Bis zum Horizont ... und darüber hinaus (fm:Sonstige, 19773 Wörter) [5/5] alle Teile anzeigen | ||
| Autor: Mr_Empire | ||
| Veröffentlicht: Oct 21 2026 | Gesehen / Gelesen: 312 / 225 [72%] | Bewertung Teil: 10.00 (3 Stimmen) |
| AKT IV: Zwischen Horizont und darüberhinaus (ENDE) | ||

Ersties, authentischer amateur Sex
| [ 10% ] [ 20% ] [ 30% ] [ 40% ] [ 50% ] [ 60% ] [ 70% ] [ 80% ] [ 90% ] [ 100% ] |
Klicken Sie hier für die ersten 75 Zeilen der Geschichte
kommen wollten.
Kurze Zeit später erreichen die vier die Kirche. Kühle Luft empfängt sie, vermischt mit dem Geruch von Kerzenwachs, altem Holz und einem Hauch Weihrauch. Durch die hohen Fenster fällt gedämpftes Licht auf die Steinfliesen. Sie nehmen in den ihnen zugewiesenen Bänken Platz, und die Messe beginnt. Die Orgel klingt weich durch den Raum, während Celina selig schlafend in Sabrinas Armen liegt, geborgen und ahnungslos inmitten dieses Tages, der für die Erwachsenen so viel mehr bedeutet. Erst das kalte Taufwasser, das ein fremder Mann in ungewohnten Gewändern über ihre Stirn gießt, weckt sie wieder auf.
Anschließend fahren alle geladenen Gäste zu dem Restaurant, das Sabrina und Dirk reserviert haben. Dort mischen sich der Duft von warmem Essen, Kaffee und frisch gebackenem Brot mit dem Murmeln der Gespräche und leisem Besteckklirren, während sie Celinas Taufe feiern.
Manuel sitzt auf seinem Stuhl und blickt aus dem Fenster zum Himmel hinauf. Das Licht draußen ist weich geworden und legt einen blassen Schimmer auf sein Gesicht. Zwischen dem Lachen der Gäste, dem leisen Klirren von Besteck und dem Duft von Kaffee wirkt dieser Blick wie ein stilles Gespräch mit jemandem, der fehlt und doch gegenwärtig bleibt. Sabrina setzt sich neben ihn und legt sanft ihre Hand auf seine. „Sie schaut zu uns hinunter. Sie freut sich über die Taufe ihrer Enkelin und darüber, dass du hier bist“, sagt sie leise, als er sich zu ihr dreht.
„Ich weiß, Sabrina. Aber ich weiß auch, wie gern sie selbst hier wäre. Sie hat dich so sehr geliebt“, sagt Manuel ebenso ruhig. Seine Stimme bleibt gefasst, doch hinter den Worten liegt ein Schmerz, den er längst zu tragen gelernt hat.
„Genauso wie dich. Ich weiß noch, wie sie mir erzählte, wie aufgeregt sie war, als sie sich an dich heranschlich, während du im Park auf eurer Bank saßt. Ihre Beine fühlten sich weich wie Butter an, und bei jedem Schritt fürchtete sie zu stolpern, weil sie nachgeben könnten. Als sie dir dann die Hände auf die Augen legte und die Wärme deiner Haut unter ihren Fingern spürte, war es für Mama, als wärst du schon immer da gewesen. Nicht erst seit ein paar Monaten, sondern so, als hätten eure Herzen einander schon ein Leben lang gekannt. Diese Erkenntnis traf sie in genau diesem Moment mit voller Kraft. Mama lachte und meinte, du hättest in diesem Augenblick tun können, was du wolltest. Sie hätte dir alles vergeben.“
Manuel sieht sie einen Moment schweigend an. Die Worte treffen ihn unerwartet tief, als hätte Sabrina eine Erinnerung berührt, die auch in ihm noch warm war. „Wow. Vielen Dank, Sabrina. Das wusste ich nicht. Mir war klar, dass dieser Moment auch für deine Mutter wichtig war, aber so hat sie ihn mir nie beschrieben.“
Sabrina zwinkert ihm zu. „Ich kann dir noch mehr erzählen. Manches wird traurig sein, anderes schön oder sogar zum Lachen und Schmunzeln. Aber nicht jetzt und nicht hier. Heute sind wir aus einem anderen Grund hier. Doch wenn du möchtest … du weißt ja, ich habe dir gesagt, dass ich immer für dich da sein werde.“
„Danke. Und ja, jetzt ist nicht der richtige Moment. Da hast du recht. Außerdem warten noch andere Gäste auf dich“, meint Manuel. Sanft drücken sie einander noch einmal kurz die Hand – ein stilles Versprechen, dieses Gespräch irgendwann fortzusetzen. Dann steht Sabrina auf, um sich den anderen Gästen zu widmen. Die Feier dauert mehrere Stunden, bis Sabrina und Dirk sich auf den Weg nach Hause machen. Nur Dirks Schwester Samira und Manuel begleiten sie.
Dirk, Samira und Manuel sitzen im Wohnzimmer, als Sabrina mit einem Lächeln zu ihnen kommt. Gedämpftes Abendlicht liegt im Raum. In ihrem Gesicht liegt die stille Müdigkeit eines langen, schönen Tages. „Celina schläft“, sagt sie leise; irgendwo im Flur knackt leise eine Diele, dann wird es wieder ruhig. Sabrina setzt sich neben ihren Mann. Sofort verschränken sich ihre Hände, als hätten sie genau dort hingehört. „Es war ein schöner Tag. Genau so, wie ich ihn mir vorgestellt habe.“ Sabrinas Blick sucht Dirks Augen. „Ich liebe euch zwei so sehr.“ Dirk drückt sanft ihre Hand – ein stilles Zeichen, dass er sie ebenso liebt.
„Hach, ist das schön, euch so zu sehen“, seufzt Samira und blickt ihren Bruder und ihre Schwägerin an.
„Du findest deinen Schatz auch noch“, erwidert Sabrina und zwinkert ihr zu.
„Hey, willst du mich jetzt verkuppeln?“, lacht Samira und hält Sabrinas Blick.
„Wenn du willst, kann ich es ja versuchen“, lacht Sabrina. „Allerdings sind die anwesenden männlichen Wesen ausgeschlossen. Anders gesagt: vergeben.“
Samira sieht von ihr zu Manuel. „Vergeben? Wo ist denn dann Ihre Frau?“
Sabrina will für Manuel einspringen. „Ähm, Samira …“
„Mein Bernstein, Samira, ist immer bei mir.“ Manuels Stimme wird weicher, fast ehrfürchtig. „Sie begleitet mich auf Schritt und Tritt und wacht über mich – genauso wie über Sabrina, Dirk und Celina“, unterbricht er sie.
Samira sieht von ihm zu ihrer Schwägerin und wieder zurück zu Manuel. „Ist das …? Entschuldigung. Ich wusste nicht, dass sie …“ Ihre Stimme bricht.
„Alles gut, Samira. Ja, ich war am Ende mit Tanja zusammen, Sabrinas Mutter. So kurz unsere Zeit auch war, so wunderschön und intensiv war sie.“ Sein Blick wandert zu Sabrina, und für einen Moment liegt in seinen Augen dieselbe Zärtlichkeit wie in seinen Worten. „Und sie wird für immer in meinem Herzen bleiben.“
„Ich weiß, Manuel. Auch wenn Mama dich gebeten hat, ihr immer einen Platz in deinem Herzen zu lassen, war sie sicher, dass du sie nie vergessen würdest. Das hat sie mir später erzählt“, sagt Sabrina ruhig. Ihr Lächeln ist sanft, doch darin liegt auch die Traurigkeit einer Tochter, die ihre Mutter viel zu früh loslassen musste.
„Bis heute weiß ich nicht, wie sie auch nur daran denken konnte, dass ich sie vergessen würde. Der einzige Grund, der mir plausibel erscheint, ist die kurze Zeit, die uns blieb.“ Manuel senkt den Blick einen Moment. Gerade diese kurze Zeit hatte sich in sein Herz gebrannt, tiefer als manches ganze Leben.
Mehrere Jahre danach …
Lange hat Sabrina mit sich gerungen, ob sie es tun soll. Immer wieder hatte sie den Umschlag in die Hand genommen und wieder weggelegt. Nun steht sie mit dem Umschlag in der Hand da; das Papier raschelt leise zwischen ihren Fingern. In der Luft hängt der vertraute Duft von Kaffee und Celinas süßem Kinder-Shampoo. Durch das Fenster fällt weiches Nachmittagslicht ins Wohnzimmer und zeichnet helle Streifen auf den Boden. Doch inzwischen glaubt sie, dass genug Zeit vergangen ist – genug, damit Manuel diesen Brief lesen kann, ohne daran zu zerbrechen. Manuel sitzt auf ihrem Sofa, auf seinem Schoß die inzwischen fünfjährige Celina, die sich sichtbar freut, dass ihr Patenonkel wieder einmal bei ihr ist.
„Onkel Manu“, hört Sabrina Celina sagen, während sie in der Tür steht. Celinas helle Stimme durchbricht die Stille des Zimmers, und Sabrina beobachtet die beiden mit einem Lächeln, das ihr zugleich warm und schwer ums Herz macht.
„Ja, kleine Maus?“, antwortet Manuel und sieht sie aufmerksam an.
„Denkst du noch oft an Oma?“, fragt Celina.
Sabrina und Manuel müssen beide kurz schlucken. Urplötzlich steht sein Bernstein mitten im Raum, leise und doch unüberhörbar. Für einen Moment ist nur das ferne Ticken einer Uhr zu hören. Manuel atmet flach ein; auf seiner Zunge liegt plötzlich ein bitterer Geschmack, als hätte die Erinnerung selbst ihn eingeholt. „Natürlich denke ich noch an sie. Wie kommst du denn gerade darauf?“
„Weil du immer noch keine neue Frau hast. Willst du denn keine mehr haben?“, erwidert Celina in ihrer kindlichen Direktheit.
In diesem Moment bemerkt Manuel Sabrina in der Tür. Ihr Blick trifft seinen, und er spürt, wie sich sein Brustkorb verengt. Ihm wird klar, dass seine Antwort nicht nur Celina gilt. Sie gilt auch Sabrina – und vielleicht sogar Tanja, deren Erinnerung zwischen ihnen allen lebt. Draußen fährt ein Auto vorbei, gedämpft hinter der Fensterscheibe, während er Celina behutsam fragt: „Würdest du dir denn wünschen, dass ich eine neue Frau bekäme?“
„Wenn, dann nur Mama“, antwortet Celina und überrascht damit Mutter und Patenonkel zugleich.
Sabrina spürt einen Stich im Herzen. Unwillkürlich legt sie die freie Hand an ihre Brust, als müsse sie den Schmerz dort festhalten. Sie hatte nicht geahnt, wie sehr Celina der Tod ihres Vaters Dirk noch immer beschäftigt, der vor zwei Jahren tödlich verunglückt war. Für Celina war dieser Wunsch kein Spiel. Es war der unbeholfene Versuch eines Kindes, die Lücke in ihrer kleinen Welt wieder zu schließen.
„Zuerst einmal danke ich dir, dass du dir wünschst, Mama und ich würden wieder jemanden an unserer Seite finden.“ Manuel spricht langsam, als müsse er jedes Wort sorgsam wählen, damit es Celina nicht verletzt. Dabei streicht er ihr behutsam über den Rücken; von ihrem Haar steigt ein warmer, süßer Duft auf, der ihn seltsam tröstet. „Aber zwischen deiner Mama und mir ist es nicht die Art von Liebe, die man für eine solche Beziehung braucht. Wir mögen einander sehr, weil es dich gibt und weil es Oma gab. Doch für deinen Wunsch reicht das leider nicht.“ Dabei sieht er kurz zu Sabrina, die sich gerade in den Sessel gegenüber setzt. Das Polster gibt leise nach. In ihrem Blick liegt Dankbarkeit – und ein Schmerz, den sie vor ihrer Tochter verbirgt.
Celina wendet sich an ihre Mutter. „Mama, sag ihm, dass das nicht stimmt.“
Sabrina lächelt ihre Tochter sanft an, obwohl ihr das Herz dabei schwer wird. „Celina, selbst wenn ich für Manuel so fühlen würde, wie du es dir wünschst, müsste er genauso empfinden. Aber du hast gehört, dass er es nicht tut – genauso wenig wie ich.“
„Das finde ich blöd“, schmollt Celina auf Manuels Schoß.
Sabrina sieht Manuel an. Der Umschlag in ihrer Hand scheint plötzlich schwerer zu werden, und ihre Finger krampfen sich einen Moment darum. „Diesen Brief hat Mama damals hier bei mir für dich geschrieben. Als sie jedoch sah, wie sehr sie dir wehgetan hatte und wie sehr du gelitten hast, konnte sie ihn dir nicht mehr geben. Noch in derselben Nacht entschied sie sich, einen neuen, persönlicheren Abschiedsbrief zu schreiben. Im Kern steht darin dasselbe wie in diesem.“ Ruhig hält sie Manuel den Umschlag entgegen, doch ihre Finger verraten, wie viel Kraft sie dieser Moment kostet.
Mit zitternden Händen nimmt Manuel den Umschlag. Das leise Rascheln des Papiers wirkt in der Stille beinahe zu laut. Der Umschlag riecht schwach nach altem Papier und einem Hauch von Parfüm, so zart, dass Manuel nicht weiß, ob er wirklich da ist oder nur aus seiner Erinnerung kommt. Einen Augenblick hält er ihn nur fest, als könne allein das Papier eine alte Wunde wieder öffnen. Dann zieht er den Brief heraus und beginnt zu lesen. Seine Lippen bewegen sich kaum, doch sein Atem stockt schon bei den ersten Zeilen.
„Mein Schatz, ich kann dir nicht sagen, wie schwer es mir fällt, dir das zu schreiben – wissend, wie sehr es dich verletzen wird. Schon während ich diese Zeilen schreibe, wünschte ich, ich könnte dir all das ersparen. Thorsten hat sich nicht ohne Grund von mir getrennt. Es geschah kurz nachdem ich beim Arzt die Diagnose erhalten hatte. Ich denke, du ahnst es bereits: Ja, ich bin krank … unheilbar krank. Damals gab man mir noch ungefähr ein halbes Jahr.
Du und deine Liebe haben diese Zeit deutlich verlängert. Dafür möchte ich dir danken – mehr, als Worte es je ausdrücken können. Gerade deshalb zeigt mir jede zusätzliche Stunde mit dir, wie sehr ich all das nicht will und wie grausam unfair es ist. Aber ich muss es tun. Verzeih mir bitte, mein Schatz, dass ich dir nichts von meiner Krankheit erzählt habe. Anfangs hatte ich einfach Angst: Angst, dass du dich wie Thorsten von mir abwendest – oder nur noch aus Mitleid mit mir sprichst.
Dann geschah etwas, das ich nie für möglich gehalten hätte: Du hast mich aus meinem Loch geholt und mein Herz gewonnen. Du hast Licht in eine Zeit gebracht, in der ich längst aufgehört hatte, danach zu suchen. Wie hätte ich dir da von meiner Krankheit erzählen sollen? Du hattest jahrelang auf mich gewartet, darauf, dass ich frei für dich würde – obwohl ich dir nie Hoffnung darauf gemacht hatte. Und plötzlich waren wir ein Paar. Du warst so glücklich. Sollte ich dieses Glück wirklich zerstören, indem ich dir sagte, dass es ein Verfallsdatum hat? Dass du von da an jeden Moment fürchten würdest, ich könnte in die Phase eintreten, in der ich nun bin? Nein, mein Schatz. So grausam und schmerzhaft es jetzt ist, da ich gegangen bin und du diesen Brief liest: Ich konnte dir das nicht schon früher antun.
Mein Schatz, ich gehe nicht, weil ich noch immer Angst habe. Ich weiß, dass du mich nicht wie Thorsten verlassen würdest. Ich weiß, dass du bleiben würdest – bis zum letzten Atemzug, bis nichts mehr von der Frau übrig wäre, in die du dich verliebt hast. Und genau deshalb muss ich gehen. Genau deshalb musste ich diesen Weg schon früh für mich wählen.
Ich möchte, dass du mich als lachende, lebensbejahende Frau in Erinnerung behältst. Als die Frau, die dich angesehen und geliebt hat, als gäbe es keinen Abschied. Ich hoffe, dass du eines Tages, wenn du getrauert hast, wieder mit einem Lächeln an mich denken kannst – und mich so siehst, wie du mich kanntest. Nicht als das Wrack, zu dem mein Körper und ich werden.
Seit etwas über einer Woche spüre ich, dass ich in die letzte Phase meiner Krankheit und meines Lebens übergehe. Jeder Tag fühlt sich an, als würde der Horizont näher rücken. Jetzt verstehst du hoffentlich, warum ich immer gesagt habe: Ich liebe dich bis zum Horizont … und darüber hinaus. Denn bald werde ich über diesen Horizont hinausgehen. Dort werde ich auf dich warten, uns die schönste Wolke suchen und sie für uns reservieren, um dich irgendwann im Darüberhinaus zu empfangen.
Bis dahin bleibt mir nur noch zu sagen: Vergiss mich nicht. Nicht wirklich. Nicht dort, wo es zählt. Und vergiss nie – ich liebe dich bis zum Horizont und darüber hinaus.
