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Veröffentlicht: Aug 09 2026 Gesehen / Gelesen: 357 / 228 [64%] Bewertung Teil: 9.83 (6 Stimmen)
Zwei Schulfreunde treffen einander zufällig wieder und beginnen eine Reise – eine Erzählung aus zwei wechselnden Perspektiven

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© KarlKnaller Dieser Text darf nur zum Eigengebrauch kopiert und nicht ohne die schriftliche Einwilligung des Autors anderweitig veröffentlicht werden. Zuwiderhandlungen ziehen strafrechtliche Verfolgung nach sich.

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stieg durch die Schiebetür aus und schaute mit verschränkten Armen in die Landschaft, es fehlten nur Rauchwölkchen über ihrem Kopf, um das Klischee zu vollenden. Ich stellte mich neben sie, kreuzte die Arme hinter dem Rücken schaute in dieselbe Richtung, wippte mit den Füßen und wartete, denn sie hatte Depp gesagt, was früher auf sich bessernde Stimmung hinwies. Wechselseitige schnelle Blicke zum anderen und abwenden wechselten sich ab. "Es tut mir…" und "Du zuerst." sagten wir gleichzeitig. Sie schaute herunter, dann mir in die Augen: "Es tut mir leid, dass ich sauer war, weil du mir etwas nicht gesagt hattest, und ich mich vom Entsetzen hinreißen ließ. Es war tatsächlich nicht deine Aufgabe, aber meine wäre gewesen, Kontakt zu Zara und Zacky zu halten, doch ich war mit meinem kleinen, neuen Leben beschäftigt. Und du hast zu allen außer mir Kontakt gehalten." Sie zwinkerte und legte eine Hand an meine Wange: "Etwas weniger leid tut mir, zu dir keinen Kontakt gehalten zu haben, denn du bist schon alleine groß." "Mir tut leid, dass ich bei dir nicht die gleiche Mühe aufgewandt habe, wie bei Antonio, Carlotta, Zara und Zacky. So war ich keinen Anruf entfernt, als du mich gebraucht hättest. Aber vielleicht stünden wir dann nicht hier, vielleicht kann ich es wettmachen." "Vielleicht … Erzähl mir mehr von Zacky und von Carlotta. Und von Zeno." Carina stieg wieder vorne ein. Ich wählte eine Nummer, stellte auf laut und es meldete sich eine Frauenstimme: "Hi, Volker, hier ist Karo. Zacky steht gerade unter der Dusche." "Hi, Karo. Wir fahren durch die Bretagne, kamen gerade auf Euch und hier hat jemand den unbändigen Wunsch, mit Zacky zu reden." "Wir und wer?" "Ja, Carina und ich. Du, neben mir platzt gleich jemand und ich finde du solltest das an deinem Ende auch erleben. Sag bitte Zacky, er solle nach seiner Dusche zurückrufen und dich dabei im Arm haben. Passt das?" "Ja. Du machst es spannend." "Ich hoffe. Bis gleich, Klassenbeste." "Tschüß, Streber, bis gleich." Carina machte große Augen: "Was war das?" Volker grinste breit: "Es heißt wer. Sie heißt Karo. Wenn du auf »was« bestehst, würde ich sagen, eine Option mit unbekannter Nummer, aber Zackys, nicht meine."

