, Mama. Jetzt steht dir alles Glück der Welt zu – und wenn dieses Glück Manuel heißt, dann ist das eben so.“ Sabrina sieht ihre Mutter fest an. Das blasse Licht am Fenster zeichnet einen schmalen Schein über ihr Gesicht und lässt ihre Entschlossenheit noch deutlicher hervortreten. „Ich will dir nur sagen, dass ich euch nicht im Weg stehen werde. Da brauchst du keine Angst zu haben. Ich werde nie schlecht von dir denken, nur weil du dich neu verliebst und vielleicht eine neue Beziehung eingehst.“

Tanja muss schwer gegen ihre Tränen ankämpfen, so gerührt ist sie von ihrer Tochter. „Wann bist du nur so groß und so erwachsen geworden, mein Schatz?“

„Hm, bin ich das? Wenn ja, dann liegt das wohl an Dirk – daran, dass er mich zu einer scheinbar reifen jungen Frau gemacht hat.“ Sabrina spricht leise, mehr zu sich selbst als zu ihrer Mutter.

„Das kann sein. Dirk ist auch ein besonderer Mann. Da hast du dir wirklich einen Besonderen ausgesucht.“ Zum ersten Mal an diesem Mittag legt sich ein kleines Lächeln auf Tanjas Gesicht.

„Oh ja, und ich kann es kaum erwarten, bis er mich fragt“, seufzt Sabrina und sieht ihre Mutter wieder direkt an.

„Du glaubst immer noch, dass er etwas plant?“, fragt Tanja und ist froh, dass der Fokus vorerst von ihr zu Sabrina gewechselt ist.

„Ja, Mama. Zumindest verdichten sich die Anzeichen immer mehr. Auch wenn Dirk in dieser Hinsicht wohl nicht zu den besonderen Männern gehört – zumindest nicht, wenn es darum geht, so etwas diskret und heimlich zu planen. Aber ich lasse ihn natürlich in dem Glauben, dass ich nichts bemerke“, lacht Sabrina.

„Ach was, komm, erzähl“, sagt Tanja mit leiser, fast verschwörerischer Stimme und grinst ihre Tochter an.

„Nun ja – wenn zum Beispiel dein Lieblingsring plötzlich mehrere Tage verschwunden ist und du ihn am Ende genau dort findest, wo du immer als Erstes nachsiehst …“ Sabrina zwinkert ihrer Mutter zu. „Dann liegt die Vermutung zumindest nahe, dass man ihn für den Kauf eines anderen Rings kurzzeitig entwendet hat.“

Auch Tanja muss lachen. „Okay, das kann man wirklich als Zeichen sehen. Es muss zwar nichts bedeuten, aber die Vermutung liegt schon nahe.“

Auch Sabrina lacht und hebt dabei die Hand vor sich, als würde sie bereits einen Ring an ihrem Finger betrachten. „Siehst du, Mama? Deshalb kann ich ihn fast schon an meinem Finger spüren. Ach, wenn er sich mit den Vorbereitungen nur nicht so viel Zeit lassen würde.“

„Ich drücke dir die Daumen, dass du nicht mehr allzu lange warten musst. Oder soll ich Dirk anrufen und ihm sagen, dass du dir sonst einen anderen suchst, wenn er nicht bald in die Pötte kommt? Weil die Sehnsucht nach einem Ring am Finger so groß ist“, erwidert Tanja lachend.

Weiter lachend nimmt Sabrina ihre Mutter in die Arme. „Du kommst immer auf Ideen. Aber wenn der Ring in spätestens zwei Monaten noch nicht an meinem Finger ist, komme ich vielleicht darauf zurück.“ Die beiden Frauen umarmen sich, drücken sich sanft und doch fest aneinander und brauchen einen Moment, bis sie sich wieder beruhigen. In dem stillen Wohnzimmer klingt ihr Lachen noch nach wie ein warmer Rest von Sonne nach einem Regentag. Dabei merkt Tanja, wie gut ihr das Lachen tut.

Sabrina löst sich wieder von Tanja und sieht sie ernst an. „Geht es dir jetzt wieder besser? Ich meine: Kann ich dich wieder allein lassen? Ich muss heute noch zurück zu mir, morgen wartet einiges auf der Arbeit.“

„Ja, kannst du. In meinem Kopf schwirrt zwar noch immer alles durcheinander, aber nicht mehr ganz so wild wie vorhin. Ich glaube, ich brauche einfach noch etwas Zeit, um wirklich klar entscheiden zu können, ob und wie es mit Manuel weiter geht oder nicht“, versichert Tanja ihrer Tochter und hält ihrem Blick stand.

„Gut, Mama. Dann mache ich mich jetzt wieder auf den Weg. Und glaub mir: Manuel ist stärker, als du denkst. Davon bin ich fest überzeugt“, entgegnet Sabrina und steht auf. Gemeinsam gehen sie hinaus zu Sabrinas Wagen. Draußen liegt mittlerweile die Abendluft kühl auf ihrer Haut und irgendwo ruft ein Vogel ein letztes Mal in den langsam dunkler werdenden Garten. Kurz darauf rollt das Auto aus der Einfahrt und lässt Tanja mit ihren Gedanken allein zurück.

Für Manuel ist diese Zeit nicht leicht. Immer wieder greift er nach seinem Handy und ruft Tanjas Nummer auf. Doch jedes Mal schafft er es im letzten Moment, dem Drang zu widerstehen. Das matte Leuchten des Displays dringt kalt durch seine Finger, bevor der Bildschirm wieder dunkel wird. Als sie ihn gebeten hatte zu gehen, hatte er gespürt, dass etwas in ihr geschehen war. Für ihn bleibt nur immer wieder dieselbe Frage: Was?

Hatte er Tanja in dieser Nacht doch überfordert? Sicher, sie hatte ihn geküsst. Aber hätte er es verhindern sollen? War vielleicht schon die Umarmung zu viel gewesen? Er erinnert sich daran, wie sanft und leicht ihre Küsse gewesen waren – mehr spielerisch als fordernd. Fast meint er noch die flüchtige Wärme ihrer Lippen zu spüren. Trotzdem wusste er, wie sehr sie unter der Trennung von ihrem Mann litt, der direkt die Scheidung eingereicht und sie verlassen hatte.

Verdammt, Manuel. Was nun? Wie kannst du das wieder geradebiegen? Eine Antwort fällt ihm nicht ein. Trotzdem geht er jeden Tag in den Park, zu ihrer Bank, und wartet dort auf Tanja. Manchmal streicht Wind durch die Äste, trägt manchmal Kinderstimmen oder fernes Hundegebell zu ihm herüber – und doch bleibt um ihn herum diese eigentümliche Leere. Inzwischen sind drei Tage vergangen – drei Tage, in denen sie weder im Park erschienen ist noch sich auf andere Weise gemeldet hat.

Tanja hat in diesen Tagen viel an Manuel gedacht. Sie ringt mit sich und ihren Gefühlen für ihn. Die Zimmer wirken stiller als sonst und selbst das Tageslicht, das über Wände und Möbel wandert, scheint die Leere darin nicht füllen zu können. Sie kann kaum glauben, dass sie sich nur drei Monate nach der Trennung von Thorsten in einen anderen Mann verlieben könnte. Und doch merkt sie mit jeder Stunde deutlicher, wie sehr ihr Manuel fehlt.

Ihr fehlen sein Lachen und seine Art, sie zum Lachen zu bringen. Selbst das ganz normale Reden mit ihm vermisst sie. Am meisten aber fehlt ihr seine Präsenz – diese stille, warme Selbstverständlichkeit, mit der er Raum einnahm, ohne ihn je zu beherrschen – so sehr, dass sie sich heute eingesteht, dass ihre Tochter doch recht haben könnte. Tanja denkt an Sabrina und Dirk, zwischen denen der Altersunterschied fast genauso groß ist.

Was ist es wohl bei ihr, das sie so sehr an ihn bindet? Seine Erfahrung im Bett? Tanja muss bei dem Gedanken schmunzeln. Sicher, sie hatte versucht, Sabrina aufzuklären. Aber ein Mann, der zehn Jahre älter ist, hat natürlich deutlich mehr Erfahrung als ein Gleichaltriger.

Gut, das kann es bei Manuel und mir eigentlich nicht sein. Mit 32 wird er selbst genug Erfahrung haben. Er will also kaum deshalb mit mir zusammen sein. Und was ist mit mir? Fühle ich mich vielleicht nur zu ihm hingezogen, weil ich noch einmal Jugend spüren will – oder zumindest einen deutlich jüngeren Mann? überlegt Tanja, als sie das Klingeln ihres Handys aus den Gedanken reißt.

Schnell nimmt sie das Gespräch an. „Hallo, mein Schatz. Schön, dich zu hören. Wie geht es dir – und hast du deinen Ring schon am Finger?“ Die vertraute Stimme ihrer Tochter klingt warm aus dem Hörer und schiebt sich wie ein kleiner Lichtstreifen über das Grau ihrer Gedanken.

„Boah, Mama, du willst mich wohl jetzt so schnell wie möglich unter der Haube sehen, was? Soll ich die ehrbare, brave Hausfrau werden, hm?“, begrüßt Sabrina ihre Mutter lachend.

„Ach, Nonsens. Ich bin einfach nur neugierig“, erwidert Tanja ebenfalls lachend.

„Okay, gut zu wissen. Aber nein, da hat sich noch nichts getan“, seufzt Sabrina übertrieben in den Hörer. „Aber jetzt mal zu dir: Hast du inzwischen eine Entscheidung getroffen? Also, was dich und Manuel angeht?“

„Nein, noch immer nicht. Ich meine, ja – er fehlt mir. Ich vermisse es, mit ihm zu reden. Zu lachen“, gesteht Tanja ihrer Tochter.

„Nur das, Mama?“, hakt Sabrina sofort nach.

