Die Schwesternschaft 4/8 (fm:Sonstige, 8413 Wörter) [3/3] alle Teile anzeigen | ||
| Autor: Jassi | ||
| Veröffentlicht: Mar 18 2026 | Gesehen / Gelesen: 1475 / 1242 [84%] | Bewertung Teil: 9.77 (48 Stimmen) |
| Jasmina erfährt mehr zu ihrer Herkunft und zu ihrem Wesen. | ||
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Zeit für Sie aufbringen wird“ versuchte Hagedorn sie abzuwimmeln.
„Frau Hagedorn, können Sie in die Zukunft schauen oder woher haben Sie das Wissen über die Zeit von Herren Hagen? Seien Sie doch bitte so respektvoll und melden sich, wenn Herr Hagen frei ist! Danke.“ Ohne eine Antwort abzuwarten legte Jasmina auf und stellte sich grinsend vor, wie die Hagedorn mit wutverzerrten Gesicht auf den Hörer schaut. Dumme Ziege!
Nach zehn Minuten oder drei Seiten lesen in einem vertrackten Rechtsstreit klopfte Astrid an ihre Tür und steckte den Kopf ins Büro, „Die Hagedorn hat gerade bei mir angerufen und mir ziemlich herablassend mitgeteilt, dass Herr Hagen nun frei sei. Mehr nicht! Hast du eine Ahnung, was das zu bedeuten hat?“
„Das ist ihre Art mir mitzuteilen, dass ich jetzt zu Hagen kann, sein Telefonat hat er wohl beendet. Wir hatten vor ein paar Minuten eine telefonische Kollusion,“ erklärte Jasmina und rollte mit den Augen. „Ich bin dann mal oben, falls mich jemand suchen sollte.“
Wenig später betrat Jasmina das Vorzimmer von Thomas Hagen, ignorierte die Hagedorn und klopfte entschlossen an seine schwere Eichentür. Sie konnte es förmlich spüren wie die Hagedorn hinter ihr zu platzen drohte. Soll sie, dachte Jasmina, dann wird hier das Arbeitsklima deutlich besser.
Nach einem lauten „Herein“ betrat Jasmina selbstbewusst das Büro und schloss die Tür hinter sich. Sie war nicht überrascht, dass auch Mertens und von Stetten, die Partner, anwesend waren. Also hatte die Hagedorn ihrem Chef gesagt, dass sie ihn sprechen wollte. Der Grund lag auf der Hand. Thomas Hagen erhob sich aus seinem Ledersessel und deutete auf den letzten, noch freien Sessel. Mertens und von Stetten nickten ihr zu, blieben aber sitzen.
„Frau Behrens, bitte setzen sie sich zu uns. Ich kann wohl davon ausgehen, dass sie uns etwas mitteilen wollen. Ich will voranstellen, dass unsere Forderung kaum zu erfüllen ist und verstehe, wenn sie sich außerstande sehen diese zu erfüllen. Sie müssen sich auch nicht schämen oder sich vorwerfen versagt zu haben, überhaupt nicht, wir schätzen sie auch weiterhin als fleißige Mitarbeiterin in unserer Kanzlei.“
Mertens nickte verständnisvoll und von Stetten setzte sein überhebliches und abwertendes Grinsen auf, hatte er doch gleich gewusst, dass sie kneifen würde.
Jasmina, blieb stehen und schaute von Hagen zu den beiden Partnern und wieder zu Hagen, „Herr Hagen, meine Herren, ich möchte mich an dieser Stelle nochmals für ihr tiefes Vertrauen in meine Fähigkeiten bedanken und weiß, was es bedeutet solch ein Angebot zu erhalten! Ich möchte ihnen….“
„Meine Güte,“ unterbrach sie von Stetten gereizt. „Nun machen sie schon, wir haben nicht ewig Zeit. Sagen sie einfach „Nein“ und gehen dann wieder husch, husch in ihr Büro.“
Hagen zog seine rechte Augenbraue hoch und betrachtete von Stetten missbilligend. Mertens schaute nur auf seine manikürten Finger.
„Herr von Stetten ich würde es begrüßen, wenn sie mich ausreden lassen ohne mich zu unterbrechen. Ich kann mich nicht erinnern, ihnen jemals so respektlos gegenüber getreten zu sein!“ Vom Stetten bekam einen roten Kopf und stand kurz vor einem Wutanfall, den Hagen aber mit einer energischen Handbewegung unterband.
Jasmina nickte Hagen dankbar zu, atmete tief durch und beendete ihren begonnenen Satz, „Ich möchte ihnen mitteilen, dass ich ihr Angebot gerne annehme, und mich auf eine Zusammenarbeit mit ihnen freue.“
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen an dem man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Hagens Starre fiel als erste ab, „Das ist großartig Frau Behrens, ich hatte gehofft, dass sie sich so entscheiden würden. Ich bin froh, dass ich mich nicht in ihnen getäuscht habe!“ Er trat auf sie zu und schüttelte ihr herzlich die Hand. „Verzeihen sie, dass es gerade zu atmosphärischen Störungen gekommen ist. Im Moment sind alle Nerven etwas angespannt, nicht wahr Herr von Stetten?“
Von Stetten grummelte irgendetwas, was sich nicht unbedingt nach einer Entschuldigung angehört hatte, erhob sich aber aus seinem Sessel und gab Jasmina widerwillig die Hand. Mertens folgte dem Beispiel mit einem Lächeln und etwas freundlicher.
„Frau Behrens,“ Hagen übernahm wieder die Regie, „ich werde Frau Hagedorn anweisen alle notwendigen Papiere vorzubereiten und sie mir alsbald vorzulegen. Für sie bedeutet das eine sofortige Junior-Partnerschaft bis ab heute 365 Tage verstrichen sind, sie werden ein anderes, größeres Büro beziehen, ihr Gehalt wird an dies Partnerschaft angeglichen, es wird für sie ein Spesenkonto eingerichtet und sie erhalten einen adäquaten Firmenwagen. Ich hoffe sie haben einen gültigen Führerschein,“ lachte Hagen. „Die Vertragsunterzeichnung erfolgt zeitnah! Sollten sie uns in dem einen Jahr überzeugen, steht einer Partnerschaft nichts im Wege!“
Jasmina spürte, wie nach und nach die Anspannung von ihr abfiel und sich eine zufriedene Erleichterung in ihr ausbreitete. Der erste Schritt war getan, alle weiteren werden in den kommenden Monaten folgen, sofern Sabrisse und die Schwesternschaft ihre Versprechungen einhalten. Sie vertraute darauf. Vielleicht erfährt sie ja am Abend mehr.
Als sich Jasmina bei Hagen bedankte, drehte sich von Stetten hüstelnd zum Fenster und versuchte seine Abneigung gegen sie und einer möglichen Partnerschaft zu überspielen. Niemanden in diesem Büro blieb sie verborgen.
Etwas zögerlich aber dennoch ehrlich wünschte Mertens ihr alles Gute und viel Erfolg bei der „Jagd“ auf neue Mandanten, damit sie ihr Ziel erreichen möge. Allerdings sollte sie die Bezeichnung „Jagd“ nicht allzu wörtlich nehmen.