9 – Wegebau

Ich war so neugierig, was zwischen Volker und Zacky gelaufen ist, aber danach zu fragen traute ich mich gerade nicht, denn ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen meines Auszickens, dabei hatte Volker anscheinend alles richtig gemacht, Kontakt gehalten, in Not geholfen, während ich einem Ego-Trip folgte und dabei auf die Nase fiel. Volker würde nur freiwillig erzählen – da war er Papa ähnlich – und eisern schweigen, wenn dabei irgendwelche seiner Verdienste erkennbar würden. "Hast Du den Soundtrack des Films? Bitte spiel daraus etwas." Zum Hochzeitsmarsch fragte Volker: "Erinnerst du dich an Carlotta, wie sie Zaras Schleppe als Brautjungfer trug? Sie hat es tapfer ertragen." "Haha, ja, das war nicht ihr Ding, aber sie konnte es Zara nicht abschlagen und hat dabei Grimassen geschnitten, dass sie Zara fast die Schau stahl. Was macht sie jetzt?" "Hast du zu ihr keinen Kontakt mehr?" Ich schüttelte den Kopf: "Zuletzt vor sieben Jahren, kurz nachdem sie Karl kennengelernt hatte." "Oh, Carina, nur dem Sprechenden kann geholfen werden. Nur wenn man spricht, kann Schweigen Bedeutung erlangen; sonst ist es nur Stille." "Aber du hast auch nicht zu mir gesprochen. War das nur Funkstille?" "Ja, es war mein Fehler, unseren Kontakt habe von allen im Sixpack am schlechtesten gepflegt – gar nicht, denn du bist alleine groß, nicht wahr? Es tut mir wirklich leid, auch der alberne Streit." Ich strich ihm über den Arm. "Was also macht Carlotta?" Volker antwortete: "Sie hat ihre duale Ausbildung abgeschlossen, dann einen Master darauf gesetzt und ist mit Karl in eine Hamburger Charterfirma eingestiegen, sie macht Büro, Finanzen, Kundengewinnung, er das technische und die Bestandskundenbetreuung. Sie haben sich wegen des Altersunterschieds gegen Kinder entschieden. Kaum dass die beiden sich kennengelernt hatten, stand es schon fast wieder vor dem Aus, aber irgendwie haben sie sich berappelt. Ich denke, die Tochter vom Alteigentümer hatte bei beidem die Finger im Spiel." "Hmm?" "Dem Hörensagen und Informationsfetzen nach hatte Karl bei einer Überführung mit der Tochter herumgemacht. Carlotta hatte davon Wind bekommen – frag mich nicht, wie – und kannte diese Naturgewalt von Tochter gut aus einer noch früheren. Die wiederum plagte ein schlechtes Gewissen und brachte Carlotta und Karl wieder zusammen." "Oh, soviel Drama." "Da sagst du was. Können wir beide groß sein, uns gegenseitig kein Drama machen und zusammen größer sein als die bloße Summe?" "»Frag das einen einfachen Menschen und keine komplizierte Frau«, würde mein Papa sagen. Ja, ich will." Volker zog eine Augenbraue hoch.

"Spielen wir jetzt Jeopardy?" Carina guckte unschuldig und lächelte dann zuckersüß. Ein Kreisverkehr verschaffte mir etwas Zeit. Eine zweite Runde etwas mehr, denn Frauen zu entschlüsseln und im Straßennetz zu orientieren erfordert die Fähigkeit zum Multitasking, die ich definitiv nicht habe. Aber es war nicht zu übersehen, worauf sie abzielte. Ich bog in einen Weg ab und ließ den Bus ausrollen. "»Komm doch mal 'rüber, Mann, und setz' dich zu mir hin, weil ich ein Mädchen bin«", summte sie mit Lachfältchen. Ich schnallte uns beide los und zog sie nach hinten zur Schlafbank. Ihr Kleid rutschte hoch und flugs rangen wir vereint mit den Kissen. Nach einigen Minuten japste ich. "Die Frage lautet: »Willst du mich heiraten?«" Carina nickte schnaufend: "Aber?" "Aber verträgt sich das mit deiner Vorstellung einer Beziehung, die auf Freundschaft und Vertrautheit gründet? Wiederholen wir nicht gerade alle klassischen Fehler einer überstürzten Liebesbeziehung, vom schnellen Sex über Stimmungsschwankungen und Verstimmung zurück zu Versöhnungssex, manifestiert mit einem haltlosen Versprechen?" "Ja, schau noch mal in meine Augen und auf meine Brüste. Willst du nicht?" "Ich will mehr – Freundschaft wie damals, Sex wie heute, Liebe, wenn sie ohne Drama kommt, Drama nur, wenn es durch Größe mindestens kompensiert wird. Vor allem will ich deine spannende Idee zum Fliegen bringen. Und meine Ruhe will ich auch – mit dir. Mit Kindern werde ich wohl darauf verzichten müssen. Ich brauche keinen Ehering und ich möchte auch nicht jemanden wie dich an mich binden, sondern lieber jeden Tag neu gewinnen und halten." "Das war eine sehr komplizierte Liebeserklärung ohne »ich liebe dich« zu sagen", küsste sie mich, streifte meine Hose ab. "Können wir jetzt noch etwas Eros zu Philia und Storge geben?" Langsam schob ich meinen kleinen Freund in sie und Carina schloss seufzend die Augen.