Dein Bernstein, deine herzlose Hexe Tanja“
Manuel senkt den Brief. Seine Finger halten das Papier fest, als wäre es das Einzige, was ihn in diesem Moment noch im Hier und Jetzt hält. Das Nachmittagslicht liegt blass auf seinen Händen und lässt das Zittern darin noch deutlicher werden. Mit Tränen in den Augen sieht er Sabrina an. Seine Stimme klingt rau, als müsse sie sich erst durch den Kloß in seinem Hals kämpfen; seine Lippen schmecken salzig von den Tränen. „Gott, war ich vor Liebe so blind? Oder war deine Mutter eine so gute Schauspielerin, dass ich die dunkle Wolke über unserer Liebe nicht gesehen habe? Oder wollte ich sie auch einfach nicht sehen.“
Sabrina hält seinem Blick stand, obwohl ihr selbst die Tränen näher sind, als sie zeigen möchte. Sie presst die Lippen kurz aufeinander, bevor sie antwortet. Im Raum ist es still geworden, selbst Celina bewegt sich kaum noch auf Manuels Schoß. „Was immer es war: Es war nicht nur richtig, sondern genau das, was Mama wollte. Manuel, ich habe dir damals gesagt, dass ich froh bin, dass du sie nicht im Endstadium sehen musstest. Und das bin ich bis heute.“
„Ich will dir ja glauben. Aber dieser Brief erklärt es so viel deutlicher. Auch wenn Mama es irgendwie geschafft hat, einen persönlicheren Abschiedsbrief zu schreiben. Danke, Sabrina. Danke, dass ich ihn lesen durfte“, sagt Manuel. Er kämpft gegen das Zittern in seiner Stimme, doch die Tränen verraten längst, was er nicht mehr zurückhalten kann. Eine davon löst sich und fällt lautlos auf das Papier in seiner Hand, während ihm der bittere Geschmack von Abschied im Mund bleibt.
„Ich möchte, dass du ihn behältst. Er war ohnehin für dich bestimmt, nicht für mich“, erwidert Sabrina. Ihr aufmunterndes Lächeln ist klein, aber ehrlich – ein Versuch, ihm ein Stück Halt zurückzugeben.
„Nicht weinen, Onkel Manu. Mama und ich sind hier. Wir haben dich ganz doll lieb“, sagt Celina zu ihm. Ihre kleine Hand legt sich auf seine Wange. Ihre Worte sind schlicht, kindlich und gerade deshalb so ehrlich, dass sie Manuel mitten ins Herz treffen.
Manuel zwingt sich zu einem Lächeln. Celina zuliebe kämpft er gegen die Erinnerungen an, die ihn zu überwältigen drohen. „Ich liebe dich auch, kleine Maus“, sagt er heiser. Keine zwei Sekunden später liegen sich die beiden in den Armen. Celina hält ihn fest, so fest sie kann. Ihr vertrauter Kinderduft nach Shampoo, Wärme und etwas Süßem dringt zu ihm durch. Manuel schließt die Augen, atmet bebend aus und legt schützend die Arme um sie, als könnte ihre kleine Umarmung all das zusammenhalten, was in ihm zerbricht.
Er wäre der perfekte Vater für sie. Vielleicht gerade, weil er so tief lieben kann. Doch uns fehlt die Liebe, die wir dafür bräuchten. Außerdem will ich nicht mit Mama um den Platz in seinem Herzen konkurrieren. Nein, Mama, das ist dein Platz – für immer. Und ich weiß nicht einmal, ob Manuel je bereit sein wird, einer anderen Frau auch nur ein kleines Stück seines Herzens zu schenken, denkt Sabrina still, während sie die beiden beobachtet. Das Licht im Wohnzimmer wird langsam goldener, und irgendwo draußen ruft ein Kind auf der Straße. Der Duft von Kaffee ist inzwischen schwächer geworden, fast kalt, und doch hält er diesen Nachmittag auf eigentümliche Weise fest. Sabrina wischt sich unauffällig über die Wange. Dabei spürt sie Trauer, Dankbarkeit und eine leise Zärtlichkeit zugleich – für Manuel, für ihre Tochter und für ihre Mutter, die trotz allem noch immer zwischen ihnen allen anwesend ist.
Jahre später …
Es klingelt an der Tür, hell und kurz, und für einen Moment scheint die Wohnung den Atem anzuhalten. Celina öffnet – und ihr Gesicht leuchtet auf, als stünde mit Manuel nicht nur ein Besucher, sondern ein Stück vertraute Vergangenheit vor ihr. Vom Flur her mischt sich der vertraute Geruch von Jacken, kalter Außenluft und Sabrinas Zuhause in diesen Augenblick. „Onkel Manu!“, ruft sie voller Freude und fällt ihm um den Hals. Ihre Arme schließen sich fest um seinen Nacken, als müsse sie die verlorene Zeit zwischen ihren Besuchen mit dieser einen Umarmung überbrücken. „Was für eine schöne Überraschung. Wir sehen uns viel zu selten“, sagt sie leise, als sie sich von ihm löst und beide Sabrinas Wohnung betreten.
„Ich freue mich auch, dich wiederzusehen, kleine Maus“, sagt Manuel. Seine Stimme wird weich, kaum hat er sie angesehen. Einen Moment legt er die Hand an ihre Schulter, als müsse er sich vergewissern, dass sie wirklich vor ihm steht. Dann bleibt er stehen und mustert Celina kurz, als müsse er begreifen, wie viel Zeit vergangen ist. „Hm, kleine Maus passt wohl langsam nicht mehr. Wann hat Mama dir erlaubt, so schnell groß zu werden?“
Lachend kommt Sabrina aus der Küche. Hinter ihr hängt noch der warme Duft von Kaffee, Butter und etwas Gebackenem in der Luft, süß und vertraut wie ein Nachmittag, der eigentlich leicht sein sollte. Doch in ihrem Lächeln liegt auch ein leiser Stich von Sehnsucht. „Diese Erlaubnis hat sie sich gar nicht erst geholt. Zumindest nicht bei mir.“ Sie geht zu Manuel, und auch die beiden begrüßen sich mit einer Umarmung, die einen Moment länger dauert als gewöhnlich. Sabrina atmet dabei kaum merklich aus, als falle ein Stück Anspannung von ihr ab. „Aber sie hat recht. Wir sehen uns wirklich viel zu selten. Umso schöner, dass du hier bist.“
Gemeinsam gehen sie ins Wohnzimmer. Durch die Fenster fällt weiches Tageslicht auf das Sofa, und irgendwo tickt leise eine Uhr. Wie selbstverständlich setzt sich Celina direkt neben Manuel und kuschelt sich an ihn, als hätte dieser Platz schon immer ihr gehört. Manuels Hand findet beinahe von selbst ihren Rücken. Ich glaube, sie wünscht sich immer noch, dass aus Manuel und mir ein Paar wird, denkt Sabrina und lächelt still. Der Gedanke tut nicht weh wie früher, aber er berührt etwas in ihr, das sie nicht ganz benennen kann, und sie verschränkt unwillkürlich die Finger ineinander.
Manuel schnuppert kurz an Celina. Ein leichter, blumiger Duft liegt an ihr, fremd und vertraut zugleich, vermischt mit der süßen Wärme ihres Shampoos. Er lächelt dabei so liebevoll, als sähe er für einen Moment wieder das kleine Mädchen von früher vor sich. Seine Augen werden weich, und ein kaum sichtbares Schmunzeln zuckt um seinen Mund. „Hast du dir heimlich etwas von Mamas Parfüm ausgeliehen?“, fragt er und zwinkert ihr zu.
Sofort richtet Celina sich auf und sieht ihn gespielt empört an. „Onkel Manu, ich bin eine Frau. Ich habe mein eigenes Parfüm.“ In ihrer Stimme liegt Stolz, aber auch die vertraute Wärme eines Kindes, das sich bei ihm noch immer sicher fühlt.
Manuel sieht zu Sabrina hinüber. Sie zuckt mit den Schultern, doch ihr Blick wird weich. „Du hast es selbst gesagt. Sie ist nicht mehr die kleine Maus, die früher auf deinem Schoß saß. Sie ist inzwischen vierzehn.“ Für einen Augenblick hört Sabrina in diesen Worten all die Jahre mit, die vergangen sind – und all die Menschen, die nicht mehr dabei sein können.
Manuel wendet sich wieder Celina zu. „Entschuldige, große Maus“, sagt er lächelnd.
„Kleine Maus“, korrigiert Celina ihn lächelnd. „Für dich bleibe ich immer gern deine kleine Maus, Onkel Manu.“ Dann kuschelt sie sich wieder an seine Seite, und Manuel legt unwillkürlich einen Arm um sie, als wolle er diesen vertrauten Moment festhalten.
„Vierzehn Jahre. Wie schnell die Zeit vergeht.“ Manuel spricht leise, beinahe zu sich selbst. Das leise Ticken der Uhr scheint seine Worte noch schwerer zu machen. Seine Schultern sinken kaum merklich. „Für mich fühlt es sich an, als hätte ich deine Oma erst gestern auf einen gemeinsamen Urlaub angesprochen.“ Bei diesen Worten wandert sein Blick zu Sabrina hinüber, und in seinen Augen liegt plötzlich die alte Trauer, die nie ganz verschwunden ist.
„Ich weiß von diesem Gespräch“, sagt Sabrina leise. Ihre Stimme wird sanfter, fast vorsichtig. Draußen fahren gedämpft Autos vorbei, dann wird es wieder still. In ihrem Mund liegt plötzlich der schale Geschmack alter Trauer, den sie längst überwunden glaubte. Sie streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr, obwohl dort längst keine mehr stört. „Mama hat mir davon erzählt, nachdem sie dich in jener Nacht verlassen hat.“ Einen Moment schweigt sie, als müsse sie selbst erst den Mut finden, diese Erinnerung wieder zu öffnen. Dann beginnt sie, den beiden davon zu berichten.
… In Sabrinas Erinnerung sitzt Tanja am Tisch. Das Licht im Raum ist gedämpft, draußen liegt der Abend bereits schwer vor den Fenstern. Der bittere Duft von erkaltetem Tee und ein Hauch von Spülmittel hängen in der Luft. „Warum musste mir das alles passieren?“, fragt Tanja ihre Tochter. Ihre Stimme bricht fast an der Frage, und sie kämpft gegen die Tränen, als könne sie dadurch wenigstens diesen einen Moment noch beherrschen. Ihre Finger krallen sich kurz in den Rand ihrer Tasse, bevor sie wieder loslässt.
„Das kann ich dir auch nicht sagen, Mama“, erwidert Sabrina ruhig. Zwischen ihnen steht der Geruch von erkaltetem Tee, herb und abgestanden, und irgendwo im Haus knackt leise ein Rohr. Auf Sabrinas Zunge liegt der fade Geschmack von Hilflosigkeit, weil kein Wort groß genug ist für das, was ihre Mutter gerade trägt. Sie legt ihre Hand auf die ihrer Mutter und hält sie fest, weil ihr die richtigen Worte fehlen und diese Berührung alles sein muss, was sie geben kann. Ihr Daumen streicht langsam über Tanjas kalte Finger.
„Wenn ich nur ein oder zwei Jahre mehr hätte. Nur ein bisschen mehr Zeit.“ Tanja schluchzt und wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Im schwachen Licht wirkt ihr Gesicht müde und verletzlich. Ihre Schultern beben leise. „Dann könnte ich Manuel so viel mehr Glück schenken. Er will mit mir in den Urlaub fahren.“ In diesen Worten liegt all das, was sie sich wünscht – und all das, was ihr genommen wird. Ihr Finger fährt dabei über ihren Ehering.
„Das wäre bestimmt wunderschön gewesen. Für euch beide, Mama. Warum seid ihr nicht gefahren? Warum hast du dir und Manuel dieses letzte Stück Glück nicht gegönnt?“, fragt Sabrina vorsichtig. Schon während sie spricht, sieht sie, wie sehr ihre Mutter mit sich und ihren Gefühlen ringt – als stünde sie zwischen Sehnsucht und Angst und könne keinen Schritt tun, ohne sich selbst zu verletzen. Sabrina zieht unbewusst die Hand ihrer Mutter etwas näher zu sich.
„Das ging nicht. Alles in mir schrie Ja, als Manuel mir erzählte, dass er einen Urlaub im Ausland plante – oder besser gesagt, als er mich fragte, was ich davon hielte.“ Tanja sieht Sabrina fest an, doch ihr Blick ist voller Schmerz. Draußen streicht Wind über die Fensterscheibe, kaum hörbar, aber deutlich genug, um die Stille zwischen ihnen zu füllen. Sie schluckt schwer; der Tee schmeckt plötzlich bitterer, obwohl sie längst nicht mehr davon trinkt. „Aber ich konnte nicht. Es fühlte sich an, als würde etwas in mir zerbrechen, als ich ihm sagte, ich wolle nicht mit ihm ins Ausland fahren. Nur weil ich Angst hatte, genau dort könnte die letzte Phase beginnen und ich müsste zu einem Arzt. Dann hätte Manuel alles erfahren.“
„Wie hat Manuel darauf reagiert?“, fragt Sabrina weiter. Ihre Stimme bleibt ruhig und warm, obwohl sie innerlich vor der Antwort zurückschreckt. Sie will ihre Mutter nicht drängen. Nur wenn Tanja die Kraft dazu findet, soll sie weitererzählen.
„In seinem Blick sah ich, dass er sich fragte, ob ich ihn wirklich liebe. Er konnte sich wohl keinen anderen Grund vorstellen, warum ich den gemeinsamen Urlaub ablehnte. Das tat so weh.“ Tanja sieht Sabrina fest an, doch ihre Augen glänzen bereits. „Es war wie ein kleines Fenster in die Zukunft. Ich erkannte, wie sehr ich ihm irgendwann wehtun würde. Meine Hände begannen zu zittern.“ Sie blickt auf ihre Finger, die sich unruhig ineinander verhaken, als würde die Erinnerung noch immer darin nachhallen. „Ich weiß nicht, ob Manuel es bemerkte. Gesagt oder gezeigt hat er jedenfalls nichts“, erzählt Tanja mit brüchiger, tränenerstickter Stimme.
Vorsichtig drückt Sabrina die Hand ihrer Mutter. Sie spürt, wie kalt Tanjas Finger geworden sind. „Willst du es dir nicht …“ Weiter kommt sie nicht.
„Nein, mein Schatz. Manuel darf, er musste sogar erfahren, dass ich so krank bin und meine Zeit bald kommt. Aber er soll mich nicht so sehen.“ Tanja schüttelt kaum merklich den Kopf, als müsse sie diesen Gedanken von sich fernhalten. Ihre Stimme wird leiser, und der Raum scheint mit jedem Wort enger zu werden. Sie presst eine Hand auf ihre Brust, als müsse sie den Schmerz dort zurückhalten. In ihrem Mund liegt ein trockener, metallischer Geschmack von Angst. „Darum war ich gegen den Auslandsurlaub und zugleich erleichtert, ihn zu Tagesausflügen in der näheren Umgebung überreden zu können. Für einen Moment war ich glücklich. Doch Manuel zerstörte dieses Gefühl mit nur einem Satz – natürlich ohne es zu wissen.“ Tanja muss sich sammeln. Die Erinnerung setzt ihr sichtbar zu.
Sabrina sagt nichts. Sie hält nur die Hand ihrer Mutter und drückt sie sanft, wieder und wieder, um ihr die Zeit zu geben, die sie braucht. Dabei sitzt sie ganz still, nur ihr Atem geht flacher als sonst. Das Schweigen zwischen ihnen ist schwer, aber nicht leer. Manchmal, begreift sie, ist Schweigen das Einzige, was nicht zu wenig ist.
„Er sagte sinngemäß: Gut, dann machen wir dieses Jahr Tages- oder Städteausflüge, aber nächstes Jahr fahren wir richtig zusammen in den Urlaub.“ Tanja presst die Lippen aufeinander, doch ihre Stimme bricht. „In diesem Moment hätte ich weinen können. Manuel zeigte mir, wie weit er unsere Zukunft schon plante, während ich neben ihm saß und wusste, dass ich diesen Sommer nie erleben werde.“ Das ist zu viel für Tanja. Ihr Kinn beginnt zu zittern. Dicke Tränen laufen über ihre Wangen und tropfen von ihrem Kinn auf die Tischplatte. Salziger Geschmack sammelt sich auf ihren Lippen, und das leise Geräusch wirkt in der Stille fast unerträglich. „Ich liebe ihn so sehr“, weint sie. Sabrina weiß nicht, was sie sagen soll. Also hält sie die Hand ihrer Mutter weiter fest und beugt sich ein wenig zu ihr, als könne sie wenigstens verhindern, dass Tanja ganz in diesem Schmerz versinkt.
… Sabrina beendet ihre Erzählung. Einen Moment lang bleibt es still, als hätten ihre Worte die Luft im Raum schwerer gemacht. Das Nachmittagslicht liegt blass auf dem Sofa, und irgendwo tickt die Uhr weiter, unbeirrt und viel zu laut für diese Stille. Celina und Manuel haben ihr gebannt zugehört: Manuel, weil er Tanjas inneren Kampf und ihre Zerrissenheit nun mit schmerzhafter Klarheit versteht; Celina, weil ihre Mutter ihr sonst meist nur von den schönen Momenten mit ihrer Oma erzählt – oft mit Manuel, manchmal auch mit ihrem Opa. Einen so persönlichen Blick auf Tanjas Angst, Liebe und Verzweiflung bekommt sie nur sehr selten.
