Neue Lust und alte Sehnsucht (fm:Romantisch, 6976 Wörter) | ||
| Autor: xzb | ||
| Veröffentlicht: Jun 06 2026 | Gesehen / Gelesen: 240 / 177 [74%] | Bewertung Geschichte: 9.38 (8 Stimmen) |
| Sie kniete auf ihrer Matratze, das Haar zerzaust, ein Kissen mit beiden Händen über dem Kopf erhoben. Im fahlen Licht der Notbeleuchtung sah er das Profil ihres Gesichts, ihre hohen Wangenknochen, ihre schlanke Silhouette. Sie zielte auf ihn. | ||

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Mart nickte. Sein Herz klopfte viel zu heftig für ein so blödes Spiel.
Kerstin nahm die Spielleitung wieder auf. „Alle Paare haben eine Bewegung? Gut. Dann mischt euch jetzt durch. Jeder sucht sich einen Platz, Hauptsache, euer Partner ist nicht direkt daneben.“ Nur ungern verlor Mart Claudines Nähe.
„Fertig? Dann holen wir das Rateteam rein!“
Stefan und Maren stürmten in den Gruppenraum wie zwei Jagdhunde vom Dreiklang des Horns ins Revier gerufen.
„So, Stefan, du fängst an. Nenn zwei Namen!“, kommandierte Kerstin.
Stefan ließ den Blick schweifen. „Ähm... Tobias und... Claudine!“
Tobias trat vor und machte eine übertriebene Verbeugung. Alles kicherte. Dann war Claudine dran. Sie grinste Mart kurz an, dann hob sie die Hand, aber Tobias stand zu weit weg und sie konnte nicht an ihn heranreichen und so musste sie die Geste abbrechen.
Stefan runzelte die Stirn. „Passt nicht.“ Er versuchte, sich zu merken, was er gesehen hatte.
„Birte und Lukas!“, rief Maren, die nun dran war.
Birte und Lukas traten vor. Birte machte eine Drehung, Lukas klatschte in die Hände. Wieder nichts.
Beim dritten Versuch dann Stefan: „Mart und Claudine!“
Mart trat vor. Sein Herz klopfte. Claudine kam ihm entgegen. Sie trafen sich in der Raummitte. Dann, wie verabredet, hoben beide gleichzeitig die Hände und fassten sich an die Nase – Mart an ihre, Claudine an seine.
Ein Raunen ging durch den Raum. „Gefunden!“, rief Kerstin. „Setzt euch da drüben hin, ihr seid raus.“
„Gefunden“, echote jemand nach.
Sie setzten sich nebeneinander auf die Bank an der Wand. Ihre Knie berührten sich.
Stefan und Maren versuchten ihr Glück weiter. Mart merkte kaum, wie das Spiel voranging. Neben ihm flüsterte Claudine: „Hat gut geklappt.“
Er nickte. „Ja.“ Und dann schob sie ganz leise nach: „Bald ist Schlafenszeit.“
Mart schluckte. Das Spiel lief noch eine Weile weiter. Paar für Paar wurde gefunden und setzte sich zu ihnen auf die Bank. Immer wenn ein neues aufgedeckt wurde, wanderte Claudines Blick kurz zu Mart, ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. Mart wurde es abwechselnd heiß und kalt.
Die letzten beiden lebendigen Karten wurden gepaart und Kerstin rief: „Gut gemacht! Für heute ist Schluss, wir sehen uns zum Frühstück wieder!“
Langsam löste sich die Gruppe auf. Mart und Claudine standen noch einen Moment zögernd im Raum.
„Also dann“, sagte Claudine leise. „Bis später.“
Mart nickte. Er wollte noch etwas sagen, etwas Wichtiges, aber die Worte dazu fielen ihm nicht ein. Stattdessen ließ er seine Hand für einen winzigen Moment nach ihrer wandern, bis sich die Fingerspitzen leicht berührten.
Als Ruhe im Haus eingekehrt war, schlich Mart Richtung Mädchentrakt. Stefan und zwei andere Jungs waren schon da, als er durch die halb geöffnete Tür schlüpfte. Kissen flogen, jemand quietschte, ein Federkissen platzte und weiße Flocken rieselten auf die Betten.
Mitten im Gewühl – Claudine. Sie hatte ein Kissen in der Hand und zielte damit auf Birte, bis sie Mart in der Tür entdeckte. Ihr Gesicht hellte sich auf.
„Na endlich!“, rief Claudine leise. „Komm nur her!“
Sie kniete auf ihrer Matratze, das Haar zerzaust, ein Kissen mit beiden Händen über dem Kopf erhoben. Im fahlen Licht der Notbeleuchtung sah er das Profil ihres Gesichts, ihre hohen Wangenknochen, ihre schlanke Silhouette, ihre burschikose Statur. Sie zielte auf ihn, aber das Kissen flog knapp an seiner Schulter vorbei.
Sie sprang auf ihn zu. „Pass auf!“, rief sie und zog ihn am Ärmel runter, direkt neben sich auf die Matratze. Ein Kissen flog über sie hinweg.
Neben ihr zu liegen, ihren Arm auf seinem zu spüren – das war, als hätte jemand die Spielregeln geändert. Ihr Atem ging schnell, war ganz nah.
„Sehr nett von dir“, brachte er hervor.
Sie grinste. „Sicher ergibt sich die Gelegenheit für eine Revanche.“
Ringsherum tobte das Gefecht. Mart hielt sein Kissen schützend vor Claudine. Sie rückte näher an Mart, ihre Schultern berührten sich. Das Kissen, das sie nun gemeinsam hochhielten, schleuderten sie Richtung Stefan. Der fing es auf und pfefferte es zurück.
Sie gingen in Deckung, hinter zwei Decken, die übereinandergebauscht lagen. Er roch ihre Haare – so etwas Banales wie Apfelshampoo, aber in diesem Moment war es wie aus tausend und einer Nacht. Ihr Blick traf seinen. Ihr Lächeln war so anmutig.
Und dann geschah es. Mart beugte sich vor – nur ein kleines Stück. Claudine schloss die Augen. Ihre Lippen trafen sich. Es war nur ein Hauch, ein federleichtes, heimliches Küsschen.