Es war vermessen zu glauben, dass Volker am zweiten Tag unserer Reise einen Heiratsantrag macht, aber ich war in der Stimmung, ja zu sagen. Auf der anderen Seite machte er langsam, wie Sophie mir geraten hatte, wies auf meinen Weg und ging ihn sein Tempo. 'Mach weiter, Volker!' war mein Wunsch. Auf der Schlafbank machte er weiter und bescherte mir einen schönen, langen, langsamen Orgasmus, ehe er einen kurzen Spritzer dazu gab. Verschwitzt, verklebt, mit zerknittertem Kleid, am Wegesrand ohne Dusche und fließendes Wasser zog ich ein langes T-Shirt über und Volker hoch: "Komm, lass uns weiterfahren, einen Campingplatz mit Dusche, Waschhaus, Restaurant und Bar suchen, vielleicht etwas Musik und Tanz." Volker nickte, raffte seine Shorts zusammen und drückte mir einen langen Kuss auf den Mund. "Pipi, Hunger, Durst gewinnen immer!", feixte er. "Hab ich dir jemals vom Wettstreit der Ingenieure erzählt?" "Nicht dass ich wüsste."

10 – Weglachen

Also erzählte ich Carina zum brummenden Jockel den alten Witz: "Drei Ingenieure sitzen beisammen und eifern nach viel Bier, wessen Fachrichtung Gott angehören würde. »Er wäre Maschinenbauer«, sagte der eine, »denn das Skelett und die Muskeln sind feinste Mechanik.« »Er wäre Nachrichtentechniker«, widersprach der zweite, »denn das Gehirn übertrifft die komplexeste Schaltung, die sich Menschen ausdenken könnten.« »Ihr irrt beide«, sagt der dritte, nimmt einen tiefen Schluck, »nur ein Bauingenieur würde eine Abwasserleitung durch das Vergnügungszentrum legen.«" Carina prustete vor Lachen und rief: "Halt an! Halt an! Die Abwasserleitung platzt gleich." Kaum dass der Bus wieder stand, hockte sie neben der Schiebetür und ließ es laufen. Nach dem Einstieg drapierte sie ein Handtuch auf dem Sitz und ließ das T-Shirt auf den Hüften sitzen. Ihre leichte Bekleidung hatte nicht nur optische Vorteile. "Nun kannst du weitermachen", grinste sie mich an. So erzählten wir einander einen Witz nach dem anderen, bis das Telefon klingelte. "Los, geh ran!", drängte ich sie, "ich fahre."

Ich zögerte, aber wischte zur Annahme auf Volkers Handy: "Hallo?!" "Hallo!", ertönte Zacky, "ich wollte mit Volker reden. Bin ich richtig?" "Zacky, du bist richtig. Ich bin's, Carina." "Die Carina? Wirklich? Wie schön, ich hab' so lang nicht den Klang deiner Stimme gehört. Aber warum bist du an Volkers Handy? Erzähl!" "Ich bat Volker um Rat und er lud mich in sein Auto – nun fahren wir im Bus durch die Bretagne und der Aufkleber …" "In dem Bus?!" "Ja." "Du Glückliche, mit Volker im Bus ist tres bien, aber mit Karo im Zelt am Atlantik zu sein, ist tres chic." Volker grätschte dazwischen: "Hi, Zacky, wo seid ihr genau?" "Le Gurp, zelten, noch vier Tage heimwärts trödeln." "Bretagne, campen, dritter Tag südwärts trödeln." "Geil, lass uns treffen." "Okay, übermorgen Passage du Gois, drei Stunden nach Hochwasser, aber kein Stress mit Karo." "Haha, die Matschpiste, dein alter Traum; gut, muss ich Karo erklären, sie staunt noch." "Alles weitere später, wenn du grünes Licht bekommen hast. Carina ist gerade geflasht. Grüße an Karo." "Läuft da was?" "Haha, mach dir selbst ein Bild, Alter." Ein Chor von Tschüß' ging durch den Äther, dann war Ruhe. Ich lachte verblüfft: "Macht ihr das noch immer so, Zicky, Zacky und Zucken zählt nicht?" Volker zuckte mit den Schultern: "Bewährtes Verfahren, trotz einer unbekannten neuen Größe."