„Durch ihren Brief und deine Erzählungen wusste ich zwar, dass es für deine Mutter schwer war.“ Manuel muss schlucken, und seine Stimme klingt brüchiger, als er es zulassen möchte. „Aber das … Gott, es fühlt sich an, als hätte ich mit allem, was ich getan habe, ihr Leiden nur noch vergrößert.“
Instinktiv greift Celina nach seiner Hand und drückt sie, fest und unbeholfen zugleich, als könne sie seine Schuldgefühle damit ein wenig kleiner machen. Sabrina sieht Manuel ruhig an. Zwischen ihnen liegt der vertraute Geruch des Wohnzimmers – Kaffee, Sofastoff, ein Hauch von Celinas Parfüm –, etwas Alltägliches, das in diesem Moment beinahe tröstlich wirkt. „Manuel, das hast du nicht. Vor allem hast du es weder bewusst noch absichtlich getan. Du hast so vieles getan, was Mama zum Lachen gebracht und ihr Herz mit Stolz erfüllt hat, weil du sie geliebt hast.“ Ihre Stimme wird weicher, während sie nach einer Erinnerung sucht, die genau das zeigen kann. Dann beginnt sie zu erzählen.
… „Neulich musste ich herzhaft lachen“, erzählt Tanja Sabrina. Für einen Augenblick hellt sich ihr Gesicht auf, als falle ein warmer Streifen Küchenlicht darauf. Ihr breites Grinsen wirkt wie ein kleiner Sieg über all die Schwere, die sonst zwischen ihren Worten liegt.
„Na, jetzt musst du aber weitererzählen, Mama“, hakt Sabrina grinsend nach. Im Hintergrund klirrt leise Geschirr, und der Duft von Tee und warmem Essen hängt noch in der Küche. Sie klammert sich an dieses Lächeln ihrer Mutter, weil es so selten geworden ist und deshalb umso kostbarer wirkt.
„Es war letzten Dienstag. Wieder einmal zeigte mir Manuel, was ich mir da eingefangen hatte. Ich kochte gerade sein Lieblingsessen. Als er ganz normal die Küche betrat. Er nahm sich ein Glas aus dem Hängeschrank, die Cola aus dem Kühlschrank. Alles also ganz normal, lapidar so das ich mich wieder dem kochen widmete. Doch auf einmal stand er hinter mir. Ganz dicht. So dicht das ich klein Manuel an meinem Po erfühlen konnte. Gleichzeitig umrundeten mich seine Hände und wanderten ohne Umwege, ich denke du weißt schon wohin.“ Beginnt Tanja mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen.
„Oh ich kann es mir vorstellen“ lacht Sabrina laut und hell und hält den Blick ihrer Mutter.
„Hey, was gibt das denn bitteschön wenn es fertig ist, fragte ich ihn. Ich habe einfach heißen Hunger auf mein liebtes Gericht, lautet Manuels Antwort. Langsam legte ich meinen Kopf in den Nacken und an seine Schulter an. Wenn das so ist und du mich wirklich aufisst, wer soll dir dann ab sofort dein Lieblingsessen zubereiten, fragte ich ihn schmunzelnd.“ Tanja baut bewusst eine Pause ein. Um die Spannung ein wenig zu erhöhen.
„Man Mama, jetzt mach es nicht so spannend“, kommt es prompt von ihrer Tochter, fast erleichtert über diesen kleinen hellen Moment zwischen all der Traurigkeit. Das kurze Lachen, das darauf folgt, klingt vorsichtig, aber echt.
Tanja grinst frech. „‚Ach, da finde ich bestimmt schon eine andere herzlose Hexe für‘, meinte Manuel ganz trocken. ‚Na warte, dir wird die herzlose Hexe jetzt zeigen, wie herzlos sie sein kann‘, erwiderte ich übertrieben gespielt böse und lief Manuel hinterher, der längst Schutz suchend die Küche verlassen hatte. Hinter uns blubberte die Soße leise auf dem Herd. Im Wohnzimmer holte ich ihn ein. Kurz rangelten wir miteinander wie zwei Kinder, bis wir beide außer Atem waren. Für diesen Moment war alles leicht: kein Abschied, keine Angst, nur sein Lachen und meines, warm und hell zwischen den Wänden. Manuel bekam als Erster wieder Luft. ‚Bernstein, es wird nie wieder eine herzlose Hexe geben, die mein Herz so sehr verhexen kann. Ich liebe nur dich.‘ Da wurde mir warm ums Herz. Lachend erwiderte ich: ‚Gut zu wissen. Dann ist die herzlose Hexe für den Moment zufriedengestellt.‘“
… Sabrina schaut Manuel lächelnd an, doch in ihrem Blick liegt auch Traurigkeit. Das Wohnzimmer ist wieder still; nur die Uhr tickt weiter, und der Duft von Kaffee ist inzwischen schwächer geworden. „Du siehst, Mama hat all das geliebt. Besser gesagt: Sie hat eure Liebe geliebt – und ihr Schicksal gehasst.“
„Danke, Sabrina. An diese Situation erinnere ich mich auch noch“, sagt Manuel mit einem Lächeln, das erst zögerlich kommt und dann echter wird. „Wir haben am Ende wirklich herzhaft gelacht. Bis deine Mutter plötzlich fast fluchtartig in die Küche rannte, weil das Essen kurz vorm Verkochen war.“ Für einen Augenblick scheint die Erinnerung nicht mehr nur weh zu tun, sondern auch Wärme zurückzubringen – wie ein heller, vertrauter Geruch aus einer Zeit, die längst vergangen ist und doch nie ganz verloren geht.
Wieder sind ein paar Jahre vergangen …
„Komm rein“, sagt Sabrina und tritt einen Schritt zur Seite. „Dein Patenkind ist allerdings nicht da.“ Aus der Wohnung dringt der vertraute Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee und warmem Holz in den Flur. Hinter Manuel fällt die Haustür gedämpft ins Schloss, und für einen kurzen Moment wirkt es, als würde die Stille der Wohnung ihn willkommen heißen.
Manuel hebt fragend die Augenbrauen. „Nicht da?“ „Sie feiert ihren großen Tag mit ihren Freundinnen und Freunden“, erklärt Sabrina. „Ach so.“ Er lächelt ruhig, doch in seinem Blick liegt ein Hauch Bedauern. „Dann gönne ich es ihr. Ich sehe sie eben morgen früh – falls ich für diese Nacht Aufenthaltsrecht bei dir bekomme.“ Im Wohnzimmer liegt weiches Abendlicht auf dem Sofa und taucht den Raum in einen goldenen Schimmer, als er sich setzt. Irgendwo tickt leise eine Uhr, gleichmäßig und vertraut.
Sabrina setzt sich neben ihn; das Polster gibt kaum hörbar nach. Für einen Augenblick sitzen sie Schulter an Schulter im warmen Licht. „Aufenthaltsrecht gewährt“, sagt sie leise. „Wann immer du willst, Manuel.“ Er schmunzelt, und dieses kleine Schmunzeln verändert die Stimmung zwischen ihnen. „Was ist?“, fragt sie. „Worüber schmunzelst du?“
Manuel sieht ihr direkt ins Gesicht. „Fast so leicht wie bei deiner Mutter.“
Sabrina blinzelt überrascht. „Wie meinst du das denn bitte?“
„Ganz einfach“, sagt Manuel. „Bei deiner Mutter musste ich auch um Aufenthaltsrecht bitten.“ „Und?“ „Es wurde sofort bewilligt.“ Sein Lächeln wird weicher. „Bei ihr sogar mit Aussicht auf Bleiberecht.“ Im gedämpften Licht wirkt sein Gesicht zugleich warm und wehmütig. Der Kaffeeduft hängt noch zwischen ihnen, und Sabrina erkennt, wie gern er an diesen Moment und vor allem an ihre Mutter zurückdenkt.
Sabrinas Blick erfasst den Ehering, welcher weiterhin an seinem Finger steckt. Ob er ihn abgenommen hätte, wenn wir Celinas Wunsch nachgekommen wären. Wir ein Paar geworden wären, fragt sie sich Stumm.
„Echt?“ Sabrina lächelt zurück. „Davon weiß ich gar nichts. Oder ich erinnere mich nicht mehr daran.“
„Das war ziemlich früh, nachdem wir zusammengekommen waren“, sagt Manuel. „Es ging darum, ob und wann ich meine Wohnung aufgeben und zu ihr ziehen würde.“ Er hält kurz inne, und sein Blick wandert für einen Moment zum Fenster. Draußen fährt ein Auto vorbei, gedämpft hinter der Scheibe, dann kehrt die Stille zurück. „Und es war noch bevor sie mir zuflüsterte: Ich liebe dich bis zum Horizont … und darüber hinaus. Als ich noch nicht wusste, wieso sie das nicht wollte.“
Sabrina atmet leise aus. „Oh. Ihr Liebesschwur.“ Der Duft von Kaffee hängt zwischen ihnen, warm und vertraut, und das Abendlicht legt sich sanft auf ihre Gesichter. „Mama hat mir von diesem Tag erzählt“, sagt sie nach einem kurzen Moment. „Damals, als ihr noch ein glückliches Paar wart.“ Manuel sieht sie aufmerksam an. „Hat sie?“ Sabrina nickt langsam. „Ja. Und ich glaube, diese Erinnerung sollte ich dir erzählen.“
… „Du ahnst gar nicht, was unser Gespräch damals in mir ausgelöst hat“, sagt Tanja leise und sieht ihre Tochter mit einem Blick an, in dem noch immer etwas von der alten Verunsicherung liegt.
„Wann denn? Was hab ich denn gemacht, Mama?“, fragt Sabrina, sichtlich überrumpelt.
„Als du mir am Telefon erzählt hast, dass euer Intimleben so anders ist als meines“, sagt Tanja langsam. „Anders als alles, was ich bis dahin kannte. Ich glaube, in diesem Moment habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie viel ich selbst nie hinterfragt hatte.“
„Oh … Mama, so hab ich das wirklich nicht gemeint“, sagt Sabrina leiser. „Ich wollte dich damit nicht überfahren. Ehrlich nicht.“ Sie zögert kurz. „Ich meine, ich will ja auch nicht wissen, wie dein und Papas – oder jetzt Manuels – Sex miteinander ist. Und wenn du so etwas von mir hörst … ja, ich verstehe schon, dass du dies auch nicht erfahren magst.“ Sie atmet aus. „Es ist nur komisch, darüber mit dir zu reden. Irgendwie vertraut, aber auch viel zu nah.“
„Ich weiß“, sagt Tanja leise. „Und ich will es auch gar nicht so genau wissen. Wirklich nicht.“ Sie sieht Sabrina an. „Aber das, was du damals gesagt hast, ist bei mir hängen geblieben. Ich hab oft daran gedacht. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie du etwas so erleben und trotzdem etwas Gutes darin finden kannst. Vielleicht hat mir genau das Angst gemacht.“
„Und jetzt?“, fragt Sabrina vorsichtig. „Verstehst du mich jetzt ein bisschen besser?“
„Ein bisschen“, sagt Tanja nach kurzem Schweigen. Ihr Blick wird weicher. „Ich glaube, ich brauche noch Zeit. Zeit welche ich jedoch nicht habe. Aber ich möchte es verstehen.“
„Willst du wirklich wissen, was mich daran so reizt? Warum es mir sexuell so eine Erfüllung bescheren kann?“ Sie steht auf und schenkt Kaffee nach – vielleicht, um sich kurz hinter dieser kleinen Bewegung zu verstecken und nicht direkt in die Augen ihrer Mutter sehen zu müssen.
„Jein“, sagt Tanja leise. „Dein Geständnis hat mich damals tiefer getroffen, als ich zugeben wollte. Es hat etwas in mir aufgerührt, das ich selbst nicht richtig verstanden habe. Und dann kam noch dieses Gespräch mit Manuel dazu.“ Als Sabrina sich wieder setzt, wirkt Tanja für einen Moment beinahe verletzlich.
„Ihr habt darüber gesprochen?“, fragt Sabrina überrascht, und in ihrer Stimme liegt plötzlich mehr Unsicherheit als Neugier. „Du hast Manuel wirklich von unserem Telefonat erzählt? Davon, dass dich das auch reizt oder reizen könnte?“
Tanja lacht kurz auf, fast erschrocken über die Vorstellung, und schüttelt sofort den Kopf. „Gott bewahre, nein. Natürlich nicht.“ Einen Moment lang wirkt sie selbst verlegen, als hätte Sabrina sie bei etwas ertappt. „Einige Zeit nach unserem Telefonat waren Manuel und ich einkaufen. Da kamen wir auf eine Kellnerin zu sprechen, und Manuel meinte, er kenne solche Frauen.“ Sie hält kurz inne, und ihre Stimme wird leiser. „Er glaubte, sie würde keine Unterwäsche tragen.“
„Aha“, sagt Sabrina langsam. Ein vorsichtiges Grinsen zeigt sich auf ihrem Gesicht, doch ihre Stimme bleibt leise. „Und dann hast du ihn darauf angesprochen?“
„Wieder falsch, mein Schatz“, sagt Tanja und schüttelt leicht den Kopf. „Aber du hast recht: Ganz losgelassen hat mich das alles nicht. Als wir zur Talsperre fuhren, war ich kurz davor, es auszuprobieren.“ Sie senkt den Blick. „Am Ende fehlte mir der Mut. Ich habe es nicht geschafft, auf den BH zu verzichten.“ Dann sieht sie Sabrina wieder an. „Und trotzdem wurde dieser Tag zu einem Wendepunkt in meinem Leben.“
Sabrina wird stiller. „Darf ich fragen, was passiert ist?“ Ihre Stimme ist vorsichtig, fast behutsam. „Nur, wenn du wirklich darüber sprechen möchtest.“
Tanja atmet langsam aus. „Ich glaube, inzwischen bin ich dir diese Antwort sogar schuldig. Hätte ich sie dir nicht geben wollen, hätte ich meine Erzählung früher beenden müssen.“ Ein schwaches Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Also gut. Ich erzähle es dir.“
„Wir fuhren also zu dieser Talsperre“, beginnt Tanja. „Oben standen wir eine ganze Weile und sahen über das Wasser hinweg. Diese Weite, dieser blaue Horizont … plötzlich wusste ich, wie ich Manuel sagen konnte, was ich fühlte.“ Sie schluckt. „Und gleichzeitig, wie ich ihn ganz behutsam auf das vorbereiten konnte, was irgendwann kommen würde.“ Sabrina hält den Atem an. „Was hast du gesagt?“ Tanja sieht sie an. „Ich wandte mich zu ihm und sagte: Ich liebe dich bis zum Horizont … und darüber hinaus.“
Tanja lacht leise, doch ihre Augen bleiben feucht. „Ich glaube, ich habe es an diesem Tag mit meinem Liebesschwur ein wenig übertrieben.“ „Übertrieben?“, fragt Sabrina sanft. „Ein bisschen“, gibt Tanja zu. „Manuel sagte später sinngemäß, er wisse zwar nicht, warum ich meine Liebe plötzlich so feierlich ausdrücke – aber er möge es.“
„Und was hast du geantwortet?“, fragt Sabrina. Tanja lächelt traurig. „Ich sagte: Vielleicht verrate ich es dir irgendwann.“ Sie streicht mit dem Daumen über den Rand ihrer Tasse. „Und selbst wenn ich es ihm nie direkt sagen konnte, bin ich sicher: Eines Tages wird er die Botschaft verstehen.“
Sabrina sitzt still auf ihrem Stuhl und hört ihrer Mutter zu. „Mama …“, sagt sie leise, findet dann aber keine Worte. In jeder Erinnerung spürt sie, wie viel Liebe darin mitschwingt – und wie viel Abschied schon darin verborgen liegt.
„Danach wanderten wir hinunter ins Tal und in das kleine Städtchen“, fährt Tanja fort. „Wir suchten uns ein Zimmer für die Nacht, weil wir diesen wunderschönen Tag nicht mit Eile oder einer langen Rückfahrt beenden wollten.“ Sie trinkt einen Schluck Kaffee, stellt die Tasse zurück auf den Tisch und sieht ihre Tochter fest an. „Ich wollte ihn festhalten, Sabrina. Wenigstens diesen einen Tag.“
„Wenn ich gewusst hätte, was an diesem Frühabend noch geschehen würde, hätte ich Manuel aus Angst vor mir selbst wohl überredet, zurückzufahren.“ Tanja hält kurz inne. „Aber so schlenderten wir durch die Straßen, bis wir zu einem größeren Platz mit einem Brunnen in der Mitte kamen. Mir war warm, und Manuel machte sich sofort Sorgen wegen meiner angeblich hitzebedingten Kreislaufprobleme …“ Sabrina legt plötzlich eine Hand auf ihre.
„Angeblich hitzebedingte Kreislaufprobleme?“, fragt Sabrina. Ihre Stimme klingt besorgt, und ein leiser Vorwurf mischt sich hinein. „Mama, davon weiß ich ja gar nichts.“
Tanja legt ihre andere Hand auf die ihrer Tochter. „Weil es keine waren, mein Schatz. Nicht wirklich.“ Sie spricht ruhig, doch ihre Finger halten Sabrinas Hand etwas fester. „Ich brauchte nur irgendeine Erklärung für Manuel, als mein Körper mir die ersten Zeichen gab, dass meine Kraft nachließ.“
Sabrina richtet sich auf. „Wie schlimm ist es?“ Die Frage kommt sofort, zu schnell, als hätte sie schon länger darauf gewartet.
Tanja drückt ihre Hand. „Es waren erste Zeichen. Mehr nicht.“ Dann schüttelt sie langsam den Kopf, als wolle sie den Gedanken an das Ende zurückdrängen. „Damals wollte ich nicht an das Schlimmste denken. Die Zeit war noch nicht gekommen.
Also, wo war ich? Ach ja, beim Brunnen. Zuerst kühlte Manuel meine Stirn. Dann überraschte er mich allerdings auf eine ziemlich unangenehm kalte Weise – und kalt meine ich hier wörtlich. Plötzlich tauchte er seine Hände in das eiskalte Brunnenwasser und legte sie mir anschließend …“ Tanja zwinkert ihrer Tochter zu. Dann lacht sie kurz auf und sieht an sich hinunter. „Na, wohin wohl. Er konnte es mal wieder nicht lassen. Gott der Mann ist sowas von vernarrt in meine Zwillinge.