In diesem herrlichen Moment, der nie hätte enden sollen, zerschnitt ein Ruf die Stille:
„Was ist denn hier los!“
Kerstin stand in der Tür, das Gesicht rot vor Empörung. In der einen Hand eine Taschenlampe, in der anderen ihren Morgenmantel zusammenraffend. „Sofort in eure Betten! Und ihr Jungs – alle raus hier! Auf der Stelle!“
Die Kissenschlacht erstarb, als hätte man den Stecker gezogen. Ein Meer aus betretenen Gesichtern und und verstreutem Bettzeug. Die Jungs drängten zur Tür.
Mart zögerte. Er blieb liegen, neben Claudine, die ebenfalls keine Anstalten machte, sich zu bewegen. Die zwei Decken schirmten sie vor Kerstins strengem Blick ab. Er sah Claudine an. Sie lächelte immer noch, ein kleines, vielsagendes Lächeln.
Als Stefan, der vermeintlich letzte Junge den Mädchentrakt verlassen hatte, ließ Kerstin den Blick nochmal schweifen und verließ mit einem unmissverständlichen „Gute Nacht“ den Schlafraum.
Mart und Claudine lagen nebeneinander unter dem Deckengewirr und trauten sich, auch nachdem Kerstin den Raum verlassen hatte, kaum sich zu bewegen. Von den anderen Betten kam nur noch leises Geraschel. Niemand hatte realisiert, dass Mart einfach geblieben war. Sie atmeten gleichmäßig. Claudine fasste nach Marts Hand und ihre Finger verschränkten sich, sie schmiegten sich aneinander. Halb betäubt vom Geruch nach grünen Äpfeln, glaubte Mart die Wahrheit über all die wunderbaren Dinge, die das Leben und die Liebe zu bieten hatten zu erkennen.
Selig schliefen sie ein, Seite an Seite auf einer Matratze, die eigentlich nur für eine Person gemacht war.
***
Die Prozessleitmesse in der Fankenmetropole war ein einziges Inferno aus grellem Licht und akustischem Overkill. Mart bezog Posten auf seinem Messestand. Neun Quadratmeter mit Stehtisch und drei Roll-ups – und kam sich vor wie ein Fisch im falschen Aquarium. Der Vergleich drängte sich auf. Sein Firmenlogo zierte ein munterer Guppy, der dem Strom entgegen zu neuen Gefilden aufbrach. Nur die Strömung schien zu stark. Gegenüber thronte das Fraunhoferinstitut mit einem Aufgebot an LED-Wänden, Sitzgruppen und einer Kaffeebar, alles groß und mächtig. Marts minimalistischer Auftritt mit seinen Angeboten für industrielle Steuerungstechnik sah daneben matt aus.
Es war der zwanzigste März. Draußen, hinter den Fronten der Messehalle, kämpfte die Sonne sich zaghaft durch die Wolken. Drinnen regierte künstliches Licht in allen Farben des Spektrums. Von links dröhnte eine Diskussionsrunde über Industrie 4.0, von rechts plärrte ein Vortrag über KI-gestützte Wartungsintervalle. Dazwischen eine Führung mit einer Gruppe Messebesucher.
Mart stützte beide Ellbogen auf den Stehtisch zwischen Roll-ups und Prospektständer und ließ den Blick schweifen. Seine Broschüren lagen ordentlich gestapelt, die Besucher liefen vorbei, ohne sie zu beachten. Auch er schien unsichtbar. Sein Geist löste sich langsam aus dem ganzen Trubel, schwebte nach oben, unter die Hallendecke, über die Lichter, über den Lärm.
Da spürte er eine Berührung.
An seiner Nase.
Eine Hand. Eine weibliche Hand, die ihm ungeniert an die Nase fasste.
Mart zuckte zusammen, mit einem Reflex wollte er sie wegschlagen – aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Seine Augen wanderten an dem Arm entlang, an der Schulter vorbei, hin zu einem Gesicht, das ihm den Atem stocken ließ.
Olivgrüne Augen. Hohe Wangenknochen. Ein Lächeln, das sich langsam, ganz langsam, über ihren Mund ausbreitete.
Ein gutes viertel Jahrhundert mochte vergangen sein, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Seit dieser Jugendfreizeit. Seit der Kissenschlacht. Seit dem heimlichen Küsschen. Aber in dieser einen Sekunde – dieser einen, winzigen, unendlich kostbaren Sekunde – glaubte er sich im Paradies. Es war ihm so gegenwärtig, als sei keine Zeit vergangen. Als wäre immer noch dieser Moment die Gegenwart.
Claudine.
Sein Gehirn raste. Er sah sie vor sich, wie sie ihn damals am Handgelenk nahm, um ihn als Partner beim Lebendigen Memory zu gewinnen. Er hörte ihr Flüstern: „Heute Nacht. Bei uns. Wenn das Licht aus ist.“ Er spürte ihre Lippen, diesen federleichten Hauch.
Und jetzt stand sie hier. Hier, auf dieser verdammten Messe. Immer noch im gleichen Moment, der sich irgendwie über Dekaden hinweg gerettet hatte. Und fasste ihm an die Nase. Als hätte die Zeit nie existiert. Die Zeit vielleicht eine Illusion? Ein physikalisches Konstrukt, das die Menschen erfunden hatten, um Phänomene zu erklären, die ihr Innerstes doch nie wirklich berührten?
Ganz langsam, als fürchtete er, Claudine könnte verschwinden, wenn er sich zu schnell bewegte, hob er die Hand und legte sie auf ihre. Zärtlich, fast ehrfürchtig strich er mit Zeige- und Mittelfinger über ihre Nasenspitze – genau dorthin, wo sie ihn berührt hatte.
Claudines Lächeln war bestechend. Ihre Augen glitzerten.
„Ohne Worte“, flüsterte sie.
Mart nickte und zog sie in seine Arme. Messehalle, Lärm, Lichter, Fraunhoferinstitut – alles verschwamm zu einem einzigen Hintergrundrauschen. Er spürte nur sie. Ihre Arme um seinen Hals. Ihren Atem an seiner Wange. Ihr Haar, das immer noch ein wenig nach Apfel roch, oder bildete er sich das nur ein?
„Mehr als fünfundzwanzig Jahre hab ich gebraucht, um dich wiederzufinden“, murmelte sie in seine Schulter.
„Wie hast Du mich erkannt?“, flüsterte er zurück. „An meiner Nase?“
Sie lachte, ein Schluchzen war darin. „Kann gut sein.“
Sie lösten sich und sahen einander an.