11 – Wegengen

"Was hältst du von einem FKK-Campingplatz? Der käme deinem Gepäck und meinem Genuss deines Anblicks entgegen", fragte Volker. "Wenn dein Begeisterungsanzeiger dir keinen Strich durch die Rechnung macht – warum nicht?" "Dann guck doch mal, was zwischen Lorient und Locmariaquer zu kriegen ist, denn eigentlich fahren wir gerade ins Blaue nach Westen, aber haben nun eine Verabredung in der anderen Richtung." Also suchte ich, während Volker fuhr, das Radio noch Zaras Hochzeit-Playlist dudelte. Über aufpoppende Nachrichten von Papa und Sophie schweifte ich ab – Mama war zurück. Volker fragte nach einem Ziel und ich vertröstete ihn: "Es gibt anscheinend nur zwei etwas landein gelegene FKK-Plätze von Clubs. Mir wäre Küste lieber – da sah ich drei normale." "Deine Wahl sei die meine." "Okay, ich nehme George Clooney. Kannst du das arrangieren?" Volker zog die Augenbraue hoch und lachte dann. "Den Abzweig zu George Clooney habe ich leider verpasst, also nehme ich den mittleren Campingplatz." "Das ist Penthièvre auf Quiberon." "Und östlicher?" "Westlich des Eingangs zum Golf von Morbihan." "Die Bucht ist schön, die verdient mehr Zeit und erfordert einen größeren Umweg als der Abstecher nach Quiberon." "Also Quiberon." "Was hat dich gerade so gefesselt?" "Drama zuhause." "Hmm?" Kurzerhand erzählte ich Volker, dass ich neulich nach der Oper erfahren hatte, Mama sei durchgebrannt, und was Sophie und Papa gerade schrieben: Mama sei wieder zuhause und heule, Papa sei spröde und abweisend in seinem Arbeitszimmer, aus beiden sei kein gescheites Wort herauszubekommen. Sophie sei mit den Kindern auf dem Weg zu ihnen und ich solle bloß keine Rückreisepläne machen. "Volker, die sind kindisch." Volker grunzte erheitert über meinen Ausbruch, ich funkelte ihn an. Er sagte leise: "Deine Eltern sind alleine groß und streng genommen sogar größer als du, weil älter, nicht wahr?" "Ja", brummte ich widerwillig. "Deine Mutter ist gerade zurück, also ist es dort brandgefährlich, vielleicht fliegt Porzellan durch die Luft, bestimmt liegen Tretminen mit dem Zünder »ein falsches Wort« herum. Lass die beiden doch erst mal die Fronten klären und sehen, was passiert ist, wer verletzt ist, was noch an Gemeinsamkeiten vorhanden ist – die Paarbeziehung ist deren Sache, misch dich nicht ein. Mama und Papa werden sie für dich bleiben, egal ob zusammen oder allein." "Aber Sophie fährt hin." "Mit ihren Kindern, den Enkeln deiner Eltern – das ist ein ganz anderer Schnack." "Kinder als Kitt?" "Kaum, aber Grund genug, sich zusammenzureißen. Quasi erzwungener Waffenstillstand, um Ruhe für Verhandlungen einkehren zu lassen. Das hat Sophie schlau eingefädelt." "Ach, menno", gab ich klein bei, aber überzeugt war ich nicht.