Nach ein paar Minuten der mehr oder weniger zwanglosen Unterhaltung wies Thomas Hagen darauf hin, dass er am Nachmittag noch einen Termin mit einem neuen Mandaten hätte und er die Runde nun leider auflösen müsste. Als Jasmina an dem massiven Eichenschreibtisch von Hagen vorbeiging, bemerkte sie, dass das rote Lämpchen der Gegensprechanlage brannte. Das würde bedeuten, dass die Hagedorn alles mitbekommen hat, was in diesem Raum besprochen wurde. Entweder hatte Hagen vergessen die Anlage auszuschalten, oder die Hagedorn hat sie vor der Zusammenkunft heimlich eingeschaltet. Wie auch immer, sie muss künftig aufpassen, wem sie trauen kann oder nicht.
Als sie gemeinsam mit Steffen Mertens durch das Vorzimmer ging spürte sie die stechenden Blicke der Sekretärin wie giftige Pfeile in ihrem Rücken. Es gab also zwei Personen in dieser Kanzlei, die ihr nicht wohlgesonnen waren. Sie wird sich in Acht nehmen müssen.
Astrid Wagner, ihre Anwaltsgehilfin, wartete schon ganz aufgeregt auf ihre Rückkehr und stürzte sich sofort auf Jasmina, als sie ihren Raum betrat, „Na, wie war es,“ wollte Astrid wissen. „Was haben die alten Säcke gesagt?“ Über ihre Worte erschrocken schaute sich Astrid um, um sicherzustellen, dass niemand ihre Worte gehört hat. „Nun erzähl schon und hör auf so zu grinsen!“
„Tja, wir müssen leider umziehen,“ schmunzelte sie und zuckte mit den Schultern. „Als Junior-Partnerin steht mir ein größeres Büro zu und du wirst mich begleiten müssen!“
„Echt jetzt, das ist ja unglaublich! Ich kann es gar nicht fassen, dass unsere Chefs über ihre Schatten gesprungen sind und der Jugend diese Möglichkeit bietet. Wahnsinn, Ich freue mich für dich!“
„Ja danke, ich habe auch nicht unbedingt damit gerechnet, allerdings muss ich eine gewaltige Hürde nehmen, um eine echte Partnerschaft zu erhalten. Aber da mache ich mir später Gedanken drüber, jetzt muss ich erstmal alles sacken lassen. Jetzt muss ich die ersten Schritte im Jetzt planen und mir überlegen, wie ich am besten vorgehe. Ich ziehe mich mal ins Büro zurück und schreibe eine Agenda für die nächsten Wochen, besser noch Monate. Sorgst du bitte dafür, dass ich nicht gestört werde.“
„Na klar, ich sorge für deine Ruhe!“
„Ach, bevor ich es vergesse, heute mache ich etwas früher Schluss, so gegen 16:30 Uhr. Wenn du also was vorhast, dann kannst du auch eher gehen, okay.“
„Prima danke!“
Von der Lindenkirche ertönten zwei Glockenschläge als Jasmina die Kanzlei verließ, es war 16:30 Uhr. Sie schaute etwas traurig auf ihr altes Fahrrad, wusste sie doch, dass es eine der letzten Fahrten mit dem Drahtesel sein wird. Demnächst wird sie mit einem Auto, einem adäquaten Fahrzeug, fahren und einen Parkplatz im Hof hinter dem Haus haben. In ihrer Freizeit aber, das nahm sie sich vor, will sie weiterhin mit dem Fahrrad fahren. Zumindest meistens!
Als sie in ihrer Wohnung ankam, war es 16:45 Uhr, sie hatte bis zu dem Treffen noch eine gute Stunde Zeit. Jasmina entledigte sich ihrer Businesskleidung und suchte sich ein paar legere Sachen aus, die sie später anziehen würde. Jeans, Bluse und ein Paar Sneaker sollten okay sein. Für Untendrunter legte sie ein Stringtanga aus zarter Mikrofaser dazu. Bevor sie ins Bad ging schaltete Jasmina die Stereoanlage ein und über die hohen Boxen erklang „fuck what happens tonight“ von Montana. Wie passend dachte sie und stieg in die Dusche, ohne weiter auf den Text zu achten, in dem es um Dunkelheit und Gewalt auf der Straße, um Rache und um den Tod ging. Zehn Songs später hatte sie geduscht, die Haare geföhnt und ein dezentes Make-Up aufgetragen. Sie war fertig. Die enge Jeans passte perfekt und die Bluse legte sich locker über ihren Körper. Es konnte losgehen.
Fünf Minuten vor der Zeit erreichte Jasmina den Eingang zum Park, schon aus einiger Entfernung erblickte sie Sabrisse, die auf einer Bank unter einer großen Platane saß und mit ihrem Smartphone beschäftigt war. Jasmina fragte sich, ob Hexen für ihre Kommunikation untereinander überhaupt ein Telefon benötigen oder geschieht das irgendwie mit Telepathie, mit Telekinetik oder Telesonstwas? Egal, vielleicht daddelt sie ja auch nur. Kurz bevor Jasmina sie erreichte, stand Sabrisse auf, verstaute das Smartphone in ihrer Gesäßtasche und kam ihr ein paar Schritte entgegen. „Hast du mich gesehen,“ fragte Jasmina erstaunt. Sabrisse war aufgestanden ohne zu ihr hingeschaut zu haben.
„Hallo Jasmina, nein, habe ich nicht. Ich habe dich gespürt und wusste, dass du gleich da sein würdest. Wir haben wohl etwas Verbindendes,“ antwortete Sabrisse lächelnd.
„Hat das was mit Hexenmagie zu tun,“ fragte Jasmina flüsternd.
„Nee,“ lachte Sabrisse, „eher mit Zuneigung!“
„Oh, auch nicht schlecht,“ gluckste Jasmina etwas verlegen und schaute sich um. „Okay, aber nun sag mal, wo soll ich eure Clanchefin treffen, doch bestimmt nicht hier im Park, oder?“
„Nein, nicht hier, unsere Clanmutter erwartet dich in unserem Sanctum, es ist nicht weit von hier und wird dir bestimmt bekannt vorkommen,“ erklärte Sabrisse, hakte sich bei Jasmina unter und führte sie vom Park weg in die angrenzende Parkstraße.
Vor dem Anwesen mit der Hausnummer 1 blieb Sabrisse stehen, „Hab ich nicht gesagt, es wird dir bekannt vorkommen, das ist unser Sanctum, unser Rückzugsort, unser Refugium. Es ist doch noch gar nicht so lange her, dass du das letzte Mal hier warst.“
„Daran musst du mich nicht erinnern,“ reagierte Jasmina unwirsch. „Eigentlich hatte ich nicht vor, dieses Haus nochmal zu betreten oder Vera Winterstein zu begegnen.“
„Das Haus betreten ja, Winterstein begegnen nein,“ erwiderte Sabrisse. „Die Schwesternschaft konnte sie davon überzeugen, uns das ganze Anwesen günstig zu verkaufen und in die Schweiz zu ziehen, wo sie ein sehr nettes Chalet bezogen hat. Ich habe gehört, dass sie gerade dabei ist, wieder ein Netzwerk von freizügigen Partyfreunden aufzubauen. Wir wünschen ihr viel Erfolg.“
„Was sonst,“ grunzte Jasmina.
