Bis zum Horizont ... und darüber hinaus (fm:Romantisch, 15279 Wörter) | ||
| Autor: Mr_Empire | ||
| Veröffentlicht: Jul 15 2026 | Gesehen / Gelesen: 948 / 717 [76%] | Bewertung Geschichte: 9.11 (19 Stimmen) |
| Akt I: Vor dem Horizont (LP) | ||

Ersties, authentischer amateur Sex
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den Blick noch immer nicht.
„Oder um über einiges nachzudenken?“, fragt Manuel behutsam.
„Ja. Auch das kann man hier tun. Wenn es denn sein muss“, antwortet sie und sieht scheu zu ihm hinüber.
„Oh, Entschuldigung. Ich wollte ihnen wirklich nicht zu nahe treten. Falls das so klang, tut es mir leid.“ Manuel hält ihren Blick, als hoffe er darin ein kleines Zeichen zu finden – irgendeinen stillen Hinweis darauf, dass die Frau, die er so liebt, noch nicht ganz verschwunden ist.
„Das haben sie nicht. Aber sie haben schon recht. Ich bin hier, um einiges in meinen Gedanken – und wohl auch in meinem Leben – zu ordnen.“ Sie weiß selbst nicht, warum es gut tut, mit einem Fremden zu sprechen. Nicht über das, was sie niederdrückt. Einfach nur über Belangloses, über die Welt, über nichts und alles zugleich.
„Dann gehe ich wohl besser. Ich will sie nicht bei wichtigen Gedanken oder Entscheidungen stören“, sagt Manuel mit ruhiger Stimme und steht auf.
„Nein, bitte bleiben sie. Es ist angenehm, mit ihnen zu sprechen, eine kleine Pause vom Grübeln zu haben“, sagt sie rasch und deutet mit einer leichten Bewegung an, dass er sich wieder setzen soll.
Ohne zu überlegen kommt Manuel ihrer Bitte gern nach. Er setzt sich wieder, dankbar für jeden weiteren Augenblick in ihrer Nähe. „Aber dann darf ich mich wenigstens vorstellen“, sagt er. „Knoller. Manuel Knoller.“ Dabei reicht er ihr die Hand.
Ohne Zögern nimmt sie seine Hand. „Freut mich, Manuel. Ich bin Tanja.“
Für einen kurzen Moment genießen beide die Wärme des anderen. Manuel würde diesen Augenblick gern festhalten, doch er löst den Handschlag rechtzeitig, um keinen falschen Eindruck zu hinterlassen.
„Und was machst du beruflich, Manuel?“, fragt Tanja nach einer kleinen Pause.
Manuel zieht leicht die Schultern hoch. „Ich träume davon, irgendwann der nächste Rockefeller zu werden. Ob das klappt, steht auf einem anderen Blatt. Im Moment spiele ich eher den Sklaven für ein Logistikunternehmen.“ Seine Selbstironie entlockt Tanja zum ersten Mal ein scheues Lächeln.
„Eine ungewöhnliche Formulierung“, sagt sie und sieht ihn dabei zum ersten Mal richtig an.
„Vorsicht, Tanja“, sagt Manuel schnell und in seiner Stimme liegt plötzlich eine Wärme, die fast besorgt klingt.
„Was ist? Habe ich etwas Falsches gesagt oder getan?“, fragt sie sofort. Manuel hört, dass ihre Besorgnis echt ist.
Mit einem sanften Schmunzeln schüttelt Manuel den Kopf. „Nein, gar nicht. Ich wollte dich nur warnen, dass sich da gerade ein kleines Strahlen in dein Gesicht geschlichen hat.“
„Oh, vielen Dank. Da muss ich künftig wohl besser aufpassen“, erwidert Tanja – und schenkt ihm in genau diesem Moment jenen strahlenden Ausdruck, in den er sich einst verliebt hat.
„Ich weiß zwar nicht, warum du es so sehr versteckst“, sagt Manuel gedämpft, „aber ich weiß, dass es dir viel besser steht als der Ausdruck, den du die letzte Zeit getragen hast.“ Kaum hat er die Worte ausgesprochen, spürt er, dass sie nicht das auslösen, was er gehofft hatte.
Denn ohne ein weiteres Wort steht Tanja auf. Traurig sieht sie auf ihn hinab. „Entschuldige, aber ich muss jetzt gehen“, sagt sie nur, bevor sie sich mit schnellen Schritten entfernt.
Verdammt, Manuel, was hast du getan? Er sieht ihr nach, bis sie aus seinem Blick verschwunden ist. Aber was genau habe ich denn gesagt? Es war doch nur ein Kompliment. Ich habe sie nicht auf den fehlenden Ring angesprochen, nichts von dem erwähnt, was mir aufgefallen ist. Ich kann nur hoffen, dass sie morgen wiederkommt, damit ich mich entschuldigen kann.
Langsam erhebt er sich. Ein Windhauch fährt durch die Blätter, doch Manuel spürt nur eine Kühle, die tiefer sitzt als die des Abends. Das Knirschen des Kieses unter seinen Schritten nimmt er kaum wahr. Immer wieder kreisen seine Gedanken um ihr Gespräch, vor allem um dessen abruptes Ende. Wieder und wieder geht er seine Worte durch, sucht nach einem Fehler, nach einer falschen Andeutung, nach etwas, das ihre heftige Reaktion erklären könnte. Doch er findet nichts.
Als Manuel in seine Straße einbiegt, steht Tanja vor ihrem eigenen Haus. In jenem Haus, in dem sie so viele Jahre gelebt und ihr Glück für selbstverständlich gehalten hatte – bis vor knapp einem Monat aus heiterem Himmel alles zusammengebrochen war. Die Hand, in der sie den Schlüssel hält, zittert so stark, dass sie Mühe hat, das Schloss zu treffen. Erst beim zweiten Versuch gelingt es ihr. Einen Moment später tritt sie ins Haus.
In der Luft hängt ein abgestandener Geruch aus kaltem Kaffee, Holzpolitur und jener schwer zu benennenden Stille leer gewordener Räume, obwohl sie so viel lüftet. Sie hängt die Jacke an die Garderobe und ihr Blick bleibt am Spiegel in der Diele hängen. Das Licht fällt blass durch das schmale Fenster neben der Tür und legt sich erbarmungslos auf ihr Gesicht. Wie oft hatte sie dort noch rasch ihr Haar gerichtet, bevor sie mit Thorsten ausging. Fast war ihr dieser Spiegel zu einem stillen Vertrauten geworden. Doch was sie nun darin sieht, erschreckt sie. Selbst sie erkennt in diesem Gesicht die lebensfrohe Frau von vor wenigen Wochen kaum wieder.
Schwer seufzend wendet sie sich ab und geht mit gesenkten Schultern ins Wohnzimmer. Schon als Sabrina vor drei Jahren ausgezogen war, war das Haus leerer und stiller geworden. Doch seit zwei Wochen ist es nicht nur still – es wirkt, als halte es selbst den Atem an. Nicht einmal das sonst so vertraute Knacken des Holzes oder das Summen der Geräte in der Küche vermag die Stille zu brechen. Das Abendlicht liegt grau und kraftlos auf den Möbeln, als habe auch der Tag jede Farbe verloren. Resigniert lässt Tanja sich aufs Sofa sinken. Ihr Blick streift über die vertrauten Möbel, über die Bilder an der Wand, die Thorsten einst aufgehängt hat. Und da brechen bei ihr die Tränen durch. Eine nach der anderen rinnt über ihre Wangen, schwer und unaufhaltsam.
Ihr Handy beginnt zu klingeln und obwohl Tanja das Display nicht sehen kann, erkennt sie am Ton, wer es ist. Hastig steht sie auf, geht zurück zur Garderobe und zieht das Telefon aus der Jackentasche, in der sie es vergessen hatte. Schon auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer nimmt sie das Gespräch an.
„Hallo, mein Schatz. Schön, dass du dich meldest“, sagt sie und bemüht sich um eine ruhigere Stimme.
„Hallo, Mama. Passt mein Anruf gerade nicht, ist das kein guter Moment?“, fragt Sabrina sofort. Sie hat die unterdrückten Tränen in der Stimme ihrer Mutter längst gehört.
Tanja setzt sich wieder aufs Sofa. „Du kannst gar nicht im falschen Moment anrufen“, sagt sie und versucht, ihre Lage besser wirken zu lassen, als sie ist.
„Mama versteck dich nicht vor mir, bitte mach das nicht. Wenn du willst, setze ich mich sofort ins Auto und komme zu dir“, sagt Sabrina mit jener leisen Entschlossenheit, die Tanja nur zu gut von ihr kennt.
„Danke, mein Schatz. Das wäre zwar schön, aber du müsstest fast zwei Stunden fahren. Das will ich dir nicht antun. Es reicht schon, deine Stimme zu hören.“ Sabrina weiß, dass Tanja jedes ihrer Worte genauso meint.
„Das wäre mir gleich, Mama. Zwei Stunden, fünf Stunden – ganz egal. Du bist meine Mutter und ich liebe dich. Ich werde immer für dich da sein“, sagt Sabrina. In ihrer Stimme liegt ein leiser Vorwurf, der weniger gegen Tanja gerichtet ist als gegen die Situation selbst.
„Ich weiß. Und ich liebe dich auch. Wenn du magst, komm doch am Wochenende zu mir. Ich würde mich sehr freuen.“ Bei dem Gedanken, ihre Tochter in drei Tagen zu sehen, wird etwas in Tanja ein wenig leichter.
„Gern, Mama. Wie geht es dir denn grundsätzlich gerade?“, fragt Sabrina behutsam und versucht, das Gespräch sanft in eine andere Richtung zu lenken.
„Ach, Kind … alles fühlt sich grau an. Ich bin schon froh, wenn ich mich überhaupt dazu aufraffen kann, in den Park zu gehen – und selbst das nur, weil mir hier zu Hause die Decke auf den Kopf fällt“, sagt Tanja offen.
„Hat er es wirklich so eilig gehabt? Ich kann es immer noch nicht glauben, Mama“, sagt Sabrina leise.
„Ja, das hatte er. Kaum hatte er es mir gesagt, hat er auch schon seine Sachen gepackt und ist ausgezogen“, antwortet Tanja so ruhig, wie es ihr möglich ist und kämpft doch erneut gegen die aufsteigenden Tränen an.
„Dieses Arschloch … entschuldige, Mama. Ich weiß, dass du es nicht magst, wenn ich so rede. Aber ehrlich – wie kann man so etwas tun?“
„Sprich bitte nicht so von ihm. So ist das Leben nun einmal. Irgendwann geht alles zu Ende – auch wenn es plötzlich kommt“, sagt Tanja und versucht noch immer, Thorsten in Schutz zu nehmen.
„Mama, jetzt reicht es aber. Nach mehr als zwanzig Jahren Ehe reicht er die Scheidung ein, zieht eine Woche später aus – und das alles nur wegen …“ Sabrina bricht ab. Den eigentlichen Grund mag sie nicht einmal aussprechen.
„So etwas geschieht, mein Schatz. Dagegen kannst du nichts tun – genauso wenig wie ich.“ Tanja weiß selbst nicht, woher sie in diesem Moment die Kraft nimmt, Thorsten vor Sabrina zu rechtfertigen. Vielleicht ist es nur der verzweifelte Wunsch, dass nicht auch noch das Band zwischen Vater und Tochter zerbricht.
„Gut, ich schweige. Aber bis er es mir irgendwann selbst erklärt, hat Papa keinen guten Stand bei mir. Wie kann man nur so handeln?“ Sabrina schüttelt den Kopf. Dann wird ihre Stimme wieder weicher. „Was kann ich denn bis zum Wochenende für dich tun, Mama?“
Tanja zieht hörbar die Luft ein und lässt sie dann langsam wieder entweichen. „Du tust schon genau das Richtige, mein Schatz. Deine Stimme zu hören, hilft mir sehr. Allein das Reden tut mir gut.“ Genauso wie mit Manuel eben?
„Verdammt, Mama – wenn ich dich so höre, machst du es mir immer schwerer, nicht sofort ins Auto zu steigen und zu dir zu fahren“, sagt Sabrina. Tanja hört ihr die Sorge deutlich an.
„Ich kann dich nicht davon abhalten, zu kommen – aus dem Alter bist du längst heraus. Aber wirklich: Es reicht, wenn du, wenn ihr beide mich am Wochenende besucht. Ihr könnt dann auch gern hier übernachten“, sagt Tanja und versucht, ihre Tochter zu beruhigen.
„Ich frage Dirk, ob er mitkommen möchte oder ob er schon etwas vorhat. Im Moment ist er viel mit seinen Freunden unterwegs. Aber wenn er nicht kann, dann machen wir uns eben einen wunderschönen Mutter-Tochter-Abend, Mama“, verspricht Sabrina. Das zaubert Tanja zum ersten Mal an diesem Vorabend ein kleines Lächeln ins Gesicht. Wenig später verabschieden sich die beiden – mit dem stillen Wissen, dass sie sich in ein paar Tagen wiedersehen werden.
Die nächsten Tage vergehen für Manuel zäh wie Sirup. Jeden Nachmittag geht er in den Park und setzt sich auf jene Bank, auf der sie sonst gesessen hat. Über ihm wandert das Licht von mildem Gold zu kühler Dämmerung, während der Park um ihn herum weiterlebt: Das ferne Bellen eines Hundes, das Kreischen spielender Kinder, das trockene Rascheln von Blättern über dem Kiesweg. Doch mittlerweile sind vier Tage vergangen, vier Tage, in denen er vergeblich auf Tanja gewartet hat. Kann es wirklich sein, dass er sie mit seinen Worten vertrieben hat? Wahrscheinlicher ist wohl, dass sie nach der Trennung einfach fortgezogen ist. Trotzdem sitzt das Gefühl, etwas unwiderruflich falsch gemacht zu haben, tief in ihm.