Aber zurück zum Brunnen. In mir zog sich alles schmerzhaft zusammen – und es war nicht nur die Kälte. Tausend Fragen und Gefühle stürzten gleichzeitig auf mich ein. Wie konnte er mir das antun? Wollte er mich bloßstellen? Mich schockieren? Erniedrigen? Natürlich sog mein Top die Feuchtigkeit sofort auf. Es klebte an mir wie eine zweite Haut, zeichnete sich über meinem BH und meinen Brüsten ab. Jeder Blick, der mich traf, musste es sehen.
Doch Manuel beruhigte mich auf seine ganz eigene Art. Im Brunnen rauschte leise das Wasser, und seine Stimme blieb ruhig, fast zärtlich. Mein Herz schlug noch viel zu schnell, und ich spürte, wie sich meine Schultern vor Anspannung verkrampften. Er sagte mir, dass hier niemand sei, der uns kannte, und dass alle anderen keine Rolle spielten, weil wir sie nie wiedersehen würden. Während er sprach, wurde mein Atem langsam ruhiger. Seine Worte nahmen mir zwar nicht sofort die Aufregung, aber sie gaben mir Halt. Trotzdem kribbelte mir vor lauter Aufgewühltheit der ganze Körper, und am liebsten wäre ich ihm an den Hals gesprungen – was allerdings schwierig gewesen wäre, da er hinter mir stand.
Dann zog er seine Hände zurück und tauchte sie wieder ins Brunnenwasser. Ich weiß nicht mehr, welche Worte er genau benutzte. Nur diese Frage ist geblieben: ob ich den Mut hätte, ihn es noch einmal tun zu lassen – mich noch einmal auf dieselbe Weise abzukühlen. Und in diesem Augenblick erschrak ich nicht vor ihm, sondern vor mir selbst. Denn obwohl ein Teil von mir zurückweichen wollte, obwohl Scham und Kälte mir gleichzeitig durch den Körper fuhren, blieb da etwas, das sich nicht abschütteln ließ. Etwas Warmes, Unruhiges, fast Erschreckendes. Es stieg in mir auf, brachte alles durcheinander und ließ mich für einen Moment nicht mehr wissen, was ich eigentlich fühlte.
Und genau mit diesem Durcheinander stand ich vor ihm, völlig unsicher und viel zu bewusst in diesem Moment gefangen. Mein Top klebte an BH und Brüsten, doch ich konnte es nicht einfach ausblenden. Manuel wartete geduldig auf meine Antwort, während diese kleine, unruhige Wärme in mir weiterwuchs – langsam, beharrlich, bis sie sich nicht mehr übersehen ließ.
Was mich schließlich dazu brachte, ihm dieses kaum hörbare Ja zu geben, kann ich bis heute nicht wirklich erklären. Es war, als hätte dieser Moment etwas in mir aufgerissen, für das ich keine Worte fand. Vielleicht war es die ganze Unwirklichkeit der Situation. Vielleicht die Angst davor, was gleich noch einmal passieren würde – und zugleich dieses irritierende Gefühl, dass ich mich nicht einfach davon lösen konnte. Vielleicht war es auch eine zaghafte, beschämende Neugier auf etwas Neues, etwas, das mich überforderte und doch nicht losließ. Ich weiß es nicht. In mir kämpfte alles durcheinander: Zweifel, Scham, Kälte, Unsicherheit und dieses schwer zu begreifende Vertrauen. Nur eines stand inmitten dieses Chaos plötzlich fest: Wenn ich mich in diesem Moment überhaupt jemandem anvertrauen konnte, dann Manuel.
Auf jeden Fall hat dieser Moment etwas in mir verändert“, sagt Tanja leise. Sie streicht mit dem Daumen über den Rand ihrer Tasse, als suche sie dort nach den richtigen Worten. „Er hat mich offener gemacht.“ Dann hebt sie den Blick zu Sabrina und lächelt schief. „Nicht so offen wie du. Aber offener, als ich es unter deinem Vater je hätte sein können.“
Sabrina lehnt sich ein wenig vor und erwidert das Lächeln ihrer Mutter. In der Küche ist es für einen Moment still; nur das leise Klirren der Tassen klingt nach. „Alles gut, Mama“, sagt sie sanft. „Vor mir musst du dich nicht rechtfertigen.“ Dann blitzt ein kleines Grinsen in ihrem Gesicht auf. „Aber jetzt weiß ich wohl, von wem ich diese dunklere Seite in mir habe.“
„He!“ Tanja richtet sich empört auf, doch ihre Mundwinkel verraten sie sofort. „Was soll das denn heißen? Wir sind doch keine Schwestern der Dunkelheit.“ Sie versucht streng zu klingen, aber Sabrina kennt ihre Mutter zu gut – und genau das macht den Moment plötzlich leichter.
„Mama.“ Sabrina greift nach ihrer Hand und drückt sie kurz. „Alles gut. Selbst Anakin wurde nicht über Nacht zum Sith-Lord.“ Sie hält inne und zieht die Augenbrauen hoch. „Gut, technisch gesehen vielleicht schon. Aber gefühlsmäßig nicht.“ Tanja schnaubt leise, und Sabrina lächelt. „Er ist Schritt für Schritt gegangen. Und selbst wenn du nur so weit gehst, dass du gerade noch im Licht stehst, freue ich mich für dich.“ Ihre Stimme wird weicher. „Dann erlebst du durch und mit Manuel offenbar mehr, als du in zwanzig Jahren Ehe mit meinem Vater erleben durftest. Und das gönne ich dir von Herzen.“
Tanja sieht sie an. Für einen Moment glänzen ihre Augen, und das warme Küchenlicht legt sich weich auf ihr Gesicht. „Ich liebe dich, Mama“, sagt Sabrina leise. Tanja steht langsam auf, als müsse sie die Worte erst ganz in sich ankommen lassen. „Ich liebe dich auch, mein Schatz.“
Sofort steht auch Sabrina auf. Einen Herzschlag lang sehen Mutter und Tochter einander nur an, während das warme Küchenlicht weich über ihre Gesichter fällt. Dann fallen sie sich in die Arme. „Komm her, Mama“, flüstert Sabrina. Ohne darüber nachzudenken legen sie die Stirnen aneinander, so vertraut wie früher. Für einen Augenblick ist nur ihr leiser Atem zu hören. Dann berühren sich ihre Lippen zu einem sanften Kuss. Sie verharren kurz darin, behutsam und voller unausgesprochener Liebe, bevor sie sich langsam voneinander lösen.
Tanja senkt verlegen den Blick. Ihre Finger zittern leicht, als sie nach Sabrinas Hand sucht. „Sabrina, ich …“, stammelt sie. „Ich wollte nicht … Ich habe doch hoffentlich keine Grenze überschritten?“
Sabrina drückt ihre Hand und lächelt ruhig. „Mama, schau mich an.“ Tanja hebt zögernd den Blick. „Was denn? Dürfen Mutter und Tochter sich nicht mehr mit einem Kuss zeigen, wie sehr sie sich lieben, nur weil die Tochter erwachsen ist?“ Ein kleines, wehmütiges Lächeln huscht über Sabrinas Gesicht. „Früher, als ich klein war, war so ein Kuss, beim Aufstehen, Verabschieden oder vorm ins Bett gehen selbstverständlich.“ Sie hält kurz inne. In der Küche ist es still geworden; nur das leise Klirren einer Tasse klingt noch nach. „Für mich war dieser Kuss sogar mehr. Zusammen mit unserem Gespräch hat er etwas verändert. Wir sind nicht mehr nur Mutter und Tochter. Für mich sind wir jetzt auch beste Freundinnen. Und wir können offen über Nähe, Intimität und sogar Sex sprechen, über alles was uns bewegt.“
Tanja atmet hörbar aus, als falle eine Last von ihr ab. Dann zieht sie Sabrina wieder an sich und streicht ihr langsam über den Rücken. „Ich liebe dich“, sagt sie leise, während ihr Tränen in die Augen steigen. „Du hast das gerade so schön gesagt.“ Ihre Stimme bricht fast, doch sie lächelt. „Ich empfinde es genauso, mein Schatz.“
… Sabrina beendet ihre Erinnerung. Einen Moment bleibt sie still, als lausche sie noch einmal dem Echo dieses vergangenen Augenblicks. Dann sieht sie Manuel mit einem sanften Lächeln an.
„Wow“, sagt Manuel leise. Er schüttelt den Kopf, als müsse er das Gehörte erst begreifen. „Und das alles … nur weil wir damals an der Talsperre waren?“
Sabrina nickt. Das warme Licht im Wohnzimmer liegt weich auf ihrem Gesicht. „Ja, Manuel. Genau so war es.“ Sie sieht ihn an, und ihre Stimme wird sanfter. „Du hast Mama dort keinen gewöhnlichen Ausflug geschenkt. Du hast ihr einen Tag gegeben, an dem sie sich frei, geliebt und lebendig gefühlt hat.“ Sie schluckt kurz. „Einen Tag, den sie nie wieder losgelassen hat.“
Manuel senkt den Blick. „Ich wusste nicht, dass es ihr so viel bedeutet hat.“ „Das weiß ich“, sagt Sabrina leise. „Aber genau deshalb erzähle ich es dir.“ Für einen Moment schweigen beide. Nur das leise Ticken der Uhr füllt den Raum. Manuel sieht wieder zu ihr auf, und Sabrina spürt dieses seltsame Ziehen im Herzen. „Sabrina …“, beginnt er, doch er spricht nicht weiter. „Ich weiß“, flüstert sie, obwohl sie selbst nicht sicher ist, was sie da gerade weiß. Es ist wie ein Déjà-vu: So wie sich damals in ihrer Erinnerung die Gesichter ihrer Mutter und ihres angenähert hatten, nähern sich nun ihr und Manuels Gesichter einander. Ganz langsam. Erst berühren sich ihre Stirnen, warm und vertraut. Dann finden sich ihre Lippen.
In genau diesem Moment kommt Celina nach Hause. Sie will ihrer Mutter eben sagen das sie schon zurück gekommen ist. Doch in der Tür bleibt sie wie angewurzelt stehen. Ihr Atem stockt. Vor ihr sitzen ihre Mutter und ihr Patenonkel auf dem Sofa, Stirn an Stirn, in einem sanften Kuss versunken. „Oh“, sagt sie kaum hörbar.
Dann hellt sich Celinas Gesicht auf. „Ich wusste es doch“, sagt sie, erst leise, dann fester. „Ich wusste doch, dass ihr füreinander bestimmt seid.“ In ihrer Stimme liegen Triumph, Rührung und ein wenig Trotz. „Aber ihr wolltet ja nie auf mich hören.“ Sabrina und Manuel fahren erschrocken auseinander. „Celina!“, sagt Sabrina atemlos. „Das ist nicht …“ „Nicht, wonach es aussieht?“, beendet Celina den Satz und verschränkt die Arme. „Komisch. Genau das wollte ich gerade sagen.“
Manuel steht sofort auf und geht zu ihr hinüber. „Kleine Maus“, sagt er hastig, dann hält er inne, weil ihr Blick ihn trifft. Seine Stimme wird weicher. „Es ist wirklich nicht so einfach, wie es gerade aussieht.“ Er öffnet vorsichtig die Arme. „Und bevor ich es vergesse: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“ Celina lächelt unsicher. „Danke.“ Einen Moment zögert sie, dann tritt sie in seine Umarmung. Manuel schließt die Arme fest um sie.
„Danke, Manuel“, sagt Celina leise.
Manuel löst sich ein wenig von ihr und mustert sie mit gespieltem Ernst. „Moment mal. Was ist denn jetzt passiert? Sind wir über Nacht so alt geworden, dass ich plötzlich Manuel heiße?“
Celina schaut zu ihm auf. Ihr Lächeln wird verlegen. „Ich wusste nicht, ob du es noch magst, wenn ich dich Manu nenne.“ Sie zuckt leicht mit den Schultern. „Jetzt, wo ich erwachsen bin.“
Manuel legt ihr sanft die Hand an die Wange und streicht mit dem Daumen über ihre Haut. „Kleine Maus, hör mir gut zu.“ Celina sieht ihn aufmerksam an. „So wie du für mich immer meine kleine Maus bleiben magst und möchtest, so sehr mag ich es, wenn du mich Manu nennst.“ Er zwinkert ihr zu. „Allerdings nur du. Das ist dein Vorrecht.“ Celina atmet hörbar erleichtert auf und drückt ihn noch einmal fest an sich. „Gut“, flüstert sie. „Dann bleibst du mein Manu.“ Manuel lächelt. „Sehr gern.“ Dann sieht er sie fragend an. „Aber jetzt sag mal: Wolltest du deinen großen Tag nicht feiern? Was machst du denn schon wieder zu Hause?“
Dass Celina, ganz die Tochter ihrer Mutter, nicht auf den Mund gefallen ist, zeigt sie sofort. „Ach, mir war gerade langweilig. Also habe ich beschlossen, die Nacht selbst ein bisschen interessanter zu machen. Indem ich mir kurz meine Liebeskugeln holen und einsetze.““
„Celina!“, protestiert Sabrina sofort. Celina hebt nur eine Augenbraue und grinst die beiden völlig ungerührt an.
„Nicht, kleine Maus“, flüstert Manuel, und der Schrecken über sich selbst fährt ihm spürbar in die Stimme. „Nein. Stopp. Solche Gedanken dürfen hier keinen Platz haben. Nicht bei ihr. Nicht jetzt. Reiß dich zusammen. Denk an etwas anderes. Irgendetwas.“
Celina versteht in diesem Moment selbst nicht, was mit ihr geschieht. In ihr wirbelt alles durcheinander: Trotz, Unsicherheit und dieses verzweifelte Bedürfnis, irgendetwas zu spüren, das diese Nacht nicht einfach leer zurücklässt. Noch bevor sie ihre Gedanken ordnen kann, tritt sie näher zu Manuel, stellt sich auf die Zehenspitzen und gibt ihrem Patenonkel einen Kuss auf den Mund. Dabei streicht ihre Zunge über seine geschlossenen Lippen. Für einen Atemzug scheint die Welt um sie herum stillzustehen. Dann findet Manuel zurück zu sich, weicht behutsam, aber bestimmt zurück und zieht mit einer klaren Bewegung die Grenze, die zwischen ihnen stehen muss.
„Celina, bitte nicht …“, bringt er stockend hervor, während er zurückweicht, sichtbar um Fassung ringt und sich schließlich wieder aufs Sofa sinken lässt.
„Meine Güte, seid ihr anstrengend“, fährt Celina sie an. „Als ob ich euch jetzt erklären würde, das ich mir Liebeskugeln einsetzen und dann weiter feiern wollte. Ich bin wieder zu Hause, weil ich wegen meiner Periode Unterleibskrämpfe habe, okay?“ Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, dreht sie sich um und verschwindet in ihrem Zimmer.
Sabrina und Manuel sitzen noch eine Weile schweigend nebeneinander. Das Wohnzimmer liegt im gedämpften Abendlicht, und irgendwo tickt die Uhr unerbittlich weiter. Keiner von beiden weiß sofort, was er sagen soll. „Das war … viel“, murmelt Sabrina schließlich. Manuel nickt nur. „Ja.“ Danach verstummen sie wieder. Später legen sie sich schlafen. In all den Jahren war es selbstverständlich gewesen, dass sie in einem Bett übernachteten. Doch heute fühlt es sich für beide ungewohnt an.
Am nächsten Morgen sitzt Sabrina mit Celina beim Frühstück. Blasses Morgenlicht fällt durch das Küchenfenster auf den Tisch, und der Duft von frischem Kaffee mischt sich mit dem Geruch von Brot und Butter. Manuel schläft noch, und Sabrina ist froh darüber. So kann sie erst einmal allein mit ihrer Tochter sprechen. Eine Weile rührt sie nur in ihrer Tasse; der Löffel klirrt leise gegen das Porzellan. Dann sieht sie Celina an. „Wir müssen über gestern Abend reden.“
Celina senkt sofort den Blick. „Ich weiß.“ In der Küche ist es plötzlich still, nur aus dem Flur dringt leise das Knarren einer Diele. Sabrina legt beide Hände um ihre Tasse, als suche sie darin Halt. „Weißt du auch, was du damit angerichtet hast?“
Celina hatte mit diesem Gespräch gerechnet, trotzdem bleibt ihr der Bissen fast im Hals stecken. Sie legt das Brot zurück auf den Teller; das leise Klirren wirkt in der Stille viel zu laut. Der Duft von Kaffee und frischem Brot macht den Moment nicht leichter. Celina presst die Hände in den Schoß. „Mama … es tut mir so leid“, sagt sie leise. „Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist.“ Sie schafft es nicht, den Blick von der Tischplatte zu lösen.