„Was soll das bitte heißen – nur das?“, will Tanja von Sabrina wissen, auch wenn sie im Grunde versteht, worauf ihre Tochter hinauswill.

„Mama, bitte. Stell dich jetzt nicht wie ein kleines Kind an. Vermisst du nur das – oder auch seine Nähe? Also, von ihm im Arm gehalten zu werden. Beim Einschlafen und beim Aufwachen?“, erwidert Sabrina ruhig.

„Genau da bin ich mir noch nicht sicher“, sagt Tanja leise in den Hörer, fast so, als wäre es ein Geheimnis.

„Dann solltest du dir klarwerden, wer Manuel für dich ist. Immerhin gibt es da drei Möglichkeiten“, meint Sabrina mit ruhiger Stimme.

„Wie, drei Möglichkeiten?“ Tanja versteht nicht, worauf ihre Tochter hinaus will.

„Nun ja, Mama. Möglichkeit eins bedeutet, dass Manuel ein rein platonischer, aber sehr wichtiger Freund für dich bleibt. Da seid ihr aber fast drüber hinaus. Möglichkeit zwei wäre Freundschaft plus. Und Möglichkeit drei bedeutet, dass Manuel dir so wichtig geworden ist, dass du dich in ihn verliebt hast – und mit ihm eine Beziehung eingehst. Eine dieser drei Möglichkeiten musst du wählen. Oder Möglichkeit vier … aber daran will ich gerade gar nicht denken“, erklärt Sabrina ihrer Mutter ruhig.

„Moment – was meinst du mit Freundschaft plus? Und was wäre Möglichkeit vier?“, hakt Tanja mit leicht zitternder Stimme nach.

„Möglichkeit zwei bedeutet im Grunde dasselbe wie Möglichkeit eins, Mama – nur dass ihr dann hin und wieder auch eine schöne, leidenschaftliche Nacht miteinander verbringt …“

Tanja muss kurz schlucken, bevor sie nach Möglichkeit vier fragen kann.

„Möglichkeit vier, Mama, wäre, dass du den Kontakt zu Manuel komplett abbrichst.“

„Was? Nein – das kann und will ich nicht“, entfährt es Tanja erschrocken.

„Genau. Das habe ich auch nicht gedacht. Deshalb hätte ich diese Möglichkeit fast weggelassen, Mama. Aber wie gesagt: Für eine der anderen musst du dich entscheiden – und zwar besser schnell als langsam. Nicht, weil ich glaube, dass Manuel nicht länger auf deine Entscheidung warten würde. Sondern weil es ihm gegenüber nicht fair wäre“, sagt Sabrina ruhig und wartet auf die Reaktion ihrer Mutter.

„Ich weiß, dass ich ihm das schuldig bin. Sonst tue ich ihm nur unnötig weh. Aber Freundschaft plus? So etwas kann ich nicht. Wenn ich mit einem Mann schlafe, dann nur, weil ich Gefühle für ihn habe“, erklärt Tanja.

„Gefühle für ihn hast du ja auf jeden Fall. Klarwerden musst du dir nur, ob sie rein platonisch oder auch körperlicher Natur sind. Wenn Letzteres der Fall ist, Mama, dann kommt für dich eigentlich nur eine Beziehung infrage – jedenfalls wenn du, grob gesagt, nicht einfach für eine heiße Nacht mit einem Freund ins Bett gehen kannst.“ Tanja hört ihrer Tochter zu und ist ein wenig erschrocken über ihre direkte Art.

Tanjas Augen weiten sich – weniger wegen ihrer Offenheit als wegen der Wirkung ihrer Worte. Denn plötzlich wird ihr klar, dass Sabrina recht hat. Dass sie sich ein Leben ohne Manuel nicht mehr vorstellen möchte. Damit ist Möglichkeit vier endgültig vom Tisch.

Während Tanja weiter in sich hineinhorcht, horcht Sabrina stumm in den Hörer.

In Tanja brodeln die Gefühle. Die eine Seite – geprägt von ihrer Erziehung – plädiert für eine rein platonische Freundschaft. Sie sagt ihr, dass sie keine Frau ist, die sich sofort dem Nächstbesten an den Hals wirft. Ganz zu schweigen vom Gerede in Nachbarschaft und Freundeskreis. Doch da ist auch die andere Seite in ihr. Die, die sie daran erinnert, wie schön Glück und Nähe sein können. Dass Manuel ihr gezeigt hat, wie sehr er sie liebt – und dass er ihr selbst in einer Beziehung die Zeit geben würde, die sie braucht, um sich ihm ganz zu öffnen. Bis sie irgendwann ihre erste wirkliche gemeinsame Nacht erleben würden. Während sie so dasitzt, scheint die Luft um sie herum stillzustehen und in ihren Fingerspitzen sammelt sich ein feines, nervöses Kribbeln.

Nach einigen Augenblicken fragt Tanja. „Wärst du sehr enttäuscht von mir, wenn …“ Ihre Stimme bricht und sie senkt den Blick, obwohl Sabrina dies ja gar nicht sehen kann.

„… wenn du dich für eine Beziehung mit Manuel entscheiden würdest?“, ergänzt Sabrina mit klarer, leiser Stimme.

Angst – und die Überraschung über sich selbst – lassen Tanja nur ein leises „Ja“ hauchen.

„Nein, Mama, das wäre ich überhaupt nicht. Denn hier geht es um dich. Papa hat, wie gesagt, als Letzter etwas zu sagen. Manuel bemüht sich nun schon seit Wochen um dich, ohne dich je zu bedrängen. Außerdem habe ich ihn als wirklich netten Mann kennengelernt. Aber vor allem denke ich nicht schlecht von dir, weil du es verdient hast, Glück und Liebe wieder in dein Leben zu lassen.“ Sabrina spricht sanft zu ihrer Mutter.

Mit Tränen erstickter Stimme antwortet Tanja leise. „Danke, mein Schatz. Es ist mir so wichtig, dich nicht auch noch zu verlieren.“

„Du wirst mich nie verlieren, Mama. Dafür liebe ich dich viel zu sehr“, antwortet Sabrina.

Tanja zieht tief die Luft ein und stößt sie langsam aus. „Dann bleibt jetzt nur noch eines: Wie sage ich es Manuel? Ich finde, er hat mehr verdient als nur ein: ‚Hallo Schatz, ja, ich will mit dir eine Beziehung eingehen.‘“

„Du findest schon den richtigen Weg, Mama. Da bin ich mir hundertprozentig sicher“, sagt Sabrina. Die beiden unterhalten sich noch eine Weile weiter, bis Tanja es schließlich nicht mehr aushält.

„Entschuldigst du mich nun, mein Schatz? Ich weiß zwar immer noch nicht, wie, aber ich will zu Manuel. Ich will ihn meine Entscheidung mitteilen“, sagt Tanja zu ihrer Tochter.

„Natürlich, Mama“, erwidert Sabrina und fügt dann lachend hinzu: „Aber treibt es nicht gleich am ersten Tag zu bunt.“

„Sabrina“, sagt Tanja scheinbar entrüstet direkt laut in den Hörer, kann sich ein Schmunzeln aber nicht verkneifen.

„Was denn, Mama? Ihr liebt euch, da ist so etwas doch ganz normal. Vor allem bei so junger und frischer Liebe. Also, wir hören uns, Mama. Ich wünsche dir, dass euer Wiedersehen genauso wird, wie du es dir erhoffst.“ Damit legt Sabrina auf.

So groß und dennoch hier und da ihrer Mutter gegenüber noch immer ein wenig unverschämt, denkt Tanja und legt das Handy neben sich auf das Sofa. Nun aber mal ehrlich: Wie will ich Manuel sagen, dass ich mich für ihn entschieden habe? Dass ich es mit ihm versuchen will?

Tanja malt sich verschiedene Situationen aus und verwirft sie jedes Mal sofort wieder. Nichts scheint ihr angemessen genug für das, was in ihr leise und doch unaufhaltsam zu reifen beginnt. So entschließt sie sich kurzerhand, einfach in den Park zu gehen. Bei dem Gedanken, Manuel dort zu sehen, pocht ihr Herz wie wild, so deutlich, dass sie jeden Schlag bis hinauf in die Kehle zu spüren meint. Gleichzeitig wird ihr jedoch auch klar, dass er gar nicht dort sein könnte. Dass er womöglich doch schon aufgehört hat zu warten. Und wenn es so ist, dann gehe ich eben zu ihm.

Schnell zieht sich Tanja ihre Jacke an. Es ist zwar mittlerweile Ende März, trotzdem ist es draußen noch frisch und die Luft, die ihr beim Öffnen der Tür entgegenschlägt, riecht nach feuchter Erde, jungem Grün und dem zarten Versprechen eines milden Abends. Sie zieht die Tür hinter sich zu und es fühlt sich an, als würde mit der Entscheidung für Manuel eine schwere Last von ihren Schultern gleiten. Ja, Tanja fühlt sich beschwingt. Seit Thorsten ihr im Dezember den Boden unter den Füßen weggezogen hat, spürt sie zum ersten Mal wieder, wie Leben warm und sanft leuchtend durch ihren Körper fließt.

Mit diesem neuen, fast schwebenden Gefühl in sich macht sich Tanja auf den Weg in den Park. Der Kies singt leise unter ihren Schritten und ein kühler Wind streicht ihr über die Wangen, als wolle er ihre aufgeregte Wärme besänftigen. ‚Ihre‘ Bank ist noch nicht zu sehen und doch schlägt ihr Herz mit jedem Schritt entschlossener, als wüsste es längst mehr als ihr Verstand. Schließlich erreicht sie die letzte Biegung. Tanja bleibt stehen und atmet tief ein - die Luft ist kühl und schmeckt nach Abend, Gras und einem Hauch von Aufbruch. Dann blickt sie vorsichtig um die Ecke.