„Wie hast du mich gefunden?“
„Dein Name. Im Messekatalog. Ich bin hier beruflich, nur heute, Fraunhofer berät Start-ups. Ich bin über deinen Namen gestolpert und dachte, ich spinne. Ich bin dreimal an deinem Stand vorbeigelaufen, bevor ich mich getraut habe.“
„Getraut?“
„Ich hatte Angst. Eine Menge Zeit ist vergangen. Was, wenn du mich nicht mehr erkennst? Was, wenn du ganz anders geworden bist?“
Er lächelte. „Und jetzt?“
„Du hast dich an mich erinnert“, sagte sie leise. „Du hast mich berührt, so wie damals im Memory. An was kannst Du dich sonst noch erinnern?“
„An alles“, sagte Mart. „An alles.“
Das Café hieß „Süßes Springerle“ und war genau die Art von fränkischem Kleinod, die man nur findet, wenn man mit Ortsansässigen unterwegs ist. Claudine hatte Mart nach Messeschluss einfach mitgezogen, mit ihrer Hand an seinem Handgelenk, Mart ließ es gern geschehen. Sie kämpften sich durch vereinzelte Stand-Partys und diesem besonderen Messe-Geruch aus Kaffee, Poppkorn, Prosecco und Kunststoff.
Draußen war es kühl, aber die letzten Strahlen der Märzsonne ließen den Frühling fühlen. Sie saßen an einem kleinen Tisch mit rot-weiß karierter Tischdecke auf dem Gehweg, unter einer groben Wolldecke, die das Café für die Gäste bereithielt. Mart bestellte zwei Stück Apfelstrudel und einen Milchkaffee für jeden. Claudine lachte, als der Kellner ging.
„Bestellst für mich, ohne zu fragen?“
„Du magst doch Apfelstrudel“, sagte Mart. „Damals im Jugendheim hattest Du zwei Stücke.“
Sie musterte ihn. „Du erinnerst dich an sowas?“
„An alles“, wiederholte er. „Hab ich doch gesagt.“
Claudine senkte den Blick. Sie rührte mit dem Löffel in ihrem Kaffee. Dann, ganz leise, begann sie zu erzählen.
„Viel Zeit ist vergangen, Mart. Ich war verheiratet. Eine Tochter, Lena. Sie ist achtzehn, studiert jetzt in Würzburg. Medienkommunikation.“ Sie lächelte kurz. „Sie ist großartig. Klug, witzig, ganz anders als ich in dem Alter.“
Mart runzelte die Stirn und murmelte, „genau so hab ich dich auch in Erinnerung“, ließ sie aber erzählen.
„Meine Ehe war schwierig. Am Anfang nicht. Da war er charmant, erfolgreich, immer ein toller Gesprächspartner. Aber dann kam der Alltag. Das Kind. Mein Job als Beraterin beim Fraunhofer – der lief gut, besser als seiner. Er war im Vertrieb, immer auf Achse“, sie stockte. „Für mich hat er sich immer weniger interessiert und das wenige hat er schlecht geredet.“
Der Kellner brachte den Strudel. Claudine dankte mechanisch, stocherte mit der Gabel darauf herum.
„Nichts war gut genug, meine Karriere Zufall. Meine Erfolge hat er sich selbst zugeschrieben – er hätte mich ja unterstützt, ohne ihn wäre ich nichts. Und dann kamen die Vergleiche.“ Ihre Stimme wurde scharf. „Die Neue in seiner Firma. Ende zwanzig. Schlank. Sportlich. Unverschämt lange Beine. Immer ein Lächeln für ihn. Er hat es nicht einmal versteckt. Jeden Tag konnte ich mir anhören, wie toll sie ist, wie klug, wie begehrenswert.“
„Er hatte mit ihr ein Verhältnis. Und als ich ihn zur Rede stellte, hat er gesagt: ‚Was hast du denn erwartet?“
Sie lachte bitter. „Ich war Anfang vierzig, voll im Job und hatte ein Kind großgezogen, während er auf Dienstreisen seine Assistentin gevögelt hat. Und es waren viele dringende Kundentermine, die sie wahrgenommen hatten.“
„Es ist vorbei“, sagte Mart leise. „Du hast ihn verlassen.“
„Ja. Endlich. Vor drei Monaten wurde ich von ihm geschieden. Er ist längst bei ihr eingezogen. Und ich bin erleichtert. Wirklich. Aber der Schmerz ist trotzdem da. Dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein. Das geht nicht weg, nur weil man die Entlassungsurkunde unterschreibt.“
Sie sah auf. Tränen standen in ihren Augen, aber sie weinte nicht. Sie war zu stark dafür.
„Es tut mir leid“, sagte sie. „Ich überschütte dich mit meinem Mist.“
„Quatsch“, sagte Mart.
Sie lächelte matt. „Weißt du, warum ich dir das alles erzähle? Weil du der einzige Mensch bist, bei dem ich das Gefühl habe, dass ich alles mit ihm teilen kann.“
Mart fehlte eine Antwort.
„Und du?“, fragte sie schließlich. „Wie ist dein Leben?“
Mart zuckte mit den Schultern. „Nichts Spektakuläres. Technische Physik studiert. In der Informationstechnologie gearbeitet. Paar Beziehungen, Firma gegründet. Steuerungstechnik für Industrieanlagen. Klingt langweiliger, als es ist.“
„Bist du glücklich?“
Er überlegte kurz.
„Ja, weil ich dich wiedergetroffen habe.“
Sie schwiegen eine Weile. Genossen den Kaffee, die Nähe.
„Ach so“, sagte Mart plötzlich. „Ich muss mir noch ein Zimmer suchen. Für die Dauer der Messe. Drei Tage. Die Hotels hier sind astronomisch teuer in der Zeit. Ich will gleich mal einen Landgasthof ein Stück draußen anrufen. Da könnte was frei sein.“
Claudine zögerte nur eine Sekunde. Dann sagte sie:
„Du kannst bei mir übernachten.“
Mart sah auf. „Was?“
„Ich hab Lenas Zimmer. Sie ist ausgezogen, steht leer. Bett ist da. Und wenn du früh zur Messe musst, ist die Straßenbahn gleich um die Ecke.“
Mart schüttelte den Kopf. „Claudine, das kann ich nicht annehmen. Wir haben uns gerade wiedergetroffen, du hast deinen eigenen Kram, ich will dir nicht auch noch ... “
„Willst du etwa in einer 80-Euro-Pension pennen, dreißig Kilometer draußen, über Landstraßen ewig unterwegs?“ Sie grinste. „Außerdem. Du schuldest mir noch was.“
„Was denn?“
„Damals im Jugendheim. Am Abend vor unserer Abreise hast Du mir das letzte Stück Apfelstrudel weggeschnappt. Das hab ich nicht vergessen.“
Mart lachte. Das erste Mal seit Stunden richtig befreit.