„Hätte ich sie doch früher angesprochen“, murmelt er vor sich hin, den Blick auf den Kiesweg vor seinen Schuhen gerichtet. „Nicht um ihr meine Liebe zu gestehen. Einfach nur, um ihre Freundschaft zu gewinnen. Dann wäre jetzt vielleicht alles leichter.“ Schließlich steht er auf und geht mit gesenktem Kopf nach Hause.
Auch Tanja denkt in diesen Tagen oft an Manuel. Dabei wird ihr klar, dass sie ihn gern wiedersehen würde. Sie kann nicht genau benennen, was es ist. Nur, dass ihr dieser kurze Augenblick mit ihm unerwartet gut getan hat. Einfach einmal mit jemandem zu sprechen, ohne Schwere, ohne Vergangenheit, ohne sich erklären zu müssen. Nur bis zu dem Punkt, an dem er sie indirekt auf ihren Zustand angesprochen hatte. Sie hatte ihn nicht verletzen wollen. Sie hatte nur gespürt, dass sie in diesem Moment noch nicht fähig war, sich ihm so weit zu öffnen. Doch wenn sie wieder in den Park geht und ihn dort erneut trifft, weiß sie, dass sie ihm eine Erklärung schuldet. Schon deshalb, weil er es nicht verdient hat, noch einmal so zurückgelassen zu werden.
Die Zeit mit Sabrina genießt Tanja mehr, als sie es in Worte fassen könnte. Das helle Lachen ihrer Tochter hallt wieder durch die Räume und verdrängt für ein paar Stunden die bedrückende Stille des Hauses. Dirk hatte den Tag tatsächlich schon mit Freunden verplant, so dass ihnen der Abend ganz allein gehört. Sabrina besteht darauf, mit ihr essen zu gehen und später noch irgendwohin, wo Menschen sind, Musik, Bewegung, Leben. Tanja hat nichts dagegen. Im Gegenteil: Auch wenn sie es sich selbst nicht zugetraut hätte, genießt sie den Abend. Vor allem, weil Sabrina bei ihr ist.
Doch auch das Wochenende geht zu Ende, viel zu schnell für beide. Gegen fünf macht Sabrina sich wieder auf den Weg nach Hause – nicht ohne Tanja zu versprechen, am nächsten Wochenende erneut zu kommen.
Tanja bleibt noch in der Einfahrt stehen und sieht ihrer Tochter nach, bis das Auto hinter der Ecke verschwindet. Erst dann dreht sie sich langsam zum Haus um. Mit jedem Schritt wird ihr deutlicher, dass sie dort drinnen wieder nur die große, drückende Stille erwarten wird.
Soll ich in den Park gehen? Vielleicht ist er ja da. Tanja sieht auf die Uhr. Kurz nach fünf. Die Chancen stehen zwar nicht gut, aber selbst ein Spaziergang ist besser, als stumpf vor dem Fernseher zu sitzen. Sie zieht ihre Jacke an, schließt die Haustür hinter sich und macht sich auf den Weg.
Wie er wohl darauf reagiert, dass ich letztes Mal einfach gegangen bin?, fragt sie sich noch, als sie um die letzte Biegung kommt. Da setzt ihr Herz für einen Schlag aus. Ob aus Freude oder Nervosität, kann sie selbst nicht sagen. Manuel sitzt tatsächlich auf der Bank.
Er wirkt jedoch traurig, sein Blick starr auf den Boden gerichtet. Langsam geht Tanja weiter, bemüht, den Kies unter ihren Schritten nicht zu laut knirschen zu lassen. Die Abendluft ist kühl geworden und zwischen den Bäumen liegt schon jenes dämmerige Licht, das die Konturen weicher macht. „Hallo, Manuel. Darf ich mich zu dir setzen?“, fragt sie leise. Er zuckt merklich zusammen, dreht den Kopf zu ihr und starrt sie einen Moment lang an, als könne er kaum glauben, dass sie wirklich vor ihm steht. „Ist das deine Art, Frauen immer so anzustarren?“, versucht Tanja die Spannung mit einem lockeren Satz zu lösen.
„Äh, entschuldige. Natürlich darfst du dich setzen, Tanja. Es ist ja schließlich nicht meine Bank“, erwidert Manuel – und greift dabei unwillkürlich genau ihre Worte vom ersten Mal auf.
„Du hast dir meinen Namen gemerkt? Das freut mich. Aber wenn keinem von uns die Bank gehört – müssen wir dann aufstehen, sobald jemand anderes kommt?“, fragt sie und ein vorsichtiges Lächeln legt sich auf ihre Lippen.
Will sie mich gerade prüfen? Manuel atmet kaum merklich aus. „Natürlich habe ich deinen Namen nicht vergessen. Und dein Lächeln steht dir wieder gut. Aber bitte verschwinde diesmal nicht gleich wieder.“
„Keine Angst, Manuel. Und entschuldige, dass ich letztes Mal so plötzlich gegangen bin. Nur … die vergangenen Wochen waren so schwer, dass ich über mein eigenes Lächeln beinahe selbst erschrocken bin.“ Ruhig sieht Tanja ihn dabei an, ohne dem Blick auszuweichen.
„Entschuldigung angenommen. Ich hoffe, es geht dir inzwischen ein wenig besser. Dass in deinem Leben wieder etwas Licht einziehen kann“, sagt Manuel und lächelt sie vorsichtig an.
Licht? „Danke für den Wunsch“, sagt Tanja leise. „Aber ich weiß nicht, ob wirklich noch einmal Licht in mein Leben zurückkehrt.“ Noch im selben Moment bereut sie, dass sie das laut ausgesprochen hat.
„Wie meinst du das? Nur weil …“ Manuel bricht ab. Er weiß nicht, ob er es aussprechen darf.
„Nur weil?“, hakt Tanja sofort nach, diesmal mit einem Blick, der ihn eher ermutigt als zurückweist.
„Nun ja … weil dieses besondere Stück Metall an deinem Ringfinger nicht mehr da ist“, sagt Manuel schließlich. „Ja, Tanja. Mir ist aufgefallen, dass du deinen Ehering nicht mehr trägst.“ Er stellt sich innerlich bereits darauf ein, dass sie erneut aufspringen und davoneilen könnte.
„Das ist dir wirklich aufgefallen? Hast du mich deshalb angesprochen?“ Tanja hört sich selbst die Frage stellen und erschrickt fast über ihren eigenen Verdacht.
„Hey, Moment mal“, protestiert Manuel sofort. „Du warst es doch, die mich gebeten hat, mich zu dir zu setzen, als ich gerade gehen wollte – falls du dich erinnerst.“ Ein Windzug fährt über den Weg und treibt ein loses Blatt an ihnen vorbei.
Tanja sucht einen Moment in ihrer Erinnerung. Dann nickt sie leicht. „Stimmt. Entschuldige, Manuel. Ich habe dich wirklich selbst angesprochen. Aber warum ist dir dann aufgefallen, dass ich bis vor Kurzem noch einen Ehering getragen habe? Das würde ja bedeuten …“ Sie lässt den Satz offen, schaut ihn jedoch unverwandt an.
„Das würde bedeuten, dass du mir schon früher aufgefallen bist“, beendet Manuel ihren Satz leise. Sein Blick streift kurz die Bäume, dann kehrt er zu ihr zurück. „Ja, das stimmt. Ich mochte deine fröhliche, offene Art. Wie du mit den Menschen umgegangen bist. Und dass du fast immer ein Lächeln auf den Lippen hattest.“
„Und warum hast du mich dann nie angesprochen, wenn du all das so mochtest?“, fragt Tanja nach und spürt dabei selbst, wie ihr Herz schneller schlägt – als folge sie gerade einer Spur, die zu einem lange verborgenen Geheimnis führt.
„Eben wegen dieses Rings an deinem Finger“, gesteht Manuel. Er weiß selbst nicht, woher er den Mut nimmt, ihr dabei weiter in die Augen zu sehen.
„Mein Ehering …“ wiederholt Tanja leise und braucht einen Moment, um den Gedanken zu Ende zu führen. Dann senkt sie den Blick. „Dann sollte ich wohl besser gehen“, sagt sie beinahe tonlos.
„Nein, bitte nicht, Tanja. Ja, es stimmt, dass ich stärkere Gefühle für dich habe. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich hier saß und auf dich gewartet habe. Mir ist klar, dass du mir jetzt nicht einfach in die Arme fallen wirst – ganz gleich, wer von euch gegangen ist und warum. Was ich mir wünsche, ist nur deine Freundschaft.“ Während er spricht, hebt Tanja langsam wieder den Blick zu ihm.
„Nur Freundschaft? Manuel, selbst wenn ich wollte – ich könnte dir im Moment gar nicht mehr geben. Vielleicht Nähe, vielleicht eine unbedachte Nacht. Aber gefühlsmäßig nichts, was darüber hinausgeht. Die Trennung von meinem Mann liegt nicht einmal einen Monat zurück. Und er hat mich verlassen, nicht ich ihn. Ich hoffe, du verstehst das und bist jetzt nicht enttäuscht.“ Auch sie hält seinen Blick bewusst fest, als wolle sie jede Regung in seinem Gesicht lesen.
„Freundschaft, Tanja. Und ja – ich will dich nicht belügen: Mein Herz hofft natürlich, dass daraus eines Tages mehr werden könnte. Aber ich werde mich mit allem zufriedengeben, was du mir in einer solchen Freundschaft geben kannst.“ Jetzt ist es gesagt, denkt Manuel und wartet auf ihre Antwort.
Tanja lässt den Blick durch den Park schweifen. Manuel sitzt still neben ihr, ohne zu drängen, ohne etwas von ihr zu fordern. Sie sieht ihm an, wie ernst es ihm ist und ringt mit sich selbst: Kann sie mit dem Wissen leben, dass sein Herz bereits weiter auf sie zugegangen ist, als ihres ihm entgegenkommen kann? Oder würde gerade diese Freundschaft am Ende zu einer Brücke werden, die nur einer von beiden wirklich überqueren kann?
„Ich würde gern mit dir befreundet sein, Manuel …“ beginnt sie und sofort hellt sich sein Gesicht auf. „Aber ich nehme mir auch das Recht, diese Freundschaft wieder zu beenden, wenn ich merke, dass sie einem von uns nicht gut tut – dir vor allem nicht, weil ich dir nicht geben kann, was du vielleicht irgendwann brauchst. Nur unter dieser Bedingung stelle ich dir meine Freundschaft in Aussicht. Kannst du damit leben?“
„Tanja, ich habe dir doch gerade gesagt, dass ich all das, was du mir zu geben bereit bist, mit Freude annehmen werde. Und dass ich dich zu nichts drängen werde. Also ja – ich kann mit deiner Bedingung leben. Aber ich hätte ebenfalls einen Wunsch.“ Obwohl er ruhig spricht, fühlt Manuel sein Herz in der Brust schlagen, als laufe es einen Marathon.
„Einen Wunsch? Unter Freunden sollten Wünsche doch kein Problem sein – solange es sich nicht um einen Wunsch ganz besonderer Art handelt“, sagt Tanja und zwinkert ihm am Ende zu.
Manuel verdreht gespielt die Augen. „Was du sofort von mir denkst.“ Dann wird er wieder ernst. „Nein, mein Wunsch ist nur, dass du mir immer offen sagst, wenn ich unbewusst etwas tue, das dich in dieser Hinsicht bedrängt. Versprichst du mir das?“
Wie aus der Pistole geschossen antwortet Tanja mit einem Lächeln: „Sehr gern. Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich dir sofort auf die Finger klopfe, falls sie sich irgendwann unschicklich benehmen sollten.“ Wieder zwinkert sie ihm zu, damit kein Zweifel daran bleibt, dass sie es spielerisch meint.
„Danke, Tanja. Mehr will ich gar nicht“, sagt Manuel. Sofort zieht sie eine Braue hoch. „Ach komm schon – du weißt genau, wie ich das meine.“
Zum ersten Mal, seit er bemerkt hatte, dass in ihrem Leben etwas aus dem Gleichgewicht geraten war, hört Manuel sie wieder richtig lachen. „Natürlich weiß ich das“, sagt Tanja zwischen zwei Atemzügen. „Aber du hast gerade einfach zu schön im Netz gezappelt.“ Lachend beugt sie sich vor und legt, mehr aus einer spontanen Bewegung heraus als bewusst, eine Hand auf seine Schulter.
Ein leiser Stromstoß scheint durch seinen Körper zu gehen. Es ist die erste beiläufige Berührung zwischen ihnen und doch trifft sie ihn tiefer, als er erwartet hätte. „Es ist schön, dein Lachen wieder zu hören“, sagt er leise. „Ich hoffe, ich kann es dir noch oft entlocken.“
Tanja fängt sich wieder und sieht ihn offen an. „Das hoffe ich auch, Manuel. Denn – abgesehen von der Zeit mit meiner Tochter dieses Wochenende – war das gerade mein erstes echtes Lachen seit Langem. Und es hat gut getan.“
„Du hast eine Tochter?“, fragt Manuel überrascht. „Das hätte ich nie vermutet. Dann müsstest du ja beinahe schon als Kind Mutter geworden sein.“
„Oh, danke für das Kompliment. Aber ganz so jung bin ich nun doch nicht mehr“, erwidert Tanja mit einem schmalen Lächeln. „Oder würdest du lieber jemanden Jüngeren mögen?“ Wieder lässt sie den Satz halb im Scherz offen.