„Manuel würde alles stehen und liegen lassen, wenn du Hilfe brauchst. Für dich. Für uns“, sagt Sabrina leise, und ihre Stimme klingt plötzlich müde und verletzt. „Und du? Du machst daraus etwas, das ihm wehtun könnte? Schmeißt dich deinem Patenonkel an den Hals?“
„Mama …“, bringt Celina hervor, doch ihre Stimme bricht sofort. Blasses Morgenlicht fällt über den Frühstückstisch und lässt die Tränen in ihren Augen kurz aufschimmern. Sie wischt sich hastig über die Augen und presst die Lippen aufeinander. „Das war alles nicht so gewollt.“
Sabrina atmet scharf ein. Für einen Moment klirrt nur der Löffel leise gegen den Rand ihrer Tasse. Der Duft von Kaffee und frischem Brot hängt zwischen ihnen, warm und alltäglich, und macht die angespannte Stille nur noch deutlicher. „Und was hattest du geplant, Celina?“ Ihre Stimme ist nicht laut, aber fest. „Hast du auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, was das in Manuel auslösen könnte?“
Celina zieht die Schultern hoch, als wolle sie sich kleiner machen. „Ich weiß, dass ich einen Misst gebaut habe“, sagt sie leise. Ihre Finger verkrampfen sich im Stoff ihrer Hose, während sie gegen die Tränen ankämpft. „Ich kann nur hoffen, dass Onkel Manuel mir irgendwann verzeihen kann.“
„Ach, Kind“, sagt Sabrina leise, und in ihrer Stimme liegt mehr Sorge als Vorwurf. „Manuel ist auch nur ein Mensch. Er trägt viel mehr mit sich herum, als er zeigt, und ich glaube, er hat schon viel zu lange niemanden mehr wirklich an sich herangelassen. Hast du denn nicht gehört, wie sehr er mit sich selbst gerungen hat?“
„Mama, es tut mir so leid. Bitte glaub mir“, schluchzt Celina. Ihre Stimme klingt klein und brüchig. Blasses Morgenlicht fällt über den Frühstückstisch, und die ersten Tränen tropfen leise auf die Tischdecke.
„Ich glaube dir“, sagt plötzlich Manuel. Seine Stimme kommt ruhig aus der Tür. „Und ich nehme deine Entschuldigung an.“ Sabrina und Celina drehen sich gleichzeitig zu ihm um. Einen Moment sitzt Celina wie erstarrt da, dann springt sie so hastig auf, dass ihr Stuhl polternd umkippt. „Onkel Manuel!“ Sie läuft zu ihm und wirft sich in seine Arme.
„Wirklich?“, fragt sie kaum hörbar. „Du verzeihst mir?“ Ihre Stimme zittert vor Angst, und sie wagt es nicht, ihn anzusehen. In der Küche ist es still geworden; nur die Küchenuhr tickt weiter.
„Schau mich an, Celina“, sagt Manuel leise. Die zwei Worte treffen sie hart, denn er nennt sie nur Celina – nicht kleine Maus –, wenn er wirklich enttäuscht ist. Langsam hebt sie den Kopf. Ihre Augen sind rot, ihr Blick voller Angst. Manuel atmet tief durch, dann wird sein Gesicht weicher. „Ja, ich nehme deine Entschuldigung wirklich an … kleine Maus.“ Bei den letzten Worten lächelt er sanft.
Ein Laut zwischen Schluchzen und Erleichterung entkommt Celina. „Danke“, flüstert sie und drückt sich wieder an ihn. Jetzt hält sie nichts mehr zurück. Weinend und zitternd klammert sie sich an Manuel, während er sie ruhig festhält und ihr beruhigend über den Rücken streicht. Sabrina sieht den beiden schweigend zu; ihre Hand liegt noch immer um die Kaffeetasse, doch ihre Finger entspannen sich langsam. Erst nach einer Weile hebt Celina den Kopf. „Onkel Manu“, sagt sie scheu.
„Ja, kleine Maus?“, fragt Manuel. Seine Stimme ist wieder warm, und allein das scheint Celina ein wenig zu beruhigen.
Celina schluckt und sucht nach den richtigen Worten. „Ich liebe dich“, sagt sie schließlich leise. „So, wie ein Mädchen ihren Patenonkel lieben darf – nicht mehr und nicht weniger.“ Sie senkt den Blick, während ihr eine neue Träne über die Wange läuft. „Gestern war ich beschwipst, und die Situation hat mich völlig überrumpelt. Ich habe etwas getan, das ich nicht hätte tun dürfen. Und ich schäme mich wirklich dafür.“
„Komm, lass uns erst mal frühstücken“, sagt Manuel sanft. „Ich hab schon gestern Abend gemerkt, dass das kein richtiger Flirtversuch war. Ich musste nur für mich sortieren, was ich da gehört und erlebt habe. Du warst mir in dem Moment sehr nah – näher, als ich erwartet hatte. Denn, natürlich habe ich gespürt wie sich deine Weiblichkeit gegen meine Brust drückte hat. Und Oma fehlt mir einfach immer noch.“ Seine Stimme bleibt ruhig und warm, während sich die beiden zu Sabrina an den Frühstückstisch setzen.
„Du darfst es ruhig sagen. Meine Brüste oder auch Titten. Ich bin alt genug, keine Sorge“, sagt Celina und sieht Manuel herausfordernd an. „Oder brauchst du dafür erst noch eine Erinnerung?“ Sie legt den Kopf schief. „Na? War es wirklich so dramatisch, oder tut ihr nur gerade alle so?“
„Celina, jetzt ist wirklich Schluss“, sagt Sabrina scharf. „Du merkst gerade überhaupt nicht, was du damit anrichtest, oder?“
„Entschuldige, Mama“, sagt Celina leise. Ihr Blick wandert unsicher von Sabrina zu Manuel. „Ich wollte das nicht so sagen. Wirklich nicht. Ich wollte nur verstehen, ob sich diese Nähe für dich… gut angefühlt hat. Weil ich wissen wollte, ob das für jemanden, dem ich wichtig sein möchte, vielleicht auch schön sein kann.“ Sie verstummt kurz und zieht die Schultern ein. „Ich weiß auch nicht. Ich bin kaum erwachsen und hab trotzdem dauernd das Gefühl, alles falsch zu machen.“
Manuel legt behutsam seine Hand auf ihre. „Kleine Maus, sieh mich an. Du machst nicht alles falsch.“ Seine Stimme bleibt ruhig. „Du bist unsicher. Und das darfst du sein. Manche Dinge versteht man nicht sofort. Man wächst da rein, Schritt für Schritt.“ Er zögert, als müsse er die richtigen Worte erst finden. „Wenn dich jemand liebt und dir wirklich nah sein will, dann bedeutet ihm diese Nähe etwas. Aber du musst das nicht an mir überprüfen. Bitte nicht.“ Er lächelt schwach. „Nicht an so einem alten Knacker wie mir.“
„Alter Knacker? Onkel Manu, du bist doch nicht alt“, protestiert Celina sofort, fast erschrocken über seine Worte. „Vielleicht ein bisschen weiter als wir. Reifer, meinetwegen. Aber sicher nicht alt.“ Für einen Moment wird es still am Tisch. Das blasse Morgenlicht liegt über den Tassen, und irgendwo klirrt leise Porzellan.
Manuel lächelt sie an, doch in seinem Blick liegt etwas Weiches, beinahe Wehmütiges. „Merkst du, was gerade passiert ist?“, fragt er und sieht auch zu Sabrina. Beide schütteln den Kopf. Draußen fahren Autos vorbei, dann legt sich wieder Stille über die Küche. „Ich bin sicher, deine Oma schaut gerade auf uns herab und lächelt. Weil sie sieht, dass wir uns als Familie fühlen, auch wenn wir nicht unter einem Dach leben. Sie ist nicht einfach weg, Celina. Sie ist in dem, was wir von ihr bewahren. In unseren Erinnerungen. In den Geschichten. Und vielleicht auch in deinem Herzen, obwohl du sie nie kennenlernen durftest.“ Manuel atmet leise aus. „Vielleicht ist manches Herzklopfen, dass du dir nicht erklären kannst, ein kleiner Gruß von ihr. Oder ein Zeichen, dass jemand Wichtiges vor dir steht. Ich glaube fest, sie begleitet dich. Auf ihre Weise. Und vielleicht hilft sie dir dabei, den Menschen zu finden, der wirklich zu dir passt und wichtig für dich ist.“
„Also, kleine Maus: Hab keine Angst davor, Fehler zu machen“, sagt Manuel sanft. „Sie gehören zum Leben dazu. Manchmal tun sie weh, manchmal schämt man sich dafür. Aber sie machen dich nicht falsch. Wichtig ist nur, dass du hinsiehst, daraus lernst und beim nächsten Mal einen anderen Weg findest.“ In der Küche tickt leise die Uhr, während seine Worte zwischen ihnen nachklingen.
Sabrina und Celina sehen Manuel an. Beide lächeln, doch in ihren Augen liegt mehr als nur Dankbarkeit. Das Morgenlicht fällt weich auf ihre Gesichter, und für einen kurzen Augenblick scheint die ganze Schwere der Nacht ein wenig leichter zu werden.
„Danke, Onkel Manu“, sagt Celina, und ihre Stimme bricht fast. Sie blinzelt hastig, als wolle sie die Tränen noch zurückhalten. „Ich glaube, heute brauche ich wirklich ein paar Taschentücher mehr als sonst.“ Dann steht sie auf; der Stuhl scharrt leise über den Boden, bevor sie den Raum verlässt.
Sabrina bleibt einen Moment schweigend sitzen und sieht Manuel an. Das Morgenlicht liegt weich auf dem Küchentisch, der Duft von Kaffee, Brot und Zuhause hängt warm in der Luft. Als sie schließlich spricht, klingt ihre Stimme leise und aufrichtig. „Danke, Manuel.“
Er hebt fragend den Blick. „Wofür, Sabrina?“
„Für alles“, sagt sie leise. Ihre Finger umschließen die Tasse, doch sie trinkt nicht. „Vor allem dafür, wie du gerade mit Celina umgegangen bist. Sie war wegen gestern völlig am Boden, und ich wusste nicht, wie ich sie wieder erreichen soll.“ Ihr Blick wird weich. „Du hast ihr mit ein paar Worten etwas zurückgegeben, das sie dringend gebraucht hat: Halt.“ Dann fällt ihr Blick auf seine Hand. Der Ring an seinem Finger fängt einen Streifen Morgenlicht ein. „Hast du ihn eigentlich jemals abgezogen?“
Manuel schaut auf den Ring. „Ja“, antwortet er wahrheitsgemäß. „Natürlich habe ich das.“
Sabrina neigt den Kopf. „Ich meinte nicht nur zum Waschen.“
„Auch dann“, sagt Manuel ruhig. Für einen Augenblick huscht ein Schatten über sein Gesicht, und das leise Ticken der Küchenuhr scheint zwischen ihnen lauter zu werden. „Aber nicht, um deine Mutter zu betrügen.“ Sein Blick wandert zur Zimmerdecke. „Du sieht ohnehin alles, da bin ich mir sicher.“ Ein kleines, müdes Lächeln löst die Schwere etwas als er wieder zu Sabrina schaut. „Aber ich bin, wie du vorhin gehört hast, kein alter, sondern nur ein reifer Knacker. Und ja, auch ich brauche hin und wieder Intimität, Zärtlichkeit und Sex Sabrina.“ Er sieht sie offen an, doch in seinem Blick liegt die verletzliche Bitte, nicht verurteilt zu werden. „Ich hoffe, du bist deswegen nicht enttäuscht von mir.“
Sabrina schüttelt sofort den Kopf. „Enttäuscht? Manuel, warum sollte ich enttäuscht sein?“ Ihre Stimme wird weicher, fast zärtlich vor Verständnis. „Du hast recht. Manchmal braucht der Körper Nähe und die Gefühle, welche Sex in einem auslösen, und manchmal braucht die Seele sie noch viel mehr.“ Für einen Moment riecht sie den Kaffee, der langsam bitterer wird, und denkt daran, wie lange sie beide schon mit ihren Verlusten leben.
„Wenn Mama jetzt von oben auf uns schaut und lächelt, dann sicher auch, weil sie ihren Ehering immer noch an deinem Finger sieht. Vielleicht lächelt sie durch all die Liebe hindurch, die niemals aufgehört hat, und durch den Frieden, den sie gefunden hat, weil sie weiß, dass ein Teil von ihr für immer ganz nah bei dir geblieben ist. Mit diesem Ring und eurer stillen Verlobung wollte sie dir mehr geben als nur ein Zeichen. Sie wollte dir etwas hinterlassen, dass du ansehen, berühren und festhalten kannst, wenn die Sehnsucht dich überwältigt, wenn der Schmerz so groß wird, dass Worte fehlen, und wenn du dir nichts mehr wünschst, als sie noch einmal in den Arm nehmen zu dürfen. Etwas, das dir in den schwersten Momenten ganz leise zuflüstert: Ich liebe dich. Bis zum Horizont … und darüber hinaus. Sie bleibt in deinem Herzen, in deinen Erinnerungen, in jedem Gedanken an sie und in diesem Ring an deinem Finger. Tief, ehrlich, bedingungslos und grenzenlos. Es sollte ihr letztes großes Geschenk an dich sein — ein stilles Versprechen, dass ihre Liebe dich weiterträgt, auch dann, wenn die Welt ohne sie für einen Augenblick stillzustehen scheint. Denn sie wusste bereits, dass ihr nur noch wenige Tage bleiben würden bevor sie gehen würde und trotzdem hat sie dir mit diesem Ring etwas gegeben, das stärker ist als der Abschied: ein Stück von ihr, das für immer bei dir bleibt“, erzählt Sabrina weiter.
Manuel senkt den Blick auf seine Hand, auf den Ring an seinem Finger. Einen Moment lang streicht sein Daumen beinahe zaghaft darüber, als müsse er erst begreifen, was dieses kleine Stück von ihr wirklich bedeutete. All die Jahre, all die Erinnerungen und Anekdoten, die Sabrina ihm nach und nach erzählt hatte, hatten ihm gezeigt, dass dieser Ring für seinen Bernstein wichtig gewesen war. Doch dass er für sie eine so tiefe, liebevolle Bedeutung getragen hatte, hätte er von selbst niemals erkannt. „Danke, Sabrina“, flüstert er. „Jetzt bin ich es, der dir von Herzen danken möchte. Dafür, dass du mir die wahre Bedeutung unserer Verlobung und dieses Rings anvertraut hast.“ Langsam hebt Manuel den Blick zu ihr. Sabrina lächelt sanft und legt ihre Hand ganz vorsichtig auf seine, als wolle sie ihn halten, ohne etwas festzuhalten. „Das habe ich sehr gerne getan“, antwortet sie leise. „Denn ich sehe, wie viel er dir bedeutet — und mit welcher Zärtlichkeit und Liebe du ihn noch immer bei dir trägst.“
Manuel rührt langsam in seiner Tasse, obwohl der Kaffee längst kalt sein müsste. Der Löffel streift leise über den Boden der Tasse. „Und wie ist es bei dir?“, fragt er vorsichtig. „Dirk ist immerhin auch schon lange nicht mehr da.“
Sabrina senkt kurz den Blick. Draußen sind rufe von Kinder zu hören. „Ich habe es versucht“, gesteht sie leise. „Aber entweder passte es zwischenmenschlich nicht, oder sie konnten mit Celina nichts anfangen.“ Bei Celinas Namen zieht sich ihr Gesicht kaum merklich zusammen.
Manuel legt die Hand um seine Tasse. „Solche Kerle sind das Letzte. Wer einen Menschen liebt, nimmt auch an, was zu ihm gehört. Und zu einer Frau mit Kindern gehören ihre Kinder. Ohne sie wäre sie nicht dieselbe.“ Seine Finger wirken plötzlich unruhig, als suche er Halt an der warm gewordenen Keramik. „Hast du dir jemals vorgestellt, wie es gewesen wäre … rein hypothetisch natürlich … wenn wir Celina zuliebe ihrem Wunsch nachgegeben hätten?“ Seine Stimme wird leiser. „Wenn wir es versucht hätten?“
Sabrina schaut kurz zur angelehnten Tür, hinter der Celina vorhin verschwunden ist. Dann nickt sie langsam. „Ja, Manuel. Das habe ich.“ Sie atmet aus, als löse sich ein Gedanke, den sie lange mit sich getragen hat. „Und ich weiß, dass es für Celina schön gewesen wäre. Nicht nur, weil sie dich so sehr in ihr Herz geschlossen hat, sondern weil du für sie eine echte Vaterfigur gewesen wärst.“ Sie sieht ihn offen an. „Aber am Ende bin ich froh, dass wir uns dagegen entschieden haben. Niemand von uns hätte wissen können, ob es gut ausgegangen wäre. Im schlimmsten Fall wären wir im Streit auseinandergegangen.“ Ihre Stimme wird leiser. „Und allein dieser Gedanke hat mir wegen Celina immer Angst gemacht.“ Sie hält kurz inne. „Und du?“
Manuel schüttelt langsam den Kopf. „Nein. Für mich warst du immer die Tochter meiner verstorbenen Frau.“ Seine Stimme bleibt ruhig. „Sprich meine Stieftochter.“
Sabrina sieht ihn an. „Manuel?“ Er hebt den Blick. „Ich liebe dich.“ Sofort liegt Überraschung in seinen Augen. Sabrina lächelt sanft. „So, wie Celina es ausdrücken würde: wie eine Stieftochter ihren Stiefvater lieben darf und sollte. Denn du warst immer für mich da. Für uns.“ Ihre Stimme wird leiser. „Besonders damals, als Dirk von einem Tag auf den anderen nicht mehr da war.“
„Damals warst du der Mann, an dem ich mich festhalten konnte“, fährt Sabrina fort. „Nicht körperlich, Manuel. Emotional. Du warst der Mensch, bei dem ich mich anlehnen, weinen und wieder aufrichten konnte.“ Ihre Augen glänzen, und sie blinzelt schnell. „Du hast mir so viel abgenommen, damit ich Behördengänge erledigen und überhaupt wieder atmen konnte. Und wenn du gemerkt hast, dass mir die Kraft ausging, hast du Celina übernommen, ohne dass ich darum bitten musste.“ Der Duft von Kaffee und Brot wirkt plötzlich wie eine Erinnerung an all die Morgen, die sie irgendwie überstehen mussten. „Ich glaube, genau in dieser Zeit bist du auch für sie so wichtig geworden. Vielleicht hat sie dich damals schon zu ihrem Ersatzvater gemacht. Dafür liebe ich dich – als meinen Stiefvater.“
Manuel steht auf und nimmt Sabrina fest in die Arme. Einen Moment sagt er nichts; nur die Küchenuhr tickt leise weiter, und irgendwo im Haus knackt eine Diele. Sabrina spürt, wie er tief einatmet, als müsse er ihre Worte erst in sich sinken lassen. „Ich wusste nicht, dass ich euch damals so wichtig war“, sagt er schließlich rau. „Aber ich bin froh darüber.“ Dann lacht er leise, ein wenig brüchig. „Ich will mir gar nicht ausmalen, was deine Mutter mit mir gemacht hätte, wenn ich irgendwann über den Horizont hinaus vor ihr stehe und sie erfährt, dass ich nicht für euch da war.“ Sabrina lacht durch ihre Rührung hindurch mit. Manuel löst sich ein wenig und sieht zur Tür. „Was ich allerdings ganz genau weiß: Meine kleine Maus steht mal wieder hinter der Tür und lauscht.“ Seine Stimme wird warm. „Dabei braucht sie das gar nicht. Komm zu uns, kleine Maus.“
Celina betritt die Küche und versucht zu schmollen, doch ihr gerührter Blick verrät sie sofort. Im Morgenlicht glänzen ihre Augen noch feucht. „Wie machst du das immer? Das war schon früher ungerecht. Du hast immer gewusst, wenn ich gelauscht habe!“
Manuel entlässt Sabrina aus seinen Armen und zieht stattdessen Celina sanft an sich. „Tja, kleine Maus. So etwas passiert, wenn man sich in das Herz von jemandem schleicht.“ Er sieht sie fragend an, während sein Daumen beruhigend über ihren Oberarm streicht. „Wäre es dir lieber, wenn ich es nicht merken würde? Oder wenn es mir egal wäre?“
Celina schüttelt sofort den Kopf. „Nein, Onkel Manu.“ Dann zögert sie. „Ähm … soll ich dich eigentlich noch Onkel nennen?“
Manuel schaut sie aufmerksam an. „Wenn du mir diesen Titel weiter schenken möchtest, sehr gern. Warum fragst du?“
Celina sucht nach Worten. Ihr Blick wandert kurz zu Sabrina, dann zurück zu Manuel. „Weil du ja eigentlich Mamas Stiefvater bist. Oder es geworden wärst. Und damit auch mein Opa.“ Ihre Stimme wird leiser, fast brüchig. „Also … wenn Oma nicht …“ Sie bricht ab und sieht ihn fest an, als hoffe sie, dass er den Rest auch ohne Worte versteht.