„Was du jetzt siehst, ist das was alle hier Vorbeigehende sehen, sehen sollen. Das vornehme Anwesen der Wintersteins! Das ist aber nicht des Pudels Kern, weil….“
„Jetzt komm mir bitte nicht mit Goethes „Faust“, das passt gerade nicht so recht. Obwohl Mephisto hat ja auch etwas Dämonenhaftes in dem er die negativen triebgesteuerten Seiten der Menschen verkörpert. Er repräsentiert den unmoralischen Teil der Menschen und reduziert ihre Natur auf ihre animalischen Instinkte.“ Sabrisse schaute sie irritiert an und schüttelte den Kopf. „Pardon, ich bin ein wenig in die Germanistik abgerutscht. Bitte, erzähl weiter.“
Sabrisse musste sich ein Grinsen verkneifen und begann nochmal, „Wie du weißt, sind wir in der Lage über jeden und alles ein Schild zu legen, der verhindern soll, dass das sichtbar wird, was sich tatsächlich hinter den alten Mauern befindet. Unser Sanctum! Der Ort, an dem wir uns treffen, der uns Schutz bietet und an dem wir unsere jahrhundertalte Traditionen pflegen können. Hier hat auch Selina ihr eigenes kleines Reich, ihr Zuhause. Wir betreten jetzt das Gelände durch den Schild und sind dann von der Außenwelt abgeschnitten.“
„Und hier werde ich also Selina treffen und mit ihr reden. Was passiert dann? Was, wenn sie mit mir nicht einverstanden ist?“
„Das schließe ich aus, wenn sie das wäre, würdest du nicht mit ihr sprechen dürfen. Ich glaube sogar, dass sie sehr an dir interessiert ist. Wir, Aliya und ich, mussten ihr alles berichten, was wir über dich wissen.“
„Über alles,“ fragte Jasmina erschrocken und musste an die gemeinsame Nacht denken. „Auch über mein Blut und wie du daran gekommen bist?“
„Das wollte Selina ganz ausführlich berichtet haben,“ lachte Sabrisse, „sie freut sich schon, dich kennenzulernen!“
„Toll, was soll sie nun von mir denken? Dass ich eine sexbesessene Frau bin, die mit den erstbesten dahergelaufenen Hexen ins Bett hüpft,“ prustete Jasmina. „Das wird ja was geben.“
Sabrisse legte einen Arm um Jasminas Schulter, öffnete das schmiedeeiserne Tor und sie durchschritten den Schild.
Nachdem sie das Gelände betreten hatten, spürte Jasmina wieder die Wärme in ihrem Körper, verbunden mit einem Kribbeln, das sie von einer elektrostatischen Entladung kennt. Nicht ganz so stark aber etwas länger spürbar. Die Wärme hatte sie ja bereits gefühlt, als sie mit Sabrisse und Aliya zusammen war. Nur glaubte Jasmina da, dass diese Wärme eine andere Ursache hatte. Nach ein paar Schritten auf dem Kies der Auffahrt schwächte sich das Kribbeln ab, bis es gänzlich verschwunden war. Möglicherweise eine Reaktion auf den Schutzschild, auf die damit verbundene Magie überlegte Jasmina, als sie sich dem herrschaftlichen Gebäude näherten. Hinter den großen Fenster, die nur teilweise durch dunkelrote Vorhänge verdeckt waren, erkannte Jasmina Bewegungen. Offensichtlich war die Clanmutter nicht alleine in diesem riesigen Haus. Als sie auf die massive Eingangstür zukamen, bemerkte Jasmina eine Neuerung, die Tür besaß nun ein solides Schloss, das von einem biometrischen Gerät bewacht wurde. Wie als Bestätigung stellte sich Sabrisse vor das Gerät und legt ihren rechten Zeigefinger auf einen kleinen Scanner, ein grünliches Licht leuchtet auf und ihr Fingerprint wird gescannt. Nachdem das Licht erlosch, klackte es laut und vernehmlich im Schloss der Tür und sie öffnete sich einen Spalt.
„Du gehörst nun zu den ganz wenigen Nichthexen, die unser Sanctum betreten dürfen,“ wandte sich Sabrisse an Jasmina und deutete an, ihr zu folgen. „Selina hat ihre ausdrückliche Erlaubnis erteilt.“ An der repräsentativen Eingangshalle hatte sich an der Größe nichts verändert, an der Ausstattung aber so ziemlich alles. Das spürte Jasmina bereits unter ihren Füßen, dort wo früher helle Marmorfliesen den Boden bedeckten, lag jetzt weiche Auslegware in der Farbe zerquetschter Brombeeren, nicht ganz schwarz aber auch nicht ganz rot, eher etwas dazwischen. Sie hatte die Farbe eine guten Bordeauxweines. Dort, wo einst Gemälde alter Meister an der Wand hingen, zeigten sich jetzt Tafeln mit Schriftzeichen, die Jasmina noch nie gesehen hat. Zwischen den beiden Treppenaufgängen stand ein stabiler, halbrunder Schreibtisch, der Platz für drei Monitore bot und dessen Arbeitsfläche sich zwei junge Frauen teilten, deren Finger flink über Computertastaturen hinweg flogen. Dabei beobachteten sie aufmerksam ihre 32 Zoll Monitore. Neben dem Schreibtisch stand ein professioneller WLAN-Multifunktionsdrucker mit allem Schnickschnack. Leise Hintergrundmusik schaffte eine angenehme Atmosphäre. Einzig der schwere Kristall-Kronenleuchter, der besser in das Schloss von Versailles gepasst hätte, hing noch, gehalten von zwei massiven Stahlhaken, unter der Decken. Die jungen Frauen hoben kurz den Kopf, nickten Sabrisse zu und widmeten sich sofort wieder ihrer Arbeit, worin die bestand, konnte Jasmina nicht erkennen. Sabrisse wies auf den breiten Gang, der in die hinteren Bereiche des Hauses führte und steuerte darauf zu. „Selina hat ihre Räumlichkeiten am Ende des Ganges, sie bestand darauf, dich nach der Ankunft sofort zu sehen.“
Jasmina nickte leicht beklommen und folgte Sabrisse in den langen Gang, an dessen Ende sie eine dunkle Tür auf sie wartete. Auch in diesem Gang, von dem mehrere Räume abgingen, war der Boden mit dem weichen Teppich ausgelegt, der ihre Schritte förmlich verschluckte. An manchen Räume, an denen sie vorbeigingen, waren die Türen nur angelehnt, sodass Jasmina kleine Ausschnitte der Zimmer sehen konnte. Sie erkannte hohe Regale, in denen unterschiedlich große Kartons standen, die gerade von Frauen mit kleinen Fläschchen befüllt wurden. Auch sah sie Frauen in weißen Kitteln, die wie in einem Labor mit verschiedenen Flüssigkeiten und Anderen Substanzen hantierten.
Sabrisse, die Jasminas neugierige Blicke bemerkt hatte, tat die Arbeiten in den Räumen mit ein paar knappen Worten ab. „Hier werden nur Mittelchen hergestellt, die uns manchmal nützlich sein können.“
„Nützlich, aha, und wobei?“ Jasmina blieb fast stehen und wartete auf eine Antwort.