Aber er zögerte. In ihm kämpften Bedenken gegen eine leise, aufregende Hoffnung. Wollte er wirklich in ihr Spannungsfeld geraten? Sich den Emotionen einer frisch getrennten, verletzten Frau aussetzen? Aber dann sah er ihre Augen. Und wusste, dass er ihrer Einladung folgen würde.
„Okay“, sagte er. „Ich nehm’s an. Danke. Ich muss nur noch zu meinem Auto, den Rucksack holen. Mit meinen Klamotten zum Wechseln.“
Sie lächelte. Ein Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erhellte.
„Gut. Dann lass uns heute Abend essen gehen. Ich kenn da was.“
Der Mautkeller lag in der Altstadt, in einem dieser wunderschönen, sanierten Fachwerkhäuser mit hohen Erdgeschoßräumen und dunklem Holz. Sie hatten einen Tisch im hinteren Bereich, nah am Kamin, der nicht brannte, aber irgendwie Gemütlichkeit ausstrahlte. Claudine bestellte für Mart Schäufele mit Kloß, Rotkraut, für sich einen großen Hirtensalat und dazu zwei Seidla einer oberfränkischen Kleinbrauerei, von der Mart noch nie gehört hatte.
„Ungespundetes“, sagte sie. „Lagerbier, aber milder. Probier.“
Das Bier war süffig mit einer feinen Hopfennote. Das Schäufele zerging Mart auf der Zunge.
„Lena“, sagte Claudine, „ist das Beste, was mir passiert ist. Sie ist klug, sie ist witzig, sie hat diese Art Leute zu überzeugen, ohne sich zu verbiegen.“
„Wie die Mutter, so die Tochter“, sagte Mart.
Claudine schüttelte den Kopf. „Sie ist viel mutiger als ich. Sie sagt, was sie denkt. Sie steht zu dem, was sie will. Ich hab das erst spät gelernt. Zu spät vielleicht.“
„Es ist nie zu spät“, sagte Mart.
„Und deine Firma?“, fragte sie, vielleicht um das Thema zu wechseln. „Du hast von Aufs und Abs gesprochen?“
Mart atmete tief durch. „Ich hatte mit einem Bekannten gegründet. Die ersten zwei Jahre liefen gut. Aber dann blieben die Aufträge aus. Die Bank wollte mehr Sicherheiten. Und mein Kompagnon ist ausgestiegen. Hat gesagt, er kann nicht mehr.“
„Das war sicher hart.“
„War es. Ich saß da mit einem halbfertigen Produkt, einem Kredit, der mich auffraß, und keiner Ahnung, wie es weitergehen soll.“ Er nahm einen Schluck Bier. „Ich hab nächtelang von der Pleite geträumt.“
„Und dann?“
„Dann kam der Auftrag. Ein Großkonzern suchte eine Steuerungslösung für sein neues Produkt. Ich hatte ein Angebot eingereicht und sie haben es angenommen.“ Er lachte kurz. „Ich weiß bis heute nicht, ob sie wirklich meine Technik so gut fanden oder ob einfach der Preis stimmte. Aber es hat mich gerettet.“
„Hast du noch Kontakt zu deinem alten Kompagnon?“
„Ab und zu. Manchmal denke ich, er hatte recht mit dem Aussteigen. Der Weg, den ich gegangen bin, war nicht einfach.“
„Aber du bist ihn gegangen.“
„Ja.“
Claudine sah ihn an. „Weil du wusstest, was du willst.“
Mart überlegte. „Ich wusste, was ich nicht wollte. Das war genug.“
Sie nickte langsam. „Das verstehe ich.“
Draußen war es längst dunkel, als sie aufbrachen. Das Lokal lag zwanzig Minuten von ihrem Haus entfernt, fußläufig durch die Gassen der Altstadt. Sie gingen nebeneinander, so nah, dass ihre Arme sich berührten.
Und dann, als sie um eine Ecke bogen, traf sie, obwohl die Sonne längst hinter den Giebeln der Häuser verschwunden war, ein lauer Luftzug aus einem Hinterhof, dessen Steinfassade sich über den Tag erwärmt hatte, mit dem Duft der ersten Frühblüher.
Frühlingserwachen. Claudine blieb stehen, schloss die Augen, atmete tief ein. Sollte der lange harte Winter endlich ein Ende gefunden haben?
„Spürst du das?“, flüsterte sie.
Mart trat näher. „Was?“, fragte er ein wenig unsicher.
Sie sah ihn an. In der Dunkelheit, nur vom fernen Licht einer Laterne erhellt, wirkte sie jung. So jung wie damals. Und so vertraut.
„Ich hab so lange auf Frühling gewartet“, sagte sie leise.
Ihr Haus war eines dieser typischen fränkischen Altstadthäuser – schmal, hoch, mit einer steilen Treppe und knarrenden Dielen. Claudine schloss auf, ließ ihn eintreten. Es roch nach Holz, Politur und Bienenwachs.
Sie zog ihn in die Küche. „Ein Glas Wein? Oder noch eins von dem Ungespundeten? Ein paar Flaschen habe ich immer zu Hause.“
„Letzteres gerne“, sagte Mart. „Dieses Bier ist fantastisch.“
Sie öffnete den Kühlschrank, holte zwei Flaschen heraus, setzte sich ihm gegenüber an den kleinen Küchentisch. Das Bier war kühler als im Mautkeller, die Kohlensäure spritziger. Mart lehnte sich zurück, spürte, wie die Anspannung des Tages langsam von ihm abfiel.
Er stellte die Flasche ab. „Du hast gesagt, du bist Beraterin beim Fraunhofer?“
Claudine nickte. „Ja. Seit zehn Jahren. Ich berate Start-ups im Bereich digitaler Transformation. Helfe ihnen, ihre Geschäftsmodelle auf die Beine zu stellen, Fördermittel zu bekommen, Netzwerke aufzubauen. Ich scoutete nach vielversprechenden jungen Talenten. Und es hat sich gelohnt, ich habe dich gefunden.“
„In der Tat“, antwortete Mart, „Du hast einen exzellenten Job gemacht.“
Die Kerze auf dem Tisch brannte herunter, flackerte manchmal. Claudines schwarze Katze, die sich im Hintergrund gehalten hatte, traute sich heraus. Sie kam aus der Dunkelheit des Flurs geschlichen, vorsichtig, neugierig. Erst blieb sie in der Tür stehen, musterte Mart mit der unverwandten Aufmerksamkeit, die nur Katzen haben. Dann schlich sie näher. Mart rührte sich nicht. Die Katze umkreiste seine Beine einmal, zweimal, immer knapper, immer vertrauter, bis sie schließlich mit dem Kopf an seinem Knöchel rieb und ein tiefes Schnurren von sich gab.