Manuel legt ihr sanft eine Hand an die Wange. „Weißt du was? Diese Entscheidung steht mir gar nicht zu.“ Er lächelt, und in seinen Augen liegt eine Zärtlichkeit, die Celina sichtbar berührt. „Die kann nur eine ganz bestimmte kleine Maus treffen. Als Mama mich damals gefragt hat, ob ich dein Patenonkel werden möchte, habe ich voller Freude und Stolz Ja gesagt. Aber wenn ich in deinem Herzen inzwischen vom Patenonkel zum Opa gereift bin, dann nehme ich auch diesen Titel mit Stolz an.“ Celinas Augen füllen sich mit Tränen, und auch Sabrina lächelt gerührt, während das Licht weich auf ihnen allen liegt.
„Darf ich dir einen Kuss geben?“, fragt Celina leise. Ihre Stimme zittert vor Aufregung. Dann lächelt sie verlegen. „Einen, wie es sich für eine Enkelin gehört natürlich.“
„Sehr gern“, antwortet Manuel. Einen Augenblick später spürt er Celinas sanften Kuss auf seiner Wange. Sie zieht sich gleich wieder zurück und sieht ihn erwartungsvoll an.
„Und?“, fragt Celina leise, ein wenig aufgeregt. „War der in Ordnung?“
Manuel lächelt und dreht ihr die andere Wange hin. „Hm, ich glaube, da müsstest du noch ein wenig üben.“ Sofort haucht Celina ihm auch dort einen Kuss auf die Wange und sieht ihn fragend an. Einen Moment lang hört man nur die Uhr und das leise Atmen der drei. Dann nickt Manuel zufrieden. „Schon viel besser, kleine Maus.“
Weitere zwei Jahre sind vergangen …
„Uff, ich bin geschafft“, sagt Celina und lässt sich auf ihr Sofa sinken.
„Es war ein langer, schwerer Tag“, pflichtet Sabrina ihr bei und kämpft gegen die Tränen an.
„Das stimmt, Mama. Nie hätte ich gedacht, dass ein Umzug so viel Kraft kostet.“ Celina sieht ihre Mutter an, rutscht zu ihr hinüber und drückt ihre Hand. „Nicht nur körperlich, Mama!“
„Alles gut, mein Schatz. Jede Mutter weiß, dass dieser Tag irgendwann kommt. Im Grunde hat man seit der Geburt Zeit, sich darauf vorzubereiten.“ Sabrina sieht ihre Tochter mit weichem Blick an.
„Und doch fühlt es sich anders an, als du es dir vorgestellt hast? Jetzt, da der Tag Wirklichkeit geworden ist? Jetzt, wo ich, wie man so sagt, flügge geworden bin und das Nest verlassen habe?“ Celina sucht den Blick ihrer Mutter.
In diesem Moment kommt Manuel ins Zimmer. „He, warum schaut ihr beiden denn so drein? Das sieht ja aus, als wäre jemand gestorben. Rückt mal ein Stück auseinander“, sagt er und setzt sich zwischen sie. Sofort legt er die Arme um beide und zieht sie sanft an sich. „Du, kleine Maus, machst nur den nächsten wichtigen Schritt.“ Dann wendet er sich an Sabrina. „Und du solltest stolz auf sie sein. Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr so daran, weil du durch deine Internatszeit schon viel früher Abstand zur Familie erleben musstest, wie wichtig ihr Schritt für euch beide ist. Aber nur weil sie jetzt nicht mehr bei dir wohnt, heißt das nicht, dass sie dich nicht mehr brauchen wird. Du wirst immer eine besondere, nein, die wichtigste Bezugsperson in ihrem Leben bleiben. Höchstens ihr späterer Partner wird einmal auf deiner Stufe stehen. Außerdem wohnt ihr nicht einmal eine halbe Stunde voneinander entfernt, sodass ihr euch jederzeit schnell sehen könnt.“ Während Manuel spricht, schmiegen sich die beiden wichtigsten Frauen auf Erden fester in seine Arme.
„Wie schaffst du das immer wieder, Manuel?“, fragt Sabrina und sieht ihn an.
„Was genau meinst du?“, erkundigt sich Manuel.
„Mama meint, dass du immer genau die richtigen Worte findest. Worte, die sich wie warme, heilende Bandagen um unsere schmerzenden Herzen legen“, antwortet Celina für ihre Mutter.
„Wenn mir das gelingt, dann nur, weil wir uns so sehr lieben. Dafür bin ich unendlich dankbar.“ Manuel schaut zur Zimmerdecke und spricht leiser, weicher weiter. „Alles nur, weil du mich darum gebeten hast. Weil du mich gebeten hast, deinen letzten Wunsch zu erfüllen, Bernstein.“
„Was meinst du damit, Opa?“ Celina richtet sich auf und sieht Manuel fragend an.
„Ich habe diesen Tag erwartet und zugleich gehofft, dass er nie kommen würde“, beginnt Sabrina, bevor Manuel antworten kann. Sofort sehen beide sie an. „Ich habe dir bei Celinas Taufe gesagt, dass ich dir alles erzählen kann: Schönes, Trauriges und auch Schmerzhaftes, wenn du es möchtest. Es ist deine Entscheidung, Manuel.“
Manuel versteht sofort. Er steht auf, geht zum Wohnzimmerfenster und blickt stumm hinaus. Celina will zu ihm gehen, doch Sabrina hält sie rasch am Arm zurück. Als Celina sie ansieht, schüttelt Sabrina nur stumm den Kopf und bedeutet ihr, ihrem Opa die Zeit zu geben, die er braucht. Dann dreht Manuel sich um, kehrt zurück, setzt sich und nimmt Celina wieder in die Arme. „Dich, kleine Maus, werde ich gleich sehr brauchen“, flüstert er ihr zu. Dann sagt er zu Sabrina: „Gut, ich bin bereit.“
Sabrina holt tief Luft und stößt sie langsam wieder aus. Dabei sammelt sie sich. Die Erinnerung hat sie längst hervorgeholt …
„Es war gegen sieben Uhr morgens, als ich aufstand. Mama war am Vortag schon bei mir gewesen, und da wir alles besprochen hatten, hatte sie einen Schlüssel zu unserer Wohnung. So konnte sie sich nachts selbst hineinlassen. Ich zog kurz meinen Morgenmantel über und ging in die Küche. Dort fand ich Mama.“ Sabrina hält kurz inne. Die Erinnerung trifft sie nach all den Jahren mit voller Wucht.
„Mama saß zusammengesunken am Küchentisch, eine Tasse Kaffee in der Hand. Ihr Blick ruhte auf der Tischplatte. Ihre Lippen bebten leicht, selbst wenn sie schwieg. Guten Morgen, Mama, begrüßte ich sie. Sie schaffte es gerade noch, kurz zu mir aufzusehen und ein Morgen hervorzubringen, bevor es sie überkam. Ich glaube, mein Auftauchen machte ihr die Endgültigkeit erst wirklich bewusst: Es gab kein Zurück mehr zu ihrem geliebten Manuel. Von nun an würde ihr weiteres Leben nur noch grau, kalt und schmerzhaft sein. Ich versuche, es euch noch genauer zu erzählen.“
„Mama, ist alles gut? Wie fühlst du dich?“, fragt Sabrina ihre Mutter und setzt sich neben sie an den Tisch.
„Nichts ist gut. Gestern Abend und in dieser Nacht habe ich dem Mann, den ich so sehr liebe und der mich bedingungslos liebt, unendlich wehgetan“, schluchzt Tanja. Vorsichtig legt Sabrina eine Hand auf die ihrer Mutter. „Gott, es tat so weh, ihn leiden zu sehen. Ich kann nur hoffen, dass der Brief ihm alles erklärt. Dass er mich danach verstehen kann.“ Dicke Tränen laufen über ihre Wangen und tropfen von ihrem Kinn auf die Tischdecke.
„Mama, Manuel ist stark. Das habe ich dir schon einmal gesagt, und ich glaube es noch immer“, versucht Sabrina, ihrer Mutter etwas Trost zu schenken.
„Ich weiß. Und trotzdem.“ Tanja hebt den Blick und sieht ihre Tochter tränenverschleiert an. „Du hast ihn gestern nicht gesehen. Du hast nicht gesehen, wie deutlich ihm anzumerken war, dass er nicht verstand, was los war. Außerdem …“ Tanja bricht ab. Die frischen Erinnerungen schmerzen zu sehr.
Sabrina sitzt stumm neben ihr. Beide wussten, dass es ein schwerer, emotionaler Abschied werden würde. Sie hatten sich nicht erst gestern mit diesem Tag beschäftigt, sondern schon viele Gespräche darüber geführt: wie er ablaufen sollte, wie sie ihn sich vorstellten und wie er für Manuel sein würde. Auch hatte Tanja bereits heimlich ein paar Sachen bei Sabrina deponiert, damit sie nachts nichts packen musste und Manuel nicht geweckt würde. Doch nie hatte sie sich den Abend so schlimm, so schmerzhaft vorgestellt, wie er tatsächlich gewesen war.
„Er hat mich gefragt, wie der Mann heißt, den ich nun lieben würde. Wie konnte er das nur denken? Einen Tag nach unserer Verlobung?“ Tanja sieht Sabrina an. „Ich liebe nur ihn. Genau deshalb kann ich doch nicht anders. Aber ich saß nur stumm vor ihm, mit zitternden Fingern und Händen.“
„Oh Mama“, sagt Sabrina. Sie steht auf und stellt sich neben ihre Mutter. Sofort legt Tanja ihr Gesicht an Sabrinas Bauch, umarmt ihre Tochter und beginnt bitterlich zu weinen. Sanft streicht Sabrina ihr über die Haare, weil sie nicht weiß, was sie sonst tun oder sagen soll.
Es dauert Minuten, bis Tanja sich wieder fängt und Sabrina aus der Umarmung entlässt. „Danke, mein Schatz. Danke für alles, was war … und für alles, was noch kommen wird.“
Sabrina setzt sich wieder. „Dafür brauchst du dich nicht zu bedanken, Mama.“
„Ich weiß. Aber ich will es tun, und zwar jetzt, solange ich es noch kann.“ Sie greift in ihr Haar und zieht leicht daran. Als sie die Hand wieder auf den Tisch legt, liegen darin ein paar Strähnen. „Denn ich weiß nicht, wie lange ich es noch kann.“
In diesem Moment steigen auch Sabrina Tränen in die Augen. Erst jetzt wird ihr bewusst, wie weit die Krankheit ihrer Mutter fortgeschritten ist. „Mama, ich weiß, dass du Manuel beschützen willst. Aber willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen? Nicht nur er braucht dich. Du brauchst ihn genauso.“ Sabrina sieht ihre Mutter fest an.
„Gestern Abend hätte ich fast aufgegeben und ihm alles gestanden. Ihm alles erzählt …“, beginnt Tanja.
„Warum hast du es nicht getan?“, hakt Sabrina sofort nach.
„Weil ich es auch jetzt noch für die beste Entscheidung halte. Doch gestern Abend war er kurz davor, unseren Ring vom Finger zu streifen, weil er nicht mehr an mich, nicht mehr an uns glaubte. Wäre das geschehen, hätte ich ihm alles gesagt. Nur um ihm zu zeigen, wie viel mir dieser Ring bedeutet. Denn auch das wollte er wissen: ob ich unsere Verlobung nur vorgespielt hätte“, berichtet Tanja ihrer Tochter wahrheitsgemäß.
Plötzlich fährt sie erschrocken zusammen und sieht Sabrina an. „Was, wenn er den Brief schon gefunden hat und jetzt auf dem Weg hierher ist? Ich muss so schnell wie möglich weg. Weg in meine letzte Unterkunft.“ Tanja springt auf und eilt zur Tür, wo sie ihre Tasche abgestellt hat. Gerade greift sie danach, als Sabrinas Handy klingelt. Beide zucken erschrocken zusammen.
Vibrierend und klingelnd liegt das Handy auf der Tischdecke. Sabrina blickt auf das Display: >>Manuel<<. „Es ist Manuel, Mama“, sagt sie leise, nimmt das Handy und geht ran.
„Hallo?“, begrüßt sie ihn.
„Hallo, Sabrina. Weißt du, wo deine Mutter ist? Ist sie bei dir?“, sprudelt es aus ihm heraus.
Sabrina antwortet mit gespieltem Lachen: „Mama? Ist sie nicht bei dir? Oder solltest du nicht besser wissen, wo sie ist, als ich?“
Doch Manuel hört etwas in ihrer Stimme. „Sabrina, bitte. Mach mir nichts vor. Ich glaube, du wusstest von ihrer Krankheit, von der ich gerade erst durch ihren Brief erfahren habe“, sagt Manuel mit brüchiger Stimme.
Sabrina braucht einen Moment. Einen Moment, in dem sie ihrer Mutter fest in die Augen sieht. „Du hast ihren Brief also schon gefunden und gelesen.“ Manuel hört deutlich, wie Sabrina seufzt. „Bitte, ich weiß, wie sehr ihr euch liebt. Manuel, bitte respektiere und erfülle Mamas letzten Wunsch. Lass sie glücklich gehen, in dem Wissen, dass du sie nicht so sterben sehen musstest.“ In diesem Moment setzen Tanja und Sabrina sich wieder an den Tisch.
„Also ist sie bei dir? Ich kann sofort zu euch kommen. Sabrina, ich bin nicht wie dein Vater. Ich drücke mich nicht davor. Im Gegenteil: Ich will ihr bis zum Ende meine Liebe zeigen“, sagt Manuel mit zitternder Stimme.
„Das weiß Mama, und genau das hat es ihr so schwer gemacht. Bitte tu nichts Unüberlegtes und komm vor allem nicht hierher.“ Auch Sabrina ist anzuhören, wie schwer ihr dieses Gespräch fällt, obwohl Tanja und sie durch ihre Gespräche im Vorfeld damit gerechnet hatten, dass er anrufen könnte.
„Ihr wollt es wirklich so? Bernstein? Du willst, dass ich zu dir komme, also über den Horizont hinaus, wie du geschrieben hast? Das kann ich einrichten, wenn ich nur so weiter bei dir sein und dir meine Liebe zeigen kann.“ Manuels Stimme wird währenddessen immer bebender.
Tanja hört seine Worte und kann kaum glauben, was er sagt. Mit allem hatte sie gerechnet: Vorwürfen, Schuldzuweisungen oder Bitten, zu ihm zurückzukommen. Aber daran hatte sie nie gedacht.
„Nein, Schatz. Bitte, ich bitte dich nun ein letztes Mal, und diesmal persönlich: Lebe erst dein Leben und komm zu deiner vorgesehenen Zeit zu mir. Nicht so, wie du es gerade angedeutet hast. Denn das würde mir zeigen, dass deine Liebe doch nicht so groß war, weil du meinen letzten Wunsch einfach ignorierst.“ Sie sagt es schnell, in der Hoffnung, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn liebt und wie ernst ihr dieser Wunsch ist.
„Bernstein, ich liebe dich so sehr. Ich will doch nur bei dir sein. Dir weiter zur Seite stehen“, bricht es aus ihm heraus, als er ihre Stimme noch einmal hört. „Aber ich werde dich und deinen Wunsch respektieren. Auch wenn es mir unendlich schwerfällt. Mir bricht das Herz bei dem Gedanken, dass du unter Schmerzen gehen wirst und ich deine Hand nicht halten kann.“ Wie ein gebrochener Mann schluchzt Manuel die Worte mehr in den Hörer, als dass er sie wirklich ausspricht.