Ihr Blick findet die Bank. „Ja, entfährt es ihr leise, fast andächtig vor Freude. Dort sitzt Manuel, einen Arm locker über die Rückenlehne gelegt, den Kopf ein wenig in den Nacken geneigt und sich, wie es ihr scheint, mit geschlossenen Augen den späten Sonnenstrahlen hingebend. Das goldene Licht ruht auf seiner Haut wie eine zarte Erinnerung und malt weiche Schatten in sein Gesicht, als hätte der Abend selbst einen Augenblick bei ihm Halt gemacht.

Aus einem inneren Impuls heraus geht Tanja ganz langsam weiter. Sie verlässt den Kiesweg und tritt auf den Rasen, der unter ihren Sohlen weich und lautlos nachgibt wie ein stilles Einverständnis des Abends. Sorgfältig darauf bedacht, kein Knacken, kein Rascheln, keinen Laut zu verursachen, schleicht sie sich näher an Manuel heran. Mit jedem Schritt nimmt sie ihn deutlicher wahr: die Ruhe, die ihn umgibt. Dann erreicht sie ihn. Lautlos gleitet sie in die Hocke und legt ihm von hinten sanft die Hände auf die Augen. Unter ihren Fingern spürt sie sofort die Wärme seiner Haut und allein diese Berührung lässt ihr Herz noch einmal höher schlagen. Dabei schiebt sie den Mund an sein Ohr und sagt mit samtweicher Stimme: „So allein, schöner Mann? Welche Frau kann mit solcher Dummheit geschlagen sein, sie hier allein sitzen zu lassen?“

Langsam führt Manuel seine Hände zu den ihren und legt sie sanft darauf, bevor er antwortet: „Nur eine herzlose Hexe kann so grausam sein.“ Seine Stimme klingt tief und warm, wie ein leiser Strom unter dunklem Samt und allein ihr Klang lässt etwas in Tanja erschauern.

Sofort zieht Tanja gespielt aufbrausend ihre Hände zurück und stellt sich hin. „Herzlose Hexe?“ Sie stemmt die Hände in die Seiten und schaut zu, wie Manuel sich erhebt.

Dann dreht er sich zu ihr um. Nur die Bank steht nun noch zwischen ihnen. „Ja, eine herzlose Hexe. Doch ich weiß, dass sie nicht immer eine Hexe war – und vor allem nicht herzlos. Und ich hoffe, dass sie zu ihrem alten Ich zurückfindet.“

„So, so“, sagt Tanja und geht – die Hände noch immer in die Seiten gestemmt – um die Bank herum, bis sie einen knappen Meter vor Manuel stehen bleibt. „Aber wie soll man aus etwas herzlosem etwas mit Herz machen?“

Manuel schaut ihr fest in die Augen. „Oh, ich wüsste da schon einen Weg. Aber die herzlose Hexe müsste ihn auch zulassen – sie müsste es wollen.“

Tanja tritt direkt vor Manuel. Ihr Blick ist dabei wie festgeschweißt, als gäbe es zwischen ihnen nichts anderes mehr als diese Nähe, dieses stille Wissen. Langsam schiebt sie ihre Arme hinter seinen Hals und spürt unter ihren Händen die angenehme Wärme seines Nackens, bevor sie haucht: „Wirklich? Sie wüssten einen Weg? Zeigen sie ihn mir bitte. Ich würde ihn nur zu gern beschreiten – am liebsten mit ihnen zusammen.“

Kaum hat sie ausgesprochen, finden ihre Lippen zueinander. Der Kuss ist warm und weich und zugleich von einer sehnsüchtigen Gewissheit getragen, die Tanja bis in die Fingerspitzen durchströmt. Es ist, als würde etwas in ihr, das viel zu lange geschwiegen hat, endlich eine Sprache finden. In dieser Berührung liegt keine Unentschlossenheit mehr, kein Zögern, kein tastendes Vielleicht – nur das stille, klare Wissen, dass sie sich für ihn entschieden hat und ihr Herz nun endlich dort ankommt, wo es längst hinwollte.

Obwohl er versteht, was dieser Kuss bedeutet, legt Manuel die Arme nur langsam um sie, als wolle er den Augenblick nicht stören, sondern ihn behutsam tragen. So zeigt er ihr wortlos, wie glücklich sie ihn macht. Lange küssen sich die beiden, während um sie herum nur das ferne Rauschen der Bäume und das leise Wispern des Abends zu hören sind. Erst dann lösen sie sich und Tanja schaut leicht zu ihm auf. Immerhin ist Manuel gut fünfzehn Zentimeter größer als sie.

„Waren die letzten Tage sehr schlimm für dich?“, will Tanja leise wissen.

„Es waren nicht die schönsten … aber ich wäre durch noch viel schlimmere Höllen gegangen für dieses Ergebnis“, antwortet Manuel auf ihre Frage und lächelt sie an.

„Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, um meine Gefühle richtig einordnen und sortieren zu können, mein Schatz.“ Tanja beendet den Satz ganz bewusst mit diesen Worten. Sie will damit deutlich machen, dass es für sie kein Zurück mehr gibt. Nein – sie hat sich entschieden. Für Manuel, für die Zeit mit ihm, für all das Zarte und Ungewisse, das zwischen ihnen zu etwas Schönem werden darf.

„Vergeben, Schatz. Wichtig ist, dass du jetzt hier bist. Dass ich dich in meinen Armen halten darf und vor allem, dass ich dich küssen durfte. Bewusst küssen durfte und nicht aus einer Art Reflex heraus, wie letztens. Nicht, dass das nicht auch wunderschöne Küsse waren. Aber ich wusste, dass es keine ‚Ich-liebe-dich-und-will-mit-dir-zusammen-sein-Küsse waren, sondern eher Seelentherapie.“ Manuels Stimme ist vollkommen ruhig und sein Blick ruht auf ihr mit einer solchen Zärtlichkeit, die seine Liebe deutlicher zeigt als jedes Wort.

Zwischen ihnen breitet sich ein stilles, beinahe ungläubiges Glück aus, als hätte dieser Kuss nicht nur eine Entscheidung besiegelt, sondern etwas erlöst, das längst in ihnen angelegt war und nun endlich Gestalt annehmen darf. Noch liegt die Wärme ihrer Lippen wie ein feiner Nachhall auf ihrer Haut und selbst die Luft scheint weicher geworden zu sein, lichtdurchlässiger, als hätte der Abend seine Farben für sie einen Augenblick lang aufblühen lassen.

„Ohne diese Küsse wäre ich jetzt wohl nicht hier. Genauer gesagt: Dann wären wir vermutlich kein Paar“, sagt Tanja und legt den Kopf an seine Brust. Unter ihrer Wange spürt sie den ruhigen, kräftigen Schlag seines Herzens und seine Wärme dringt durch Stoff und Haut bis tief in sie hinein. Ruhig gleitet seine Hand über ihren Rücken hinauf zu ihrem Kopf und fährt sanft durch ihr Haar. Dabei streift sein Atem ihre Stirn, warm und beruhigend, während um sie herum nur das leise Rauschen des Abends bleibt. Für einen Moment bleibt sie einfach so an ihn geschmiegt, als wolle sie begreifen, dass dies nun wirklich ihre Wirklichkeit ist. „Lass uns gehen, Schatz. Ich möchte dir näher sein.“ Tanja hebt den Blick zu ihm und lächelt verschmitzt. „Also ohne Jacken.“

Manuel löst die Umarmung, nimmt sanft ihre Hand und sagt: „Alles gut, Bernstein. Du bestimmst auch jetzt weiter unser Tempo.“ Er will sich mit ihr zum Gehen wenden, doch Tanja bleibt stehen, sodass er sich noch einmal zu ihr umdreht. „Ist etwas?“

„Bernstein? Wie kommst du denn darauf?“, fragt Tanja mit einem leichten Glitzern in den Augen.

Manuel lächelt sanft, hebt die Hand und legt sie vorsichtig an ihre Wange. „Ganz einfach: Bernstein ist wunderschön, so wie du. Und er ist kostbar – genau wie du für mich. Deshalb dachte ich, der Name würde zu dir passen. Wenn du aber …“

Schnell legt Tanja ihm einen Finger auf die Lippen und bringt ihn so zum Schweigen. „Ich finde ihn wunderschön. Nein, ich liebe ihn – und dich dafür noch ein wenig mehr, Schatz.“ Sie nimmt die Hand wieder zurück und gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Ohne ein weiteres Wort gehen sie zu ihrem Haus. Die kühle Abendluft streicht ihnen über die Gesichter, während ihre ineinanderliegenden Hände warm bleiben.

Sie hängen ihre Jacken an die Garderobe und Manuel geht ins Wohnzimmer, während Tanja Wein und Gläser holt und mit wenigen Handgriffen eine ruhige, beinahe feierliche Stimmung schafft, als müsse auch der Raum erst verstehen, dass sich etwas zwischen ihnen verändert hat.

Als Tanja ins Wohnzimmer kommt sieht sie Manuel wieder am Fenster stehen. „Also hast du dir doch schon deinen Platz bei mir … ich meine bei uns ausgesucht“, sagt sie lachend und stellt die Gläser und die Flasche auf den Tisch. Durch das Fenster fällt das letzte Licht des Abends, legt sich goldweich über seine Schultern. Von draußen dringt nur das ferne Rauschen der Bäume herein, während im Zimmer bereits eine Spur ihres Parfüms und die weiche Stille eines einsetzenden Abends in der Luft liegen.

Manuel dreht sich zu ihr um und grinst. „Nicht wirklich. Ich wollte nur deine Reaktion testen.“

Schnell geht Tanja zu ihm und schmiegt sich in seinen Arm. „Egal wo – ich werde mich immer gern in deinen Arm schmiegen, mein Schatz.“

„Das höre ich gern. Trotzdem sollten wir uns setzen“, entgegnet er und gemeinsam gehen sie zum Sofa. Manuel öffnet den Wein, füllt die Gläser und setzt sich neben sie. „Auf uns, Bernstein. Darauf, dass du deine Entscheidung nie bereuen wirst.“

„Auf uns, Schatz. Und ich weiß schon jetzt, dass ich das nie tun werde.“ Leise klingen die Gläser aneinander, bevor beide einen kleinen Schluck trinken.

