Wahlkampf (fm:Humor/Parodie, 2965 Wörter) | ||
| Autor: Schiller | ||
| Veröffentlicht: Sep 10 2026 | Gesehen / Gelesen: 38 / 24 [63%] | Bewertung Geschichte: 0.00 (0 Stimmen) |
| Anna-Lena entdeckt neue Methoden im Wahlkampf ... | ||
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Anna-Lena war vierzig, verheiratet, Mutter zweier Töchter, seit 2018 Co-Vorsitzende, seit dem 19. April 2021 Kanzlerkandidatin. Dunkler Bob bis an die Schultern, helles Gesicht, dunkle Augen, der Mund oft einen Millimeter zu fest. Weiße Bluse mit gerafftem Kragen, sagegrüne Stoffhose, dünner Gürtel. Manchmal das schwarze enge Kleid und die roten Wildlederstiefel. Manchmal Orange, wenn die Kameras Farbe brauchten.
In den ersten Tagen nach der Nominierung hatte das Land sie noch wie eine Möglichkeit behandelt. Die Grünen lagen vorn oder dicht dahinter. Sie sprach von Erneuerung, von Industrie, die bleiben soll, von einem Land, das nicht nur verwaltet, sondern geführt wird. Dann kamen die Risse, einer nach dem anderen, und jeder Riss fraß denselben Satz: Sie hat nie regiert.
Mitte Mai die nachgemeldeten Nebeneinkünfte. Ende Mai, Anfang Juni der Lebenslauf – Mitgliedschaften, die keine waren, Formulierungen, die größer klangen als die Sache. Mitte Juni das Buch, kurz darauf die Stellen ohne Quellen. In den Redaktionen hieß es nicht mehr „unglücklich“. Es hieß „Muster“. In den Hinterzimmern hieß es noch klarer: keine Narbe, kein Ministerium, kein Jahrzehnt, in dem Männer sich gegenseitig etwas schulden.
Anna-Lena arbeitete trotzdem. Reden, Klausuren, Schalten, Ortsvereine. Die Hallen wurden nicht voller. Die Fragen wurden persönlicher. Das Team sprach von „Narrativ zurückgewinnen“. Sie hörte den Satz und dachte: Ein Narrativ gewinnt man nicht zurück, wenn die Männer, die es tragen, einen bereits abgehakt haben.
Sie hatte keine andere Tür.
Keine alte Seilschaft.
Kein Wirtschaftsflügel, der ihr etwas schuldete.
Kein Amt, aus dem man Posten verteilt.
Kein Ehemann im richtigen Vorstand, der Anrufe tätigte.
Nur ein Gesicht, das die Kameras kannten, einen Körper, den die Fotos zeigten – und die Erkenntnis, dass in bestimmten Zimmern Argumente endeten, bevor sie begonnen hatten.
Sie beschloss deshalb etwas, das sie vor sich selbst zuerst wie eine Niederlage formulierte: Wenn sie ihren Körper anbieten musste, dann nur so weit, dass sie noch sagen konnte, sie habe eine Grenze gehalten. Nicht der Bauch. Nicht das Bett im vollen Sinn. Nur der Mund. Ein Akt, der demütigend genug war, um als Preis zu gelten – und begrenzt genug, dass sie sich einreden konnte, nicht alles verkauft zu haben.
Am Anfang quälte sie sich.
Später begriff sie, dass genau diese Grenze die Macht war.
Magdeburg, Ende April, der erste Riss im Saal
Der Saal war zu groß. Drei Kamerateams, Pflichtjournalisten, die lokale Gliederung, ein paar Studierende, viele leere Reihen. Anna-Lena sprach über Klimaschutz als Standortpolitik, über Netze, über den Osten, der nicht als Kulisse dienen solle. Der Applaus war höflich. Hinterher blieb ein Mann stehen, den ihr Büro als relevant geführt hatte: Energie, Mittelstand, ostdeutsche Verbände. Mitte fünfzig, graue Schläfen, Anzug ohne Krawatte.
Im Foyer, wo noch Kaffee in Pappbechern stand, sagte er ohne Umweg: „Schöne Rede. Nur glaubt Ihnen das niemand, der etwas zu verlieren hat. Sie reden von Industriestrom, als hätten Sie schon einmal eine Anlage gehalten. Haben Sie nicht. Sie haben Papiere gehalten.“
Anna-Lena behielt das Kameralächeln. „Dann sagen Sie mir, welche Zahl fehlt.“ „Nicht die Zahl. Die Härte. Ihre Leute wollen den Ausstieg so erzählen, dass er sich nach Moral anhört. Meine Leute hören: Strandung. Stranded assets. Jobs. Wenn Sie das nicht anders rahmen, bleiben Sie eine nette Kandidatin mit einem Problem im Lebenslauf. Und der kommt noch.“
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