Tanja bricht erneut das Herz. Ihn gestern so zu sehen, war schlimm gewesen. Doch ihn nun so zu hören, ist um ein Vielfaches schwerer. „Ich weiß, mein Schatz. Denk immer daran … Bitte glaub mir, ich lieb dich. Am liebsten bliebe ich für immer. Wir sehen uns wieder. Hinterm Horizont, im Darüberhinaus.“ Damit beendet Tanja das Gespräch und lässt einen vollkommen aus der Bahn geworfenen Manuel zurück.
Sofort sinkt Tanja auf ihre Arme und den Tisch und kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. „Warum, warum hast du mich nicht früher angesprochen? Dann hätte ich mich früher in dich verlieben können. Bis zum Horizont … und darüber hinaus“, hört Sabrina ihre Mutter leise schluchzen.
… „Das war der Beginn der schwersten Zeit ihres Lebens. Und auch meiner. Wenn ich damals Dirk nicht an meiner Seite gehabt hätte, weiß ich nicht, ob ich kurz nach ihrem Tod zusammengebrochen wäre. Dirk und … aber das ist wohl etwas für ein andermal“, beendet Sabrina ihre Erzählung.
Manuel sitzt stumm zwischen den beiden. Celina liegt in seinem Arm und schmiegt sich instinktiv fester an ihn. Sie möchte ihm etwas von der Liebe zurückgeben, die er ihr und ihrer Mutter immer geschenkt hat. Er war stets für sie da, wenn sie eine väterliche Schulter brauchten. Selbst die Besuche, die nicht erfreulich gewesen waren, sind für Celina inzwischen wertvolle Erinnerungen. Denn sie hat erkannt, dass er all das nur tat, weil er sie so sehr liebte. Genau dieses Gefühl — geliebt zu werden und nicht allein zu sein — möchte sie ihm nun schenken.
Manuel wischt sich die Tränen von den Wangen. „Entschuldigt. Ich dachte, ich wäre besser darauf vorbereitet“, schluchzt er leise.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Opa. Wir lieben dich doch“, sagt Celina mit leiser, ruhiger Stimme.
Manuel sieht zu ihr hinüber. „Würdest du mir einen Gefallen tun, kleine Maus?“
Sofort schlägt ihr Herz schneller. Natürlich würde sie ihm jeden Wunsch erfüllen. „Natürlich. Was möchtest du, Opa?“, fragt sie und sein Blick hellt sich auf.
„Würdest du dich noch einmal auf meinen Schoß setzen, so wie damals, als du klein warst? Lass mich noch einmal die kleine Maus spüren, die es mir so viel leichter gemacht hat, den Wunsch deiner Oma zu erfüllen.“ Seine Stimme ist rau, brüchig und zittert bei jedem Wort.
Sofort legt sich ein sanftes Lächeln auf ihr Gesicht. Sabrina steht auf, damit die beiden mehr Platz haben. Dann setzt sich Celina auf seinen Schoß und schmiegt sich an ihn. „So, Opa? Fühlst du deine kleine Maus jetzt wieder richtig?“
„Ja, kleine Maus. Gott, ich liebe euch beide so sehr“, antwortet Manuel. Sofort drücken sich die beiden noch etwas fester aneinander, während Sabrina neben dem Sofa steht und sie mit einem Lächeln beobachtet.
Zehn Jahre später …
Manuel steht neben Celina, seiner kleinen Maus, vor den schweren Türen und ist so aufgeregt wie lange nicht mehr. Dabei ist es gar nicht sein Augenblick, sondern ihrer. Das helle Tageslicht liegt auf dem feinen Stoff, den sie trägt, und eine leichte Brise hebt für einen Moment den Saum, als wolle selbst der Wind diesen Moment berühren. Sonnenflecken tanzen über den Steinboden, und irgendwo in den nahen Büschen rascheln Blätter im Wind. Von drinnen dringen gedämpfte Stimmen, das ferne Rascheln von Kleidung, ein leises Räuspern und der warme Duft von Blumen, Kerzenwachs und altem Holz zu ihnen hinaus. Unter all dem liegt der kühle Geruch des Steins, der nach dem Morgen noch ein wenig Feuchtigkeit hält. Manuel sieht Celina an, viel länger, als er es eigentlich will. Celina bemerkt es sofort. „Ist was, Opa? Sitzt irgendwas nicht richtig?“, fragt sie mit einem nervösen Lächeln, in dem schon ein Hauch Panik mitschwingt.
Manuel schluckt leise und lächelt sie an, doch seine Augen verraten mehr, als seine Stimme zunächst sagen kann. „Nein, kleine Maus. Da ist nichts.“ Er streicht mit dem Blick über den schimmernden Stoff, über die zarten Linien ihres Gesichts, das für ihn noch immer zu dem kleinen Mädchen gehört, das einst seine Hand gesucht hat. „Du siehst einfach bezaubernd aus. Ich musste mich nur noch einmal vergewissern, dass das hier wirklich geschieht. Dass du gleich diesen Schritt gehst.“
Celinas Lächeln wird weicher. Für einen Moment legt sich ihre Aufregung wie ein Schatten über ihr Gesicht. „Ich hab dich so lieb, Opa“, sagt sie leise. Ihre Stimme klingt dünner, als sie es möchte. „Egal, was ist, du findest irgendwie immer die richtigen Worte für mich.“ Sie atmet ein, doch die Luft scheint nicht ganz bis in ihre Brust zu reichen. „Was, Opa … was, wenn ich das Falsche tue?“
Manuel wendet sich ihr ganz zu. Für einen Augenblick blendet er alles aus: die wartenden Gäste, das Murmeln aus der Kirche, den Duft der Blumen, der zwischen ihnen hängt, und das matte Flimmern des Lichts auf den Türgriffen. Nur ganz fern klackt ein Absatz auf Stein, irgendwo raschelt Papier, dann ist da wieder dieses gedämpfte Summen vieler Menschen, die sich bemühen, leise zu sein. Er schaut ihr fest in die Augen und legt seine Hand behutsam an den oberen Ansatz ihres Busens, dorthin, wo ihr Herz schnell und aufgeregt schlägt. „Dann horch ganz leise, kleine Maus“, sagt er sanft. „Nicht auf die Angst. Nicht auf das Zittern. Horch darauf, was dein Herz dir sagt.“ Seine Stimme wird noch ruhiger. „Spürst du kurze Zwischenschläge? Einen kleinen Warnruf?“
Celina schließt für einen Atemzug die Augen. Um sie herum rauscht die Welt nur noch gedämpft: ein leises Lachen irgendwo auf den Stufen, das Knirschen von Schuhen auf Stein, die ersten scheuen Töne, die drinnen vorbereitet werden. Sie horcht in sich hinein. Ihr Herz schlägt schnell, ja — vor Aufregung, vor Vorfreude, vor all dem Glück, das kaum in sie hineinpasst. Aber es stolpert nicht. Es warnt sie nicht. Kein leises „Vorsichtig, mein Schatz“ ihrer Oma legt sich in ihre Gedanken. Als Celina die Augen wieder öffnet, glänzen sie. Strahlend sieht sie Manuel an. „Oma schweigt“, flüstert sie. „Das sagt mir, dass alles gut wird.“
Etwas mehr als ein Jahr war vergangen, seit Celina mit dieser Bitte zu ihm gekommen war. Eigentlich hätte ihr Vater diese Aufgabe übernehmen sollen, doch das war nicht mehr möglich. Deshalb hatte sie sich an Manuel gewandt. Für sie war er von Herzen ihr Opa. Außerdem hatte Sabrina den Kontakt zu ihrem Vater vollständig abgebrochen, sodass Celina ihren leiblichen Opa nur von Fotos und drei kurzen Treffen kannte. „Opa Manu“, hatte sie begonnen und durch dieses „Manu“ zeigen wollen, wie wichtig ihr die Sache war. Sofort hatte Manuel von seinem Platz aufgesehen. „Ja, kleine Maus?“ „Ich möchte dich um etwas bitten … um etwas, das mir sehr wichtig ist“, hatte sie gesagt und dabei ein wenig herumgedruckst, um die Spannung zu erhöhen.
Manuel war aufgestanden und hatte sie sofort in die Arme genommen. „Nichts, kleine Maus, kann so wichtig sein, dass ich dir diesen Wunsch nicht erfüllen würde.“ Seine Worte hatten ihr nicht nur ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert, sondern auch ihr Herz erwärmt.
Celina wusste natürlich, dass alle Anwesenden sie beobachteten: ihre Mutter, ihre Tante Samira, Thomas und einige Bekannte. Noch hatte sie nicht alles laut ausgesprochen, was diesen Tag so groß machte. Deshalb beugte sie sich vor und flüsterte Manuel ins Ohr: „Ich würde mich riesig freuen, wenn du an diesem Tag an meiner Seite gehst und meine Hand in Thomas’ Hand legst.“ Als Celina den Kopf zurückzog, spürte sie die neugierigen Blicke auf sich. Nun musste auch sie abwarten, was geschehen würde.
Manuel sah sie ernst und fest an, bevor er antwortete. „Das geht nicht …“, begann er und machte eine Pause. Natürlich wusste er, dass dies nicht die Antwort war, die seine kleine Maus hören wollte. Doch sie sollte seinen Köder erst einmal schlucken — und das tat sie. Er sah, wie schwer sie schluckte. Mit einer kleinen Neckerei hatte sie gerechnet; immerhin kannte sie ihn gut und liebte ihn teilweise genau dafür. Aber so ernst, wie er es sagte, konnte es keine Neckerei sein. „Warum nicht?“, brachte sie mit zittriger, brüchiger Stimme hervor.
Manuel blickt von ihr zu den anderen. Sie haben längst bemerkt, dass zwischen den beiden etwas geschieht — etwas, das schwerer wiegt als ein kurzer Moment der Unsicherheit. „Gebt uns bitte einen Moment“, sagt er ruhig. In Sabrinas Gesicht erkennt er die unausgesprochene Frage, was passiert ist, und zugleich die Sorge, die sich langsam in ihren Blick schiebt.
Dann wendet er sich wieder Celina zu und nimmt sanft ihre Hand, als wolle er ihr schon jetzt Halt geben. „Lass uns kurz rübergehen.“ Gemeinsam gehen sie in die hintere Ecke des Raumes, dorthin, wo ihre Stimmen leiser werden und die anderen sie kaum noch verstehen können. Alle sehen ihnen mit fragenden Blicken nach. Bei Sabrina mischt sich in die Verwirrung nun Angst — eine leise, drückende Angst um ihre Tochter, die ihren Opa doch so sehr liebt.
„Opa, was ist los? Was habe ich getan, dass du mich nicht zum Altar führen kannst oder willst? Womit habe ich dich so enttäuscht?“, fragt Celina. Ihre Stimme bricht fast am Ende des Satzes, und sie spürt, wie ihr die Tränen in die Augen steigen. Mit aller Kraft versucht sie, sie zurückzuhalten.
Manuel legt seine Hand an ihre Wange und streicht mit dem Daumen zärtlich über ihre Haut. Für einen Moment sagt er nichts. Er sieht sie nur an — dieses Mädchen, das ihm längst viel mehr bedeutet, als Worte je ganz fassen könnten. „Meine kleine Maus“, beginnt er leise, „ich glaube, es gibt kaum etwas auf dieser Welt, womit du mich enttäuschen könntest.“ „Aber was dann?“ Ihre Frage ist kaum mehr als ein Flüstern. Manuel atmet tief durch. „Genau das ist der Grund. Als Mama mich damals gefragt hat, ob ich dein Patenonkel sein möchte, habe ich Ja gesagt — mit Freude, Ehre und Stolz, wie ich dir schon oft erzählt habe. Doch so wie ich in deinem Herzen über die Jahre aus der Rolle des Patenonkels herausgewachsen und zu deinem gefühlten Opa geworden bin, bist auch du schon früh in meinem Herzen nicht mehr nur meine kleine Patin geblieben.“ Er sieht kurz zu Sabrina. In diesem Blick liegt Dankbarkeit, aber auch die Schwere all der Jahre, in denen dieses Gefühl gewachsen ist. Dann holt er tief Luft und wendet sich wieder Celina zu. Seine Augen bleiben fest auf ihren ruhen. „Kleine Maus, du bist für mich die Tochter, die ich nie mit deiner Oma haben durfte. Deshalb würde ich dich sehr gern — natürlich nur, wenn du das möchtest — in Vertretung deines leiblichen Vaters als dein Papa zum Altar führen.“
Kaum hat Manuel ausgesprochen, lösen sich Celinas Tränen — Tränen der Freude, der Rührung und tiefer Liebe. Überwältigt fällt sie ihm in die Arme und hält ihn fest, als wolle sie diesen Augenblick für immer bewahren. „Ich liebe dich — als meinen Opa und als die Tochter, die du in deinem Herzen angenommen hast. Ich möchte, dass du mich zum Altar führst. Und wenn du diesen Weg als mein Papa mit mir gehen möchtest, dann ist das für mich eine große Ehre.“ Auch Manuel schließt seine kleine Maus fest in die Arme. Für einen kostbaren Moment bleiben sie so stehen, bevor sie sich langsam voneinander lösen und zu den anderen zurückkehren.
„Schatz“, sagt Celina zu ihrem Verlobten Thomas, und ihre Stimme ist noch weich vor Rührung, „mein Opa wird mich nicht zum Altar führen.“
Nun ist es ausgesprochen. In diesem Moment begreifen auch die anderen, dass Celina und Thomas vor einem großen, feierlichen Schritt stehen.
„Und wer soll dich dann führen?“, fragt Thomas leise. Auch die anderen halten den Atem an und warten auf ihre Antwort.
Celina sieht Manuel an, dann Thomas und schließlich die Anwesenden. „Der Mann, der mich in seinem Herzen als seine Tochter angenommen hat und den ich dafür von ganzem Herzen liebe. Ob als Opa oder als Papa — Manuel wird dir meine Hand überreichen.“
Sofort ist allen anzusehen, wie die Anspannung von ihnen abfällt – vor allem von Sabrina. Nach und nach lösen sich die ersten Lächeln, Celina und Thomas werden umarmt, beglückwünscht, und wenig später stoßen alle auf ihre Zukunft an. Erst als wieder etwas Ruhe einkehrt, setzt sich Celina zu Manuel. Für einen Moment sagt keiner von beiden etwas. Manuel sieht sie nur an, mit dieser stillen Wärme im Blick, die Celina schon als Kind beruhigt hatte. „Weißt du eigentlich“, sagt er schließlich leise, „dass du gerade aussiehst, als hätte dein ganzes Glück ein Kleid angezogen?“
„Opa …“ Celina lacht leise auf, doch ihr Lächeln zittert. Sie senkt den Blick, weil ihr die Tränen schon wieder viel zu nah sind. „Sag so was nicht.“ Ihre Finger suchen unbewusst seine Hand. „Ich versuche gerade wirklich, nicht schon wieder loszuweinen.“ Dann hebt sie den Blick zu ihm, weich und verletzlich. „Aber … danke. Von dir bedeutet mir das mehr, als du ahnst.“
Manuel nimmt ihre Hand zwischen beide Hände, als wolle er sie darin vor allem beschützen, was sie gerade bewegt. „Doch, kleine Maus. Ich ahne es.“ Sein Daumen streicht langsam über ihre Finger. „Und falls da noch irgendetwas in dir arbeitet wegen vorhin … du musst mir nichts erklären, was dein Herz mir längst gezeigt hat.“
Celina schüttelt leicht den Kopf, sodass ihr Pferdeschwanz hin und her schwingt. „Doch“, flüstert sie. „Gerade dir.“ Sie drückt seine Hand fester, als hätte sie Angst, er könnte sich sonst innerlich von ihr entfernen. „Ich will nicht, dass du glaubst, ich hätte mich eben umentschieden. Oder dass ich dich nur für diesen einen Moment Papa nenne, weil es schön klingt.“ Ihre Stimme bricht beinahe. „Du bist mein Opa. Das warst du schon, bevor ich überhaupt verstanden habe, was dieses Wort alles bedeuten kann. Du warst da, wenn Papa nicht mehr da sein konnte. Du warst da, wenn Mama nicht mehr wusste, wohin mit ihrer Kraft. Und du warst da, wenn ich einfach nur jemanden gebraucht habe, der mich kleine Maus nennt und damit die Welt wieder ein bisschen heil macht.“ Sie schluckt schwer. „Aber an diesem einen Tag … auf diesem einen Weg … wünsche ich mir, dass du auch der Mann bist, der den Platz meines Vaters einnimmt. Nicht, weil du aufhörst, mein Opa zu sein. Sondern weil mein Herz dich groß genug liebt, dass beides darin Platz hat.“ Ihre Augen glänzen, als sie ihn ansieht. „Kannst du das annehmen? Ohne dass es dir wehtut?“
Manuel sieht sie lange an. In seinen Augen sammelt sich etwas, das er nicht sofort in Worte fassen kann. Dann lässt er ihre Hand los, legt sie ihr behutsam in den Nacken und zieht sie sanft zu sich, bis seine Lippen ihre Stirn berühren. Dort bleibt er einen Moment, länger als sonst, als müsse er ihr auf diese Weise antworten, bevor seine Stimme es schafft. „Wehtun?“, flüstert er schließlich. „Nein, kleine Maus. Das tut nicht weh.“ Er löst sich langsam von ihr, doch seine Hand bleibt an ihrer Wange. „Es heilt etwas in mir, von dem ich gar nicht wusste, dass es noch offen war.“ Seine Stimme zittert nun selbst. „Wenn du möchtest, gehe ich diesen Weg als dein Papa. Mit allem Stolz, den ein Vater empfinden kann. Und danach bleibe ich dein Opa. Dein Manu. Der Mensch, der dich liebt, seit du klein genug warst, um auf seinem Schoß einzuschlafen.“ Celina presst die Lippen aufeinander, doch nun kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Ich hab dich so lieb“, flüstert sie und fällt ihm um den Hals. Manuel schließt die Arme fest um sie. Nach einem kleinen, bebenden Atemzug sagt sie kaum hörbar: „Papa … Opa.“
Nun ist es endlich so weit. Celina steht neben Manuel, strahlend und zugleich bebend vor Aufregung, ein Bild in hellem Stoff. Das Tageslicht legt sich weich auf ihr Kleid, lässt den Stoff schimmern und zeichnet feine Lichtkanten auf den zarten Schleier. Staubkörnchen treiben langsam durch die hellen Bahnen, als hätten auch sie alle Zeit der Welt. In der Luft liegt der Duft von frischen Blumen, warmem Stein, Kerzenwachs und einem Hauch Parfüm, der mit der leichten Bewegung der wartenden Gäste zu ihnen herüberweht. Von drinnen klingt gedämpftes Murmeln, hin und wieder ein leises Räuspern, das Rascheln von Kleidung, das Knarren einer Bank und das vorsichtige Scharren von Schuhsohlen über den Boden. Celina hakt sich bei Manuel unter und atmet tief durch. Die Luft schmeckt nach Aufregung und süßer Erwartung. Gleich würde die Musik einsetzen. Gleich würde er sie durch die Reihen zu Thomas führen, der vorn auf sie wartete.