„Komm,“ drängte Sabrisse, „wir wollen Selina doch nicht warten lassen! Alles andere erfährst du schon noch.“
Als sie sich dem Ende des Ganges näherten, wurde aus der dunklen Tür eine Holztür in einer tief violetten Farbe, eine Mischung aus blau und rot. Die Farbe erinnerte Jasmina an Pflaumen. Kurz bevor sie Tür erreichten, öffnete sie sich und wurde von einer jugendlich aussehenden Frau mit kurzen blonden Haaren und einem ausdruckslosen Gesicht aufgehalten. Sabrisse blieb kurz stehen, atmete tief durch und gab Jasmina ein Zeichen einzutreten. Wie tritt man einer Oberhexe gegenüber überlegte Jasmina und machte ein paar Schritte in den Raum hinein und blieb dann stehen. Sie hörte wie hinter ihr die Tür geschlossen wurde, Sabrisse und die Blonde waren nicht mehr da. Mit dem Rücken zu ihr stand eine groß gewachsene Frau mit langen schwarzen Haaren, die ihr offen weit über die Schultern reichten, vor einer breiten Fensterfront und schaute in den weitläufigen Garten. Jasmina konnte von der Tür aus nicht erkennen, was die Aufmerksamkeit der Frau erregt hatte. Geduldig wartete sie darauf, angesprochen zu werden und nutzte den Moment, um sich in dem großen Raum umzusehen. Er war in einem warmen Braunton gehalten und strahlte eine Ruhe und Gemütlichkeit aus. Auf der rechten Seite befanden sich mehre Bücherregale, die bis fast unter die Decke reichten und bis auf die letzte Lücke mit überwiegend alt aussehenden Büchern, Schriftrollen und Mappen gefüllt waren. Die gegenüberliegende Seite wurde von einem gemauerten Kamin dominiert, der fast die Hälfte der Wand einnahm. So wie er aussah, war er schon lange nicht mehr benutzt worden. Vor dem Kamin stand eine bequem aussehende Ledercouch, die die typische Patina von sehr langer Nutzung angenommen hatte. Davor stand ein flacher Tisch aus groben Buchenholz, dem man sein Alter auch ansehen konnte. Flankiert wurden Couch und Tisch von zwei schweren Sesseln, ebenfalls aus Leder. In der Mitte des Raumes stand ein breiter Esstisch aus geschwungenen Baumkanten einer Eiche, um dem zehn Holzstühle mit Sitzkissen standen. Jasmina war beeindruckt und hätte fast beim Betrachten des Raumes die Frau am Fenster vergessen.
Langsam drehte sich die Frau um und betrachtete Jasmina aus ungewöhnlich hellblauen Augen. War die Kombination aus schwarzen Haaren und blauen Augen schon ungewöhnlich, dann war das Gesicht faszinierend schön. Hohe Wangenknochen, eine gerade Nase und gleichmäßige Gesichtszüge gaben ihr ein etwas aristokratisches Aussehen. Der Blick war offen und freundlich. Ihre Figur war atemberaubend und wurde durch eine sich über den verlängerten Rücken spannende braunen Leinenhose und einer locker sitzenden beigefarbenen Bluse umschmeichelt. Passend zu der braunen Hose trug die Clanmutter weiße Sneaker, was ihren Look lässig aussehen ließ. Eine wunderschöne Frau, dachte Jasmina, und das mit in einem Alter von vermutlich mehreren hundert Jahren! Ist das ein Fluch oder ein Segen immer jung und attraktiv auszusehen, überlegte Jasmina, ohne sich die Frage beantworten zu können.
„Bitte, treten sie doch näher, Jasmina. Ich darf sie doch Jasmina nennen?“ Ihre Stimme war melodisch und hatte einen freundlichen Ton.
Jasmina ging in den Raum hinein und blieb in höflicher Distanz zu der betörenden Hexe stehen.
„Sie können mich gerne Jasmina nennen, wenn sie mir verraten, wie ich sie ansprechen darf,“ antwortete Jasmina freundlich und selbstbewusst.
Ein amüsiertes Lächeln umspielte den Mund der Clanmutter als sie antwortete, „Einfach Selina, so, wie mich hier alle anreden,“ erklärte sie und betrachtete Jasmina interessiert. Ohne ein weiteres Wort wanderte ihr Blick abschätzend über Jasminas Körper, verharrte etwas länger an den besonders weiblichen Konturen und wandte sich dann wieder dem Fenster zu.
„Ist das von hier nicht ein schöner Blick in den Garten? Sie kennen ja die Aussicht wie ich hörte.“
Was sie nicht alles gehört hat denkt sich Jasmina und trat etwas dichter an das große Fenster heran, „Die Aussicht ist in der Tat sehr schön, allerdings kenne ich sie nicht, da ich noch nie in diesem Raum war.“
„Gut lassen wir diese Spitzfindigkeiten,“ erwiderte Selina amüsiert, „mir scheint, dass da die Juristin in ihnen zum Vorschein kommt. Das ist sehr gut, denn wir benötigen eine versierte Anwältin, die uns in juristischen Dingen helfen und unterstützen kann. Sabrisse sagte mir, dass sie das ihnen gegenüber bereits erwähnt hat.“ Jasmina nickte bestätigend. „Sie arbeiten in einer Kanzlei für Wirtschaftsrecht und haben sich auf diesem Gebiet in relativ kurzer Zeit einen Namen gemacht. Deshalb sind wir auf sie aufmerksam geworden und haben uns, ich bin ganz ehrlich, Hintergrundinformationen zu ihnen beschafft.“
Jasmina zackte zusammen und schnaufte verärgert.
„Nichts Dramatisches,“ beruhigte Selina sie, „wir haben nur auf offen zugängliche Informationen zurückgegriffen, auf all das, was man in den Medien finden kann oder auch in juristischen Magazinen, in denen sie ihr Fachwissen bewiesen haben. Dass sie ihr Studium im Schnelldurchgang mit summa cumme laude abgeschlossen haben ist ja auch kein Geheimnis. Ich muss sagen, ich war beim Lesen ihres Dossiers sehr beeindruckt. Deswegen steht das Thema Jurisprudenz auf der Agenda unserer heutigen Unterhaltung ganz oben. Sabrisse hatte mir berichtet, dass sie über das Geschäftsfeld unserer möglichen Zusammenarbeit bereits informiert sind, zumindest im groben Rahmen.“
„Wir hatten die Möglichkeit, darüber zu sprechen, ja, ich bin informiert,“ bestätigte Jasmina. „Allerdings müsste das noch genauer definiert werden, bevor ich mich auf dieses Miteinander einlasse. Was sich für mich abzeichnet, ist eine „Win-Win-Situation“, über die ich nachdenken werde. Nicht ganz unwichtig wäre auch der zeitliche Rahmen, der für die Zusammenarbeit gesteckt werden soll.“
Selina wandte sich nun komplett Jasmina zu und schaute sie mit diesen ungewöhnlich blauen Augen durchdringend an. Jasmina hatte das Gefühl, als wenn sie gescannt, durchleuchtet würde und Selina in ihr Innerstes blicken könnte. Nichts passierte, Selina stand nur da, atmete tief durch die Nase ein, fast so als wenn sie schnüffeln würde. Dann löste sie ihren Blick und entspannte sich, „Sie haben vollkommen recht, die Bedingungen müssen noch genau besprochen werden. Wie lange die Zusammenarbeit dauern soll, ist abhängig von Punkt zwei auf meiner Agenda. Ihre juristischen Fähigkeiten stehen außer Frage, was mich aber sehr interessiert ist ihre Abstammung, ihre Herkunft! Wie mir zugetragen wurde, gibt es diesbezüglich unbestätigte Vermutungen, die einer genauere Überprüfung bedürfen.“
„Was hat meine biologische Abstammung mit der Dauer unseres Arrangements zu tun? Ich hatte bereits Sabrisse gegenüber geäußert, dass ich adoptiert wurde und meine leiblichen Eltern nicht kenne. Wie also sollte eine „genauere Überprüfung“ stattfinden?“ Auch wenn sie sich genervt zeigte, war Jasmina innerlich doch ein wenig neugierig geworden und hätte schon gerne eine Antwort auf diese Frage. Wie als eine Art Bestätigung fühlte sie wieder diese innere Wärme, die nun intensiver durch ihren Körper pulsiert und schon beim Betreten des Raumes deutlich zu spüren war.