„Auf keinen Fall“, entgegnet Manuel sofort. „Ich habe dich nur nie mit einem Kind gesehen. Wie alt ist deine Tochter denn, wenn ich fragen darf?“
„Unter Freunden sollte man fast alles fragen dürfen“, sagt Tanja. „Gut, manches vielleicht erst, wenn die Freundschaft ein wenig gewachsen ist. Aber das hier ist kein Geheimnis. Sabrina ist zwanzig. Ich war bei ihrer Geburt vierundzwanzig.“ Ein feines Blitzen tritt in ihre Augen. „Wenn du in Mathe ein wenig aufgepasst hast, kennst du nun auch mein Alter. Und? Bin ich dir zu alt?“
Manuel sieht sie beinahe empört an. „Tanja, wenn das so wäre, dann wäre das, was ich für dich empfinde, erschreckend oberflächlich. Dann müsste ich mich nicht nur schämen – ich würde den Kontakt am besten sofort wieder abbrechen. Nein. Und falls dir diese Frage irgendwann wieder kommen sollte, sage ich dir jetzt schon: Ich meine es ernst.“
Tanja erkennt sofort die leichte Verletzung in seinem Blick. Dabei hatte sie ihn eigentlich nur necken wollen. „Entschuldige, Manuel. Ich wollte deine Gefühle nicht klein machen. Aber ich glaube, ich werde genauso lernen müssen wie du – lernen, mit dieser besonderen Situation umzugehen.“
Als Tanja mit den Worten ansetzt, dass auch sie ihren Teil lernen müsse, fährt Manuel unwillkürlich ein Schreck durch den Körper. Für einen flüchtigen Moment glaubt er, sie werde alles zurücknehmen, was eben erst zwischen ihnen gewachsen ist.
„Ich bin es einfach nicht gewohnt“, fährt sie leiser fort, „mit jemandem zu reden, Zeit zu verbringen, vielleicht auch irgendwann etwas zu unternehmen, wenn ich weiß, dass dieser Mensch Gefühle für mich hat. Früher war alles klar. Ich war verheiratet, glücklich, geschützt durch etwas, das wie ein unsichtbarer Panzer wirkte. Vieles konnte an mir abprallen. Jetzt ist das anders. Wenn ich also etwas sage, das für mich nur ein kleiner Scherz ist, für dich aber mehr bedeutet, dann musst du mir das verzeihen. Ich werde sicher nicht jeden dieser Momente sofort richtig einschätzen.“
Sanft greift Tanja nach seiner Hand und hält sie für einen Moment fest. „Ich glaube, wir müssen beide noch viel über den anderen lernen“, sagt sie ruhig. „Uns wirklich kennenlernen, damit solche kleinen Momente nicht jedes Mal wie ein Schreck wirken. Und ich würde mich freuen, wenn wir das hinbekommen.“ Manuel strahlt sie an. „Ich mich auch.“
Tanja hebt den Blick zum Himmel. Dunkle Wolken haben sich zusammengezogen und die Luft trägt bereits diesen metallischen, gespannten Geruch, der einem Gewitter vorausgeht. Irgendwo in der Ferne grollt es dumpf. „Es sieht so aus, als würde es gleich gewittern“, sagt sie. „Was meinst du – morgen wieder hier?“ Obwohl sie seine Antwort beinahe schon kennt, stellt sie die Frage, um ihm die Entscheidung nicht abzunehmen.
„Gern“, sagt Manuel und steht auf. Dann hält er ihr die Hand hin, um ihr das Aufstehen zu erleichtern.
„Sag mal, Manuel – wie alt bist du eigentlich?“, fragt Tanja, als sie neben ihm steht.
Manuel grinst. „Ganz grün hinter den Ohren bin ich jedenfalls nicht mehr.“
Sofort muss Tanja lachen. „Das will ich doch hoffen. In meinem Alter sollte der Freundeskreis nicht mehr im Kindergartenalter sein.“ Mit einem Zwinkern sieht sie zu ihm auf.
„Ich bin zweiunddreißig, Tanja“, erwidert Manuel grinsend. „Also darf ich mit Fug und Recht behaupten, den Kindergarten schon vor einiger Zeit hinter mir gelassen zu haben.“
Tanja mustert ihn kurz und hebt erneut eine Braue. „Zweiunddreißig? Na gut – das lasse ich gerade noch gelten.“ Lachend umarmt sie ihn zum Abschied kurz. Sein dezentes Parfüm mischt sich für einen Moment mit der kühlen Luft vor dem Gewitter.
„Wie großzügig von dir“, erwidert Manuel lachend. „Dann wünsche ich dir einen schönen Abend.“
„Danke, den wünsche ich dir auch, Manuel. Bis morgen.“ Tanja dreht sich um und geht mit leichterem Schritt nach Hause, als sie gekommen war. Ja, Manuel hatte etwas an sich, das sie auf eine ruhige, fast tröstliche Weise anzog.
Auch Manuel macht sich auf den Heimweg. Diesmal ziehen ihn seine Gedanken nicht nach unten. Kein Grübeln, kein Suchen nach dem falschen Wort. Stattdessen schwingt leise Vorfreude in ihm mit – auf morgen, auf die Bank, auf ihr Wiedersehen.
In den nächsten Tagen treffen sich die beiden wieder jeden Tag im Park – und nur dort. Für Tanja wäre alles andere noch zu früh. Ein Mann in ihrem Haus oder sie in seiner Wohnung, selbst wenn nichts geschehen würde – allein der Gedanke fühlt sich noch nicht richtig an. Die Trennung von Thorsten liegt gerade erst einen Monat zurück. Zudem will sie den Nachbarn keinen Anlass zum Tuscheln geben.
Manuel wiederum will ihr zeigen, dass er jedes Wort ernst gemeint hat. Kein Drängen, keine Fragen nach Treffen bei ihm oder ihr. Tanja soll spüren, dass er bereit ist, alles anzunehmen, was sie ihm aus dieser Freundschaft heraus geben kann – und dass er sich, wie versprochen, damit begnügen wird.
Mit der Zeit werden ihre Gespräche tiefer. Sie streifen nicht länger nur die Oberfläche, sondern tasten sich vorsichtig in die Lebensgeschichten des anderen vor. Während über ihnen die Blätter rauschen und das Licht zwischen den Zweigen wandert, wird die Bank zu einem Ort, an dem die Welt für eine Weile leiser wird. So erfährt Manuel, wie sehr Tanja darunter gelitten hatte, dass Thorsten ihre gemeinsame Tochter Sabrina gegen ihren Willen auf ein Internat im Ausland geschickt hatte – und wie sehr ihr die Nähe zu ihr damals gefehlt hatte.
Tanja wiederum erfährt von Manuels zwei gescheiterten Beziehungen. Die erste, mit seiner großen Jugendliebe, hatte fünf Jahre gehalten. Die zweite begann zwei Jahre später – und endete, fast auf dieselbe Weise, ebenfalls nach fünf Jahren. Irgendwann danach hatte er Tanja im Park bemerkt. Erst nur aus der Ferne, dann immer bewusster, bis aus stillem Interesse langsam Liebe geworden war.
Als am nächsten Samstag Sabrina wieder in die Einfahrt fährt, mischt sich in Tanjas Brust Freude mit einem Hauch Wehmut. Freude darüber, ihre Tochter wie versprochen wiederzusehen – und Wehmut darüber, Manuel an diesem Tag nicht zu begegnen.
„Warum siehst du mich denn so an?“, fragt Tanja, als sie bemerkt, wie aufmerksam Sabrina sie mustert.
„Ich weiß nicht genau, warum, Mama. Aber du siehst schon viel besser aus – und das freut mich“, sagt Sabrina ehrlich, hebt ihr Glas und prostet ihr leicht zu.
„Danke, mein Schatz. Ich fühle mich auch ein wenig besser.“ Tanja stellt ihr Glas ab. Darf ich ihr sagen, dass ich jemanden kennengelernt habe – selbst wenn es nur Freundschaft ist?
„Wie war deine Woche, Mama?“, fragt Sabrina und beobachtet sie genau.
„Besser als die Wochen davor“, antwortet Tanja ausweichend.
„Das ist immerhin etwas. Schaffst du es also langsam, Papa aus deinem Kopf zu bekommen?“, fragt Sabrina – und bereut die deutlichen Worte im selben Moment.
Sanft lächelt Tanja. „Sprich bitte nicht so von ihm. Dein Vater war nicht immer so.“
„Mama, er hat dich einfach verlassen – und du nimmst ihn immer noch in Schutz?“ Sabrina kann ihre Mutter in diesem Punkt nicht verstehen. Zu tief sitzt ihre Enttäuschung über das Verhalten ihres Vaters.
„Er wird seine Gründe haben. Davon bin ich überzeugt …“, sagt Tanja leise, ohne ihrer Tochter in die Augen zu sehen.
„Oh, davon bin ich ebenfalls überzeugt“, wirft Sabrina trocken ein.
„Lassen wir das“, sagt Tanja schließlich, um dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. „Wie war eure Woche? Läuft es gut mit dir und Dirk?“
„Ja, danke, Mama. Alles bestens. Dirk lässt dich übrigens herzlich grüßen. Er wollte sogar mitkommen – aber das habe ich verhindert“, antwortet Sabrina mit einem kaum verhohlenen Schmunzeln.
„Wieso das?“, fragt Tanja sofort nach.
„Weil mir unser Mutter-Tochter-Abend letzte Woche so gut getan hat, dass ich ihn gern wiederholen wollte. Sicher, mit Dirk wäre es auch schön gewesen. Aber der letzte Samstag hatte etwas ganz Eigenes. Etwas, das ich dir auch gewünscht hatte, Mama.“ Sabrina spricht ruhig und hält dabei den Blick ihrer Mutter fest.
„Ja, auch für mich war es ein besonderer Abend. Endlich einmal wieder Zeit nur mit meiner Tochter“, sagt Tanja und für einen Augenblick gleiten ihre Gedanken zurück zu diesem letzten Wochenende.
Ein breites Grinsen legt sich auf Sabrinas Gesicht. „Siehst du, Mama? Genau deshalb habe ich Dirk zu Hause gelassen. Ein Mann hätte unseren Abend zwar nicht ruiniert – aber ein wenig gestört eben schon.“
„Na ja, er hätte sich ja mit Manuel …“ Noch bevor Tanja den Satz beenden kann, merkt sie, dass ihr der Name herausgerutscht ist. Sofort verstummt sie und beißt sich leicht auf die Lippe – in der vergeblichen Hoffnung, Sabrina habe es überhört.
„Manuel? Mama, gibt es da etwas, das du mir erzählen möchtest?“ Sabrina grinst nun unverkennbar, und Tanja weiß sofort, dass ihr der Name nicht unbemerkt entglitten ist.
„Ach, was du gleich von mir denkst. Ich lebe gerade einmal seit stark einem Monat in Trennung von deinem Vater, mein Schatz“, wehrt Tanja ab und versucht, die Frage ihrer Tochter mit einem halbherzigen Satz beiseitezuschieben.
„Was ich von dir denke? Nur Gutes, Mama. Ich habe doch gerade gesagt, dass du besser aussiehst. Und wenn dieser Manuel etwas damit zu tun hat, dann ist das eben so. Also los – erzähl.“ Sabrina lässt nicht locker.
„Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir haben uns nur im Park kennengelernt“, beginnt Tanja – und merkt doch selbst, dass allein dieser schlichte Satz längst nicht mehr die ganze Wahrheit enthält.
„Und, ist er süß? Wie alt ist er?“ Sabrina kann die Fragen vor lauter Ungeduld kaum zurückhalten.
„Sabrina, aus dem Alter, in dem ich Männer nach ‚süß‘ bewerte, bin ich längst heraus“, sagt Tanja mit gespielter Strenge. „Manuel ist nett, sieht gut aus – hat eine ruhige Art – und ist zweiunddreißig.“ Gerade beim Thema Alter beobachtet sie ihre Tochter sehr genau.
„Zweiunddreißig? Boah, Mama – wirst du jetzt zu einer Konkurrentin? Du weißt doch, dass genau diese Altersklasse mein Beuteschema ist“, sagt Sabrina lachend. Zwischen ihr und Dirk liegen immerhin zehn Jahre – und damit trennen Dirk und Manuel gerade einmal zwei.
„Hey, ich bin nicht auf Beutezug“, erwidert Tanja lachend. Dann wird sie ruhiger. „Nein … es tut mir einfach gut, mit Manuel zu reden. Er schafft es, mich für eine Weile aus meinen Gedanken herauszuholen.“ Sabrina meint zu sehen, wie sich dabei eine leichte Röte auf die Wangen ihrer Mutter legt.
„Ihr redet also nur?“, fragt Sabrina und Tanja weiß sofort, dass ihre Tochter sie nur necken will.
„Sabrina! Ich lebe gerade einmal stark einen Monat in Trennung von deinem Vater. Natürlich reden wir nur. Außerdem haben wir uns ja erst kurz vor deinem letzten Besuch kennengelernt“, sagt Tanja und diesmal ist ihre Entrüstung ganz und gar nicht gespielt.