Den Abend verbringen sie einfach miteinander. Sie reden, lachen und hören leise Musik. Die Stunden gleiten ruhig dahin, getragen von einem Glück, das noch neu ist und gerade deshalb so vorsichtig behandelt werden will. Nichts drängt, nichts fordert und gerade darin liegt eine Zärtlichkeit, die Tanja beinahe mehr berührt als alles andere. Das warme Licht der Stehlampe legt einen sanften Schein über Sofa, Gläser und ihre Gesichter, während ihr gedämpftes Lachen, das gelegentliche Klingen von Glas und aus den Boxen leise Melodien zu hören sind. Der Raum scheint kleiner und stiller zu werden, je näher sie einander sitzen. In der Luft mischen sich der Duft von Wein, ein Hauch von Parfüm und die vertraute Wärme des Wohnzimmers zu etwas, das Tanja tief in sich aufnimmt. Immer wieder spürt sie die Nähe seines Körpers neben sich, die Wärme seines Beins dicht an ihrem und die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der er bei ihr ist. Irgendwann wird es Zeit, schlafen zu gehen. Beim Aufstehen greift Manuel nach seinem Handy.

„Lass es liegen, Schatz. Ein Handy hat bei mir im Schlafzimmer nichts verloren. Wir Menschen haben uns ohnehin viel zu sehr daran gewöhnt, ständig darauf zu schauen. Wenigstens in diesem Raum möchte ich das vermeiden. Da will ich dich ganz für mich haben – ohne Ablenkung“, sagt Tanja leise und beobachtet seine Reaktion.

„Aber mein Handy …“ beginnt Manuel, während er es auf den Wohnzimmertisch zurücklegt. „… ist mein Wecker. Den brauche ich, vor allem, wenn ich Frühschicht habe.“ Auch er sieht Tanja ruhig an.

„Das ist etwas anderes. Aber jetzt ist Wochenende und da arbeitest du nicht“, erwidert Tanja und streckt ihm die Hand entgegen.

Gemeinsam gehen sie ins Schlafzimmer, ziehen sich bis auf die Unterwäsche aus und legen sich ins Bett. Wie selbstverständlich schmiegt sich Tanja sofort an ihn. Sie möchte seine Wärme auf ihrer Haut spüren und ihm dieselbe Nähe schenken. Draußen ist es längst still geworden und im gedämpften Dunkel des Zimmers scheint selbst ihr Atem ruhiger zu gehen, als hätte die Nacht sich schützend über sie gelegt. Nur ein schmaler Streifen Mondlicht fällt durch den Vorhang und zeichnet blasse Linien auf das Laken, während der Duft frischer Bettwäsche sich mit dem warmen Geruch seiner Haut vermischt. Als sich seine Hand auf sie legt, fühlt sich selbst diese ruhige Berührung so an, als würde etwas in ihr weich werden und sie endlich zur Ruhe kommen. Sie spürt die gleichmäßige Wärme seines Körpers an ihrem Rücken, das leise Heben und Senken seines Atems und mit jedem Moment sinkt sie tiefer in diese stille Geborgenheit hinein.

„Gute Nacht, Bernstein.“

„Nacht, Schatz.“ Tanjas Hand sucht die seine hinter ihrem Rücken, findet sie und zieht sie sanft über sich. Seine Hand ruht warm und schützend auf ihr und für einen Moment lauscht sie nur noch dem ruhigen Takt seines Atems hinter sich. Von Manuel beschützt schläft sie zum ersten Mal seit Langem wieder schnell und mit einem guten Gefühl ein.

Manuel dagegen findet nicht so leicht in den Schlaf. Endlich ist diese schmerzliche Ungewissheit vorbei. Das Wissen, dass sie ihn liebt und sie nun ein Paar sind, lässt ihn ebenso wenig los wie ihre Nähe. Trotzdem beherrscht er sich. Mit der Gewissheit, dass auch diese ersehnte Form von Nähe zwischen ihnen kommen wird, schläft er schließlich ein.

Am nächsten Morgen wacht Manuel auf. Seine Hand sucht nach Tanja, findet aber nur das zerknüllte Laken auf ihrer Seite. Er hebt den Kopf und horcht. Aus der Küche dringt das leise Summen der Kaffeemaschine, aus dem Bad das Plätschern des Duschwassers. Der neue Tag ist schon da, noch ehe er es ganz begreifen kann und trägt bereits wieder den leisen, vertrauten Klang in sich. Durch den Türspalt fällt blasses Morgenlicht ins Zimmer und in der Luft hängt schon der erste Duft von Kaffee, warm und dunkel wie eine Verheißung. Auf dem Kissen neben ihm ist noch ein Rest ihrer Wärme und unwillkürlich streicht seine Hand über die Stelle, an der sie vor Kurzem noch gelegen hat.

Mit einem Lächeln steht er auf, schlüpft aus der Unterhose und geht vorsichtig ins Bad. Tanja kann ihn nicht sehen, weil sie mit dem Rücken zur Tür unter dem Wasserstrahl der begehbaren Dusche steht. Der feine Dampf liegt warm in der Luft, auf den Fliesen glitzert das Licht und das stetige Rauschen des Wassers füllt den Raum. Auf ihrer Haut glänzen kleine Tropfen, die langsam über Nacken und Schultern laufen.

Sanft gleiten seine Hände über ihre nasse Haut von den Seiten zur Mitte.

„Wie ich sehe, habe ich das Herz der herzlosen Hexe noch nicht ganz wiederbelebt. Sonst hätte ich bestimmt nicht allein in dem großen Bett aufwachen müssen“, sagt er leise.

Tanja lehnt sich an ihn zurück. Ihre Hände legen sich auf seine und ziehen seine Umarmung etwas enger. Warmes Wasser rinnt über ihre Körper, sammelt sich in kleinen Bahnen auf ihrer Haut und verschwindet im Abfluss. „Das hat nichts damit zu tun, dass du mein Herz nicht genug erwärmt hast. Ich bin einfach eine Frühaufsteherin, mein Schatz. Du sahst so glücklich aus, wie du da neben mir geschlafen hast. Ich konnte dich einfach nicht wecken.“

Während Manuel seine Hände löst und nach Duschgel und Waschlappen greift, sagt er ruhig: „Ich vergebe dir. Immerhin bist du nicht weggelaufen.“ Dann löst er sich von ihr und beginnt, ihr sanft den Rücken einzuseifen. Der Duft des Duschgels steigt mild und frisch zwischen ihnen auf, seine Hände gleiten langsam und sorgsam über ihre Haut und sofort durchströmt Tanja ein wohliges Gefühl, das tiefer reicht als die bloße Berührung. Unter seinen Händen scheint ihr Körper sich zu entspannen, als würde das warme Wasser zusammen mit seiner Nähe alles Schwere für einen Augenblick von ihr lösen.

„Hm, das ist so schön, Schatz. Du bist so gefühlvoll.“ Tanja dreht den Kopf und sucht über die Schulter seinen Blick.

Manuel grinst sie frech an. „Wenn du willst, dass das so bleibt, dann küss mich.“

Auch Tanja muss lächeln, als sie sich zu ihm umdreht. Wie schon am Tag zuvor schlingt sie die Arme um seinen Nacken und legt ihre Lippen auf seine. Der Kuss ist weich und innig, getragen von einer stillen Vertrautheit, die beide für einen Moment alles um sich herum vergessen lässt. Sie genießen beide das erste Mal das Gefühl, wie sich ihre Haut vollständig aneinander schmiegt. Sich ihre vollen Brüste gegen seine Brust drücken. Während sie sich so nahe sind, bleibt in Tanjas Blick etwas Neues – kein Übermut, sondern ein vorsichtiges, zärtliches Vertrauen.

Behutsam helfen sie einander beim Waschen und sehen sich dabei immer wieder an, als wollten sie im Blick des anderen Halt finden. Manuel begegnet ihr besonders achtsam und Tanja durchzieht eine unerwartet tiefe Bewegung. Für einen Augenblick meint sie, sich ganz in diesem stillen Miteinander verlieren zu können und lässt ihre Hand suchend an ihm entlanggleiten.

„Nicht, Bernstein“, sagt Manuel leise und hält ihre Hand sanft fest. „Ich bin nicht hier, um etwas zu erreichen. Wenn zwischen uns mehr geschehen soll, dann nur, wenn es ganz aus dir heraus kommt. Alles andere würde sich für mich falsch, wie erschlichen anfühlen. Ich hoffe, du verstehst das.“

„Gott, ich liebe dich so sehr. Zum zweiten Mal hättest du in so einem Moment mehr fordern können – und wieder bist du derjenige, der bremst. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Außer: Ich liebe dich, mein Schatz.“ Dann dreht Tanja das Wasser ab. Gleich wird das Bad stiller, nur einzelne Tropfen fallen noch nach. Gemeinsam steigen sie aus der Dusche und Tanja reicht ihm ein Handtuch, das sie bereits für ihn bereit gelegt hatte. Sie trocknen sich gegenseitig ab und spüren die sanften Bewegungen des kühlen Stoffs auf ihrer warmen Haut, während noch feuchte Wärme zwischen ihnen in der Luft hängt. Auf ihren Armen bleibt eine feine Gänsehaut zurück, die weniger von der kühleren Luft kommt als von dem, was diese leisen Berührungen in ihnen auslösen.

Dann gehen sie zurück ins Schlafzimmer und ziehen sich an. Manuel trägt wieder die Kleidung vom Vortag, weil er ja noch keine Sachen bei ihr hat. Tanja schlüpft in weiße Unterwäsche, zieht Jeans und T-Shirt darüber und bemerkt erst, als sie fertig ist, dass Manuel sie die ganze Zeit verliebt beobachtet hat. Sie lächelt ihn an. „Deine herzlose Hexe findest du in der Küche.“ Damit verlässt sie den Raum.