Das Radio dudelte einen französischen Sender, Carina grübelte schweigend, bis sie das Meer roch. Sie kurbelte das Fenster ganz herunter und steckte den Kopf hinaus, Wind fuhr in das T-Shirt, blähte es auf und hob es bis zu den Brüsten an – ein viel schönerer Anblick als die Straße, die leider Vorrang genoss. "Wir sind bald da, oder?" "Ja, noch eine Viertelstunde. Gib' mal deinen Perso für die Anmeldung, dann kannst du im Auto sitzen bleiben." Der Camping municipal war schlicht, die Anmeldung auch, aber wir hatten einen Platz unter Büschen am Nordrand, ein Sanitärgebäude in der Nähe, Waschhaus und Bistro auf dem Platz und im Ort nebenan noch ein paar Gaststätten – das würde vollkommen ausreichen. "Kann ich dich mit dem Aufbau allein lassen und duschen gehen?" "Ja", küsste ich sie, "dann klebst du weniger, aber riechst auch weniger interessant." Carina quiekte, als ich ihren Po zwickte und zog Po wackelnd ab. Ich klarte den Bus auf, stellte zwei Stühle heraus und ging dann hinterher. Als ich geduscht, rasiert, frisch gekleidet und mit nasser Wäsche zurückkam, saß Carina schon vor dem Bus. Ihr leichtes Trägerkleid rutschte wie unbeabsichtigt hoch und sie stellte die Beine auseinander, sobald sie mich sah, kräuselte sie die Mundwinkel – ich hatte freien Blick auf ihr Paradies, an dem etwas blinkte. Ich lächelte und warf ihr eine Kusshand zu, sie nickte huldvoll und verbarg ihren Blick hinter einer Sonnenbrille. "Ist dir verklebt und verschwitzt lieber?", quittierte ich ihren offenherzigen Einblick. "Ja, bedeutet weniger Drama, mehr Nähe. Doch du sagst, Pipi, Hunger Durst gewinnen immer und gerade hast du recht. Lass uns essen gehen, sonst muss ich dich auffressen statt zu vernaschen." "Da geht's mir nicht besser, ich kann mich an dir nicht sattsehen. Erst noch die Wäsche aufhängen, aber dann tout de suite, ma chérie."

12 – Weggehen

"Lass uns am Camping-Bistro vorbeigehen, aber dann lieber im Ort umschauen, ob's da etwas schöneres gibt", schlug ich vor. Volker nickte und wir schlenderten Hand in Hand los. "Wie können wir die Leichtigkeit des Urlaubs in den Alltag retten?" "Gar nicht", meinte Volker, "das muss auch nicht sein, liebe Herzübergehende, Singende, Tanzende. Wir haben immer die Erinnerungen an diesen Urlaub, wir können sie immer mit einem Wort, einer Geste hervorrufen, wir können immer wieder Urlaub und Erinnerungen neu schaffen – und wir können sie nur schätzen, wenn wir zwischendurch Alltag, Anstrengung, abtörnendes Allerlei durchhalten. Der Jockel ist aus genau dem Grund schon so lange mein Alltagsfluchtfahrzeug, eine Erinnerung und ein Versprechen." "Seit wann nennst du den Bus Jockel und woher kommt das?" "Zwischen Abschluss und erstem Job – also gerade zu Beginn der großen Pause zwischen uns – ist der Motor geplatzt und ich habe ihn mit Freunden ausgebaut, instandgesetzt und wieder eingebaut – eine Woche ölige Finger. Einer der Monteure sprach immer von Jockeln, wenn er Dieselmotoren meinte, und so hat sich das eingeschlichen." "Ich könnte das nicht. Warum hast du ihn behalten?" "Ich hatte die Wahl, ihn abzustoßen und bald darauf etwas neues, schöneres, blinkenderes von meinen ersten Gehältern zu kaufen, oder zu behalten und in ihn weniger Geld und mehr Zeit zu investieren. Anfangs war noch der Nachhaltigkeitsgedanke ausschlaggebend, doch mit dem Schrauben wuchs der ideelle Aspekt, denn er transportiert zu viele schöne Erinnerungen wie das Gewitter in Schweden." "Als wir zu sechst im Bus schliefen, weil keiner ins Zelt wollte? Ja, das war ein wildes Gewitter." "Und du hast ganz eng an mich gekuschelt geschlafen. Ich hatte damals das erste Mal deinetwegen einen Ständer gehabt und mich gewundert, dass du nichts gemerkt hattest." "Nee, ist nicht wahr!" "So wahr dein Slip fehlt." "Schuft!", knuffte sie mich. "Warum hast du damals nichts gesagt oder gewagt?" "Ich war nicht verliebt, nur erregt, und wollte nicht unsere Freundschaft kaputtmachen. Außerdem hattest du damals etwas mit Toby laufen." "Oh. Du erinnerst dich an den Namen dieser treulosen Tomate?" "Soll ich die anderen acht auch aufzählen?" "Gibt es etwas, das du dir nicht gemerkt hast?" "Bestimmt."