„Nun, diese Überprüfung hat nichts mit medizinischen Tests oder dem Ausfüllen von diversen Fragebögen zu tun,“ beruhigt Salina sie. „Wir verlassen uns hierbei auf unsere Möglichkeiten, die außerhalb der menschlichen Schulmedizin liegt. Das Einzige was wir benötigen ist ein kleiner Tropfen ihres kostbaren Blutes und unsere Magie! Mitunter reicht schon der Duft oder etwas Körperflüssigkeit, wie Schweiß, Speichel oder Intimeres aus, um ein Wesen zu identifizieren oder einer Gattung zuzuordnen,“ sprach Selina weiter und blieb vor Jasmina stehen. „Wenn sie mir erlauben sie zu berühren, können wir hier und jetzt mit der Überprüfung beginnen.“
Jasmina fühlte sich überrumpelt, sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Oberhexe so schnell Klarheit über ihre Abstammung schaffen wollte, sie zögerte! Sie schaute hoch in das schöne Gesicht, in die vertrauensvoll blickenden Augen, überlegte kurz und nickte.
„Tuen Sie was nötig ist, um dieses Abstammungsgeheimnis zu lösen. Nur bin ich mir nicht sicher, ob dadurch nicht andere Probleme auftauchen werden. Muss ich irgendetwas tun oder nicht tun während dieser Prozedur?“
„Nein, außer mir zu vertrauen, nichts!“ Selina zeigte auf den Stuhl am Esstisch, der ihnen am nächsten stand und bedeutete Jasmina dort Platz zu nehmen.
Jasmina setzte sich hin und wartete mit geschlossenen Augen auf das was geschehen sollte. Selina trat hinter den Stuhl, beugte sich zu ihr runter und nahm ihren Duft auf, ihre Nase berührte sanft Jasminas Hals, ihre Halsbeuge und den Ansatz ihrer Schulter. Selinas warmer Atem wanderte über ihre Haut, hüllte sie ein und verursachte in ihr einen angenehmen Schauer. Dann spürte Jasmina den Atem wieder an ihrem Hals, ihre Härchen stellten sich auf, als Selina mit der Zunge über den Hals bis zum Ohr fuhr und über ihr Ohrläppchen leckte. Was ist das für eine seltsame Überprüfung, fragte sich Jasmina, ist das eine Zärtlichkeit oder die Aufnahme von Schweiß? Egal, es war angenehm und sie ließ es zu. Als Selina dann ihre Hände auf Jasminas Schultern legte und ihre Wärme in sie eindrang, spürte sie diese nicht nur in den Schultern, sondern in ihrem ganzen Körper. Die Hände bewegten sich leicht hin und her, fast wie eine entspannende Massage, wobei Selinas Fingerspitzen gefährlich dicht an den Ansatz ihrer Brüste reichten. Oh Gott, stöhnte sie innerlich auf, als sich ihre Brustwarzen verhärteten und sich aufrichteten. Das darf doch nicht wahr sein! Wenn die Untersuchung noch länger dauert, werde ich richtig wuschig.
Als sich Selina wieder aufrichtete und ihre Zunge nicht mehr über ihren Hals leckte, atmete Jasmina erleichtert auf. Hoffentlich war’s das dachte sie, obwohl ihr die Berührungen nicht so unangenehm waren, wie sie hätten sein können. Selinas Hände ruhten zur Hälfte noch immer auf ihrer Schulter, während die Fingerspitzen erneut über empfindliche Bereiche strichen. Jasmina bekam eine Gänsehaut während eine pulsierende Welle langsam durch ihren Körper rollte. Sie presste die Lippen aufeinander, um ein verräterisches Schnaufen zu unterdrücken.
„Ich spüre eine unterdrückte Energie in ihnen, die daran gehindert wird, sich zu entfalten. Sie müssen sich entspannen, sich fallen lassen und tief in sich hineinhorchen. Was immer geschieht, lasen sie es zu!“
Jasmina rollte hinter den geschlossenen Lidern mit ihren Augen, es zulassen, sich fallen lassen! Meine Güte, was glaubt sie, was passiert, wenn ich mich entspannt fallen lasse und dabei in mich hineinhorche. Du machst gar nichts, schilt sie sich, du bleibst einfach ruhig sitzen.
„Ich werde jetzt Magie einsetzen und diese durch ihren Körper fließen lassen, um hinter das Geheimnis ihrer Abstammung zu gelangen. Außer dass ihnen dabei warm wird und die Magie sich pulsierend durch ihren Körper bewegt, wird nichts passieren. Sie werden keinen Schmerz oder irgendetwas Unangenehmes empfinden. Vielleicht sollten sie die Augen wieder schließen, es kann sein, dass es sehr hell wird. Wollen wir anfangen?“
Der Gedanke an Hexenmagie in ihrem Körper behagte Jasmina nicht so sehr, wer weiß schon so genau, was trotz aller Versprechen passieren könnte. Geht es denn nicht anders? „Okay, ich bin bereit und hoffe, dass wir anschließend schlauer sind! Fangen sie an!“
„Sobald ich meine Hände auf ihren Kopf gelegt habe, fließt die Energie.“
„Mmh!“
Im selben Moment, als Selinas Hände den Kopf von Jasmina berührt hatten und sich um ihn formten, schoss ein gleißend helles Licht aus ihnen heraus und umspannte Jasminas Körper wie ein Kokon. Was nicht sichtbar war, war die Kraft der Magie, die nun durch ihren Körper in die entlegensten Bereiche kroch und nach Spuren suchte, die Antworten über Jasminas Abstammung geben könnten.
Selina zitterte am ganzen Körper, sie hatte Mühe ihre Hände um Jasminas Kopf geschlossen zu halten, Schweißperlen erschienen auf ihrer Stirn und ihrem verzerrten Gesicht sah man die Anstrengung dieser Prozedur an.
Jasmina spürte wie sich die Magie in ihr ausbreitete, fühlte die zunehmende Wärme und das Pulsieren in jedem Winkel ihres Körpers. Es war als wenn ein unwirkliches Etwas suchend in ihr hin und her kroch.