Zwei Minuten später ist auch Manuel angezogen und folgt ihr in die Küche. Tanja hat bereits das meiste auf den Tisch gestellt und gießt gerade den Kaffee ein. Tassen, frische Brötchen, Marmelade und Butter stehen ordentlich bereit und über allem liegt der warme Duft von Kaffee, wie er einfach zu einem ruhigen Morgen gehört. „Daran könnte ich mich gewöhnen“, hört sie ihn leise sagen und muss schmunzeln. „Das hoffe ich doch. Also, dass du es so magst. Ich würde mich allerdings auch gern mal so verwöhnen lassen.“ Sie stellt die Kanne weg und setzt sich.

„Also, wenn du nicht immer so früh – oder vor mir – aufstehst …“, beginnt Manuel und beißt in sein Brötchen.

„Ja? Was dann?“, hakt Tanja nach.

„Na ja, dann könnte ich es vielleicht auch schaffen, meiner herzlosen Hexe Frühstück zu machen – oder es ihr sogar ans Bett zu bringen“, fährt er fort.

Sofort muss Tanja laut lachen. „Was machst du nur mit mir? Ich glaube, Thorsten hätte ich es sehr übelgenommen, wenn er mich eine herzlose Hexe genannt hätte …“ Verliebt sieht sie Manuel an. „… aber bei dir klingt das fast wie ein Kompliment. Ein seltsames, zugegeben – aber auch wie ein Versprechen, mich zu lieben. Und das ist schön.“

„Wenn überhaupt, dann mein Bernstein. Ich hoffe, ich kann dir zeigen, dass auch du wieder lieben kannst … und darfst“, sagt Manuel und drückt sanft ihre Hand.

„Gott, wo warst du nur so lange?“, fragt Tanja und sieht ihn verliebt an.

„Ich war schon lange da. Nur warst du nicht frei – nicht für mich, nicht für unsere Liebe“, erwidert Manuel. In seiner Stimme liegt kein Hauch von Vorwurf.

„Wenn du mich früher angesprochen hättest, wäre ich es vielleicht geworden.“ Tanja zuckt mit den Schultern. „Wer weiß – vielleicht hätte mein Herz schon damals bei dir schneller geschlagen.“

„Das kann sein. Aber dann hätte ich deine Ehe auf dem Gewissen gehabt. Und du weißt, dass das für mich nie in Frage gekommen wäre.“ Manuel sieht Tanja fest an.

„Ja, ich weiß. Und trotzdem: Zu so etwas gehören immer zwei. Vielleicht hätte mir das nur früher gezeigt, dass meine Ehe längst ein Ablaufdatum hatte. Dann hättest du nichts zerstört, sondern höchstens etwas beschleunigt. Aber genug von all den Wenns und Abers. Ich liebe dich, und wir sind jetzt ein Paar. Das ist doch alles, was zählt, oder?“ Während sie spricht, hält Tanja seinen Blick. Sanft spürt sie, wie Manuel ihre Hand drückt und ihr damit zustimmt.

Aus dem Wohnzimmer meldet sich leise Manuels Handy. Sofort dreht er den Kopf zur Tür, dann wieder zu seinem Bernstein. Lächelnd macht sie ihm mit einem Nicken klar, dass längst nicht mehr Nacht ist und sie sich auch nicht mehr im Schlafzimmer befinden. Er steht auf und haucht ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann geht er ins Wohnzimmer und sieht nach seinen Nachrichten, während Tanja beginnt, das Frühstück abzuräumen.

Als er zurückkommt, dreht sich Tanja zu ihm um. „Und, war etwas Wichtiges dabei?“

„Hm, ein paar Arbeitskollegen haben gefragt, ob ich sie heute zu einem Fußballspiel begleite. Aber ich werde absagen …“, antwortet Manuel.

„Nichts da, Schatz. Nur weil wir jetzt ein Paar sind, ziehst du dich nicht zurück. Ein paar Stunden ohne einander halten wir schon aus“, sagt Tanja lachend.

„Bist du dir sicher? Ich hätte wirklich kein Problem damit, ihnen abzusagen“, fragt Manuel nach.

„Ganz sicher. Und wenn du mir nicht glaubst, kannst du ja jemand ganz Besonderen fragen.“ Tanjas Stimme klingt ruhig und klar, zugleich voller Überzeugung.

Sofort spielt Manuel übertrieben theatralisch mit. Er streckt die Hände zur Decke, dreht sich um und sagt im Hinausgehen: „Gott, warum bestrafst du mich so? Habe ich es etwa nicht gut gemeint?“ Noch im Wohnzimmer hört er das belustigte Lachen seines Bernsteins.

Eine Stunde später macht er sich auf den Weg. So ein Fußballtag bedeutet schließlich nicht nur, sich vor dem Stadion zu treffen und danach wieder zu trennen. Solche Tage sind länger – und meist auch feucht-fröhlicher, ohne dass Manuel sich dabei übermäßig betrinkt.

Als Manuel sich endlich entschließt aufzubrechen, ist es schon fast Mitternacht. Die Sehnsucht zieht ihn zu Tanja. Doch auf halbem Weg fällt ihm ein, dass er gar keinen Schlüssel zu ihrem Haus hat – nur den zu ihrem Herzen. Kann ich überhaupt zu ihr gehen? Vielleicht schläft sie schon. Dann müsste ich sie aus dem Bett klingeln. Die Nachtluft ist kühl und mit jedem Schritt wird ihm deutlicher, wie sehr er sich bereits nach ihrer Nähe sehnt. Es ist ein leises Ziehen in ihm, das ihn zugleich wärmt und schmerzt. Über den dunklen Straßen liegt der matte Schein vereinzelter Laternen, irgendwo rauscht ein Auto vorbei und die Luft riecht nach Stein, Nacht und dem fernen Rest eines Frühlingsabends. Noch immer meint er, den Duft ihrer Haut und den weichen Druck ihrer Nähe an sich zu tragen, als wäre sie nicht nur Erinnerung, sondern etwas, das auf ihm geblieben ist.

Manuel nimmt sein Handy. „Hallo, Bernstein. Es ist etwas spät geworden. Bevor ich dich womöglich wecke, gehe ich lieber zu mir. Wir sehen uns morgen. Ich liebe dich.“ tippt er ein. Dann macht er sich auf den Weg nach Hause. Dort angekommen geht er sofort ins Bett und schläft schnell ein.

Tanja liest seine Nachricht mit einem Anflug von Wehmut. Sie liegt zwar schon im Bett, schläft aber noch nicht, weil sie auf ihn gewartet hat. Trotzdem antwortet sie nicht, denn sie will ihm kein schlechtes Gewissen machen.

Am nächsten Mittag klingelt es. Tanja öffnet die Tür und vor ihr steht Manuel mit einem großen Blumenstrauß in der Hand. „Für dich, Bernstein. Weil du diese Nacht allein schlafen musstest“, sagt er und bekommt sofort ein Lächeln von ihr geschenkt.

„Oh, sind die schön. Wo hast du die denn heute her?“, will sie von ihm wissen.

„Tja, nicht nur Hexen – egal ob herzlos oder mit Herz – können zaubern“, grinst Manuel und tritt ein.

„So, so. Ich habe mir hier also einen Zauberer eingefangen?“, legt Tanja nach.

„Nun, das muss ich wohl sein. Sonst wäre es beinahe unmöglich, dein Herz wieder zu erwärmen.“ Sanft legt er die Arme um sie, zieht sie an sich und sofort finden sich ihre Lippen zu einem ruhigen, weichen Begrüßungskuss.

„Ich glaube, dein Zauber wirkt – zumindest ein bisschen. Versuch es bitte noch einmal“, haucht Tanja, als der Kuss endet. Sofort verschmelzen ihre Lippen erneut für einige Zeit miteinander. Danach gehen sie gemeinsam in die Küche, damit Tanja die Blumen in eine Vase stellen kann.

„Daran könnte ich mich gewöhnen, mein Schatz“, sagt Tanja zu Manuel und spielt damit auf seine Bemerkung über das gemeinsame Frühstück an.

Tanja stellt die Vase ins Wohnzimmer und sieht Manuel an. „Wollen wir?“ Ihr Blick ist so sanft wie ihre Stimme. Dabei streckt sie ihm erneut die Hand entgegen.

„Wollen wir was?“, hakt Manuel nach.

„Erst dachte ich an einen Abstecher ins Schlafzimmer und danach in den Park“, sagt Tanja schmunzelnd. „Aber den ersten Teil lassen wir lieber. Ich will meinen armen Schatz ja nicht überfordern.“

Manuel tritt zu ihr, nimmt ihre Hand und lächelt. „Du willst also, dass ich dir die Kleider vom Leib reiße?“ Ihre Blicke verhaken sich.

„Nicht so, wie du das gerade gesagt hast. Aber mein Körper sehnt sich nach deiner Wärme. Diese Nacht konnte ich sie schließlich nicht spüren“, sagt Tanja leise und streicht mit dem Daumen ihrer freien Hand über seine Wange.

„Heute Nacht wieder, Bernstein. Das verspreche ich dir“, sagt Manuel, senkt den Kopf und küsst sie. Tanja kommt ihm sofort entgegen. Als sich ihre Lippen wieder lösen, haucht er leicht atemlos: „Gut, dann lass uns in den Park gehen.“

Arm in Arm schlendern sie in den Park zu ihrer Bank, setzen sich und genießen die warme Sonne, während über ihnen Blätter leise im Wind rauschen und der Duft von frischem Gras in der Luft liegt.

„Warum bist du eigentlich immer hierhergekommen, Bernstein? Ihr hattet doch eine Terrasse und einen Garten“, fragt Manuel.