Volker überraschte mich mit Dingen, die ich schon vergessen hatte. Ich konnte mich an die Jungs, die durch mein Bett geturnt sind, zwar namentlich erinnern, aber die jeweils letzte Erinnerung trübte das Bild stets gewaltig. Das Gewitter in Schweden fand ich unheimlich und gehörte daher zu denen, die in den Bus flohen. Nur an eine Kuschelei mit Volker habe keine Erinnerung; er war halt immer da und eine Berührung hat damals nicht so gekribbelt wie jetzt. Volker zupfte an meinem Arm: "Sieh mal die Speisekarte. Gefällt dir etwas?" "Außer satt zu machen wie die Pizzen gefallen mir die Salate, der Fisch, der Wein und die Desserts." "Dann hinein." Wir fanden einen abgeschiedenen Tisch für zwei mit passablem Blick. "Warum hast du dir soviel über mich gemerkt?", wollte ich wissen. "Was interessant und schön ist, hinterlässt Eindruck", lächelte er. "Ich habe von dir einen guten Eindruck, aber nicht so viele detaillierte Erinnerungen. Bin ich oberflächlich oder drangst du nicht durch?" "Soll ich jetzt dich oder mich herabsetzen?" "Touché." "Vielleicht hast du etwas mehr von einem Schmetterling, der von Blüte zu Blüte flattert und andere bezaubert, und ich bin mehr eine Hummel, die denselben Job brummend und unscheinbar erledigt." "Kann ich den Poeten auch abonnieren?"