„Sie scheint dich ins Herz geschlossen zu haben“, sagte Claudine, dann sah sie auf die Uhr.
„Mitternacht“, sagte sie. „Es ist spät. Du musst morgen früh raus zur Messe.“
Mart nickte. „Ja. Wir sollten schlafen gehen.“
Claudine stand auf. Sie nahm das kleine Metallhäkchen, das neben der Kerze lag, und tauchte die Flamme ins flüssige Wachs. Ein letztes Zischen, und ihr warmer Schein war erloschen.
„Das Bad ist oben“, sagte sie. „Ich geh schon mal rauf und putz mir die Zähne.“
Mart wartete. Hörte ihre Schritte auf der Treppe, dann Wasserrauschen, dann Schritte zurück. Claudine trug einen Flanellschlafanzug. Rosa mit roten Erdbeeren. Ein bisschen albern für eine Frau im besten Alter, aber auch unendlich niedlich. Und sie lächelte. Dieses Lächeln, das er kannte. Das er nie vergessen hatte.
Mart sah sie an. Und sah nicht die frisch Geschiedene, nicht die Mutter. Er sah das Mädchen von damals. Die Claudine voller Jugend, die ihn beim Memory ans Handgelenk packte, die ihm zuflüsterte „Heute Nacht, wenn das Licht aus ist“, die ihn unter ihrer Decke versteckte.
Im Zwielicht des Hausflurs, mit den Schatten auf ihrem Gesicht, war sie nicht gealtert. Kein bisschen.
Als Mart aus dem Bad kam, hörte er Claudine in Lenas Zimmer hantieren. Er ging hin, stand in der Tür. Sie war dabei, das Bett neu zu beziehen, zerrte am Spannbetttuch, das sich immer wieder an einer Ecke löste.
„Dieses verdammte Ding“, murmelte sie.
Mart lehnte sich in den Türrahmen. Beobachtete sie. Wie sie sich bückte, wie ihre Haare ins Gesicht fielen, wie sie mit einer Mischung aus Frust und Belustigung gegen das widerspenstige Tuch kämpfte.
„Lass mich helfen“, sagte er.
Sie richtete sich auf, winkte ab. „Gleich hab ich’s. Es ist nur... “
In diesem Augenblick gab die letzte Ecke nach und das Tuch schnipste aus ihrer Hand, flog durch die Luft und landete direkt vor Mart auf dem Boden.
Claudine seufzte. „Na super.“
Mart bückte sich, hob das Tuch auf. Aber statt es ihr zu geben, rollte er es zu einem lockeren Ball zusammen.
„Weißt du“, sagte er langsam, „irgendwie erinnert mich das an was.“
Claudine hob eine Augenbraue. Nicht allen Menschen ist es gegeben, eine Braue völlig unabhängig von der anderen zu heben, eine so lässige, elegante Geste hinzubekommen, die sich zwischen Skepsis und Amüsement bewegte. Claudine beherrschte diese Kunst. Sie hatte sie schon damals beherrscht.
Statt einer Antwort warf er das Knäuel nach Claudine. Im Flug entfaltete es sich, und es landete über ihr und hätte eine prächtige Faschingsverkleidung für ein kleines Gespenst gegeben.
Für eine Sekunde stand sie regungslos, nur ihre Umrisse waren zu erkennen. Dann packte sie das Tuch, riss es herunter – ihre Augen blitzten.
„Das war ein Fehler“, sagte sie gefährlich.
Sie bückte sich, griff nach dem Kissen und schleuderte es mit voller Wucht in seine Richtung. Mart duckte sich, und es flog an ihm vorbei in den Flur.
Er lachte. „Immer noch eine gute Werferin, Claudine!“
„Immer noch schnelle Reaktionen, Mart!“
Sie griff nach einem weiteren Kissen. Mart stürzte vor, packte es ihr aus der Hand, warf es zurück. Es traf sie an der Schulter.
Claudine quietschte – ein heller, jugendlicher Laut, der Mart direkt ins Herz traf. Sie lachte, warf sich nach vorne, griff nach dem Kissen, das zu Boden gefallen war. Mart packte sie am Handgelenk, sie riss sich los, wirbelte herum und schlug mit dem Kissen zu.
Eine Sekunde später war er bei ihr, umfasste ihre Taille, sie taumelten, lachten, keuchten. Das Kissen fiel abermals zu Boden. Claudine lachte so sehr, dass sie kaum Luft bekam, wand sich aus seinem Griff und rannte aus dem Zimmer, den Flur entlang, griff sich dort noch das Kissen vom Boden, in ihr Schlafzimmer.
Mart hinterher.
Er erwischte sie an der Tür, wirbelte sie herum und sie fielen auf ihr Bett. Claudine lag unter ihm, ihre Brust hob und senkte sich schnell. Ihre Augen suchten seine. Der Atem wurde ruhiger.
Mart rollte sich auf das Bett neben sie. Sie lagen auf dem Rücken, nebeneinander, ihre Hände fanden sich. Wie damals. Ganz selbstverständlich.
Die Zeit schien zu verschmelzen.
Mart sah das Jugendheim vor seinem inneren Auge. Den Mädchentrakt. Jetzt lag er hier. In ihrem Bett. In ihrem Haus. Ewigkeiten später. Aber ihre Hand fühlte sich genauso an.
„Weißt du noch?“, flüsterte Claudine. „Damals. Nach der Kissenschlacht. Wir lagen unter der Decke und haben uns an den Händen gehalten.“
Sie lächelte. Dieses Lächeln. Unverändert.
Natürlich konnte Mart sich erinnern.
„Kann ich bei dir schlafen?“, fragte er leise. „Einfach an deiner Seite. Wie letztens. Wenn das okay ist.“
Er sagte „wie letztens“. Als wäre es gestern gewesen, da sie im Landschulheim eine ganze Nacht sich gestohlen hatten. Im Morgengrauen hatte sich Mart aus dem Mädchenzimmer geschlichen. Alle schliefen, Claudine merkte wohl, dass seine Nähe plötzlich fehlte, und öffnete ein Auge. Mart beugte sich zu ihr und gab ihr ein Küsschen, es sollte das letzte für eine lange Zeit gewesen sein.