Dann war es weg, von einem Moment auf den anderen verlor sich die Wärme, das Pulsieren und der Lichtschein vor ihren geschlossenen Augen. Sie fühlte sich auf gewisse Weise sehr wohl und erholt. Sie öffnete die Augen und sah sich um. Auf einem Stuhl neben ihr saß Selina, schweigend in sich versunken und offensichtlich erschöpft. Die magische Untersuchung schien Kraft gekostet zu haben, für den Moment wirkte sie so, als wenn ihrem Körper Energie entzogen worden wäre und sie Zeit benötigte, um sich zu erholen. Jasmina blieb sitzen und beobachtete die Clanmutter, die mit geschlossenen Augen auf ihrem Stuhl saß. Augenblicke später stand sie auf, schaute Jasmina an und lächelte, „Ich musste sehr weit in die Tiefen deines Ich eintauchen, um Spuren deiner Herkunft und der daraus resultierenden aber verkümmerten Magie zu finden,“ erklärte Selina ihre Erschöpfung. „Aber es war richtig, sich dermaßen zu verausgaben! Was ich entdeckt habe, ist unglaublich und wird dich vollkommen verwirren.“ Selina machte eine Pause, holte tief Luft, dann ergriff sie Jasminas Hände und half ihr aufzustehen. „Du wirst dich bestimmt schon wundern, warum ich von dem formellen Sie zu dem vertrauten Du übergegangen bin. Du trägst Merkmale zweier Wesen in dir, eines stärker, das andere etwas schwächer ausgeprägt.“
Jasmina schaute Selina mit weit aufgerissenen Augen an, ihre Knie gaben nach und sie drohte umzufallen. Schnell packte Selina sie an den Schultern, hielt sie fest und zog sie sachte an sich. Jasmina zuckte zusammen, als sie bei dem Kontakt die pulsierende Wärme spürte, die von Selina ausging und sie umhüllte. „Was heißt das, ich trage Merkmale zweier Wesen in mir. Bin ich anormal, bin ich nicht mehr ich, was bin ich,“ fragte Jasmina panisch und schnappte nach Luft. „Magie, zwei Wesen, Merkmale! Ich verstehe das alles nicht! Was ist mit mir, wieso wird mir so warm und weshalb duzen wir uns jetzt?“
„Das zu erklären ist nicht ganz einfach, es fängt mit deiner Geburt an, naja, eigentlich aber mit deiner Zeugung. Deine wirklichen Eltern sind keine menschlichen Wesen.“ Jasmina zuckt wie unter einem Peitschenhieb zusammen. „Von deinem Vater besitzt du die stärkeren, von deiner Mutter die schwächeren Gene. Du bist das Kind eines Fey und einer Hybrid-Hexe, einer Halb-Hexe. Du bist eine von uns! Daher auch die Magie, die ich in dir festgestellt habe! Und deshalb duze ich dich.“
„Nein, nein, nein, was erzählst du da für ein Scheiß! Das kann doch gar nicht sein, ich bin Jasmina Behrens und das schon seit dreißig Jahren. Ich bin weder eine Hexe, noch bin ich so eine Fey oder sonst was! Ich bin eine ganz normale Frau und muss gleich kotzen! Ich muss mich hinlegen. Ich, ich… mir fällt nichts ein, mir fehlen die richtigen Worte. Mir ist so heiß, ich verbrenne! Scheiße!“
Selina nahm Jasmina in den Arm, zog sie an sich und schwieg. Sie strich ihr über das Haar und spürte wie Jasmina schluchzte, wie ihr Körper zitterte. Ihre Bluse fing Jasminas Tränen auf.
Langsam beruhigte sich Jasmina wieder, versuchte ihr Atmen zu kontrollieren und ihre Tränen zu unterdrücken. Nach all dem, was Selina ihr gesagt und offenbart hatte, fühlte sie sich überrollt, fühlte sich in ein Universum gestoßen, das sie nicht verstand. Vorsichtig entzog sie sich der mitfühlenden Umarmung und schaute Selina aus geröteten Augen an, „Was bedeutet das jetzt alles für mich, wie soll ich oder muss ich mit dieser Erkenntnis umgehen? Bin ich nicht mehr ich, so wie ich es noch vor einer Stunde war. Ändert sich jetzt mein ganzes Leben, bin ich kein Mensch mehr? Kannst du mir erklären was jetzt passiert?“
Selina lächelte aufmuntert, antwortete aber nicht sofort. Sie verstand die Sorgen die Jasmina in dem Moment umtrieben, verstand ihre Fragen und wusste, dass sie zu recht ehrliche Antworten verlangte. Sie hatte gesehen, welche Veranlagungen in Jasmina schlummerten, die Gabe, die über dreißig Jahre in ihr ruhte und die zum Leben erweckt werden könnte. Nicht von ihr aber von jemanden mit der Erleuchtung, von einer Person, die in der Lage sein muss die Magie, den Zauber, aufsteigen zu lassen und die vor allem führen und leiten kann. Jasmina benötigt Hilfe damit die Gabe sie nicht zerbricht. Und dann besteht noch ein viel größeres Problem, ihre Fey-Abstammung. Selina hatte bei der Untersuchung festgestellt, dass die Fey-Merkmale nicht nur stärker sind, sondern dass sie auch von einem Reinblüter stammen, von einem Fey, der nur magische Vorfahren hat und keine Menschen in seiner Abstammung vorweist. Solche Feys gehören der Führungsgilde an und sind äußerst mächtig. Die Hexen sind daher gezwungen mit den Feys Kontakt aufzunehmen und sie über Jasmina zu informieren. Wenn sie das nicht tun würden und es käme irgendwann raus, würde dies zu einer Auseinandersetzung, mit nicht abschätzbaren Konsequenzen für die Hexen, kommen.
„Es ist kompliziert,“ seufzt Selina. „Deine Fragen sind berechtigt und nachvollziehbar aber im Moment nicht eindeutig zu beantworten. Zu deiner Beruhigung, es wird dir nichts passieren, solange wir dein Geheimnis hüten, es verbergen können.“ Selina überlegte kurz, „Wir werden Idril fragen müssen, sie ist eine sehr alte und sehr weise Frau, die über enorme Magie verfügt und zu allem eine Antwort hat, sie wird uns helfen! Bestimmt kann sie auch feststellen wieviel Hexe in dir steckt. Ich vermute, dass deine Mutter keine reine Hexe war, sie muss eine Halb-Hexe sein, sonst würden ihre Merkmale in dir stärker ausgeprägter sein. Aber das werden wir noch alles erfahren, hoffe ich!“
„Bedeutet das, dass ich mehr Fey als Hexe bin und ich nicht mehr mein gewohntes Leben so leben kann, wie ich möchte? Und wer oder was sind Fey überhaupt?“
„Feys leben nicht in dieser Welt, sie sind Wesen mit übernatürliche Kräften, und sind nur über magische Portale zu erreichen, aber nur wenn sie das auch wollen. Es gibt männliche wie auch weibliche Feys die durch fremdartige, fast unheimliche Schönheit gekennzeichnet sind, obwohl sie in Menschengestalt etwas spitze Ohren haben. Sie können grausam aber auch gleichzeitig faszinierend und verführerisch sein. Ihr Verhalten ist mitunter moralisch zweifelhaft, was aber auch einen Reiz auf das jeweils andere Geschlecht ausübt. Ihre Magie ist grenzenlos und sie gelten als triebhaft.“ Selina machte eine kurze Pause und setzte sich wieder auf einen der vielen Stühle. „Wenn deine Magie erwacht, könnte sie dich zu einer Grenzgängerin machen, zu einer Frau, die sich sowohl in der einen, der menschlichen, wie auch in der anderen, der versteckten und übernatürlichen Welt, bewegen kann. In beiden Welten könntest du deine Gabe nutzen, sie einsetzen und stärken. Letztlich ist es deine Entscheidung. Wenn auch keine einfache!“
Jasmina ging ein paar Schritte hin und her, blieb kurz am Fenster stehen und sah, wie junge Hexen auf der großen Rasenfläche sich in Nahkampf übten oder mit Messer auf eine hölzerne Wand warfen, auf der verschiedene Figuren gezeichnet waren, die Jasmina aber nicht erkennen konnte. Warum trainieren die sowas, schoss es ihr durch den Kopf. Sie schüttelte nachdenklich den Kopf und wandte sich dann wieder Selina zu, „Wenn diese Ilel, Itel oder wie sie heißt so klug ist, dann lass uns doch zu ihr gehen und ich stelle ihr meine Fragen….!“
„Idril, die weise Frau heißt Idril und sie hält sich nicht in diesem Haus, nicht in dieser Stadt und auch nicht in diesem Land auf. Wir können also nicht mal so eben bei ihr vorbeischauen und Fragen stellen. Idril ist alt, sehr alt und sie hat sich bereits vor Jahrhunderten zurückgezogen und lebt in einem selbstgewählten Exil. Sie ist auch die einzige Hexe, der man das Alter ansieht. Wir Hexen verändern unser junges Aussehen erst, wenn wir über tausend Jahre alt sind. Dann beginnt auch die Sterblichkeit, die finale Phase unseres Lebens, sie kann sich über Jahre hinziehen. Niemand weiß so genau, wann er oder sie sterben wird. Nach dem Tod begeben sich unsere Seelen nach „Hainland“, ein Ort des Friedens und der Ruhe. Dort können sie sich von der Last des Lebens erholen und auf eine Reinkarnationen vorbereiten. So steht es im „Buch der Erleuchtung“, nach dem wir unser Leben ausrichten.“
„Dann sollten wir mit Idril reden, bevor ihre Seele „Hainland“ erreicht hat! Ich benötige Antworten! Es gibt doch einen Weg zu ihr, oder nicht?“ Mit einem flehentlichen Blick wartete Jasmina auf eine Reaktion.