„Das stimmt. Aber irgendwann war es dort einfach zu leer und zu still. Nachdem Thorsten Sabrina ins Internat geschickt hatte und selbst oft beruflich unterwegs war, suchte ich einen Ort mit Leben. Einen Ort, an dem ich Menschen begegnen und das helle Lachen spielender Kinder hören konnte. Das alles gab es bei mir zu Hause nicht mehr – höchstens, wenn Sabrina in den Ferien da war. Und selbst das wurde seltener, als sie mit sechzehn Dirk kennenlernte“, erzählt Tanja offen, während irgendwo in der Ferne ein Kind ruft und die Sonne warm über die Banklehne streicht.

„Sabrina war sechzehn, als sie Dirk kennengelernt hat?“, fragt Manuel nach und sieht sie aufmerksam an.

„Ja. Und glaub mir: Weder Thorsten noch ich waren begeistert. Wir dachten natürlich, er wolle sie nur ins Bett bekommen und würde sie nach ein paar Wochen wieder fallen lassen“, sagt Tanja ehrlich.

„So wie ich es mitbekommen habe, haben sich diese Befürchtungen zum Glück nicht bestätigt“, erwidert Manuel und lehnt sich zurück.

„Ja, heute wissen wir, dass er sie wirklich liebt. Aber damals wollten wir unser Kind schützen – gerade in dem Alter. Außer einem Wechsel des Internats sahen wir keine Möglichkeit. Thorsten und ich haben viel darüber gesprochen, sogar gestritten. Am Ende hat Sabrina uns die Entscheidung abgenommen“, erzählt Tanja ruhig.

„Rebellisch?“, fragt Manuel nur.

„Nein, ganz im Gegenteil. Sie sagte, sie würde die Beziehung beenden, wenn wir das wollten. Aber dann wüsste sie auch, dass wir ihr nicht vertrauen und sie für uns immer nur das kleine Mädchen bleiben würde – egal, wie alt sie wird.“ Tanja schluckt kurz. Die Erinnerung trifft sie stärker, als sie erwartet hatte.

„Mama, ich weiß, dass du mich schützen willst. Aber ich bin keine Jungfrau mehr. Ich muss meine eigenen Erfahrungen machen – auch wenn diese eventuell schmerzhaft sein sollten.“ zitiert Tanja ihre Tochter und dreht sich zu Manuel. „So viel Reife hätte ich ihr damals nicht zugetraut. Sie wusste, dass Dirk eventuell nur wegen Sex mit ihr zusammen war und ihrer vielleicht schnell überdrüssig werden könnte. Trotzdem wollte sie es versuchen. Nach diesem Gespräch konnte ich ihr die Beziehung nicht mehr verbieten. Heute bin ich froh darüber, denn Dirk hat bewiesen, wie sehr er Sabrina liebt.“ In ihren Augen glimmt kurz etwas auf, dann lehnt sie sich an Manuel. „Fast wirkt es, als wäre sie damals reifer gewesen als ich in den letzten Monaten.“

Sanft zieht Manuel sie näher an sich. „Zum Glück ist meine herzlose Hexe doch noch reif geworden.“

Sofort stupst Tanja ihn in die Seite. „Frechdachs. Warte nur, irgendwann revanchiert sich die herzlose Hexe.“

„Solange ich ihr die richtige Medizin gebe, passiert das hoffentlich nur in schweren Fällen“, erwidert Manuel und neigt den Kopf zu ihr.

Sehnsüchtig hebt Tanja ihm den Kopf entgegen und erwidert den Kuss nur zu gern. Sanft gleiten ihre Lippen ineinander, spielerisch und vertraut, während um sie herum nur das leise Rascheln der Bäume und das ferne Murmeln des Parks bleibt.

„Bisher wirkt deine Medizin“, sagt Tanja und zwinkert ihm nach dem Kuss zu.

„Ich habe noch mehr davon. Aber wie bei allem kommt es auf die richtige Dosierung an“, lächelt Manuel.

„Dann war die Dosis wohl schon zu hoch. Ich fürchte, ich bin längst süchtig danach“, erwidert Tanja, während ihre Finger gespielt leicht zittern.

„Hm, das ist nicht gut. Was mache ich da am besten? Kalter Entzug?“ Manuel spricht es mehr zu sich selbst als zu Tanja.

„Kalter Entzug? Könntest du mir das wirklich antun?“, fragt Tanja mit einem gekonnten Wimpernaufschlag.

„Das habe ich noch nicht entschieden“, sagt Manuel. Ein Windhauch streift durch den Park und lässt die Blätter rascheln.

Tanja verschränkt ihre Finger mit seinen. „Nein, so hart bist du nicht zu mir. Da bin ich ganz sicher“, flüstert sie.

„Vielleicht will ich ja gar nicht, dass du den Entzug schaffst“, erwidert Manuel ruhig und drückt ihre Finger sanft.

„Es ist so schön mit dir hier. Ich könnte ewig so neben dir sitzen“, seufzt Tanja verliebt und rückt noch näher an ihn, während ein milder Luftzug ihre Haare streift und die Sonne golden durch die Blätter fällt.

„Ein schöner Gedanke. Aber wir sollten bald los“, sagt Manuel. Sofort richtet Tanja sich auf und sieht ihn fragend an. „Warum?“ – „Ganz einfach, Bernstein. Ich muss morgen früh arbeiten. Entweder hole ich vorher noch ein paar frische Sachen aus meiner Wohnung oder wir bleiben länger hier – dann müsste ich aber bei mir schlafen und wir in getrennten Betten.“

Bei dem Gedanken, erneut ohne Manuel in seinem Arm einschlafen zu müssen, fröstelt Tanja. „Das überlasse ich dir“, sagt sie mit einem sanften Lächeln. „Aber ohne dich möchte ich heute Nacht nicht einschlafen, mein Schatz.“

Manuel überlegt kurz. „Dann holen wir ein paar Sachen von mir. Wenn ich früh raus muss, möchte ich nicht, dass du allein in einer fremden Wohnung aufwachst. Wenn ich Spätschicht habe oder du öfter bei mir übernachtet hast, ist das etwas anderes. Aber jetzt noch nicht.“

Tanja sieht ihm tief in die Augen. „Ich liebe dich. Auch dafür, dass du selbst an solche Kleinigkeiten denkst. Gut, dann lass uns zu dir gehen. Langsam wird es wirklich etwas frischer.“ In der Luft liegt bereits der kühlere Atem des Abends.

Gemeinsam gehen sie zu seiner Wohnung. Während Manuel schnell ein paar frische Sachen einpackt, sieht Tanja sich um. Im Großen und Ganzen gefällt ihr die Einrichtung, auch wenn sie findet, dass ein wenig weiblicher Touch dem Ganzen gut tun würde. Die Räume wirken ordentlich und ruhig, es riecht nach Waschmittel, Holz und ein wenig nach ihm.

„So, ich bin fertig“, sagt Manuel, als er ins Wohnzimmer kommt und bemerkt, dass Tanja seine DVD-Sammlung betrachtet.

„Gut.“ Tanja lässt den Blick durch den Raum schweifen. „Hier kann ich mich schon noch ein wenig austoben.“

Manuel hebt eine Braue. „Gefällt es dir nicht? Aber eigentlich ist das ja egal. Lange werde ich die Wohnung wohl sowieso nicht mehr behalten.“ Mit ruhigen Schritten geht er zu ihr, nimmt sie in den Arm und ergänzt: „Es sei denn, du gewährst mir kein Aufenthaltsrecht bei dir.“

Tanja lächelt ihn an. „Ein Aufenthaltsrecht hast du, mein Schatz. Aber wir sollten nichts überstürzen. So glücklich wir gerade sind: Kündige deine Wohnung noch nicht. Wir kennen uns im Alltag noch nicht richtig und wissen nicht, wie es ist, wenn wir uns rund um die Uhr sehen. Also: Aufenthaltsrecht ja – festes Bleiberecht später.“

Manuel verzieht gespielt das Gesicht. „Nicht ganz das, was ich hören wollte. Aber du hast recht, Bernstein. Und ich meinte ja auch nicht, dass ich sie morgen sofort kündige.“

„So habe ich das auch nicht verstanden. Trotzdem ist es gut, dass wir darüber gesprochen haben. Und für die Zeit, die wir hier verbringen, werde ich ein bisschen weiblichen Touch einbringen. Der tut jeder Wohnung und jedem Haus gut. Wollen wir?“

So verlassen sie seine Wohnung und machen sich auf den Weg zu Tanja. Beide hängen dabei ihren Gedanken nach. Manuel freut sich auf den Tag, an dem sein Bernstein ihm sagt, dass sie bereit ist, richtig mit ihm zusammenzuziehen. Tanja dagegen ist trotz ihrer Liebe zu ihm entschlossen, ihn so lange wie möglich davon abzuhalten, seine Wohnung aufzugeben. Zu groß ist ihre Angst vor etwas, das sie sich noch nicht ausmalen will.

Den Abend verbringen sie wieder eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa, diesmal bei einem Film. Das flimmernde Licht des Bildschirms wandert weich über ihre Gesichter, während leise Dialoge und Musik den Raum füllen. Das Wohnzimmer wirkt still und warm, als würde es ihre Nähe behutsam umschließen. Als der Film endet, bleibt für einen Moment nur das gedämpfte Nachklingen der letzten Töne im Raum, ehe die Stille wieder die Oberhand gewinnt. Dann wird es Zeit fürs Bett. Gemeinsam gehen sie ins Schlafzimmer. Manuel stellt noch kurz den Wecker auf seinem Handy und legt es dann draußen im Flur neben die Tür. Tanja sieht das und lächelt.

„Kein Handy im Schlafzimmer“, sagt Manuel leise.