Claudine sah ihn an. Ihre Augen wanderten über sein Gesicht.
„Warum nicht“, sagte sie.
Dann, ganz leise: „Mart?“
„Ja?“
„Danke. Dass du da bist.“
Er drehte den Kopf zu ihr. Sie lag auf der Seite, ihm zugewandt. Im Dunkeln konnte er nur ihre Umrisse sehen, den Schimmer ihrer Augen.
„Danke, dass Du mich eingeladen hast“, flüsterte er.
Sie lächelte. Er sah es, auch im Dunkeln.
Mart richtete sich ein wenig auf, beugte sich über sie. Er suchte ihr Gesicht, fand ihre Wange, ihren Mund. Dann küssten sie sich. Ein zarter, fast schüchterner Kuss. Ein Hauch. Eine Wiederholung von etwas, das vor über fünfundzwanzig Jahren begonnen hatte und jetzt, endlich, seine Fortsetzung fand.
An Schlaf war nicht zu denken.
Damals im Jugendheim, nach der Kissenschlacht, war er einfach eingeschlafen – müde, erschöpft und vor allem unbedarft. Das Herzklopfen von Claudines Kuss hatte sich gelegt, und sein Körper hatte abgeschaltet.
Jetzt hatte ihn das Leben geprägt. Jahre voller Entscheidungen, Fehler, Einsamkeit manchmal und dieser leisen Sehnsucht, die er nie richtig benennen konnte. Er lag hier, in ihrem Bett, in ihrem Haus, und sein Geist weigerte sich, loszulassen.
Mart starrte an die Decke.
Das Fenster war gekippt. Von draußen drang das Geräusch eines Mopeds herein, irgendwo in der Altstadt, viel zu spät für so einen Lärm. Dann Stille. Aber schlafen konnte er nicht.
Und da war dieses Blitzen.
Es war der Rauchmelder an der Decke. Er sendete sein wiederkehrendes LED-Signal durch das dunkle Zimmer. Ein rotes Blinken. Alle vierzig Sekunden. Ein kurzes, warnendes Aufleuchten, das einen Streifen Licht über das Bett zog. Marts Blick war hypnotisiert davon. Dieses kleine rote Auge, das nur darauf wartete, dass ein Feuer lodert, um sofort Alarm zu schlagen.
Neben ihm lag Claudine. Ihre schlanke Silhouette war unter dem Deckenberg kaum auszumachen. Er hörte keinen Atemzug, keine Bewegung. Lag sie wach? Schlief sie? Oder starrte auch sie an die Decke? Rasten ihr ebenso die Gedanken durch den Kopf?
Er drehte den Kopf zur Seite. Nichts als ein sanfter Hügel aus Daunen, wo sie liegen musste.
Vorsichtig, ganz vorsichtig, streckte er den Arm aus.
Seine Hand fand sie unter der Decke. Ihr Körper war warm und weich. Der Flanell ihres Schlafanzugs fühlte sich an wie damals.
Seine Finger ertasteten einen Streifen nackter Haut. Zwischen Oberteil und Bündchen ihrer Hose, ein schmales Stück warme, weiche Haut an ihrer Hüfte. Die Wärme, die von ihr ausging, durchflutete seine Hand, seinen ganzen Arm.
Dann spürte er ihre Finger. Leicht, zart, berührten sie seinen Unterarm. Eine Antwort. Ein leises Zeichen.
Seine Hand fand den Saum ihres Schlafanzugoberteils. Er schob es nach oben, ganz langsam. Ihre Haut darunter war einfach nur elektrisierend. Und dann spürte er sie: ihre Brüste.
Klein und mädchenhaft, genau wie damals, als man sie unter ihrem T-Shirt nur erahnen konnte.
Sie waren weich unter seinen Fingern, in der Sekunde seiner Berührung veränderten sie sich. Ihr Körper reagierte. Ihre Brustwarzen wurden fest unter seiner streichelnden Hand. Sie standen regelrecht ab und animierten ihn, sie zwischen seinen Fingern ein wenig zu zwirbeln. Ein sanftes Spiel, das sie mit einem leisen Zittern quittierte. Claudine sagte nichts, ihr Körper sprach.
Marts Hand wanderte tiefer. Unter den Gummizug ihres Hosenbundes, über den flachen Bauch, hinab zwischen ihre Beine. Sie waren angewinkelt, leicht geöffnet. Seine Finger tasteten nach ihrem zarten Muschelchen. Es war feucht. Er tauchte ein in den Quell des Lebens, in die Ode an die Freude. Mart streichelte sie vorsichtig. Er konnte ihr Knöpfchen deutlich fühlen und er strich mit seinen Fingerkuppen darüber, es fühlte sich fest an. Sein Druck ließ Claudine zurückweichen, so als könnte sie die Berührung nicht ertragen – zu intensiv, zu überwältigend nach all den Jahren der Abstinenz.
Als Mart kurz innehielt, unsicher, ob er zu weit gegangen war, spürte er, wie Claudine ihr Becken, das sie in die Matratze gepresst hatte, ein wenig anhob. Eine kleine Bewegung. Ihre Hände fuhren zum Bund ihrer Schlafanzughose und streiften sie über die Beine. Ein leises Rascheln, und sie fiel neben dem Bett auf den Boden.
Die Fesseln waren abgelegt.
Mart verstand die Aufforderung, setzte sich auf, zog sich sein T-Shirt über den Kopf, knöpfte seine Shorts auf. Sie fielen irgendwo hin. Seine Erektion wippte frei im Dunkeln, ein Schatten vor dem roten Licht des Rauchmelders, der geduldig blinkte.
Er senkte den Kopf zwischen ihre nackten Beine, die sie ein Stück geöffnet hatte. Er roch den unverwechselbaren, intimen Duft, der nur einer Frau gehörte.
Seine Zunge fand ihr zartes Knöpfchen, das er gerade noch mit den Fingerkuppen liebkost hatte. Es war fest, fast steif, so wie die Spitzen ihrer Brüste. Claudine zuckte. Ein leises, ersticktes Geräusch entkam ihrer Kehle – halb Überraschung, halb Lust. Mart drückte mit der Zunge fester an ihre empfindlichste Stelle, umkreiste sie langsam, spürte die Kontraktionen ihrer Unterleibsmuskulatur, die durch ihren ganzen Körper jagten.