Selina lässt sich mit der Antwort etwas Zeit, denkt nach, bevor sie antwortet, „Das ist nicht ganz so einfach wie ein Besuch in der Nachbarschaft und außerdem hat es Idril nicht so gerne, wenn sie einfach so überrascht wird. Dann kann sie, wenn sie übel gelaunt ist, schon sehr unleidlich werden. Die letzte unangemeldete Besucherin hatte sie für ein Jahr an einen Felsen gekettet und überließ sie den Krähen. Gut, dass die Unglückliche über genug Magie verfügte, um ihre Wunden jeden Tag aufs Neue heilen konnte.“
„Gut, dann schreiben wir ihr eben eine WhatsApp, eine SMS oder irgendwie in einer anderen Form eine Nachricht. Ist das denn nicht möglich? Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert!“
„Die Kommunikation unter uns Hexen sieht etwas anders aus als in eurer Welt. Wir schreiben keine Nachrichten, sondern senden einen alpha-numerischen Code, aus dem der Absender, der Adressat und der Grund der Verbindungsaufnahme hervorgeht, vorausgesetzt man verfügt über einen Schlüssel, um den Code zu entschlüsseln. Die Antwort erfolgt ebenso. Auf diese Art und Weise verhindern wir, dass andere Wesen, Kreaturen oder Menschen unsere weltweite Kommunikation ausspähen können. Wenn Idril mit uns sprechen möchte, dann nutzen wir ein Portal, um zu ihr zu gelangen.“
„Okay, dann nutzt ihr also ein Portal,“ hakte Jasmina zweifelnd nach und zog eine Augenbraue hoch. „Was soll das bedeuten, ein Portal nutzen? Was ist ein Portal?“
Selina zögerte einen Moment, erklärte dann aber, „Einfach ausgedrückt ist ein Portal eine Tür, durch die man geht um an einen anderen, möglicherweise weit entfernten Ort zu gelangen. Du benötigst dazu aber einen Zielcode, den du in ein Eingabefeld tippst. In unserem speziellen Fall muss uns Idril die Erlaubnis erteilen und den Code übermitteln. Aus Sicherheitsgründen wechselt sie ihn täglich, sie ist da sehr eigen.“
„Bedeutet das jetzt für mich, dass ich zunächst einmal nichts weiter über mich und meinen „Vorfahren“,“ Jasmina deutet mit den Händen Anführungszeichen an, „erfahren werde? Wie lange kann es dauern, bis wir mit Idril reden können?“
„Das kann niemand genau beantworten, es kommt immer ganz darauf an, wie sie gelaunt ist und worum es sich handelt. Ich vermute aber, in deinem speziellen Fall wird es nicht sehr lange dauern, bis sie sich meldet. Ich werde gleich einen entsprechenden Code erstellen und ihn Idril noch heute übermitteln.“
„Das hört sich so an, als wenn ich erstmal abwarten muss und nichts weiter machen kann,“ fasste Jasmina das Gesagte zusammen. „Dann kann ich mich ja um meine Aufgaben in der Kanzlei kümmern oder hat sich jetzt daran etwas geändert? Jetzt wo ich doch zu euch gehöre!“
„Nein, absolut nichts ändert sich für uns. Du wirst in ein paar Wochen den ersten Mandanten generieren können und ihn Thomas Hagen präsentieren. Damit öffnest du die Tür zur Partnerschaft einen Spalt und gewinnst an zusätzlichen Vertrauen. Auch an deinem bisherigen Leben wird sich nichts ändern, du bist und bleibst die Anwältin Jasmina Behrens und wohnst weiterhin in deiner Wohnung!“
„Gut, dann kann ich ja jetzt gehen oder gibt es noch etwas zu klären,“ sagte Jasmina und schaute Selina fragend an.
„Ja, eine Sache noch, aber das geht schnell,“ antwortete Selina in einem ruhigen Ton. „Wir benötigen ein zwei Tropfen deines Blutes, um deine DNA festzustellen.“
Jasmina erinnerte sich, dass Selina anfangs bereits erwähnt hatte, dass etwas Blut von ihr benötiget würde um festzustellen, von wem sie abstammen könnte. Trotzdem fühlte sie sich nicht ganz wohl bei dem Gedanken, so einfach ihr Blut herzugeben. Andererseits hatte sich Sabrisse ja auch schon einen Tropfen geholt, als sie ihr in den Hals gezwickt hatte.
„Mhh, wenn es der Suche nach meinen biologischen Eltern dienlich ist, bitte,“ schnaufte Jasmina. „An welcher Stelle?“
„Eine Fingerspitze ist okay,“ antwortete Selina und zauberte ein kleines spitzes Messer hervor. Aus einer Schublade der Regalwand entnahm sie ein Röhrchen mit einem Wattestäbchen und wandte sich Jasmina zu. Jasmina hielt ihr die linke Hand und streckte den Zeigefinger aus. Mit einer schnellen Bewegung pickst Salina in die Fingerspitze und fing mit dem Wattestäbchen einen Bluttropfen auf. Sie schob das Stäbchen wieder in die Kunststoffröhre und legte diese zurück in die Schublade.
„So, das war’s, Sabrisse wird dich wieder abholen und mit dir zu den beiden Mädchen in der Eingangshalle führen, wo dir noch ein Fingerabdruck abgenommen wird, der in unser Sicherheitssystem eingespeichert wird. Anschließend hast du die Freigabe, mit deinem Finger die Zugangstür zu diesem Haus zu öffnen. Auch den Schutzschild um das Gebäude musst du nur mit dem Finger berühren um durch ihn hindurch zu gehen. Du siehst, jetzt da du zu uns gehörst, wie du vorhin hervorgehoben hast, gibt es doch ein paar kleinere Veränderungen für dich.“ Selina nahm Jasmina zum Abschied kurz aber sehr sanft in die Arme und begleitete sie zur Tür, durch die sie vor gar nicht so langer Zeit in diesen Raum getreten war. Kurz vor der Tür blieb Jasmina stehen und stellte noch eine letzte Frage, „Was ist mit Mimi, was kann oder was darf ich ihr sagen? Was, wenn sie wieder hier ist?“ Ihre Stimme war unsicher, fast ein wenig ängstlich.