„Schon gut, Mama. Vor mir musst du dich nicht rechtfertigen. Du bist eine attraktive Frau – natürlich spürst du noch Sehnsucht, Bedürfnisse und suchst Nähe. Aber Moment mal: Wenn ihr euch schon vor letztem Wochenende kennengelernt habt, warum höre ich erst jetzt von ihm?“ Sabrina neigt den Kopf leicht und sieht sie aufmerksam an.
„Danke, mein Schatz. Aber ob ich jemals wieder lieben werde …“ Tanja bricht ab und sieht zu dem Bild an der Wand hinüber. „Auch wenn Manuel sicher … Nein. Lassen wir das.“
„Was hat er dir schon Andeutungen gemacht? Und wenn ja – Mama wieso nicht – glaubst du wirklich, dass Papa nur in seiner neuen Wohnung hockt und eventuell mal Mütze Glatze spielt?“ Sabrina weiß, dass sie sehr direkt spricht. Aber irgendwie hat sie das Gefühl, ihre Mutter aus der Reserve locken zu müssen.
„Mütze, Glatze?“ Tanja braucht einen Moment, um die Aussage dahinter zu verstehen. Verlegen, fast scheu wie ein kleines Schulmädchen, kann sie sich jedoch ihr Kichern nicht verkneifen. „Nein, das glaube ich allerdings auch nicht.“
„Siehst du und nicht nur deswegen hast du jedes Recht, dir ebenfalls Gutes zu tun und wenn Manuel nicht nur gut aussehend ist – wie du sagtest – sondern scheinbar auch Interesse daran hat, dann tue es.“ Sabrina schaut ihre Mutter eindringend an.
„Das, das geht nicht, Schatz“ erklärt Tanja und Sabrina erkennt, dass ihrer Mutter dies zu sagen nicht so leicht fällt.
„Warum denn, Mama? Du hast doch gerade angedeutet, dass er wohl nichts dagegen hätte, dich vernaschen zu können.“ Sabrina ist bis in die Haarwurzeln gespannt auf die Antwort ihrer Mutter.
„Weil … weil ich ihm keine falschen Hoffnungen machen will!“ So jetzt ist es raus, fügt Tanja in Gedanken hinterher.
„Ihm falsche Hoffnungen machen? Mama, wir reden von Sex. Reinem, eventuell auch animalischem Sex und sonst gar nichts. Ich will dich nicht verkuppeln.“ Sabrina schaut Tanja ein wenig verwirrt an. Nimmt ihr Glas und trinkt einen kleinen Schluck Wein.
„Ach, und du meinst, dass ich alte Schachtel das nicht wüsste? Wenn es so wäre, würden wir, denke ich mal, gar nicht so ein Gespräch führen“ erwidert Tanja und trinkt ebenfalls einen Schluck Wein.
„Was ist es dann, Mama?“ Sabrina lässt das Thema nicht los.
Tief saugt Tanja die Luft in ihre Lungen, lässt sie stoßweise wieder heraus. Erst dann antwortet sie. „Weil Manuel schon seit ein paar Jahren in mich verliebt ist“ erklärt sie dann ruhig und beobachtet die Reaktionen ihrer Tochter genau.
Mit großen Augen schaut Sabrina ihre Mutter an. „Wie, er ist schon seit Jahren in dich verliebt? Ich denke, ihr kennt euch gerade erst einmal eine Woche oder so?“
„Das tun wir auch. Im Grunde zumindest. Manuel war mir die letzten Jahre im Park schon hier und da mal aufgefallen. Jedoch wusste ich da nicht, dass er wegen mir in den Park kam – um mich zu sehen“ erklärt Tanja mit ruhigen Worten.
„Aber wenn er schon solange in dich verliebt war, wieso hat er dich nie angesprochen“ will Sabrina nun wissen.
Tanja schaut sie fest an. „Dein Vater. Besser gesagt der Ring, den ich wegen ihm an meinem Finger trug. Manuel hatte bisher zwei Beziehungen. Beide um die fünf Jahre und beide Male mischte sich ein anderer in seine Beziehung ein. Er sagt, er weiß, wie sehr das schmerzt und dass er das nicht einmal aus Rachegefühlen einem anderen antun wolle. Daher ist er all die Jahre auf Abstand zu mir geblieben.“
„Wow, da scheinst du ja einen ganz besonderen Fang gemacht zu haben, Mama“ schwärmt Sabrina fast ihre Mutter an.
„Schatz, ich habe gar nichts. Zum einen weil ich nicht am Fischen bin und zum anderen, weil ich seine Freundschaft nicht durch eine einzige Nacht gefährden will. Einer Nacht, die ihm zeigen würde, was er bekommen würde, wenn ich für ihn offen wäre. Nein, dann lieber gar nicht“ spricht Tanja leise und senkt den Blick zu Boden.
„Aber zumindest vorstellen könntest du es dir?“ Sabrina stellt ihre Frage leise, nachdem sie wartet, bis ihre Mutter wieder aufschaut.
„Ähm, also selbst wenn, mein Kind. Dann würde ich so was garantiert nicht mit meiner Tochter besprechen“ räuspert sich Tanja leicht.
Sofort verdreht Sabrina lachend die Augen und wirft die Hände in die Höhe. „Boah Mama. Ich habe nicht gefragt wo – also hier oder bei ihm, wann oder welche Stellungen du, ihr – bevorzugen würdet. Sondern lediglich, ob du dir vorstellen könntest, ihm eine schöne Nacht zu gewähren, indem du dich ihm hingibst und schenkst. Zudem Mama, ich bin 20 und weiß mittlerweile ganz genau, wo der Frosch die Locken hat.“
Lachend erwidert Tanja. „Ich kenne dein Alter, mein Schatz. Sehr gut sogar, denn ich war bei deiner Geburt anwesend.“
Dies lässt Sabrina, welche sich gerade wieder etwas am beruhigen war, sofort wieder laut loslachen. „Das ist gut zu wissen Mama. Ansonsten müsste ich mich nun wohl auf die Suche nach meiner wirklichen Mutter begeben.“
„Gott, scheinbar war ich eine schlechte Mutter“ schluchzt Tanja gespielt, woraufhin sich beide lachend in die Arme fallen.
Erst als sich beide wieder gefangen und aus der Umarmung gelöst haben wendet sich Sabrina wieder an ihre Mutter. „Also? Könntest du dir eine Nacht mit ihm vorstellen, Mama?“
Tanjas Blick gleitet zum Fenster, schaut hinaus in den wolkenverhangenen Himmel. In der Wohnung ist es fast komplett ruhig. Nur aus der Küche dringt leise das Geräusch der arbeitenden Spülmaschine zu ihnen hinüber. Sabrina erkennt, wie sehr Tanja über ihre Frage am Grübeln ist und bleibt daher einfach nur stumm neben ihr sitzen. Wartet geduldig ab, bis sich Tanja zu ihr dreht. „Egal, wie es in mir aussieht. Es kann, es darf keine Nacht geben. Nicht, wenn ich Manuel später nicht vor dem Kopf stoßen will. Weil ich ihm sagen muss, dass ich ihm nicht mehr geben, vielleicht sogar nicht einmal eine Wiederholung versprechen kann. Daher nein. Wenn auch leider.“
„Ich will dich zu nichts überreden und daher beenden wir das Thema jetzt auch. Aber ich sage dir noch, überlege es dir gut. Manchmal muss man auch egoistisch denken. Einfach mal nur an sich und seinen eigenen Seelenfrieden“ spricht Sabrina leise und drückt eine Hand von Tanja.
„Ich danke Gott dafür, dass ich dich haben darf, mein Schatz“ schluchzt Tanja und muss gegen die Tränen ankämpfen.
„Ich liebe dich, Mama“ sagt Sabrina sofort und nimmt ihre Mutter wieder in ihre Arme. Fest drücken sich die beiden Frauen aneinander, wollen die Wärme und Nähe der anderen spüren.
„Ich liebe dich auch, mein Schatz.“ ist alles, was Tanja mit tränenerstickter Stimme in diesem Moment hervorbringt.
Im Gegensatz zum letzten Wochenende verständigen sich die beiden darauf, an diesem Abend nicht auszugehen. Die intime Vertrautheit, welche sich während des Gespräches zwischen ihnen aufgebaut hat, wollen die beiden weiter genießen. So entscheiden sie, den Abend vor dem TV zu verbringen, dicht aneinander gekuschelt.
Manuel weiß natürlich, dass Tanja den heutigen Tag wieder mit ihrer Tochter verbringt. Seine Neugierde, Sabrina ebenfalls einmal kennenzulernen – immerhin ist sie ein wichtiger Teil, eine wichtige Bezugsperson für Tanja – ist groß und er freut sich schon auf den Tag, an dem Tanja soweit sein und sie einander vorstellen wird. Für den heutigen Abend hat er sich mit ein paar Arbeitskollegen in einer Sportsbar verabredet. Ein wichtiges und interessantes Spiel wird heute ausgetragen, welches sie sich in der richtigen Atmosphäre anschauen wollen. Natürlich dürfen dabei die kühlen Getränke nicht fehlen.
In der Nacht liegt Tanja noch lange wach, muss das Gespräch mit Sabrina sacken lassen. Niemals hätte sich zuvor vorstellen können, ein solch offenes Gespräch – auch über Nähe und Intimität – mit ihr führen zu können. Nicht weil sie kein gutes Verhältnis zueinander hatten. Nein, weil es sich einfach nicht gehörte, das eine Mutter der Tochter von ihrem Intimleben erzählte. Und dennoch kommt es ihr so vor, dass ihr dieses Gespräch genauso gut getan hat, wie alle Gespräche, welche sie bisher mit Manuel geführt hatte. Mit dieser Erkenntnis gleitet Tanja dann auch in ihren wohlverdienten Schlaf.
Bei der Verabschiedung kann es sich Sabrina jedoch nicht verkneifen. „So Mama, wir sehen uns dann wieder. Bis dahin hast du ja noch Manuel, zum Reden und für eventuelle, ganz dringende Fälle.“
Diesmal ist es an Tanja die Augen zu verdrehen. Dann schaut sie ihre Tochter wieder an. „Ich werde nichts tun, um seine Freundschaft zu gefährden. Dafür tut er mir selbst rein platonisch viel zu gut. Ich liebe dich, komm gut nach Hause.“
„Wir telefonieren, Mama. Und du hältst mich bitte auf dem Laufenden, was Manuel angeht. Wenn er dir wirklich so gut tut, wie du sagst, dann muss er ein bemerkenswerter Mann sein. Und dann würde ich ihn irgendwann auch gern kennenlernen.“ Sabrina fährt die Seitenscheibe hoch, legt den Gang ein und setzt den Wagen in Bewegung. Wie schon vor einer Woche sieht Tanja ihr nach, bis sie um die Ecke verschwindet. Dann zieht sie ihr Handy aus der Gesäßtasche und beginnt, Manuel zu schreiben.
„Meine Tochter ist auf dem Weg nach Hause. Ich hätte also wieder Zeit für dich.“ Ihr Finger schwebt über dem Senden-Feld. Kann ich ihm das wirklich so schreiben? Oder schwingt darin schon zu viel mit? Langsam löscht sie die Nachricht wieder. Dann formuliert sie neu: „Wenn du magst, können wir uns sehen. Meine Tochter hat sich gerade wieder auf den Weg gemacht.“ Ja, das klingt besser. Dasselbe – nur zurückhaltender. Diesmal sendet sie die Nachricht ab.
Seine Antwort kommt wenig später: „Sorry, Tanja. Gestern wurde es etwas heftig – oder ich bin aus der Übung. Wärst du sehr enttäuscht, wenn ich heute absagen müsste?“
Ja, Tanja spürt die Enttäuschung deutlich. Sie hatte sich tatsächlich darauf gefreut, ihn gleich sehen zu können, mit ihm zu sprechen, durch seinen trockenen Humor wieder zum Lachen gebracht zu werden. Aber konnte sie ihm deswegen böse sein? Natürlich nicht. Sie sind kein Paar – und selbst wenn sie es wären, gehörten solche Tage zum Leben dazu. Nur irgendetwas in ihr sagt ihr, dass Manuel kein Mann ist, der sich regelmäßig in solchen Nächten verliert.
„Hallo Manuel. Enttäuscht – ja, ich hatte mich auf deine Gesellschaft gefreut. Aber böse? Nein. Im Gegenteil: Jetzt weiß ich wenigstens, dass du auch zu leben verstehst. Solange es nicht zu oft vorkommt, ist alles gut. Wir sehen uns dann morgen. Tanja.“ Im ersten Moment will sie hinter „morgen“ sogar noch ein kleines Kuss-Emoji setzen. Erschrocken über sich selbst löscht sie es sofort wieder.
Ein wenig verloren steht Tanja im Wohnzimmer. Seit Sabrina gefahren ist, ist die Stille wieder in den Raum gekrochen. Dazu kommt die kleine bohrende Enttäuschung darüber, dass aus dem Treffen mit Manuel nichts geworden ist. Aus der Küche dringt nur das ferne Summen des Kühlschranks herüber, sonst nichts. Das Licht draußen ist längst verblasst und spiegelt sich nur noch matt in den Fensterscheiben.
Wie viel er mir in dieser kurzen Zeit schon bedeutet. Wie kann es sein, dass ein Mensch so schnell einen Platz im Herzen findet? Mit diesem Gedanken erkennt Tanja erst die Tragweite ihrer eigenen Frage. Was ist nur los mit dir? Du selbst hast auf platonischer Freundschaft bestanden. Also muss etwas geschehen:. Du musst dir klar werden, in welcher Form du ihn in deinem Leben willst. Als Freund – oder vielleicht doch als mehr?
