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Die Sache mit dem Küssen (üben) (fm:Ältere Mann/Frau, 24449 Wörter)

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Veröffentlicht: Jun 09 2026 Gesehen / Gelesen: 2071 / 1773 [86%] Bewertung Geschichte: 9.30 (20 Stimmen)
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Die Sache mit den Küssen

Langsam steigt Luise die knarzenden Kellertreppen des Mehrfamilienhauses hinunter, den schweren Wäschekorb fest im Griff. Ihr Schritt ist ruhig, aber in ihren Gedanken kreisen die alltäglichen Sorgen und Pläne des Abends. Die Luft im Keller ist kühl und riecht nach Waschmittel und leicht nach Feuchtigkeit. Aus der Ferne dringt das dumpfe Klappern einer Tür und das leise Summen der alten Heizungsanlage an ihr Ohr. Sie stellt den Korb mit einem dumpfen Poltern auf der Metallabdeckung der Waschmaschine ab, das Geräusch hallt für einen Moment nach. Gerade will sie die Tür öffnen, als ein kaum wahrnehmbares Rascheln hinter ihr die Stille zerreißt.

Luise fährt herum, das Herz schlägt ihr einen winzigen Moment schneller. Ihr Blick sucht die Quelle des Geräuschs und bleibt an Thorsten hängen, der in einer dunklen Ecke hockt, fast verschmolzen mit dem Schatten. Überrascht hebt sie die Augenbrauen, mustert ihn einen Moment, bevor sie fragt: „Thorsten, was machst du denn hier?“

Thorsten ist der beste Freund ihrer Tochter Mellisa. Die beiden kennen sich seit der Grundschule und teilen die Leidenschaft für Musik – sie verbringen oft Stunden damit, gemeinsam neue Lieder zu entdecken. Thorsten ist 18 Jahre alt, damit ein Jahr jünger als Mellisa, und gilt unter Freunden als zurückhaltend, aber zuverlässig.

Thorsten hört die Stimme durch einen Nebel aus Gedanken, die wie ein Wirbelsturm in seinem Kopf toben. Geräusche verschwimmen. Hat sie ihn schon länger beobachtet? Seit er hier sitzt, zählt er die Risse in der Wand, versucht sich zu beruhigen, doch seine Gedanken sind laut und wild. Dumm, sich zu verstecken. Panisch springt er auf, das Herz rast, und für einen Moment überlegt er, einfach davonzulaufen – weg, raus, bevor er sich noch blamiert.

Doch Luises Hand greift sanft seinen Arm, hält ihn zurück. Ihre Berührung ist warm, fast mütterlich, und in dem Moment spürt Thorsten, wie seine Fluchtbereitschaft langsam nachlässt, wie die Welt ihn in die Gegenwart zurückholt. Sie meint es nicht böse. Sie will helfen. Aber kann ich überhaupt reden? Die Erinnerung daran, wie Luise ihm zum 18. Geburtstag das „Du“ angeboten hat, blitzt in seinem Kopf auf. Ein Zeichen von Nähe – und doch, diese Nähe ist ihm gerade fast zu viel.

„Thorsten, was ist los? Ich dachte, wir verstehen uns gut genug, dass du auch mit mir reden kannst, wenn du mal ein Problem hast, dass du nicht mit Melissa besprechen willst.“

Ihre Stimme ist weich, fast wie eine Decke an einem kalten Tag. Thorsten spürt, wie seine Kehle eng wird. Reden? Einfach so? Das klingt so leicht, aber wie kann man Worte finden für etwas, das einen so beschämt? Er senkt den Blick, sucht Halt in den Mustern des alten Linoleumbodens, während seine Gedanken wie ein Karussell rotieren.

Luise wartet geduldig, spürt die angespannte Atmosphäre, nimmt jedes Zucken seines Körpers wahr. Sie will ihm nicht zu nahetreten, aber sie möchte ihm auch das Gefühl geben, dass er ihr vertrauen darf. Er ist wie ein offenes Buch, das sich nicht traut, gelesen zu werden. Was kann ich tun? Ihn drängen? Nein, lieber behutsam vorgehen...

„Habt ihr euch gestritten?“

Thorsten schüttelt den Kopf, fast mechanisch. Bloß nicht zu viel verraten. Wenn sie wüsste, wie es in mir aussieht...

„Was ist es dann?“

Thorsten ringt um Worte, der Kopf voller Stimmen, die ihm einreden, dass alles falsch klingt. Wenn ich es jetzt sage, zieht sie mich vielleicht auf – oder lacht. Oder sie versteht mich nicht. Was, wenn sie es Melissa erzählt? Er bringt kein Wort heraus, die Stille wird schwerer, jeder Atemzug ein kleiner Kampf.

Luise blickt zur Waschmaschine, hört das Klacken eines Tropfens auf dem Emaille, doch sie weiß, dass jetzt alles andere warten muss. Mit einem sanften Lächeln sagt sie: „Gut, weißt du was? Lass uns nach oben gehen. Dort sind wir ungestört, und es fällt dir bestimmt leichter, mir zu sagen, was dir so schwer auf dem Herzen liegt.“

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