Vor einer Antwort kam die Vorspeise und obwohl wir alleine groß sind und die Regel unserer Eltern Dispens hatte, aßen wir schweigend und alberten herum, Majo-Klecks auf die Nase, einhändiges Essen, weil Händchen halten nicht unterbrochen werden darf und andere verliebte Kindereien. Beim Hauptgericht benahmen wir uns, beim Dessert flammten Stibizereien auf, nach dem Kaffee und dem unvermeidlichen Pudern zog mich Carina hoch: "Lass uns gehen, bezahlt ist schon." "Wie das?" "ec-Karte im Futter", grinste sie. Auf dem Weg zum Strand schmiegte sie sich an mich, ihre Hand um meine Hüfte, meine Hand auf ihrem Po, die sie mit tadelndem Blick etwas höher zog: "Schätzelein, doch nicht vor den Kindern!" Dann öffnete sie einen Knopf und zeigte etwas mehr Brustansatz. "Ist das kindgerecht?" "Klar", grinste sie, "damit fangen Kinder an. Hast du die Frau mit dem blauen Kleid auf der Bank bemerkt? Sie stillt. Stier da jetzt nicht hin!" "Würdest du in der Öffentlichkeit die Brust geben?" "Ich denke schon, sonst zeige ich sie ja auch. Hunger ist ein dringendes Bedürfnis, die Brust für Säuglinge das natürlichste der Welt. Je nach Umständen täte ich es mehr oder weniger stark verdeckt so wie sie. Nackt am Strand wäre halt nichts zu verdecken. Würdest du neben mir bleiben, wenn ich vor anderen stille?" "Ja, und tauschen wollen." "Mit dem Kind oder mir?" "Hmm, Körpertausch mit dir klingt spannend. Gibt es eine Gebrauchsanleitung für die anatomischen Besonderheiten?" "Du würdest damit schon klar kommen, Dussel, aber mach dich mal an einen Mann heran und komm mit den Emotionen klar." "Ihh, Stoppeln, Sabbern, Smegma, Sperma, Schweiß, Schnarchen, Saufen." Carina schüttelte sich vor Lachen: "Woher nimmst du immer die Aufzählungen mit gleichem Anfang? Bleib lieber Mann, die Frau bedienst du schon ganz ordentlich, und Kinder wirst du erlernen." "Ich habe schon mit Zeno geübt. Wenn man ein Kind gut beobachtet, erklärt es sich von selbst. Wenn Zeno als Säugling Hunger hatte, machte er immer den Laut »eja, eja«, den er exklusiv für Hunger und Durst benutzte. Ein andermal wickelte ich ihn abends, weil Zara und Zacky im Kino waren, da er brabbelte vor sich hin, darunter wiederholte er etwas wie »dje, dje, jacke« mit einem Anflug von Melodie. Zeno war er schon im Kindergarten, da wird gesungen, dann platze bei mir der Knoten: »Frére Jacques« angestimmt und schwupps, ging bei Zeno ein strahlendes Lachen an." "Das war wickeln und füttern. Wie schlief er ein?" "Zara und Zacky kämpften, weil er oft weinte statt einzuschlafen. Ich legte mich an diesem Kinoabend hin, nahm Zeno bäuchlings auf meinen Rumpf, legte eine Hand auf seinen Rücken, streichelte ihn ganz langsam und monoton und lag still mit ihm in einem halb dunklen Zimmer. Nach einer kurzen Weile zuckte Zeno ein paar mal, dann schlief er ein und ich konnte ihn rücklings neben mich legen, ohne dass er aufwachte. Minuten später atmete er einmal tief ein und war dann so fest eingeschlafen, um ihn in sein Bett zu tragen. Zara und Zacky staunten ob der Schilderung, guckten sich das am nächsten Abend an, machten es nach und Zenos Einschlafprobleme waren weg. Bei Zacky klappte es anfangs besser, als Zara ihn abgestillt hatte, gab es keinen Unterschied mehr." "Muss ich vor deiner Beobachtungsgabe und deinem Erinnerungsvermögen Angst bekommen?" "Nein, solange du dich an das Übliche hältst – du darfst keinen Gott neben mir –nee halt, du darfst nicht fremdgehen." Carina knuffte mich wieder und ich schloss sie in meine Arme für einen Kuss und um weiteren Knuffen zu entgehen.

"Können wir wohin gehen, wo dein Kleid nicht zwischen uns ist? Deine Nippel drücken anders und vorhin sah ich etwas blinken", fragte Volker, "ich bin neugierig." Ihm war also doch aufgefallen, dass ich die Piercings getauscht habe. "Erst Weststrand mit blinkendem Sonnenuntergang, dann Oststrand mit blinkender Frau?", schlug ich vor. "Du willst mich hinhalten", schmollte er. "Genau", hauchte ich einen Kuss auf seine Wange. "»Frauen sind Schlangen, traue ihnen nicht, mein Kind«" summte ich zwinkernd und tanzte weg. "Ha, Schlange, es heißt Schweine und Männer." "Genau, und mein Kind musst du ja noch zeugen", zwinkerte ich über die Schulter. Volker schloss mit schnellem Schritt auf umarmte mich von hinten und drückte schnell meine Brüste: "Hmm, Ringe. Die sind heute beherrschendes Thema, wie?" "Vielleicht… Komm, da ist eine freie Bank." Zwei Senioren hatten dieselbe Idee und nach schneller Einigung saßen wir zu viert in ostfriesisch-gemischter Reihe darauf – Frauen in der Mitte, Männer außen. Wir steckten die Füße in den Sand, lauschten der Musik, genossen die nachlassende Hitze der untergehenden Sonne und die Brise vom Meer. Dann flüsterte die alte Frau mir zu: « J'admire votre courage, Madame, d'oser porter cette robbe et ces bijoux. » Ich drückte sachte ihre Hand: « Madame, je vous remercie, vous et votre génération, pour cette chance que vous avez su conquérir. » Die Musik wehte Gerard Lenormans La ballade des genas heureux herüber und ich summte anscheinend nicht leise mit, denn meine Nachbarin sang ebenso leise. Die Sonnenscheibe berührte den Horizont und schickte als letzten Gruß ein grünes Blinken. Meine Nachbarin flüsterte wieder: « Ma chère, vous avez vu le rayon vert ; celui qui l'aperçoit ne peut se tromper en matière d'amour. Soyez courageuse et heureuse. »