Langsam sinkt Tanja aufs Sofa. Kann das wirklich sein? Vor etwas mehr als einem Monat hatte sie sich noch glücklich an Thorsten gekuschelt, abends vor dem Einschlafen. So lange ist das doch gar nicht her. Sie war nie der Typ gewesen, der nach einer Beziehung so schnell wieder einen anderen Menschen in sein Herz lässt. Oder meint Sabrina genau das, dass es gar nicht nur um ein neues Gefühl geht, sondern um Nähe, Wärme, darum, sich wieder ein Stück lebendig in der eigenen Haut zu fühlen? Dass sie – wie ihre Tochter sagt – einmal nur an sich selbst denken müsste? Die Gedanken kreisen in ihr wie Vögel, die keinen Ort zum Landen finden, bis sie für einen flüchtigen Moment sogar bereut, dieses Gespräch überhaupt geführt zu haben.
Mit dumpfem Kopf geht Tanja schließlich zu Bett. Alles, was ihr Grübeln bis jetzt hervorgebracht hat, ist eine einzige Gewissheit: Sie will Manuels Freundschaft nicht verlieren. Und doch muss sie sich eingestehen, dass sie sich von ihm – und von seiner Nähe – angezogen fühlt. Mit dem beunruhigenden Gedanken, dass sie sich einer solchen Nacht vielleicht gar nicht entziehen könnte, schläft sie irgendwann ein.
Am nächsten Morgen wacht Tanja auf und schiebt verschlafen eine Hand über die leere Bettseite. Unter ihren Fingern ist nur kühler Stoff. Verwirrt hebt sie den Kopf. Warum war ihre Hand dorthin gewandert? Seit über einem Monat liegt dort weder Thorsten noch irgendein anderer Mann. Habe ich wirklich gehofft, dort Manuel zu finden? Langsam setzt sie sich auf. Was ist das zwischen uns? Reine Freundschaft? Das Bedürfnis nach Nähe? Der Wunsch nach einer einzigen leidenschaftlichen Nacht? Oder klopft da längst etwas anderes an mein Herz? Sie presst die Lippen aufeinander. Verdammt, Tanja – du musst dir klar werden, was du willst. Schon um seinetwillen. Mit ihm zu spielen, wäre keine Freundschaft.
Nur mit Mühe zwingt Tanja sich zum Aufstehen. Gestern hatte sie sich noch auf das Treffen mit Manuel gefreut – heute fürchtet sie sich davor. Davor, etwas Falsches zu tun und seine Freundschaft zu verlieren. Sie ist sich sicher, dass Manuel selbst eine einmalige Nähe akzeptieren würde, wenn sie ihn darum bäte. Gerade weil er sie liebt. Aber was wäre danach? Könnte sie ihm dann noch unbefangen in die Augen sehen, mit dem Wissen, dass er sich vielleicht längst mehr davon erträumt? In was für eine Lage hast du dich da nur gebracht?‘
Wie immer begibt sich Tanja zuerst ins Bad und dort unter die Dusche. Das erste warme Wasser trifft ihre Haut und für einen Moment hört sie nichts außer dem gleichmäßigen Rauschen, das ihr Grübeln verdrängt. Der Duft von Seife und Wasserdampf füllt den kleinen Raum, während das Morgenlicht milchig durch das Fenster fällt und den Spiegel beschlagen lässt. Tanja stellt das Wasser ab, greift nach dem weichen Handtuch und trocknet sich langsam ab. Als der Stoff über eine Brustwarze streicht, verhärtet sie sich schlagartig, so dass Tanja kurz scharf die Luft einziehen muss.
Schnell legt Tanja das Handtuch weg und zieht sich an. Ein schlichter weißer BH, dazu ein ebenso schlichter weißer Slip. Sie betrachtet sich im Spiegel, in dessen Glas noch feine Schleier von Dampf hängen. Das helle Morgenlicht ist unerbittlich und doch freundlich genug, um ihr zu zeigen, dass sie noch immer eine attraktive Frau ist. Sicher, ihre Brüste würden ohne den BH etwas hängen. Doch sie hat Glück gehabt: Sabrinas Schwangerschaft hat kaum sichtbare Spuren hinterlassen. Nur zwei feine Streifen auf einer Brust zeugen davon, dass sie Mutter geworden war und ihre Tochter gestillt hatte.
Nein, da braucht sich Tanja noch keine Gedanken machen. Anders sieht es bei ihrer Kehrseite aus. Tanja dreht sich ein wenig, so dass sie ihren Hintern im Spiegel besser betrachten kann. Ein bisschen zu dick, zu groß und trotzdem hat es die Zellulite hier – genau wie an ihren Oberschenkeln – doch sehr gut mit ihr gemeint. Ob Manuel mich immer noch attraktive finden und lieben würde, wenn er gerade so meine Kehrseite sehen könnte? Mach dich nicht selbst Verrückt. Wenn man wirklich liebt, spielt das keine Rolle.
Tanja stellt sich wieder normal vor den Spiegel. Kurz überlegt sie, ob sie sich etwas Auffälligeres anziehen sollte und erschrickt im selben Moment über den Gedanken. Wieso sollte sie das tun, wenn sie doch nicht mit Manuel schlafen will? Nein – das darf und kann nicht geschehen. Mit diesem Vorsatz schlüpft sie in ihre Bluse und Jeans, geht in die Küche und beginnt zu frühstücken. Frischer Kaffeeduft steigt auf und durch das angekippte Fenster dringt kühle Morgenluft herein. Was Manuel wohl gerade macht?‘
Der sitzt zur selben Zeit auf seinem Sofa, das Handy schwer in der Hand. Er muss Tanja absagen – und es ärgert ihn mehr, als er sich eingestehen will. Erst jetzt ist ihm wieder eingefallen, dass in dieser Woche seine Spätschicht beginnt. Seit er Tanja liebt, ist die Frühschicht seine liebste Zeit gewesen, weil sie ihm den Nachmittag im Park geschenkt hat. Seit sie nun wirklich Teil seines Lebens geworden ist, erscheint ihm die Spätschicht noch unerquicklicher. Schließlich wählt er ihre Nummer. Es klingelt einmal, zweimal, dreimal und schon glaubt er, sie habe das Telefon nicht bei sich. Dann nimmt sie doch ab.
„Hallo, Manuel“, sagt Tanja, als sie endlich abnimmt. Ihrer Atmung hört er an, dass sie sich beeilt haben muss, um das Handy noch zu erreichen.
„Hallo, Tanja. Ich hoffe, ich störe dich nicht bei etwas Wichtigem“, erwidert Manuel.
„Nein, nicht wirklich. Ich musste mich nur gerade von jemandem loseisen“, sagt Tanja und lacht leicht, weil sie ihn necken will. Im selben Moment erschrickt sie über ihre eigenen Worte. Großartig. Er liebt dich – und du klingst, als wärst du gerade bei einem anderen Mann.‘
„Dann passt es ja vielleicht ganz gut, dass ich unsere Treffen bis zum Wochenende leider absagen muss“, sagt Manuel und Tanja hört sofort, wie sehr ihn ihre Worte getroffen haben.
„Was? Warum denn das, Manuel? Entschuldige – ich wollte dich nur ein bisschen foppen. Bitte glaub mir das.“ Ihre Stimme wird dabei unwillkürlich brüchig.
„Schon gut Tanja. Du bist erwachsen und wir sind kein Paar. Du kannst also tun und lassen, was immer du magst“ spricht Manuel mit leiser Stimme.
„Manuel bitte. Deine Freundschaft ist mir wichtig, sehr sogar. Sogar nach so kurzer Zeit schon. Ich hatte mich riesig darauf gefreut, dich nachher zu sehen. Warum kannst du denn diese Woche nicht? Oder war das – wie ich nicht hoffe – mehr wegen meines misslungenen Versuchs, witzig zu sein?“ erkundigt sich Tanja schnell bei ihm.
„Nein, war es leider nicht. Ich habe diese Woche Spätschicht. Dadurch kann ich am Nachmittag leider nicht zu dir in den Park kommen“ erklärt ihr Manuel.
„Oh das ist wirklich schade. Aber da kann man wohl nichts machen. Aber dann sehen wir uns am Samstag auf jeden Fall, versprochen“ will Tanja von ihm wissen.
„Am Samstag? Kommt da nicht wieder deine Tochter zu dir?“ Manuels Herz macht zwei schnelle Schläge. Denn wenn er Sabrina kennenlernen würde, würde dies nicht bedeuten, dass Tanja … ?
„Zur Not lernt ihr euch halt kennen. Da ist ja wohl nichts bei. Oder hast du etwa Angst davor, meine Tochter kennenzulernen?“ Tanja kann ihr Lachen nicht unterdrücken, während sie spricht.
„Lachst du mich gerade aus?“ fragt Manuel ebenfalls lachend. „ja, ich würde sie gerne kennenlernen. Denn sie ist ein Teil von dir. Besser gesagt, sie gehört zu dir.“
„Das hast du schön gesagt und nein, ich würde dich nie auslachen … wenn, dann lache ich dich an. Tut man das nicht bei Freunden?“ erklärt und erkundigt sich Tanja bei ihm.
„Anlachen darfst du mich immer. Denn ich liebe dein Lachen. Höre dich so gerne lachen“ antwortet Manuel.
„Wie, nur mein Lachen? Ich dachte du liebst mich wirklich … oder hatte ich dich falsch verstanden“ hakt Tanja nach und spürt sofort wieder, dass sie ein wenig übers Ziel hinausgeschossen ist. Denn warum sollte ihr das wichtig sein? Da sie ja keine Gefühle dieser Art für ihn hegt.
So merkt Tanja auch direkt, dass seine Stimme ein wenig an Leichtigkeit verliert. „Du weißt, dass es an dem ist, dass ich dich liebe … mir nicht nur vorstellen kann, dich irgendwann einmal vor dem Altar zu erwarten.“
„Du … du denkst schon soweit? Manuel, ich habe dir von Anfang an gesagt, dass du dir nicht all zu große Hoffnungen machen sollst. Und du hattest mir das auch versprochen“ ermahnt Tanja Manuel direkt mit etwas schärferer Stimme, als sie es eigentlich will.
„Ich kann halt nichts dafür Tanja. Zudem habe ich dir gesagt, dass solche Äußerungen kommen können und dass du mir dann deutlich sagen sollst, was du davon hältst“ verteidigt sich Manuel mit leiser, leicht zitternder Stimme. Zitternd, weil er in diesem Moment Angst verspürt, dass er Tanja gerade zu sehr bedrängt haben könnte.
Es dauert ein paar Momente bis Tanja antwortet. „Du hast Recht. Ich muss damit umgehen lernen. Ansonsten können wir unsere Freundschaft sofort vergessen. Doch das will ich nicht. Also bleibt es bei Samstag mit dem Treffen? Telefonieren können wir ja trotzdem zwischendurch.“
„Sehr gerne. Du weißt doch, wie sehr ich die Zeit mit dir zusammen immer genieße“ bestätigt Manuel nun ihr Date am Samstag.
„Das ist schön. Wann genau musst du denn los zur Arbeit“ will Tanja nun von ihm wissen.
Manuel schaut auf seine Uhr und schreckt fast auf. „Oh verdammt, gut das du fragst. Ansonsten hätte ich die Zeit vollkommen vergessen. In zehn Minuten muss ich los“ sagt er dann leise.
Tanja kann ihm anhören, wie schwer es ihm fällt, das Telefonat mit ihr nun beenden zu müssen. „Okay, dann wünsche ich dir eine angenehme Schicht, Manuel. Was genau machst du nun eigentlich beruflich? Also außer Sklave zu sein.“ Tanja beendet ihre Aussage lachend.
„Hm, du willst es wirklich wissen“ fragt Manuel nach.
„Ja, denn das ist etwas, was zu dir gehört“ erwidert Tanja.
„Na gut. Auf die Gefahr hin, das du dann gleich sofort die Freundschaft beendest. Ich bin Hochstapler“ erklärt Manuel mit absolut unbewegter Stimme.
„Du bist was?“ ist alles, was Tanja darauf erwidern kann.
„Sorry, aber so ist es. Ich bin Hochstapler. Ich staple Paletten mit meinem Stapler“ grinst Manuel in den Hörer.
Bei dir Erklärung kann Tanja nicht anders als lauthals los zu lachen. Es dauert bestimmt fast eine Minute, bis sie sich wieder soweit gefangen hat, dass sie ihm antworten kann. „Ich glaube, mit diesem Hochstapeln kann ich leben. Gut, wir hören oder sehen uns spätestens am Samstag. Bis dann Manuel.“
„Ja, so machen wir es. Bis dann Tanja“ verabschiedet sich auch Manuel und beendet ihr Telefonat.
Die Zeit vergeht für beide viel zu langsam. Immer wieder kreisen Manuels Gedanken um das bevorstehende Treffen mit Tanja und Sabrina. Dass Tanja wirklich möchte, dass er ihre Tochter kennenlernt, lässt sein Herz höher schlagen. Bedeutet es mehr? Oder legt er schon wieder zu viel Hoffnung in eine kleine Geste? Hätte Tanja dieses Kennenlernen bewusst eingefädelt, wäre alles klarer. Doch vielleicht ergibt es sich auch einfach nur aus der Situation. So sehr Manuel darüber nachdenkt, zu einer eindeutigen Antwort kommt er nicht. Mal schlägt ihm sein Herz bis zum Hals, weil er glaubt, Tanja wolle ganz bewusst sehen, wie Sabrina auf einen möglichen neuen Mann in ihrem Leben reagiert. Und fast im selben Moment stürzt er wieder ab, weil all das genauso gut bloßer Zufall sein könnte.