Dann beginnt die Musik. Die ersten Töne rollen warm und feierlich aus dem Inneren hinaus, legen sich über die Stufen und lassen Celinas Herz noch schneller schlagen. Für einen kurzen Moment scheint alles um sie herum stillzustehen: das Licht, die Stimmen, sogar der Wind. Nur die Musik bewegt sich weiter, weich und getragen, begleitet vom kaum hörbaren Atmen der Menschen hinter den Türen. Manuel spürt, wie sich ihre Hand an seinem Arm fester schließt. „Bereit, kleine Maus?“, fragt er leise. Celina nickt, ohne den Blick von den offenen Türen zu nehmen. Gemeinsam setzen sie sich langsam in Bewegung und steigen Stufe für Stufe hinauf. Unter ihren Schritten antwortet der Stein mit einem leisen, hellen Klang. Erst nach und nach wird Celina für Thomas sichtbar. Sie ist so aufgeregt und so ungeduldig, endlich bei ihm zu sein, dass es ihr vorkommt, als würde Manuel absichtlich langsamer gehen. Eigentlich, denkt sie, müssten sie längst drei Meter weiter sein. Doch Manuel hält das Tempo ruhig, fast ehrfürchtig, als wolle er jeden Schritt für sie bewahren.
Im Inneren empfängt sie kühler, leicht nach Kerzenwachs, altem Holz und frischen Blumen duftender Atem. Das Licht fällt durch die Fenster in sanften Bahnen auf den Gang, bricht sich in warmen Farben auf dem Stein und legt helle Streifen über die Reihen. Irgendwo raschelt ein Programmheft, ein Kind flüstert etwas und wird sofort sanft zur Ruhe gemahnt. Das Holz der Bänke knackt leise, als sich jemand ein wenig vorbeugt. Celina hört kaum etwas davon. Sie sieht nur Thomas. Manuel sieht noch einmal zu ihr hinüber und liest in ihren Augen ein klares Ja. Erst als er ihre Hand sanft in Thomas’ Hand legt, fügt sich alles zusammen: der helle Stoff, die wartenden Menschen, die Musik, die Blumen, dieses Zittern vor Glück. Es ist ihr Hochzeitstag. Einen Augenblick länger hält Manuel sie fest, als müsste auch er begreifen, dass dieser Schritt nun wirklich geschieht. Dann tritt er ruhig zurück und setzt sich neben Sabrina in die Bank. Nach knapp einer Minute legt Sabrina ihre Hand auf seine, und ohne ein Wort verflechten sich ihre Finger. Ein leises Zeichen dafür, wie sehr sie sich als Familie fühlen und verstehen.
Die Zeremonie wird schön, getragen von warmer Musik, leisem Schluchzen und diesem besonderen Schweigen, in dem jeder zu spüren scheint, dass gerade etwas Bleibendes geschieht. Als Thomas und Celina überglücklich als Ehepaar wieder hinaustreten, blendet draußen für einen Moment das helle Licht. Die Luft riecht nach Sommer, nach Blumensträußen, Parfüm und dem ersten prickelnden Getränk, das irgendwo geöffnet wird. Stimmen lösen sich aus der gespannten Stille, Lachen steigt auf, Kameras klicken, und Schuhe scharren über den Stein, während sich alle um sie sammeln. Erst jetzt wird auch für jeden letzten Zweifel klar, wohin Manuel sie eben begleitet hat. Draußen werden sofort die ersten Fotos gemacht und Glückwünsche ausgesprochen. Etwas abseits beobachtet Manuel das Geschehen und sieht, wie glücklich seine kleine Maus strahlt. Dann bemerkt Celina plötzlich, dass alle ihr gratuliert haben — alle außer ihrem Opa. Suchend gleitet ihr Blick umher, bis sie ihn findet. Mit schnellen Schritten eilt sie zu ihm.
„Ist etwas passiert, Opa?“, fragt sie sofort besorgt. Sie fürchtet, er stehe abseits, weil es ihm nicht gut geht.
„Alles bestens, kleine Maus. Ich musste nur nicht unbedingt der Erste sein, der euch gratuliert. Es gibt wichtigere Menschen: deine Mama, Thorstens Eltern, deine Tante und all die Freunde, die euch sofort ihre Glückwünsche aussprechen wollten. Deshalb habe ich einfach bis jetzt gewartet“, erklärt Manuel ruhig und nimmt sie in die Arme. „Herzlichen Glückwunsch und alles Gute — auch von mir an euch beide!“
„Danke, Opa“, flüstert Celina gerührt und gibt Manuel einen Kuss auf die Wange. Gemeinsam gehen sie zu den anderen zurück, wo Manuel nun auch Thomas gratuliert. Kurz darauf machen sich alle auf den Weg zum Restaurant, wo leckere Speisen und Getränke auf sie warten.
Jahre, Jahrzehnte sind vergangen …
Manuel ist alt geworden. Wie er es seinem Bernstein versprochen hatte, hat er sein Leben gelebt. Die Liebe, die er Tanja nicht mehr schenken konnte, hat er Celina gegeben – und mit ihr einer ganzen Familie. Nun liegt er in seinem Bett, angeschlossen an verschiedene Überwachungsmonitore. Kaltes, gedämpftes Licht fällt durch das Fenster und mischt sich mit dem schwachen Geruch von Desinfektionsmittel und frischer Bettwäsche. Das leise Piepen der Geräte begleitet jeden Atemzug. Manuel weiß, dass er seinem Bernstein bald über den Horizont hinaus folgen wird. An seinem Bett stehen Sabrina, Celina und deren Kinder Tim und Jacklin. „Ihr schaut, als wäre ich schon weg“, sagt Manuel leise. Celina schüttelt sofort den Kopf, als könne sie den Gedanken dadurch vertreiben. „Sag so etwas nicht, Opa.“ Manuel lächelt schwach. Er sieht ihnen deutlich an, wie sehr sie sich wünschen, dass seine Zeit noch nicht gekommen ist. Doch er spürt es. Er hat keine Schmerzen. Nur eine tiefe, ruhige Gewissheit. Es ist genau so, wie sie es sich gewünscht hatte: Nun da seine Zeit gekommen ist, wird er zu ihr gehen.
Sanft lächelt er die vier an. Das fahle Licht zeichnet Schatten auf sein Gesicht, doch in seinen Augen liegt noch Wärme – dieselbe Wärme, die sie alle so lange getragen hat. „Macht nicht solche Gesichter. Ich hatte ein schönes Leben.“ Sein Blick wandert von Sabrina zu Celina und dann zu den Kindern. „Und ihr wart ein wichtiger Grund dafür.“ Tim presst die Lippen aufeinander, Jacklin wischt sich hastig über die Wange, und Celina hält seine Hand noch fester.
Sabrina sieht ihn an und muss trotz der Tränen lächeln. Im Hintergrund summt leise ein Gerät, gleichmäßig und unerbittlich. „Du erinnerst mich gerade an Mama.“ Manuel blinzelt langsam. „An mein Bernstein?“ Sabrina nickt, und ihre Stimme wird brüchig. „Ja. Genau so hat sie mich angelächelt, kurz bevor sie gegangen ist. Als wollte sie mir noch sagen, dass alles gut werden darf.“
Manuel sieht sie direkt an. „Dann ist das doch etwas Schönes“, sagt er mit brüchiger Stimme leicht hustend. „Dass sie mit einem Lächeln gehen konnte.“
„Ja“, sagt Sabrina. „Und daran hatten wir beide Anteil.“ Sie nimmt seine andere Hand und spürt die schwächer werdende Wärme darin. Seine Haut riecht schwach nach Seife und Krankenhaus, und das monotone Piepen der Monitore macht ihr schmerzlich bewusst, wie wenig Zeit bleibt. Für einen Moment ist sie wieder bei ihrer Mutter, bei diesem anderen Abschied, der ihr Leben verändert hat. Lange wird es nicht mehr dauern, bis sie sich wiedersehen, durchzuckt es sie – und der Gedanke schmerzt und tröstet sie zugleich.
„Ich?“, hakt Manuel nach.
„Ja“, sagt Sabrina sanft. „Bevor sie die Augen schloss und einschlief, musste ich ihr noch einmal versprechen, dass ich dir ihren Ort zum Trauern zeige.“ Manuel atmet flach ein. „Ihr Grab.“ Sabrina nickt. „So wusste sie, dass auch du Abschied nehmen kannst.“
Manuel hustet erneut, zwingt sich zu einem Lächeln und drückt ihre Hand. „Und du?“
Sabrinas Lächeln wird etwas breiter. „Das lag …“ Ihr Blick wandert zu Celina. „… an dir, mein Schatz.“ Celina wischt sich über die Wange. „An mir?“ „Ja“, sagt Sabrina leise. „An diesem Tag habe ich ihr gesagt, dass ich mit dir schwanger bin – ohne zu wissen, dass es unser letztes Gespräch sein würde. Und ich habe ihr erzählt, dass Papa mir sofort einen Heiratsantrag gemacht hat.“ Sie sieht wieder zu Manuel. „So wusste sie nicht nur, dass du einen Ort zum Trauern haben würdest. Sie wusste auch, dass mein Wunsch, mit Dirk eine Familie zu gründen, in Erfüllung geht.“ Sabrina drückt Manuels Hand sanft.
„Dann hatte sie ein wirklich schönes Ende“, flüstert hustend Manuel. „Und auch ich darf schön gehen.“ Er sieht Celina, Sabrina, Tim und Jacklin nacheinander an, als wolle er sich jedes Gesicht noch einmal einprägen. Draußen rauscht irgendwo fern der Verkehr, gedämpft hinter den Fenstern. „Die liebsten und wichtigsten Menschen sind bei mir. Und jetzt weiß ich, dass mein Bernstein mit einem Lächeln gehen konnte.“ Seine Augen glänzen. „Mehr kann man sich am Ende kaum wünschen.“ Er will noch etwas sagen, doch ein weiterer und stärkerer Hustenanfall nimmt ihm die Stimme. Das Piepen der Geräte wirkt plötzlich lauter.
„Ich hole eine Schwester“, sagt Celina sofort und greift nach der Klingel. Das Plastik der Klingel liegt in ihrer Hand. Doch Manuel fasst ihre Hand mit letzter Kraft. „Nicht, kleine Maus.“ „Aber Opa …“ Ihre Stimme bricht. „Bitte.“ Manuel schüttelt kaum merklich den Kopf. „Nein“, flüstert er. „Deine Oma ruft nach mir. Lass mich zu ihr ins Darüberhinaus gehen.“ Celina presst seine Hand an ihre Wange, als könnte sie ihn so noch einen Moment länger festhalten. Im Zimmer wird es still, bis auf das leise Atmen und die Monitore.
Celina hält seine Hand fest, als könne sie ihn mit all ihrer Liebe noch einen Augenblick länger bei sich behalten. Ihre Augen schwimmen in Tränen. „Ich hab dich lieb, Papa“, flüstert sie, kaum lauter als ein Atemzug. Manuel lächelt kaum merklich, doch Celina sieht es – dieses letzte, kleine Lächeln, das nur ihr zu gehören scheint. „Ich dich auch, kleine Maus.“ Seine Stimme ist nur noch ein Hauch. Dann schließt er langsam die Augen, friedlich, beinahe erleichtert, als sähe er bereits den Horizont vor sich. Das kalte Licht liegt auf seinem Gesicht. Das Piepen der Monitore bleibt erst gleichmäßig, wird dann langsamer, fremder – und schließlich endgültig. Celina hält den Atem an. Sabrina legt ihr eine zitternde Hand auf die Schulter. Für einen Moment steht die Welt still. Dann zeigen die Monitore, dass Manuel über den Horizont hinausgegangen ist – zu seinem Bernstein. Celina wendet sich ihrer Mutter zu, und Sabrina zieht sie fest in die Arme. Da bricht alles aus ihr heraus. Abschiedstränen laufen über Celinas Wangen, während sie noch immer seine Hand in ihrer spürt.
Erst als sich Celina wieder gefangen hat beugt sich Sabrina zu ihm hinunter und haucht ihm einen Kuss auf die Stirn. Seine Haut ist bereits stiller, kühler, und doch liegt auf seinem Gesicht ein Frieden, der ihr den Atem nimmt. Irgendwo auf dem Flur rollen leise Schritte vorbei. Sabrina drückt ein letztes Mal seine Hand. „Grüß Mama von mir“, flüstert sie. Dann bleibt sie noch einen Moment bei ihm, als wolle sie sicher gehen, dass ihre Worte ihn bis über den Horizont hinaus begleiten.
Einige Sekunden später: im Darüberhinaus
Manuel öffnet die Augen. Über ihm ziehen strahlend weiße Wolken über einen blauen Himmel, so hell und friedlich, dass ihm für einen Moment der Atem stockt. Als er sich aufrichtet, spürt er auch unter seinen Füßen weiche Wolken. „Du hast dir mehr Zeit gelassen, als ich gehofft hatte“, hört er plötzlich eine Stimme sagen – vertraut, warm und schmerzlich vermisst.
Manuel dreht sich hastig um – und da ist sein Bernstein. Sie kommt langsam auf ihn zu, genau so, wie er sie in seinen kostbarsten Erinnerungen bewahrt hat. Sie trägt das Kleid unserer Verlobung. Einen Augenblick lang bringt er kein Wort heraus. Dann sagt er leise: „Ich konnte nicht früher kommen, Bernstein. Deine Tochter hat mich noch gebraucht. Und deine Enkelin erst recht.“
Tanja bleibt vor ihm stehen und lächelt so, wie nur sie es schon früher als Einzige konnte. Dann legt sie sanft die Arme um seinen Nacken. „Ich weiß, mein Schatz“, flüstert sie. „Ich habe alles gesehen. Und ich war die ganze Zeit so stolz auf dich. Du warst der perfekte Opa für Celina.“ Manuel schließt die Augen, als ihre Gesichter sich nähern, und der Kuss, den sie teilen, fühlt sich an wie Heimkommen.
„Grüß Mama von mir“, hört Manuel plötzlich ein leise Flüstern in sich nachklingen. Er löst sich langsam aus dem Kuss und sieht sein Bernstein an. „Ich soll dir Grüße ausrichten“, sagt er. „Von deiner Tochter. Sie trägt so viel von dir in sich, Bernstein. Mehr, als sie vielleicht selbst weiß.“
Das Lächeln seines Bernsteins wird weich und glücklich, als hätte sie genau diese Worte längst erwartet. „Komm“, sagt sie und nimmt Manuels Hand. Ihre Finger schließen sich um seine, vertraut wie früher. Gemeinsam gehen sie weiter über die Wolken – zu ihrer Wolke. Dorthin, wo sie endlich wieder zusammen sein dürfen und nichts sie je wieder trennt.
Nach ein paar Schritten bleibt Tanja stehen und dreht sich zu Manuel. „Warte kurz“ haucht sie ihm zu. Dann dreht sie den Blick über ihre Schulter zu den Lesern. „Was meint ihr, ist uns die herzlose Hexe hierher gefolgt? Wenn dann bestimmt nur, um zu sehen ob ihr uns bis hierhin begleitet habt.“ Tanja zwinkert kurz. Dann dreht sie sich wieder um und die beiden gehen weiter.
Ende von „Bis zum Horizont … und darüber hinaus“
© 2026Alle Charaktere, sowie der gesamte Inhalt dieser Geschichte sind mein geistiges Eigentum und unterliegen damit dem Urheberrecht. Ohne meine explizite Genehmigung dürfen sie nicht anderweitig verwendet, verändert oder kopiert werden.
| Teil 5 von 5 Teilen. | ||
| vorheriger Teil | alle Teile anzeigen | |
|
Autoren möchten gerne Feedback haben! Bitte stimmen Sie ab und schicken Sie dem Autor eine Nachricht und schreiben Sie was Ihnen an der Geschichte (nicht) gefallen hat. |
|
Mr_Empire hat 10 Geschichte(n) auf diesen Seiten. Profil für Mr_Empire, inkl. aller Geschichten Email: Mr.Empire@magenta.de | |
|
Ihre Name: |
|