Er wurde mit Reizen von zitroniger Magnolie bis grazilem Buschwindröschen schier überflutet, ein ganzes Blütenmeer entfaltete sich. Er nahm seine Hände an ihre Hüften und sie leistete keinen Widerstand, als er ihre Beine mit seinen Schultern weiter auseinander drückte, um tiefer in ihren Schoß einzutauchen und jeden Zentimeter ihrer pulsierenden Weiblichkeit zu verkosten.
Sie stöhnte leise, kaum hörbar, aber es ging Mart durch Mark und Bein. Ihre Hand wuschelte in seinen Haaren, zog ihn nicht weg, sondern drückte ihn näher, forderte mehr, wollte nicht, dass er aufhörte.
Mart tauchte ein in sie. In ihren Geschmack, in ihren Geruch, in das nasse, heiße Paradies zwischen ihren Beinen. Er spürte, wie sich ihre Muskeln um seine Zunge spannten, wie ihr Becken sich hob und senkte im Rhythmus seiner Bewegungen.
Als er spürte, dass sie kurz davor war, auf Wolke sieben zu entfliehen – dieser eine Moment, in dem die Spannung unerträglich wird und sich gleichzeitig in Wohlgefallen auflösen will – hielt er inne. Er wollte sie begleiten, wollte mit ihr explodieren.
Er kam nach oben, über sie, sein Gesicht über ihrem. Im Dunkeln sah er den Schimmer ihrer Augen, weit geöffnet, auf ihn gerichtet. Ihr Atem ging schnell. Ihre entblößten Brüste hoben und senkten sich.
Sie lächelte. Dieses Lächeln. Selbst im Dunklen konnte er es ausmachen. Das gleiche Lächeln wie damals, als sie sich beim Memory in der Raummitte trafen und sich an die Nase fassten.
Seine Erektion stand genau auf der Höhe ihres Garten Eden. Er rutschte hinein, langsam, ganz langsam. Sie war eng, so eng, als hätte niemand sie vorher berührt.
Claudine keuchte. Ihre Fingernägel gruben sich in seinen Rücken, zogen feine Linien, die nicht weh taten, sondern ihn noch tiefer in sie trieben.
Sie holten nach, was sie sich als Teenager nicht trauen durften. All die Jahre dazwischen, die sie ohneeinander verbracht hatten. All die Sehnsucht, die nie ganz verschwunden war.
Sie bewegten sich im Gleichklang. Ein uralter Rhythmus, so alt wie die Menschheit selbst. Das Auf und Ab, das sich Nehmen und sich Hingeben. Sein Rücken, angespannt von der Anstrengung, ihre Beine um seine Hüften geschlungen, sein Gesicht über ihrem, die Augen geschlossen vor Lust, ihre Brüste unter seinen Händen, die sich hoben und senkten im Takt ihrer gemeinsamen Bewegung. Alle vierzig Sekunden ein Aufblitzen, das ihre Körper für einen Augenblick sichtbar machte. Ein Slow-Motion-Stroboskop der Leidenschaft.
Bei jedem Blinken dachte Mart an das Jugendheim. An die Tür, die damals aufging. An den Moment, der alles zerriss. Er fokussierte auf Claudines erregten Körper, um positive Gedanken zu kanalisieren, um nicht die Lust, das Schönste, das er seit langem verspürte zu verlieren.
Claudine erreichte den sinnlichen Höhepunkt und Mart in der Sekunde danach. Er hatte gespürt, wie sie sich näherte, hatte seine eigenen Bewegungen verlangsamt.
Kein Schrei, keine Ekstase, die man bis in das Nachbarhaus hätte hören können. Nur ein tiefes, gemeinsames Stöhnen, das sich verlor in den Kissen, im Deckenberg, im leisen Rauschen der Stadt, das durch die gekippten Fenster drang.
Jetzt, in dem Moment, da sie sich in seinen Armen entspannte, und ihr Körper die letzte Welle der Lust durchströmte, war er einfach nur glücklich.
Sie lagen nebeneinander, schlossen die Augen. Die Zeit schien in eine Schleife geraten zu sein. Beide rochen den Mädchenschlafsaal, die Decke türmte sich neben ihnen auf, die Sichtlinie zum Feuermelder war gebrochen. Ein Alarm war ausgeblieben.
Der Raum schien in die Länge gezogen, die Zeit gestaucht, die Gedanken komprimiert. Es gab nur ein Jetzt, das sich ausdehnte wie ein Gummiband, das man immer weiter zog, bis es dünn wurde, durchsichtig. Und wenn es riss? Würde dann die Vergangenheit herausfallen? Oder die Zukunft? Oder würde sich alles in einem einzigen, unendlich kleinen Punkt versammeln, einem Augenblick, der nie vergeht?
„Ist sie weg?“, flüsterte Claudine plötzlich.
Mart hörte ihre Stimme von fern. Er brauchte eine ganze Weile, bis ihre Worte seine Gehirnwindungen erreichten. Sie sprach aus einer fernen Zukunft, zu ihm, oder aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Er konnte es nicht unterscheiden.
„Es ist niemand da“, flüsterte er zurück.
„Ich hab damals solche Angst gehabt“, sagte sie leise. „Dass sie uns in einem Bett erwischt. Alles war am Anfang.“
„Es ist der Anfang“, antwortete Mart.
Er spürte etwas an seinem Fuß. Ein sanftes Stupsen. Dann noch eins. Er hob den Kopf, blickte ans Fußende des Bettes. Die schwarze Katze hatte es sich gemütlich gemacht. Sie lag zusammengerollt wie ein kleines, pelziges Kissen.
„Sie scheint es zu mögen, wenn wir uns lieben. Du hast alles richtig gemacht, Katzen irren sich nicht“, murmelte Claudine, „sie weiß genau, was ich brauche.“
Irgendwann, Mart wusste nicht wann, schliefen sie ein. Immer noch eng nebeneinander. Immer noch verbunden. Gefangen in dem Moment, der Jahrzehnte überbrückte. Ein Paradoxon, denn ein Moment ist per Definition ein sehr kurzer Zeitabschnitt, aber wie kurz eigentlich? Könnte es sein, dass er so kurz werden kann, dass das Ende vor dem Anfang zu liegen kommt, ein negatives Zeitinkrement, also ein Dekrement, das gleich einem astrophysikalischen Wurmloch, wenn nicht den Körper, dann aber zumindest den Geist über Dimensionen hinweg durch die Raumzeit schleudert?