Auch Tanja gehen in diesen Tagen viele Gedanken durch den Kopf. Am meisten beschäftigt sie Manuels Satz, dass er sich vorstellen könne, sie eines Tages vor dem Altar zu erwarten. Noch ist sie nicht einmal geschieden. Seit kaum zwei Monaten lebt sie in Trennung – nach einer Ehe, in der sie sich eigentlich sicher und geborgen geglaubt hatte. Gewiss, das große Feuer der ersten Jahre war längst kleiner geworden. Doch sie hatte immer geglaubt, dass darunter noch genug Glut schlummerte, um bei einem Windstoß wieder aufzuflammen.
Dann aber war jener Tag gekommen, an dem Thorsten ihr eröffnete, dass er die Scheidung bereits eingereicht hatte. Er ließ ihr nicht einmal Zeit, das Gesagte zu begreifen oder wirklich mit ihm darüber zu sprechen. Kaum hatte er es ausgesprochen, war er auch schon gegangen. Er hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen und sie haltlos zurückgelassen. Tanja weiß bis heute nicht, wie sie diese ersten Tage überstanden hätte, wenn Sabrina nicht für sie da gewesen wäre. Ihre Tochter hatte sich damals sofort eine Woche Urlaub genommen und ihrem Chef sogar offen gesagt, dass sie andernfalls eben zum Arzt gehen würde.
Nun sitzt Tanja auf dem Sofa, Sabrina neben ihr. Durch das Fenster fällt das weiche Licht des späten Nachmittags und legt einen warmen Schein auf das Holz des Wohnzimmertischs. Aus der Küche dringt noch der feine Duft von Kaffee herüber und irgendwo im Haus tickt leise eine Uhr. Die Herzen beider Frauen schlagen spürbar schneller – wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Tanja ist nervös wie ein junges Mädchen und gerade das bringt sie aus dem Gleichgewicht. Es wird doch nichts Außergewöhnliches geschehen? Sie wird Manuel wiedersehen und Sabrina wird ihn kennenlernen. Und doch fühlt sich alles in ihr seltsam wach an, als stünde mehr auf dem Spiel, als sie sich eingestehen will. Warum bin ich nur so aufgeregt?
Sabrinas Herz klopft aus einem anderen Grund. Sie will endlich den Mann kennenlernen, der es geschafft hat, ihre Mutter wenigstens ein kleines Stück aus ihrer Dunkelheit zurück ins Leben zu holen. Allein dafür empfindet sie schon jetzt etwas, das beinahe Dankbarkeit ist.
Sabrina wirft einen Blick auf die Uhr und dann zu ihrer Mutter hinüber. „Und, Mama? Wann kommt mein zukünftiger Stiefvater?“ neckt sie sie.
Sofort verdreht Tanja die Augen. „Mein Schatz, davon kann überhaupt keine Rede sein. Das solltest du wissen. Aber so, wie ich Manuel kenne, wird er jeden Moment hier sein. Er ist ein sehr pünktlicher Mensch.“ Kaum hat sie den Satz ausgesprochen, dringt das helle Klingeln an der Haustür in die gespannte Ruhe im Raum.
„Oh, jetzt wird es ernst. Dann setze ich lieber schon mal mein strengstes Gesicht auf und fühle ihm gründlich auf den Zahn“, sagt Sabrina grinsend.
„Hey“, beginnt Tanja lachend und steht auf. „Vergraul mir Manuel bitte nicht. Ich würde seine Freundschaft gern noch ein wenig länger genießen.“ Langsam geht sie zur Tür. Unter ihren Schritten knarrt der Dielenboden leise und aus dem Flur ist bereits das zweite Klingeln zu hören.
„Aber Mama … ich werde doch wohl erfahren dürfen, was für ein Mann versucht, dich um den Finger zu wickeln“, meint Sabrina und setzt dabei einen betont unschuldigen Blick auf.
Im ersten Moment will Tanja etwas erwidern, doch stattdessen schüttelt sie nur den Kopf. Hoffentlich war das eine gute Idee, denkt sie, während sie zur Haustür geht. Schnell wirft sie noch einen Blick in den Spiegel, als wolle sie sich vergewissern, dass man ihr die Aufregung nicht ansieht. Als sie öffnet, strömt kühlere Abendluft herein mit dem Duft von feuchtem Grün und den letzten warmen Resten des Tages. Vor ihr steht Manuel mit zwei Blumensträußen in den Händen – und allein sein Anblick lässt etwas in ihr weich werden.
Einen davon hält er Tanja entgegen. „Hier, bitte.“
„Oh, vielen Dank, Manuel. Der ist wunderschön“, sagt Tanja, beugt sich kurz über die Blumen und atmet ihren frischen, süßen Duft ein, bevor sie beiseite tritt. „Komm doch bitte rein. Und für wen ist der zweite Strauß?“ Obwohl sie die Antwort im Grunde schon ahnt, fragt sie dennoch.
„Nun ja, der ist für deine Tochter. Vielleicht kann ich mich bei ihr damit ein wenig einschmeicheln und sie zu meiner Verbündeten machen“, sagt Manuel leise, fast verschwörerisch.
Sofort muss Tanja lachen. Sabrina hört es und kommt zu ihnen in den Flur. „Oh, hallo. Sie müssen Manuel sein. Ich bin Sabrina, Tanjas Tochter“, sagt sie und streckt ihm die Hand entgegen.
Kurz schütteln sie sich die Hand. Dann reicht Manuel ihr den zweiten Strauß. „Sehr angenehm. Der ist für sie. Ein kleiner Bestechungsversuch, damit ich bei ihrer Mutter gleich etwas besser dastehe.“
„Oh, vielen Dank. Aber nenn mich bitte einfach Sabrina. Mama – Manuel findet das Wohnzimmer doch allein, oder? Dann können wir die Blumen schnell in Vasen stellen“, sagt sie und blickt zwischen den beiden hin und her.
„Manuel, entschuldigst du uns kurz? Wir versorgen nur schnell die Blumen mit Wasser und kannst schon vorgehen ins Wohnzimmer. Wir kommen gleich nach.“ Tanja tritt einen Schritt auf ihn zu und beugt sich leicht vor. Im nächsten Moment spürt Manuel ihre Lippen sanft auf seiner Wange – nur einen flüchtigen Hauch – und doch trifft ihn diese Berührung mitten ins Herz. Als sie sich wieder zurückzieht, sagt sie leise: „Ein kleines Dankeschön für die Blumen.“
Tanja dreht sich bereits zur Küche um, während Sabrina nur mit den Schultern zuckt undes ihr gleich tut . So spürt Manuel innerhalb einer Minute erst die Lippen der Mutter auf der einen und dann die der Tochter auf der anderen Wange. „Wenn du dich so bedankst, muss ich ja wohl nachziehen“, grinst Sabrina. Mutter und Tochter tauschen einen Blick, dann gehen sie lachend in Richtung Küche und hören Manuel noch halblaut sagen „Vielleicht sollte ich öfter Blumen mitbringen.“ Dieser Satz zaubert beiden ein Lächeln ins Gesicht.
Tanja legt ihren Strauß auf die Arbeitsfläche, von der noch ein Hauch Zitronenspülmittel und frischem Kaffee aufsteigt und holt zwei Vasen aus dem Hängeschrank. Das Glas klirrt leise gegeneinander. Fast ein wenig schüchtern fragt sie: „Und? Wie ist dein erster Eindruck von Manuel?“
Sabrina wartet, bis ihre Mutter sich wieder zu ihr umdreht und ihr eine Vase reicht. Dann sagt sie grinsend: „Ehrlich, Mama? Wenn nicht du, dann würde ich mir Manuel schnappen – falls es mit Dirk irgendwann auseinandergehen sollte.“ Dabei zwinkert sie ihr zu.
Tanjas Blick gleitet zur Küchentür und von dort weiter zum Wohnzimmer. Von Manuel ist nichts zu sehen. „Wie war das noch mit dem Fischen? Du hast deinen Fisch am Haken und deutest mir trotzdem an, dass ich mir um meinen eventuell Sorgen machen muss? Gut, dass Manuel das nicht gehört hat. So etwas steigt Männern gern zu Kopf.“ Ihr Lächeln zeigt, dass sie es nicht ernst meint.
„Gut, Spaß beiseite, Mama. Ich liebe Dirk und ich glaube, dass er gerade überlegt, wie er unsere Beziehung auf die nächste Stufe bringen kann. Du musst also keine Sorge haben, in mir eine Konkurrentin sehen zu müssen. Außerdem kenne ich Manuel ja kaum. Aber die paar Minuten eben haben gereicht, damit ich verstehe, warum dir seine Freundschaft gut tut.“ Während sie spricht, hält Sabrina den Blick ihrer Mutter fest und sieht, wie sich deren Augen weiten – überrascht, ertappt und zugleich auf eine stille Weise berührt.
„Glaubst du wirklich, dass Dirk dir einen Antrag machen will?“, fragt Tanja und beginnt, die erste Vase mit Wasser zu füllen.
„Sicher sein kann ich natürlich erst, wenn er die Frage wirklich stellt. Aber ich habe schon länger das Gefühl, dass er etwas Größeres plant.“ Bei dem Gedanken daran wird ihre Stimme leiser und verrät einen Hauch Vorfreude.
„Wünschst du dir denn einen Antrag? Du bist doch noch so jung, mein Schatz“, sagt Tanja, reicht Sabrina die Vase und nimmt ihr die andere ab.
„Ja, Mama. Ich würde mich sehr darüber freuen. Wir sind seit über vier Jahren zusammen“, sagt Sabrina und lacht kurz auf, bevor sie hinzufügt: „Noch kann ich ihn mit meiner Jugend ganz gut um den Finger wickeln.“
„Ach was, denk nicht so. Dirk ist nicht mit dir zusammen, weil du jünger bist. Außerdem hatten dein Vater und ich damals ein viel größeres Problem mit eurem Altersunterschied als ihr beide selbst. Du warst sechzehn, er sechsundzwanzig. Aber selbst wir haben bald gemerkt, dass er es ernst meint, wenn er sagt, dass er dich liebt.“ Tanja versucht, die trüberen Gedanken ihrer Tochter zu verscheuchen.
„Das würde ich ihm auch nie unterstellen. Er ist nicht …“ Sabrina bricht ab, wirft einen Blick zum Wohnzimmer und sieht dann wieder ihre Mutter an. „Was genau weiß Manuel eigentlich wegen Papa?“
Tanja zieht tief die Luft ein und stößt sie langsam wieder aus. „Er weiß, dass dein Vater mich verlassen und die Scheidung eingereicht hat“, sagt sie schließlich.
„Nur das?“, hakt Sabrina nach.
„Nur das. Für alles andere ist noch nicht der richtige Zeitpunkt. Bitte versprich mir, dass du da nichts unternimmst.“ Sabrina weiß, wie wichtig ihrer Mutter diese Bitte ist.
„Versprochen, Mama. Aber jetzt lass uns wieder zu ihm gehen – und am besten mit den Blumen in den Vasen. Sonst denkt Manuel am Ende noch, wir hätten hier Kriegsrat über ihn gehalten“, meint Sabrina lachend und zwinkert. „Über Dirk und mich können wir später noch sprechen. Jetzt ist Manuel hier und er möchte mich kennenlernen – genauso wie ich ihn.“
„Du hast recht. Im Moment ist Manuel wichtiger. Also gut – bewaffnen wir uns mit den Vasen und gehen zurück zu ihm.“ Auch Tanja zwinkert und mit einem leichten Grinsen machen sich beide auf den Weg ins Wohnzimmer.
Manuel steht am Fenster und blickt in den Garten hinaus, als die beiden wieder hereinkommen. Draußen liegt der Garten bereits im sanfter werdenden Abendlicht und der Schein von draußen zeichnet helle Streifen auf den Teppich. Er dreht sich zu ihnen um. Ein weicher Lichtschein fällt auf sein Gesicht. „Oh, ihr seid ja doch noch da. Ich hatte schon leise befürchtet, ihr hättet das Weite gesucht“, sagt er. Hinter seinem Lächeln liegt etwas, das Tanja sofort erkennt: echte Freude.
„Du hast uns doch nicht etwa vermisst?“, fragt Sabrina mit gespielter Unschuld.
„Natürlich habe ich euch vermisst. Die Gesellschaft zweier so junger, schöner und sympathischer Frauen gibt man schließlich nicht freiwillig wieder auf“, erwidert Manuel und hält Sabrinas Blick stand. „Oder möchtet ihr, dass ich wieder gehe?“
„Nichts da. Du bleibst schön hier. Ich will wissen, wer der Mann ist, der meine Mutter aus dem Loch, in das mein Vater sie gestoßen hat, wieder ein Stück herausgeholt hat“, sagt Sabrina, stellt die Vase auf den Tisch und setzt sich aufs Sofa.
Manuel schaut von Sabrina zu Tanja und wieder zurück. „Ich kann deinen Vater bis heute nicht verstehen, Sabrina. Sicher, Menschen können sich auseinanderleben. Aber sich so vom Partner zu trennen …“ Er spricht ruhig und vorsichtig und Sabrina sieht ihm an, dass er bemüht ist, nichts Falsches zu sagen. Tanjas Herz schlägt sofort schneller. Wird ihre Tochter das Thema wirklich so behutsam behandeln, wie sie es versprochen hat?