13 – Weggefährten

Carina tuschelte leise mit der Sitznachbarin und summte dann mit ihr zur Musik. Sie hatte ein Talent, mit Menschen Kontakt aufzunehmen, um dass ich sie beinahe beneidete, dabei musste ich nur in ihrer Nähe bleiben. Wir standen auf, grüßten zum Abschied, doch die ältere Dame umarmte Carina, lächelte mir zu und legte Carinas Hand in meine: « Prenez bien soin de vous, s'il vous plaît. » Ich nickte verblüfft, aber mir fehlte Kontext. Carina erklärte im Weggehen die Bedeutung des grünen Blinks in einem Roman von Jules Verne. "Nach der Ballade des genas heureux und dem grünen Blinken sagte sie, ich würde mich in dir nicht irren, wenn ich dich liebe, ich solle mutig sein und glücklich werden." "Oho, was machen wir für einen Eindruck auf Wildfremde, wo wir doch nach unserer Definition weder verliebt noch Liebende sind; nach deinem Plan sind wir suchende, strebende Freunde auf dem Weg zum Flieger." Sie knuffte mich heftig und zog mich durch den Ort zum Oststrand. "Stiesel, ich will die Paarbeziehung auf Freundschaft und Vertrautheit gründen, aber …" Sie unterbrach sich und schaute mir tief in die Augen, schluckte, küsste mich, was lange dauerte. "Aber?", griff ich schnaufend ihren unvollendeten Satz auf. "Ich liebe dich." Ich küsste sie. "Ich vertraue auf uns." Sie umfasste mein Gesicht für einen Kuss und sah mir noch einmal tief in die Augen, bevor sie das Kleid über den Kopf zog und sich entblößte. Ihre Nippel trugen nun zwei Ringe und vor ihrem Paradies lag ein größerer. Ich sah ihr in die Augen, doch sie faltete und band sich das leichte Trägerkleid vor die Augen, nahm meine Hand, führte sie vor ihre Scham, schob einen meiner Finger durch den Ring und sagte leicht krächzend: "Ich vertraue dir. Ich will mutig in die Zukunft schreiten und glücklich sein. Mehr als diesen Ring heute Abend brauchst du nie und nirgends. Führe mich nach Hause, in unser Bett, in unser Liebesnest und ich gehe mit dir durch dick und dünn." Ich küsste sie lange, strich mit der freien Hand über ihre Wange: "Komm, liebe Liebste. Wir haben einen langen Weg vor uns, dich dick zu machen." Sie machte einen Schritt gegen meine Hand und ich einen rückwärts zum Bus. Nach ein paar Schritten drehte ich mich um und Wechselte meinen Finger im Ring, krümmte ihn und flutschte in sie. Nach wenigen Schritten nestelte sie an meinem Schritt und griff sich meinen Schwanz. Wichsend führten wir einander langsam, vorsichtig, genießend, stöhnend, seufzend und spitzer werdend zum Bus, dessen Scheiben schnell beschlugen.



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