Dann legen sie sich hin. Tanja zieht seinen Arm wieder schützend über sich. Heute ist sie unruhiger. Dass Manuel bereits erste Sachen bei ihr hat und sie über ihre Wohnsituation gesprochen haben, macht ihr klar, wie weit sie sich ihm geöffnet hat. Vor einer Woche wäre eine Beziehung mit ihm trotz seines Geständnisses noch undenkbar gewesen. Und nun liegt sie in seinem Arm, spürt seinen ruhigen Atem an ihrem Nacken und den gleichmäßigen Schlag seines Herzens an ihrem Rücken. Im stillen Zimmer riecht es nach einem Hauch seines Duschgels, während das letzte Licht hinter dem Vorhang allmählich verblasst und die Nacht sich leise um sie legt. Verrückt, wie das Leben manchmal spielt, denkt sie und beginnt leise ins Kissen zu weinen.

Am nächsten Nachmittag steht Tanja in der Küche. Durch das gekippte Fenster dringt milde Luft herein und der Duft von angebratenem Gemüse, Kräutern und warmer Pfanne hat sich bereits im Raum ausgebreitet. Auf der Arbeitsfläche stehen schon Schüsseln und das halb vorbereitete Essen, als hätte der Alltag hier ganz leise seinen Platz gefunden. Das helle Nachmittagslicht fällt weich auf die Arbeitsplatte und lässt die Küche offen und belebt wirken. Manuel müsste bald von der Arbeit kommen und sie möchte ihn mit etwas Gutem empfangen. Doch sie hat sich mit Sabrina verplaudert und wird vermutlich nicht rechtzeitig fertig.

Das fängt ja gut an. Dein Schatz kommt von der Arbeit, und das Essen ist noch nicht fertig, schilt sie sich selbst halb im Scherz. Da klingelt es. Schnell eilt sie zur Tür.

„Guten Tag, wohnt hier die herzlose Hexe, deren Herz ich bisher nur so weit erwärmen konnte, dass ich ein Aufenthaltsrecht bekommen habe?“, begrüßt Manuel sie mit frechem Grinsen.

„Hier wohnt eine Frau, die glücklich verliebt ist und eigentlich auf ihren Schatz wartet. Sie müssen sich also im Haus geirrt haben“, erwidert Tanja, als kenne sie ihn nicht.

„Oh, dann verzeihen sie. Ich will dem frischen Glück nicht im Weg stehen“, sagt Manuel und tut, als wolle er gehen. Sofort tritt Tanja vor, greift nach seinem Arm und schlingt ihre Arme um ihn.

„Das tun sie nur, wenn sie jetzt gehen“, haucht sie, bevor sie ihn weich küsst. Dann lösen sie sich und sie fragt: „Wie war die Arbeit, Schatz?“ Gemeinsam gehen sie in die Küche.

„Ganz okay. Die Kollegen haben schon wegen nächsten Samstag gefragt“, erzählt Manuel, während Tanja die Gemüsepfanne umrührt. Es zischt leise in der Pfanne und der würzige Duft von Paprika, Kräutern und gebratenem Gemüse steigt zwischen ihnen auf. Mit dem Holzlöffel klopft sie leicht an den Pfannenrand und für einen Moment fühlt sich diese kleine Küchenszene so selbstverständlich an, als gehörte sie längst zu ihrem gemeinsamen Alltag.

„Das klingt doch gut“, sagt Tanja und bemerkt aus dem Augenwinkel, dass er heimlich aus der Pfanne probieren will. Schnell dreht sie sich um und gibt ihm einen Klaps auf die Finger. „Nicht naschen. Das verdirbt den Hunger!“

Manuel grinst wie ein ertappter Junge und zuckt mit den Schultern. „Aber …“

„Kein Aber. Gegessen wird, wenn alles auf dem Tisch steht.“ Tanja stellt sich neben ihn. Ihre Schultern berühren sich und für beide fühlt es sich genau richtig an. „Aber du hast Glück – es ist ohnehin fertig. Setz dich schon mal.“

Tanja hat kaum ausgesprochen, da sitzt Manuel schon am Tisch. Lachend stellt sie die Pfanne ab, richtet noch schnell das Essen an und stellt es zwischen sie, bevor sie sich zu ihm beugt, seinen Kopf sanft an ihre Seite zieht und sagt: „Hör bitte nie auf, mich so zum Lachen zu bringen. Ich liebe dich.“ Zwischen Tellern, aufsteigendem Dampf und dem warmen Duft des Essens wirkt der Moment still und beinahe häuslich vertraut.

„Ich liebe dich auch. Und deshalb habe ich meinen Kollegen für Samstag abgesagt“, erwidert Manuel, während Tanja sich ebenfalls setzt.

„Schatz, ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht will, dass du dich wegen mir zurückziehst“, ermahnt sie ihn sofort.

„Das habe ich auch nicht vor. Aber am Samstag möchte ich dich ausführen. Außerdem gehe ich ohnehin nicht zu jedem Fußballspiel mit und diesmal spielen sie auswärts“, erklärt Manuel mit einem Lächeln.

„Du willst mich ausführen? Hast du schon etwas Konkretes vor?“, fragt Tanja sichtbar erfreut.

„Was hältst du von schön essen gehen und danach vielleicht ins Kino?“, fragt Manuel und beobachtet gespannt ihre Reaktion.

„Das klingt wunderbar, Schatz. Ich freue mich jetzt schon darauf.“

Der Rest der Woche verläuft ähnlich. Manuel geht zur Arbeit. Danach essen die beiden zusammen und verbringen die Abende gemeinsam mit guten Gesprächen bei leiser Musik oder vor dem TV. Warmes Lampenlicht, der Duft des Abendessens und die ruhige Vertrautheit dieser Stunden lassen den Alltag zwischen ihnen still und selbstverständlich wachsen. So gehen die Abende oft fast unmerklich ineinander über – von der Küche ins Wohnzimmer, vom Wohnzimmer in die stille Geborgenheit der Nacht.

Dann ist endlich der Samstag gekommen. Tanja steht vor dem Badezimmerspiegel und schminkt sich. Das warme Licht über dem Spiegel liegt weich auf ihrem Gesicht, dämpft die Kühle des Abends und lässt die Farben sanft lebendig werden. Dabei wird ihr bewusst, wie lange sie das nicht mehr mit solcher Aufmerksamkeit getan hat wie heute. Natürlich wollte sie auch Thorsten gefallen. Doch in den letzten Jahren war daraus eher die Rolle der ansehnlichen Frau an seiner Seite geworden – selbst dann, wenn er ihr vor dem Ausgehen noch sagte, wie gut sie aussehe.

Heute jedoch ist da dieses feine Kribbeln in ihr. Es sagt ihr, dass dieser Abend etwas Besonderes werden könnte. Sie prüft ein letztes Mal ihr Make-up. Das Rouge liegt dezent auf ihren Wangen, ihre Lippen tragen ein sanftes Rot, das eher andeutet als betont. Dann nimmt sie ihr Lieblingsparfüm. Wenige Spritzer reichen und sofort mischt sich der warme, vertraute Duft mit der klaren Kühle des Badezimmers, als würde sich der Raum für einen Augenblick mit etwas Erwartungsvollem füllen.

Zufrieden betrachtet sie sich im Spiegel. Das Make-up sitzt. Ihre dunkelblaue Bluse lässt nur erahnen, was sich darunter verbirgt und ihre wohlgeformten Beine stecken in einer beigen Hose. Obwohl ihr gefällt, was sie sieht, schlägt ihr Herz schneller, als sie zur geschlossenen Tür geht. Sie hatte Manuel bewusst ausgesperrt und sich erst im Bad umgezogen, weil sie ihn überraschen wollte. Gerade dieser Gedanke macht sie nun nervös. Hinter der Tür ist alles still, nur ein kaum hörbares Geräusch aus dem Flur erinnert sie daran, dass er dort auf sie wartet.

Werde ich ihm gefallen? Oder hätte er sich etwas anderes gewünscht – ein Kleid, einen Rock?

cFür einen Moment steigen Zweifel in ihr auf. Dann drückt sie die Klinke hinunter. Jetzt ist es ohnehin zu spät, sie hat sich für dieses Outfit entschieden. Vorsichtig tritt sie in den Flur, wo das Licht gedämpfter ist und die Luft einen Hauch kühler wirkt als im Bad, und sieht Manuel bereits an der Haustür auf sie warten.

„Wow“, entfährt es ihm, als sie langsam auf ihn zukommt.

„Gefalle ich dir wirklich?“, fragt Tanja und in ihrer Stimme liegt noch ein feiner Rest Unsicherheit.

„Bernstein, du bist wunderschön. Wenn ich nicht längst verliebt wäre, dann wäre ich es spätestens jetzt“, sagt Manuel leise und zieht sie in seine Arme.

Tanja schmiegt sich kurz an ihn und lächelt, auch wenn er es nicht sehen kann. „Dann weiß die herzlose Hexe ja, wie sie dich immer wieder verzaubern kann.“

„Bitte nicht … ich will ihr Herz doch erwärmen“, flüstert Manuel an ihrem Ohr.

Tanja hebt den Kopf und sieht ihn tief an. „Aber genau das wäre doch ein schöner Zauber. Ihr Herz müsste deshalb ja nicht wieder erkalten, mein Schatz.“

„Gut, dann lass uns losgehen. Oder brauchst du noch einen Moment?“, fragt Manuel, ohne ihren Blick loszulassen.

„Nur noch meine Jacke, dann bin ich so weit“, antwortet Tanja. Gemeinsam nehmen sie ihre Jacken und machen sich auf den Weg.

Zu Tanjas Freude hat Manuel ein Restaurant ausgesucht, das sie noch nicht kennt. Schon beim Eintreten erkennt sie, dass es ein gehobenes Lokal ist. Warmes, gedämpftes Licht liegt über dem Raum wie ein stiller Schleier. Gläser klingen leise und aus der Küche zieht ein feiner Duft nach Kräutern, Wein und gebratenem Essen herüber. Ein Kellner kommt sofort auf sie zu und begleitet sie an ihren Tisch. Manuel rückt ihr den Stuhl zurecht und setzt sich ihr gegenüber. Kurz darauf bestellen sie Essen und Getränke.