„Ich weiß um deine besondere Beziehung zu deiner Freundin. Das ist okay und ich finde es auch sehr schön, wenn sich Frauen so gut verstehen wie ihr zwei. Und natürlich gehört auch die Körperlichkeit dazu, auf die du gerade verzichten musst. Ich hoffe, wir werden auch in dieser Angelegenheit eine Lösung finden,“ schmunzelte Selina und schaute Jasmina vielsagend an. „Was Deine Freundin betrifft, musst Du dir keine Sorgen machen, sie wird gerade intensiv von unseren Schwestern in New York betreut. Es geht ihr sehr gut! Allerdings wird sie noch etwas länger in den USA bleiben, sie hat vor ein paar Tagen ein sehr lukratives Angebot einer Werbeagentur erhalten, das sie nicht ausschlagen konnte. Mimi soll eine Fotostrecke für ein bekanntes Lifestyle-Magazin erstellen und wird für einige Zeit in Costa Rica sein. Du musst dir also keine Sorgen machen!“
Jasmina nickte und überlegte, was denn unter einer intensiven Betreuung durch die Schwestern zu verstehen ist. Sie wollte noch eine weitere Frage stellen, als es an der Zimmertür klopfte und Sabrisse die Tür öffnete.
„Wir werden uns wiedersehen, ich hoffe sehr bald und dann werden wir dein Geheimnis lüften.“ Selina lächelte Jasmina zum Abschied an, drehte sich um und ging wieder zu dem großen Fenster, wo sie vorher schon stand.
Sabrisse schaute Jasmina aus großen erwartungsvollen Augen an, „Und wie war eure Unterhaltung? Konnte dir Selina ein Paar Fragen beantworten?“
„Ja, sie war aufschlussreich, informativ und blutig!“ Sabrisse blieb stehen und schaute Jasmina verwundert an, „Blutig?“ „Blutig insofern, als dass sie mir einen Tropfen Blut für eine DNA-Analyse entnommen hat und aufschlussreich weil……..“
Auf dem Weg zurück in die Eingangshalle erzählte Jasmina in wenigen Sätzen wie das Zusammentreffen gelaufen war und dass sie Idril aufsuchen wollen, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen.
In der Eingangshalle wurde Jasmina schon erwartet. Eine der beiden jungen Frauen hielt ihr ein kleines Gerät entgegen, einen Fingerabdruck-Scanner, der ihren rechten und ihren linken Zeigefinger einscannte und direkt an das Sicherheitssystem übertrug. Nachdem der Abdruck gespeichert und sie freigeschaltet wurde, war Jasmina berechtigt, das Gelände und das Gebäude zu betreten.
Sabrisse begleitete Jasmina noch vor die Tür, und nahm sie zum Abschied liebevoll in die Arme. Sie spürte die Anspannung in Jasminas Körper und zog sie sanft an sich, „Alles ein bisschen viel in so kurzer Zeit nichtwahr? Da kann einem schon der Kopf brummen. Du musst deine Gedanken sortieren und schauen, was die nächsten Tage bringen.“ sie löste sich von Jasmina und holte einen Zettel aus ihrer Hosentasche. „Hier, meine Handynummer, wenn dir nach Gesellschaft ist, ruf mich an. Ich brauche nicht lange, um bei dir zu sein,“ fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. „Aber auch, wenn du nur reden möchtest.“
Als Jasmina das Gelände durch das schmiedeeiserne Tor verließ und auf die Parkstraße trat, stand Sabrisse noch immer vor der Tür und schaute ihr hinterher.
In ihrer Wohnung angekommen schlüpfte sie aus ihren Sachen, die sie nun schon den ganzen Tag getragen hatte und kramte eine alte Schlabberhose und ein bequemes Sweatshirt aus ihrem Kleiderschrank. Beide Teile hatte sie schon seit ihrer Studentenzeit und kann oder besser wollte sich nicht von ihnen trennen. Auf die Straße würde sie so angezogen niemals gehen, aber in den eigenen vier Wänden ist es genau das Richtige für einen ruhigen Abend. Da sie seit der Mittagspause beim „Curry48“ nichts mehr gegessen hatte, holte sie aus dem hölzernen Brotkasten ein fast vergessenes Baguette und backte es in einem kleinen Backofen auf. Mit Etwas Kräuterbutter bestrichen und mit zwei Streifen Bergkäse, einer zusammengelegten Scheibe Bruchettaschinken auf einem Salatblatt belegt lag es vor ihr auf dem Teller. Ein herzhafter Bissen, so wie sie es mochte. Als Begleitung wählte sie aus ihrer umfangreichen Sammlung von zwei Flaschen Rotwein den italienischen Primitivo aus. Zur musikalischen Unterhaltung schaltete Jasmina ihre Bluetooth-Box ein und suchte auf ihrem Smartphone nach geeigneter Hintergrundmusik. Schließlich erklangen die Greatest Hits von Norah Jones, schon etwas älter aber sehr, sehr schön.
Nachdem Jasmina das leckere Baguette gegessen, ein Glas Rotwein getrunken und sich ein zweites eingeschenkt hatte, fühlte sie sich gestärkt und in der Lage den Tag nochmal zu reflektieren. Sie ließ die leise Musik laufen, dimmte das Licht so weit runter, dass nur noch ein schwacher Schein das Zimmer in eine angenehme Atmosphäre tauchte und machte es sich auf der Couch bequem. Lang ausgestreckt mit einem weichen Kissen unter dem Kopf lag sie da und ließ den Tag Revue passieren.
Jasmina dachte an die glänzend grünen Augen des Mädchens, das ihr am Mittag den Zettel gegeben hatte, als sie bei „Curry 48“ war. Sie hatte schwören können, dass es die Augen von Aliya waren, die sie so frech angegrinst hatten. Bestimmt war sie es und hatte sich mit der Wandlung einen Spaß mit ihr erlaubt. Obwohl es schon ein paar Stunden her war, bekam Jasmina eine Gänsehaut, als sie sich die erstaunten Gesichter der Partner in Erinnerung rief, die sie anstarrten und es gar nicht fassen konnten, dass sie das Angebot der Kanzlei annehmen wolle. Insbesondere von Stetten hatte seine Emotionen nicht unter Kontrolle und zeigte deutlich seine Ablehnung. Aus ihm könnte sich noch ein Problem ergeben.
Aber was ihr wirklich durch den Kopf ging, war das Zusammentreffen mit der Clanmutter Selina. Sie war beeindruckt von der Frau mit diesen tiefschwarzen Haaren und den blauen Augen, deren Blick bestimmend aber auch freundlich war. Ihre Körperhaltung strahlte Willenskraft aus und signalisierte eine besondere Stellung innerhalb der Schwesternschaft. „Schwesternschaften“ flüsterte Jasmina, gehört sie jetzt auch irgendwie dazu? Selina betonte, dass sie nun eine von ihnen sei. Was aber ist mit den Fey-Genen in ihr, wie werden die Einfluss auf ihr Leben nehmen? Ist sie nun mehr Fey oder Hexe? Oder weder das eine noch das andere! Was wird die Blutuntersuchung ergeben? Möchte ich das alles überhaupt? Dies ist die elementare Frage, die sie sich beantworten muss. Bevor sie darüber nachdenken konnte, war sie in einen unruhigen Schlaf gesunken.
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