Der Wecker riss Mart aus seinen wirren Träumen. Sein erster Gedanke war: Wo bin ich? Welcher Tag ist es? Dann: Wo ist sie? Ihre Wärme, ihr Geruch lag noch unter der Decke, aber sie war weg.
Er stand auf. Aus dem Bad hörte er Wasserrauschen, dann Schritte, dann das Öffnen und Schließen von Schranktüren. Er blinzelte zur Uhr auf dem Nachttisch: 7:13. Die Messe öffnete um neun, seinen Stand musste er deutlich früher erreichen, er musste in die Gänge kommen.
Mart setzte sich auf. Das frühlingshafte Morgenlicht fiel durch das gekippte Fenster. Der Rauchmelder blinkte noch immer, kaum sichtbar, kaum wahrnehmbar. Auf dem Boden lagen seine Sachen, T-Shirt, Hosen, dort, wo er sie in der Nacht hingeworfen hatte.
Er stand auf, zog sich schnell an und ging Richtung Bad. Claudine kam gerade heraus. Sie trug eine Jeans über ihren aparten Beinen und eine dottergelbe Bluse zierte ihren schlanken Oberkörper, die Haare frisch gebürstet. Bereit für den Tag.
„Morgen“, sagte sie. Knapp und bündig.
„Morgen“, antwortete er.
Dann war sie weg, die Treppe hinunter. Mart hörte ihre Schritte in der Küche, das Klappern von Geschirr. Er putzte sich schnell die Zähne, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, besah sich im Spiegel. Äußerlich hatte er sich nicht verändert, trotzdem fühlte er sich wie ausgewechselt.
Als er in die Küche kam, waren die Bierflaschen vom Abend verschwunden, stattdessen stand eine Kaffeekanne aus dunkelgrauer Keramik auf dem Tisch, daneben ein Teller mit zwei Scheiben Weißbrot.
„Willst du auch eine Tasse?“, fragte Claudine. Sie stand am Herd, drehte sich kurz zu ihm um.
„Gern“, sagte Mart.
Sie schenkte ihm ein. „Milch?“
Mart schüttelte den Kopf.
Claudine drehte sich zur Anrichte und nahm vier Gläschen mit Marmelade aus einem Regal und stellte sie vor ihn hin.
„Die habe ich alle selbst eingekocht. Musst Du probieren.“ Sie lächelte, ein bezauberndes Lächeln, das ihm die Erlebnisse der letzten Nacht in Sekundenbruchteilen vor sein geistiges Auge schießen ließ.
Mart betrachtete die Gläser. Alle trugen ihre ebenmäßige Handschrift: Zwetschke, Erdbeere, Kirsche, Mirabelle. Vier Farben. Vier Aromen. Vier Dimensionen.
Die blaue Zwetschke. Ein tiefes, samtiges Blau. Er dachte an die Sehnsucht, die er unterschwellig gespürt hatte in all den Jahren – dieses diffuse Gefühl, dass etwas fehlte, ohne zu wissen, was. Die Zwetschke stand für diese Sehnsucht.
Die rote Erdbeere. Hell, leuchtend, voller Leben. Das war Claudine gestern Abend im Mautkeller, als sie lachte, ihm von Lena erzählte. Energie pur. Lebendigkeit.
Die blutrote Kirsche. Dunkler und intensiver. Das war die Nacht. Das war ihre Haut unter seinen Fingern, ihr Stöhnen, ihr Geschmack. Die pure Leidenschaft, die sie sich fast drei Jahrzehnte aufgespart hatten.
Und die Mirabelle. Sonnengelb, fast goldfarben. So wie ihr Lächeln jetzt, an diesem Morgen. Warm und hell. Ein Lächeln, das sagte: Es war so schön mit dir, wir sollten es wieder und wieder tun.
Keiner sprach sie an, die Ereignisse der Nacht. Kein Wort darüber. Sie hatten miteinander geschlafen, wild und leidenschaftlich, jetzt saßen sie hier wie Kumpel, die sich zum Frühstück trafen.
Mart nahm eine Scheibe Brot, strich die Mirabelle darauf. Biss ab. Süß, ein bisschen herb, voller Geschmack, voller Zuversicht, dass auf das Frühstück wieder eine atemlose Nacht folgt.
„Die ist gut“, sagte er.
Claudine setzte sich ihm gegenüber, trank einen Schluck Kaffee. „Das Obst ist von den Bäumen in meinem Garten. Die dritte Ernte spare ich auf für den Teil, den ich einkoche. Je reifer, desto köstlicher.“
Mart nickte. „Das gilt nicht nur für die Früchte aus deinem Garten.“
Claudine sah ihn spitzbübisch an, dann blickte sie auf die Uhr. „Wir müssen los. Du musst zur Messe, ich ins Büro.“
Sie räumten gemeinsam ab, stellten das Geschirr in die Spülmaschine. Claudine wischte den Tisch ab, Mart beförderte die Marmeladengläser zurück ins Regal. Wie ein eingespieltes Team. Wie ein altes Ehepaar, das es schon Hundertemale gemacht hatte.
Dann standen sie im Flur, zogen ihre Jacken an. Sie sah ihn an.
„Gehen wir heute Abend nochmal aus?“, fragte sie.
„Gerne. Wohin?“
„Ich kenn da was. Kraftklub. In der Altstadt. Vegane Gerichte, lecker und ausgewogen.“
Er nickte. „Okay. Kraftklub. Wann?“
„Sieben? Acht? Ich schreib dir die Adresse.“ Dann öffnete Claudine die Tür.
Draußen war der Morgen kühl, aber die Sonne schien. Der Frühling war da. Sie gingen nebeneinander die schmale Straße entlang. An der Ecke trennten sich ihre Wege – sie hinunter zur U-Bahn, er weiter zur Straßenbahn.
„Bis heute Abend“, sagte sie.
„Bis heute Abend“, sagte er.
Dann warf sie ihm einen Blick zu. Einen einzigen, kurzen Blick, bevor sie die Treppe in den Untergrund nahm. Er brannte sich in sein Innerstes. In diesem Blick lag alles: die Vergangenheit, die Leidenschaft, die Zukunft.
Mart stand noch einen Moment da, atmete tief ein, spürte die Frühlingssonne im Gesicht. Dann ging auch er. Die Messe wartete. Aber eigentlich wartete nur eines - der Abend.
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