„Warst du schon öfter hier?“, fragt Tanja.

„Ja, aber nie mit meiner Herzdame. Meistens waren es irgendwelche Firmenevents“, erzählt Manuel.

„Herzdame?“ Tanja schmunzelt. „Langsam solltest du dich entscheiden, Schatz: Bernstein, herzlose Hexe oder Herzdame. Sonst weiß ich bald nicht mehr, ob wirklich ich gemeint bin.“ Liebevoll schiebt sie ihre Hand über den Tisch zu seiner und Manuel legt seine sofort auf ihre.

„Warum denn? Kann meine Herzdame nicht auch mein Bernstein sein?“, fragt Manuel. „Wenn du es so sagst … natürlich, Schatz“, erwidert sie schmunzelnd und zwinkert ihm zu.

Das Essen und der Wein sind köstlich. Tanja genießt jeden Bissen – auch wenn ihr die Preise auf der Karte zunächst etwas hoch erscheinen. Der Duft des Essens, das leise Klirren von Besteck und Gläsern und das gedämpfte Murmeln der anderen Gäste lassen den Abend beinahe schwerelos wirken. Manuel zuliebe sagt sie nichts, nimmt sich aber vor, beim nächsten Mal anzusprechen, dass es nicht immer so kostspielig sein muss. Die Stimmung ist so schön, dass beide die Zeit vergessen. Als sie schließlich bezahlt haben, ist es für das Kino längst zu spät.

„Zieht es dich nach Hause?“, fragt Manuel ruhig, als sie das Restaurant verlassen.

„Nein. Wenn wir es noch ins Kino geschafft hätten, wäre es ja auch später geworden“, erwidert Tanja und sieht ihn an.

„Gut. Was hältst du dann von einem nächtlichen Schaufensterbummel?“, fragt Manuel.

Sofort hakt sich Tanja bei ihm unter. „Das ist eine wunderschöne Idee. Die Nacht ist noch jung und wirklich kalt ist es auch nicht.“ Damit ist die Entscheidung gefallen und die beiden machen sich langsam auf den Weg. Gemütlich schlendern sie durch die Straßen der Stadt, bleiben immer wieder vor den Schaufenstern stehen und betrachten die Auslagen. Über ihnen spiegeln sich Lichter in den Scheiben, aus der Ferne dringen vereinzelte Stimmen und das Rauschen vorbeifahrender Autos herüber und in der kühlen Luft liegt der eigenartige, vertraute Geruch der Stadt bei Nacht – ein Hauch von Stein, Abendluft und gelebtem Tag.

„Weißt du, wie lange ich so einen Nachtbummel nicht mehr gemacht habe? Danke dafür. Es ist einfach wunderschön, so mit dir hier entlangzugehen. Ohne Eile. Ohne Verpflichtungen. Einfach nur du und ich“, sagt Tanja und greift etwas fester nach seinem Arm.

„Das weiß ich zwar nicht, aber …“ Manuel schaut sie in der Spiegelung eines Schaufensters an. „… du hast recht, es ist ein wunderschöner Abend.“

Glücklich schlendern die beiden noch eine ganze Weile weiter, bevor sie sich schließlich auf den Weg zum Wagen und nach Hause machen. Fast wie stillschweigend abgesprochen gehen sie dort sofort ins Schlafzimmer. Sich in die Augen sehend, beginnen sie, sich langsam Stück für Stück auszuziehen. In Unterwäsche kriechen sie schließlich unter die Bettdecke und Tanja schmiegt sich sofort an ihn. Im gedämpften Dunkel des Zimmers bleibt nur die ruhige Wärme unter der Decke, das leise Rascheln des Stoffes und der stille Trost der Nähe. Beide wollen jetzt nur den anderen spüren und in dieser Ruhe ankommen.

Tanja liegt in seinem Arm, ihr Kopf ruht auf seiner Brust. Die Wärme des anderen fühlt sich wunderbar an auf der eigenen Haut an. Manuels Aftershave vermischt sich mit ihrem Parfüm. Tanja hebt ihren Kopf und schaut Manuel sanft an. Ruhig schiebt sie sich etwas höher und ihm entgegen, bis sich ihre Lippen treffen. Ganz sachte, als ob Tanja Angst vor diesem Kuss habe, gleitet ihre Zunge über seine noch geschlossenen Lippen. Bittet um Einlass, welchen ihr Manuel nur zu gerne gewährt.

Ihr Kuss ist leicht und verspielt. Mal umkreisen sich ihre Zungen wie Katzen auf der Lauer, mal necken sie sich, so dass sie ihren Tanz im Mund des anderen weiter tanzen. Ganz langsam gleitet dabei ihre Hand von seiner Brust hinab. Ihre Finger gleiten über seinen Bauchnabel, gleiten weiter und erreichen dann den Bund seines Schlüpfers.

Kurz hält Tanja inne. Bin ich wirklich schon so weit?

Die Antwort kommt mit einer Erinnerung.

Manuel steht wieder einmal am Fenster im Wohnzimmer. Als Tanja ihn dort so versunken sieht, bleibt sie einen Moment im Türrahmen stehen. Dann geht sie langsam zu ihm. Als sie bei ihm ist, legt sie die Arme sanft um ihn und schmiegt sich an seinen Rücken. Ihre Brüste drücken dabei sanft gegen seinen Körper.

„Wo sind deine Gedanken, Schatz, während du wieder an deinem scheinbar doch liebsten Platz hier im Wohnzimmer stehst“ will Tanja von ihm wissen.

„Die sind hier, Bernstein. Ich versuche nur, mir deinen Garten so gut wie möglich einzuprägen“, antwortet Manuel mit ruhiger Stimme.

„Warum?“ Mehr bringt Tanja in diesem Moment nicht heraus.

„Damit ich mich daran erinnern kann, falls das alles nur ein schöner Traum sein sollte, wenn ich wieder aufwache.“

Tanja hört das leichte Zittern in seiner Stimme.

Diese Erinnerung macht Tanja klar, wie sehr er sie und sie auch ihn liebt. Genau so, dass sie bereit jetzt ist, sich ihm komplett öffnen zu können. Langsam gleitet ihre Hand unter den Hosenbund. Ihre Finger tasten sich vorsichtig vor, bis sie das Ziel ihrer Begierde finden. Sachte schließen sie sich um den noch halb schlafenden kleinen Manuel und beginnen diesen sanft, aber gezielt zu wecken.

Eine Zeitlang geschieht weiter nichts, außer ihrem Küssen und dem Spiel ihrer Hand in seiner Hose. Bis Tanja den Kuss beendet. Manuel tief in die Augen schauend, schiebt sie ihren Körper über seinen. Rutscht bis zu seinen Knien hinab, so dass sie ihm den Schlüpfer ein wenig runter ziehen kann. Während sie wieder hoch gleitet, schiebt sie ihren Slip beiseite und senkt dann ihr Becken, nimmt den kleinen Manuel zwischen ihre Liebeslippen und benetzt diesen so mit ihrer Liebe.

„Bernstein …“ beginnt Manuel. Wie damals im Park, als er ihr erklärt hatte wie er auf ihren Kosenamen gekommen war, legt sie schnell wieder einen Finger auf seine Lippen.

„Pscht“ haucht sie sanft und hebt ihr Becken, dirigiert sich über ihn und nimmt ihn dann in sich auf. „Ahhhh“ entweicht es ihr, als sie sich das erste Mal komplett vereinigt haben. Tanja beugt sich zu Manuel hinunter und küsst ihn. Doch diesmal ist ihr Kuss fordernder, lebendiger. Denn Tanja fühlt sich wieder als Frau und das nicht nur, weil sie ihn ganz tief in sich fühlt, sondern sie sich auch wieder vollständig geliebt fühlt.

Mindestens eine Minute lang verharren die beiden so, innig ineinander verbunden und sich küssend, bevor Tanja langsam ihr Becken zu bewegen beginnt. Erst mit ruhigem, später mit schneller werdendem Rhythmus genießt sie das Gefühl, welches durch ihren Körper strömt. Endlich wieder zu fühlen, wie ein – sein, Manuels – Glied in ihr aus und einfährt. Seine Eichel an Stellen entlangstreicht, welche solange keine Empfindungen mehr spüren durften. Immer schneller wird ihr Ritt auf ihm. Hüpfen ihre Brüste vor Manuel dabei auf und ab. Bis sie laut stöhnend auf ihm kommend zusammenbricht. Schnell schließt Manuel seine Arme um sie und zeigt ihr so, dass er immer noch ganz für sie da ist.

Tanja erhebt sich wieder etwas und schaut ihn an. „Sorry, Schatz. Aber das habe ich jetzt so gebraucht.“ Dann legt sich ein süffisantes Lächeln auf ihre Lippen. „Und ich hoffe, dass das nur der Anfang von unzähligen Wiederholungen war.“

Damit rutscht sie von ihm hinunter, dreht sich auf den Rücken und haucht Manuel zu – “Komm!“

Mit einem einzigem geschmeidigem Zug gleitet Manuel erst über und dann erneut in sie.

„Ich liebe dich. Lass mich nochmal Schweben mein Schatz“ keucht Tanja sofort auf, als sie nicht nur Manuel wieder tief in sich fühlt. Sondern dieser sie nun zu nehmen beginnt.

Die beiden lieben sich noch ein paar mal und wechseln dabei die Positionen. Lernen sich auch hier langsam kennen und wissen beide, als sie danach glücklich kuschelnd unter der Decke liegen, dass es noch vieles gibt, was sie beide gemeinsam erkunden wollen. Dass es bestimmt Sachen gibt, die Manuel durch sie oder Tanja Neues durch ihn erleben kann. So schlafen die beiden mit der Vorfreude auf eine nun vollkommene Beziehung ein.

Ende des 1. Parts von Akt II: Bis zum Horizont

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