„Für mich kam das genauso unerwartet wie für Mama“, sagt Sabrina. „Nie hätte ich gedacht, dass das Wort Scheidung bei meinen Eltern einmal eine Rolle spielen würde. Aber nun ist es, wie es ist. Im Grunde könnte nur mein Vater noch etwas daran ändern.“ Sie sieht zu ihrer Mutter hinüber, die am anderen Ende des Sofas Platz genommen hat. „Sofern du das überhaupt noch zulassen würdest“, fügt sie hinzu.
Sofort richtet sich auch Manuels Blick auf Tanja und augenblicklich fühlt die sich unwohl – als müsse sie in genau diesem Moment eine Entscheidung treffen. Für Thorsten oder gegen ihn. Gegen Manuel oder für ihn. Natürlich ist es nicht so einfach. „Ich weiß es nicht“, sagt sie leise. „Natürlich hat er mich tief enttäuscht. Und was er getan hat, würde sich nicht leicht wiedergutmachen lassen. Aber wer weiß schon, was geschehen würde, wenn er plötzlich vor mir stünde und um Verzeihung bäte? Vielleicht würde mich das mehr berühren, als ich jetzt glaube. Die Trennung ist noch so frisch. Ich kann nicht sagen, ob ich deinem Vater je verzeihen könnte. Im Moment sieht es nicht danach aus – aber ausschließen kann ich es auch nicht.“ Während sie spricht, spürt sie, wie jede Silbe in ihr nachhallt, als würde sie sich ihre eigene Unsicherheit zum ersten Mal wirklich eingestehen.
„Alles gut, Tanja. Weder Sabrina noch ich können das für dich entscheiden. Das kannst nur du allein. Aber ich glaube, ich spreche auch für Sabrina, wenn ich sage: Wir werden jede deiner Entscheidungen respektieren.“ Leise sagt er es und richtet den Blick danach wieder zum Fenster hinaus.
Sabrina spürt instinktiv, dass Manuel gehofft hatte, ihre Mutter würde einer möglichen Versöhnung mit ihrem Vater deutlicher widersprechen. Ruhig klopft sie auf den freien Platz neben sich. „Sag mal, willst du nicht zu uns kommen? Oder hast du etwa Angst, zwischen Mutter und Tochter zu sitzen?“ In ihrer Stimme liegt unverkennbar Schalk.
Manuel schaut zu ihnen hinüber. Mit gespielter Nervosität fährt seine Hand in den Nacken. „Hm, ob ich so viel Mut aufbringe, ist wirklich eine gute Frage“, sagt er und sieht Sabrina dabei direkt an.
„Wer weiß, ob man dafür überhaupt Mut braucht“, meint Sabrina und klopft erneut auf den freien Platz.
Langsam geht Manuel zu ihnen hinüber und setzt sich zwischen die beiden Frauen.
„Und? War das jetzt so schwer?“, fragt Sabrina sofort.
Manuel grinst. „Bis jetzt noch nicht“, sagt er mit einem vorsichtigen Lächeln und schaut von Sabrina zu Tanja.
Sie lächelt ihm ermutigend zu. „Du schlägst dich richtig gut.“
Manuel hört zwar ihre Worte, doch sein Blick bleibt für einen Moment an Tanjas Lippen hängen. Sie ziehen ihn auf eine Weise an, die ihn gleichermaßen erschreckt und beglückt. Nur mit Mühe widersteht er dem Impuls, sie in die Arme zu ziehen und zu küssen. Da spürt er plötzlich eine Hand auf seinem Oberschenkel – und weiß sofort, dass sie nicht Tanja gehört. Vorsichtig dreht er den Kopf und sieht Sabrina an. Im selben Augenblick schlägt sein Herz heftig gegen seine Brust.
„Ah, du hast mich also doch nicht ganz vergessen“, schmunzelt sie und drückt seinen Oberschenkel leicht. Weil Tanja zunächst nichts dazu sagt, versucht Manuel mit einem dezenten Husten, Sabrina dazu zu bringen, ihre Hand zurückzuziehen. „Ist etwas, Manuel? Du wirkst plötzlich ein wenig angespannt.“
Verlegen und Hilfe suchend blickt Manuel zu Tanja. Er hat das Gefühl, gerade mitten in ein Minenfeld geraten zu sein. Ein falsches Wort – und alles könnte explodieren. Für einen Moment scheint selbst das Zimmer still zu werden, nur das ferne Ticken der Uhr und sein eigener Atem sind ihm noch bewusst. Hatte er Sabrinas Offenheit falsch gedeutet? Oder prüfte man ihn hier auf eine Weise, gegen die er sich kaum wehren konnte? In ihm mischen sich Begehren, Scham und die Angst, in einem einzigen unbedachten Moment alles zu verlieren.
Auch Tanja ahnt nicht, was ihre Tochter vorhat, spielt das Spiel jedoch mit. Sanft legt sie eine Hand auf Manuels anderen Oberschenkel. „Alles gut, Manuel. Es wird nichts geschehen, was nicht alle hier im Raum wollen.“
Deutlich sichtbar schluckt Manuel. Langsam nimmt er ihre Hände und hebt sie von seinen Oberschenkeln. Dann steht er auf, geht ein paar Schritte und dreht sich zu den beiden um. „Entschuldigt“, sagt er leise, „aber ich liebe dich, Tanja. Und ja, natürlich ist die Vorstellung, die sich mir da gerade geboten hat, reizvoll. Aber ich kann das nicht. Zumindest jetzt nicht. Wie solltest du mir jemals glauben, dass du die Frau bist, der mein Herz gehört, wenn ich auf die erstbeste Einladung dieser Art eingehen würde? Entschuldigt mich – aber unter diesen Umständen ist es wohl besser, wenn ich jetzt gehe.“ Seine Stimme bleibt ruhig, doch man hört ihm an, wie viel Überwindung ihn jedes einzelne Wort kostet. Ohne eine Reaktion abzuwarten, dreht er sich um und verlässt den Raum.
Sofort springt Sabrina auf und läuft ihm hinterher. An der Haustür holt sie ihn ein. Aus dem Wohnzimmer fällt nur noch gedämpftes Licht in den Flur und durch die schon halb geöffnete Haustür streicht kühle Abendluft herein. „Manuel, bitte bleib. Glaub mir – es wäre nichts passiert. Außer, dass du Mama und mich enttäuscht hättest, wenn du auf meinen kleinen Test anders reagiert hättest. Aber jetzt wissen wir beide, wie wichtig dir meine Mutter ist. Entschuldige, dass ich dich geprüft habe. So sehr ich mich freue, dass Mama langsam wieder ins Leben zurückfindet, so sehr habe ich Angst, dass sie noch einmal so verletzt werden könnte. Vor allem jetzt, so kurz nacheinander. Ich wollte sie nur schützen. Und nun weiß ich: Es gibt sicher einiges, vor dem ich sie schützen muss – aber du gehörst nicht dazu.“ Sanft nimmt sie seine Hand, um ihm zu zeigen, wie ernst es ihr ist.
„Ja, ich verzeihe dir. Weil wir beide dasselbe für sie wollen.“ In diesem Moment erscheint Tanja in der Wohnzimmertür. „Nämlich das Beste für deine Mutter“, ergänzt Manuel und erwidert Sabrinas Händedruck.
„Verschwört ihr euch gerade gegen mich?“, fragt Tanja, als sie die beiden so stehen sieht.
„Wenn, dann nur zu deinem Besten, Tanja“, antwortet Manuel und sieht sie offen an.
„Kommt wieder ins Wohnzimmer“, sagt Tanja und streckt den beiden für einen Moment die Hände entgegen, bevor sie sich umdreht. Schnell folgen ihr beide.
Nach und nach lernen Sabrina und Manuel einander besser kennen. Sabrina erfährt mehr über Manuel, und auch er gewinnt ein klareres Bild von ihr. Je länger der Abend dauert, desto mehr löst sich die letzte Spannung zwischen ihnen, bis sich etwas beinahe Vertrautes im Raum ausbreitet. Das Licht draußen nimmt allmählich ab, die Schatten im Wohnzimmer werden weicher und zwischen den Sätzen klingt immer wieder ihr gemeinsames Lachen auf. Erst nach fast drei Stunden verabschiedet er sich wieder, damit Mutter und Tochter den Abend noch gemeinsam ausklingen lassen können.
In der folgenden Woche sehen die beiden sich wieder jeden Tag im Park. Langsam werden die Tage länger und der Frühling beginnt, den Winter endlich zu besiegen. Immer häufiger hat die Sonne schon genug Kraft, um zu wärmen und zwischen den noch kühlen Schatten liegt bereits jenes helle, zarte Licht, das alles freundlicher wirken lässt. Aus dem Gras steigt ein frischer, erdiger Duft auf, während irgendwo über ihnen ein Vogel in den Ästen singt. Manuel und Tanja sitzen auf ihrer Bank und genießen die gemeinsame Zeit und das milder werdende Wetter.
„Ich glaube, Sabrina mag dich“, sagt Tanja plötzlich ruhig.
„Wie kommst du denn gerade jetzt darauf? Nicht, dass es mich nicht freuen würde“, erwidert Manuel und sieht sie aufmerksam an.
„Keine Ahnung. Der Gedanke kam mir einfach so“, sagt Tanja und legt unbewusst ihre Hand auf seine. Für einen kurzen Moment sehen sie einander an, dann zieht sie ihre Hand scheu wieder zurück. „Entschuldige“, murmelt sie leicht verlegen.
„Alles gut, Tanja“, sagt Manuel und zwinkert ihr zu.
„Nein, ganz so einfach ist es nicht. Ich sende dir Signale, die ich vielleicht gar nicht bereit bin einzulösen. Das ist dir gegenüber nicht fair“, erwidert Tanja und macht damit deutlich, wie ernst ihr ihre Entschuldigung ist.
„Tanja, ich habe dir doch gesagt, dass ich alles, was du mir geben möchtest, mit Freude annehmen werde. Und Freunde dürfen sich doch auch einmal in den Arm nehmen oder an der Hand halten.“ Manuel sagt es mit einer solchen Ruhe, dass sie sich dadurch sicherer fühlt. Für einen Moment hat sie das Gefühl, ihre Freundschaft habe eine stille, besondere Form gefunden, in der Nähe möglich ist, ohne etwas zu fordern.
„Danke, Manuel. Danke, dass ich dich meinen Freund nennen darf – dass ich deine Freundschaft so erleben darf.“ Tanjas Stimme zittert leicht vor Rührung.
Ein gewaltiger Donnerschlag lässt beide zusammenzucken. Tief und grollend bricht er über den Park herein und scheint noch einen Moment zwischen den Bäumen nachzuhallen. Das Licht hat sich bereits verändert, der Himmel liegt schwer und bleiern über ihnen. Wahrscheinlich trennen sie nur noch wenige Minuten vom Regen. Sie stehen auf und Manuel will sich gerade von ihr verabschieden, als Tanja ihn fragt: „Magst du noch ein wenig mit zu mir kommen? Dann könnten wir bei einem Glas Wein noch weiterreden.“
Manuel schaut auf die Uhr. „Gern komme ich noch ein wenig mit, bis du müde wirst und mich wieder nach Hause schickst“, antwortet er und schenkt ihr ein Lächeln.
Wie selbstverständlich hakt Tanja sich bei ihm unter und gemeinsam verlassen sie den Park. Am liebsten würde sie in diesem Moment einfach nur langsam mit ihm durch die Straßen gehen. Zu gut fühlt es sich an, sich bei ihm eingehakt zu wissen. Doch das heraufziehende Unwetter treibt sie weiter, der Wind fährt kühler um die Hausecken, hebt lose Blätter vom Boden und trägt den ersten feuchten Geruch des Regens mit sich. So erreichen sie ihr Haus genau in dem Augenblick, als die ersten Tropfen auf das Pflaster fallen und leise auf den Fensterbänken zu ticken beginnen.
Sie hängen ihre Jacken an die Garderobe. „Geh schon mal ins Wohnzimmer. Ich hole nur schnell Gläser und den Wein“, sagt Tanja und geht in Richtung Küche. Manuel sieht ihr noch einen Moment nach, bevor er sich auf den Weg macht.
Als Tanja mit Weinflasche und Gläsern ins Wohnzimmer zurückkommt, steht Manuel wieder am Fenster und blickt, wie schon am Samstag, hinaus in den Garten. Draußen zucken erste blasse Lichtbänder durch das Grau des Himmels und der Regen rauscht inzwischen gleichmäßig gegen die Scheiben. Im Zimmer selbst liegt das warme, gedämpfte Licht der Lampen auf den Möbeln. „Es sieht fast so aus, als hättest du dir hier bei mir schon deinen Lieblingsplatz ausgesucht“, sagt sie mit einem Schmunzeln.
Manuel dreht sich zu ihr um. „Mein Lieblingsplatz ist an deiner Seite. Das weißt du doch“, erwidert er lächelnd und zwinkert ihr zu.
„Ich weiß, Manuel. Öffnest du bitte die Flasche und schenkst uns ein?“ Tanja hält ihm die Weinflasche hin. Während Manuel sie öffnet, stellt sie die Gläser auf den Tisch und setzt sich aufs Sofa. Er löst den Korken , schenkt er ein und setzt sich neben sie.
„Prost, Manuel. Auf einen schönen Abend“, sagt Tanja. Zart klingen ihre Gläser aneinander, bevor der Wein warm und schwer ihre Kehlen hinabfließt und einen dunklen, fruchtigen Geschmack zurücklässt.
