Die Bibliothekarin mysteriöse Kommentatorin, Eleonora 1/6 Das Flüstern der Knöpf (fm:Exhibitionismus, 2897 Wörter) [1/3] alle Teile anzeigen | ||
| Autor: Misttueck | ||
| Veröffentlicht: Jul 20 2026 | Gesehen / Gelesen: 779 / 497 [64%] | Bewertung Teil: 9.50 (8 Stimmen) |
| Eine Bibliothekarin und eine mysteriöse Kommentatorin, Eleonora, entwickeln eine intensive Verbindung durch ihre Geschichten und Kommentare. Als Eleonora sich öffnet und eine verletzliche Seite zeigt, steht die Bibliothekarin vor einer Entscheidung, die i | ||
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Die Bar ist gut besucht, doch ich nehme das Stimmengewirr kaum noch wahr. Vor mir steht ein Glas Rotwein, daneben mein Tablet. Wie so oft öffne ich das Forum, in dem meine Geschichten inzwischen eine kleine, aber treue Fangemeinde gefunden haben. Der Barkeeper hat vorhin gefragt, ob ich noch etwas möchte, und ich habe nur abwesend genickt, denn meine Aufmerksamkeit gilt bereits dem Bildschirm. Die Lesebrille mit dem schmalen, metallischen Rahmen sitzt auf meiner Nase, und das Display wirft ein bläuliches Licht auf mein Gesicht. Ich binf fünfzig sieben Jahre alt, und in all den Jahren als Bibliothekarin habe ich gelernt, dass die besten Geschichten nicht zwischen Buchdeckeln entstehen, sondern zwischen Menschen, die sich trauen, etwas preiszugeben.
Es begann vor sechs Wochen. Ich hatte gerade eine neue Geschichte im Forum veröffentlicht – über eine Frau, die in einem Café sitzt und einer Fremden zusieht, Stunde um Stunde, bis die Fremde aufsteht und ihr einen Zettel auf den Tisch legt mit nur einem Wort darauf. Die Geschichte endete dort. Keine Auflösung. Kein Kuss. Nur dieses Wort, das der Leserin nicht preisgegeben wurde. Es war eine meiner quieteren Geschichten, diejenigen, bei denen ich nie weiß, ob sie jemand erreichen.
Der erste Kommentar erschien zwei Stunden später. Unter dem Nutzernamen Eleonora stand: Ich habe das Wort erraten, bevor ich zu Ende gelesen habe. Aber Sie haben es nicht aufgeschrieben, weil das Wort nicht der Punkt war. Der Punkt war das Warten.
Ich lese diesen Kommentar zum ersten Mal, und meine Finger ruhen auf der Tastatur, ohne etwas zu tippen. Es ist nicht die übliche Art von Kommentar – kein Tolle Geschichte oder Bitte mehr davon. Diese Frau hat verstanden, was ich gemacht habe, und sie hat es in einem einzigen Satz präziser zusammengefasst als ich es selbst könnte. Ich schaue auf das Profil. Kein Bild. Keine Biografie. Nur ein Zitat von Clarice Lispector: Ich schreibe nicht, um verstanden zu werden. Ich schreibe, um nicht verstanden zu werden.
In der folgenden Woche lese ich drei weitere meiner älteren Geschichten durch Eleonoras Augen. Sie hat sie alle gefunden, die alten, die halbvergessenen, die zwischen neueren Texten begraben lagen. Unter jeder hinterlässt sie einen Kommentar, und jeder ist wie ein präziser Schnitt – nicht verletzend, aber so genau, dass etwas freigelegt wird. Bei der Geschichte über die Frau, die ihrem Geliebten jeden Morgen denselben Brief schreibt und ihn nie abschickt, schreibt Eleonora: Sie schickt ihn nicht ab, weil der Akt des Schreibens bereits die Liebe ist. Der Empfänger ist irrelevant. Sie schreibt sich selbst.
Ich nicke langsam, und in meiner Branche als ehemalige Bibliothekarin erkenne ich die Geste: jemand der nicht nur liest, sondern dechiffriert. Eleonora liest mich nicht. Sie entschlüsselt mich.
Unter der nächsten Geschichte – einer meiner expliziteren, über eine Frau, die sich einer anderen unterwirft, nicht aus Schwäche, sondern weil sie in der Aufgabe ihrer selbst etwas findet, das ihr stärkeres Selbst nicht geben kann – schreibt Eleonora etwas, das mich aufhorchen lässt: Ich kenne diesen Drang. Aber ich kenne ihn von der anderen Seite.
Ich lese den Satz dreimal. Von der anderen Seite. Das bedeutet – Eleonora ist dominant. Sie kennt das Verlangen, Kontrolle auszuüben, nicht das Bedürfnis, sie abzugeben. Und trotzdem – oder gerade deshalb – liest sie meine Geschichten über Unterwerfung mit einer Aufmerksamkeit, die über Neugier hinausgeht. Ich kenne diesen Typus. Die Dominante, die in den Geschichten der Unterwerfung sucht, was ihr die Kontrolle nicht geben kann: den Moment, in dem sie selbst fallen darf.
Ich antworte das erste Mal direkt auf ihren Kommentar. Ich schreibe: Die andere Seite kennt das Verlangen vielleicht anders, aber nicht weniger. Wer kontrolliert, trägt Last. Wer sich hingibt, legt sie ab. Beides ist eine Frage dessen, was man zu tragen bereit ist.
Ihre Antwort kommt innerhalb von zehn Minuten. Und wenn jemand die Last trägt, weil sie nicht weiß, wie sie sie ablegen soll?
Mein Herzschlag beschleunigt sich. Nicht vor Aufregung – vor Erkennen.
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