„Was möchtest du heute noch tun?“, fragt Manuel, stellt sein Glas ab und sieht Tanja direkt an.
„Manuel“, sagt Tanja und kann sich ein leises Kichern nicht verkneifen.
„Tanja, wenn du mir das noch einmal unterstellst, gehe ich sofort“, erwidert Manuel. Sein Zwinkern verrät jedoch, dass er es nicht ganz ernst meint.
„Bla, bla, bla“, sagt Tanja lachend. „Lass mich dich doch ein wenig necken.“ Dabei sieht sie ihn fest an.
Langsam steht Manuel auf und sofort fährt Tanja ein kleiner Schreck in die Knochen. Nein, Manuel, das war doch nur Spaß. Doch statt ihre Befürchtung zu bestätigen, geht er zur Stereoanlage, stöbert kurz in ihrer CD-Sammlung, wählt eine aus, legt sie ein und drückt auf Play. Einen Augenblick später setzt die Musik ein und breitet sich weich zwischen ihnen aus, während draußen der Regen gegen die Scheiben rauscht.
Mit dem Einsetzen der Musik dreht Manuel sich zu ihr um. „Darf ich diese wunderschöne junge Frau zu einem Tanz auffordern?“, fragt er.
Sofort hellt sich ihr Gesicht auf. „Gerne“, antwortet sie, steht auf und tritt zu ihm. Rasch finden sie in die Bewegung und Manuel führt sie mit ruhiger Sicherheit durch den Raum. Das warme Lampenlicht streift ihre Gesichter, während die Musik sie einhüllt und der Sturm draußen nur noch wie ein fernes, gedämpftes Rauschen wirkt. Mehrere Lieder lang tanzen sie so, bis plötzlich ein langsamerer Song beginnt.
Sofort sieht Manuel Tanja in die Augen. Er will ihr damit zeigen, dass sie allein entscheiden soll, ob sie enger aneinander weiter tanzen möchte oder ob ihr das jetzt zu viel wäre. Tanja braucht ein paar Momente, dann gleitet sie sanft näher an ihn heran und schmiegt sich behutsam an ihn. „Lass uns noch weiter tanzen. Es ist schön, die Nähe so zu spüren“, haucht sie und sie fühlt, wie Manuel seine Arme ein wenig fester um sie legt.
Tanja spürt die Wärme seines Körpers, wie sie langsam durch sie hindurchzieht. Für einen flüchtigen Moment kommt es ihr vor, als sei etwas in ihr in den vergangenen Monaten ausgekühlt und werde nun ganz unmerklich wieder erwärmt. Still pocht ihr Herz und plötzlich wird ihr klar, dass sie sich ein Leben ohne Manuel – ohne ihn als Freund an ihrer Seite – kaum noch vorstellen mag.
Auch Manuel genießt ihre Nähe und die Wärme, die von ihr ausgeht. Doch sein Herz schlägt nicht nur leise, sondern heftig und unruhig gegen seinen Brustkorb und für einen Moment hat er Angst, sie könne es spüren und sich wieder von ihm lösen. Wie lange hat er auf einen Augenblick wie diesen gewartet, darauf, die Frau, die er liebt, so nah bei sich zu spüren.
Da auch die nächsten Lieder ruhig und weich bleiben, tanzen sie weiter in dieser Nähe. Beide genießen auf ihre Weise das Zusammensein so sehr, dass sie darüber die Zeit vergessen. Erst spät am Abend bemerken sie, wie es draußen dunkel geworden ist. Hinter den Fenstern peitscht der Regen weiter in Schüben gegen das Glas und in unregelmäßigen Abständen flackert fernes Wetterleuchten über den Himmel.
„Willst du bei dem Wetter wirklich noch nach Hause? Du kannst gern auch hier übernachten“, sagt Tanja, nachdem sie einen Schluck Wein genommen hat.
Manuel sieht zum Fenster hinaus. „Wenn ich nicht klatschnass bei mir ankommen will, sollte ich dein Angebot wohl annehmen, zumindest den Teil mit dem Übernachten – auf dem Sofa“, sagt er und schaut sie an.
„Tz, Sofa. Wie war das eben noch? Freunde dürfen sich schließlich auch einmal in den Arm nehmen. Außerdem sind wir beide erwachsen und sollten ein Bett teilen können, ohne gleich übereinander herzufallen. Mein Bett ist groß genug. Aber natürlich ist es deine Entscheidung“, sagt Tanja ruhig und leise, ohne seinen Blick loszulassen.
„Bist du sicher?“, fragt Manuel, und Tanja hat die Worte Ich liebe dich dafür, dass du in so einem Moment noch fragst fast schon auf den Lippen.
„Ganz sicher, Manuel.“
„Gut, ein Bett ziehe ich einem Sofa natürlich vor. Und dann hoffe ich mal, dass du deine Finger wirklich bei dir behalten kannst“, antwortet Manuel mit einem breiten Grinsen.
Auch Tanja grinst frech. „Als ob dir das nicht recht wäre“, lacht sie. „Gut, dann komm. Den Weg in mein Bett … äh, Schlafzimmer kennst du ja noch nicht.“ Schon während sie es sagt, spürt sie die Wärme in ihre Wangen steigen.
Gemeinsam gehen die beiden zum Schlafzimmer, diesmal jedoch darauf bedacht, sich nicht zu berühren. Vor der Tür bleibt Manuel stehen. Sofort dreht sich Tanja zu ihm um und sieht ihn fragend an. Aus dem Wohnzimmer dringt noch gedämpft der Nachhall der Musik herüber, vermischt mit dem stetigen Prasseln des Regens. „Geh vor. Zieh dich um und schlüpf unter deine Decke. Dann komme ich nach“, sagt Manuel ruhig und mit einem sanften Lächeln.
Tanja überlegt einen kurzen Moment, bevor sie nur ein leises „Danke“ haucht. Dann geht sie ins Schlafzimmer, lehnt die Tür an und beginnt, sich umzuziehen. Das Zimmer liegt nur im matten Schein der Nachttischlampe, die einen weichen, bernsteinfarbenen Lichtkreis auf Bettdecke und Boden legt. Nach und nach legt sie ihre Kleidung ab, bis sie nur noch in Slip und BH vor dem Bett steht. ‚Soll ich mir schnell ein Nachthemd überziehen?‘, fragt sie sich, entscheidet sich dann doch dafür und zieht den BH aus. Rasch schlüpft sie in ihr Nachthemd und dann, wie von Manuel vorgeschlagen, unter ihre Decke. Immerhin haben sie sich darauf verständigt, die Hände bei sich zu behalten und einfach nur auf ihren jeweiligen Seiten des Bettes zu liegen und zu schlafen. „Ich bin so weit. Du kannst reinkommen“, sagt sie dann.
Langsam öffnet Manuel die Tür und zeigt ihr damit, dass er nicht darauf hofft, doch noch einen Blick auf sie zu erhaschen. Er geht zu der freien Bettseite, stellt die Schuhe, die er während des Wartens bereits ausgezogen hat, davor ab und zieht seine Jeans aus. Tanja beobachtet ihn dabei genau. Um ihr zu zeigen, wie sehr er sie respektiert, legt er sich nicht wie gewöhnlich nur in Unterwäsche ins Bett, sondern behält auch sein T-Shirt an.
„Gute Nacht“, sagt er leise, nachdem er sich hingelegt hat.
„Die wünsche ich dir auch, Manuel. Bis morgen früh“, erwidert Tanja.
Doch ein paar Minuten später bemerkt Manuel ein leises Schluchzen, das von Tanja zu ihm herüberdringt. Dazwischen liegen nur die Ruhe des Hauses und das monotone Trommeln des Regens gegen das Fenster. Sofort stützt er sich auf einen Arm und schaut zu ihr hinüber. „Tanja, was ist los?“
„Nichts, Manuel. Schlaf einfach“, kommt es mit brüchiger Stimme von Tanja.
„Nichts, Tanja? Bitte halte mich nicht für dumm. Sonst müsste ich mich doch anziehen und gehen. Denn dann hätte ich es offenbar nicht geschafft, dir zu zeigen, dass ich dein Freund bin – jemand, der immer ein Ohr für dich hat, wenn es dir nicht gut geht“, sagt Manuel leise, aber mit sanftem Nachdruck.
Erst jetzt dreht Tanja sich leicht zu ihm um. „Doch, Manuel, das hast du. Mir ist nur gerade klar geworden, wie sehr ich das vermisst habe. Nicht mit einem Mann zu schlafen – sondern einfach, dass ein Mann neben mir liegt“, gesteht Tanja ihm beinahe tonlos und mit einer Offenheit, die sie selbst fast erschreckt.
Sanft rückt Manuel näher zu ihr und schiebt seinen Arm unter ihren Kopf. „Hier. Lehn dich an mich, bis du eingeschlafen bist. Wenn du schläfst, gehe ich wieder auf meine Seite“, sagt er ruhig und schenkt ihr damit das Gefühl, verstanden zu werden. Draußen läuft der Regen in gleichmäßigen Bahnen an der Scheibe hinab und im schwachen Licht wirkt der Raum still und abgeschlossen, als gäbe es für diesen Moment nichts außerhalb ihrer gemeinsamen Wärme.
Ohne weiter darüber nachzudenken, schmiegt sich Tanja an seine Seite, in seinen Arm. „Danke, Manuel“, flüstert sie mit zitternder Stimme.
Manuel haucht ihr ganz sanft einen Kuss auf die Stirn. „Nicht dafür, Tanja.“
Als würde ihr Körper sich an die Wärme und Nähe erinnern, die sie schon beim Tanzen gespürt hatte, löst dieser sanfte Kuss auf ihrer Stirn etwas in ihr aus, dem Tanja sich kaum entziehen kann. Wie ferngesteuert dreht sie den Kopf, sucht mit ihrem Blick den seinen und findet schließlich den Mut, ihre Lippen auf seine zu legen.
Manuel liegt noch immer halb aufgestützt neben ihr, als Tanja den Kuss wagt. Ihre weichen Lippen drücken sanft auf dieseinen. Es ist ein vorsichtiger, unsicherer, fast suchender, aber wunderschöner Kuss, der nicht drängt. Tanja fordert nicht. Lediglich ihr leiser Versuch, ob sie Nähe noch erfahren, noch spüren darf.
Manuel hält inne. Er spürt ihre Unsicherheit, ihre Verletzlichkeit, ihre Angst und gleichzeitig die Wärme, welche sie in diesem Moment zu ihm zieht. Er weiß, er könnte sich zurückziehen. Könnte den Kuss beenden. Doch er kann in Tanjas Verhalten ihren Wunsch erkennen. Den Wunsch und das Bedürfnis nach Halt, nach einem Menschen, der bleibt.
Langsam hebt er eine Hand und legt sie an ihre Wange — nicht, um sie näher zu ziehen, sondern um ihr zu zeigen, dass er da ist. Dass er sie sieht. Dass er sie nicht überfordert.
Tanja schließt die Augen. Der Kuss vertieft sich nicht, er wird nur wärmer, ruhiger, sicherer. Es ist kein Kuss, der etwas fordert. Es ist ein Kuss, der etwas heilt. Als sie sich lösen, bleibt ihre Stirn an seiner liegen. Beide atmen leise, als hätten sie Angst, den Moment zu zerbrechen.
„Manuel…“, flüstert sie und ihre Stimme bricht fast.
Er antwortet nicht mit Worten, sondern zieht sie nur ein Stück näher an sich, so dass ihr Kopf an seiner Schulter liegt. Sanft legt sie eine Hand auf seine Brust, spürt den schnellen, aber warmen Herzschlag unter ihren Fingern. Manuel hält sie, nicht fest, nicht besitzergreifend — sondern so, wie man etwas hält, was man nicht verletzen will.
Draußen rauscht der Regen gleichmäßig gegen das Fenster. Der Raum ist still, gedämpft, wie in Watte gehüllt. Die Welt draußen existiert nicht mehr.
Tanja atmet tief ein. Sie spürt die Wärme seines Körpers, die Ruhe seiner Nähe, die Sicherheit seiner Arme. Und plötzlich bricht etwas in ihr auf — nicht laut, nicht sichtbar, sondern tief in ihrem Inneren. Eine Sehnsucht, die sie seit Wochen nicht mehr zugelassen hat.
Vorsichtig rückt Tanja noch etwas näher. Er lässt es zu. Nicht, weil er etwas erwartet, sondern weil er fühlt, wie sehr sie es braucht. Die beiden liegen eng aneinander, ihre Beine berühren sich unter der Decke, ihre Hände finden sich wie von selbst. Kein Drängen. Keine Hast. Nur zwei Menschen, die sich in einem Moment der Wahrheit festhalten.
Manuel streicht ihr langsam über den Rücken, beruhigend, gleichmäßig. Tanja schmiegt sich tiefer in seine Arme, als wolle sie sich in ihm verankern. Ihre Atmung wird ruhiger, weicher. Manuels ebenso.
Sie küssen sich noch einmal — länger diesmal, aber immer noch sanft, immer noch vorsichtig. Ein Kuss, der sagt: Ich bin da. Du bist nicht allein. Du darfst fühlen.
Und irgendwann, ohne dass die beiden es bewusst merken, gleiten sie sanft in den Schlaf. Eng ineinander verschlungen. Nicht aus Leidenschaft. Sondern aus Bedürfnis. Aus Trost. Aus dem Gefühl, endlich wieder gehalten zu werden.
Ende der Leseprobe „Akt I: Vor dem Horizont“
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